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Annafrieda

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.02.2026

Suizid in der Kanzlei

Der unsichtbare Elefant
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Thomas Siebenmorgen, ein aufstrebender Anwalt einer großen Kanzlei, begeht auf seiner Arbeitsstelle Selbstmord. Man beauftragt Simon, einen internen Anwalt, und Viktor vom Kriseninterventionsstab mit der ...

Thomas Siebenmorgen, ein aufstrebender Anwalt einer großen Kanzlei, begeht auf seiner Arbeitsstelle Selbstmord. Man beauftragt Simon, einen internen Anwalt, und Viktor vom Kriseninterventionsstab mit der Untersuchung des Falls. Vorrangig, um die Kanzlei reinzuwaschen.

Es ist berührend, wie das Leben des Thomas Siebenmorgen, und damit sein Weg in die Depression, langsam aufgeschlüsselt wird. Auch die Beleuchtung des Falls durch verschiedene Augen ist sehr interessant, es wird deutlich, dass so manch einer mit unterschiedlichen familiären Traumata zu kämpfen hat. Das Klassentreffen war mir dann ein bisschen zu viel des Guten. Zu viele Geschichten, die von dem Hauptstrang abgelenkt haben und eher verwirrten. M. E. hätte es gereicht zu zeigen, welche Auswirkungen Siebenmorgens Suizid auch auf die Menschen hatte, die mit diesem Fall betraut worden waren.

Das Augenmerk in diesem Buch lag auf der Suche nach Gründen für Thomas Siebenmorgens Suizid und macht am Ende deutlich, daß wir alle ein Produkt unserer Vergangenheit sind und wie wichtig es ist, dieses zu erkennen. Denn nur dann haben wir die Chance, uns damit auseinander zu setzen und vielleicht sogar zu heilen. Und wenn nötig, Hilfe anzunehmen. Das ist etwas, was mir hier gefehlt hat. Die Auseinandersetzung der Personen in diesem Buch mit ihren eigenen Schatten, die nun im Raum stehen.

Die Bezüge zu Kunst (besonderes zu Joseph Beuys), Literatur und Musik sind passend, auch wenn ich einige nicht zuordnen kann.

Der Schluss war für mich nicht ganz vollendet und abrupt. Mir fehlt hier der Lösungsansatz. Daher würde ich mir eine Fortsetzung in diese Richtung sehr wünschen.
"Der unsichtbare Elefant" liefert uns am Ende keine endgültige Lösung, doch er macht eindrucksvoll deutlich, wie vielfältig das Thema der transgenerationalen Traumata sein kann.
Der Schreibstil hat mir ausgesprochen gut gefallen, eine tolle Erzählsprache.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Das Gemälde aus der Vergangenheit

Sophie L.
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Die Gedächtnisexpertin Olivia wird zu ihrer Oma nach Paris gerufen, da diese im hohen Alter plötzlich einen vor 80 Jahren begangenen Mord gestanden hat. In zwei Zeitebenen nimmt uns der Autor mit auf die ...

Die Gedächtnisexpertin Olivia wird zu ihrer Oma nach Paris gerufen, da diese im hohen Alter plötzlich einen vor 80 Jahren begangenen Mord gestanden hat. In zwei Zeitebenen nimmt uns der Autor mit auf die Reise in die Vergangenheit und in die Auflösung des Falls.
Keiner der Protagonisten kam mir richtig nah, mir fehlte die Tiefe der Personen. Zu Olivia fand ich keinen richtigen Zugang, trotz ihrer Trauer erschien sie mir oberflächlich. Ihre Gedanken schweiften zu allem möglichen ab, nichts wurde richtig vertieft. Ihr Sohn war eine Randfigur und bekam auch durch Olivia keine Tiefe. Ich nehme ihr die innere Betroffenheit über die schlimmen Ereignisse nicht ab. Auch hatte ich erwartet, daß ihre Expertise als Gefächtnisexpertin mehr zum Thema gemacht werden würde, das hätte sich unbedingt angeboten, da es auch so im Vorfeld angekündigt wurde. Doch dem war nicht so, auch das blieb blass im Hintergrund. So blieb mein Mitfiebern bei Fortschreiten der Ermittlungen allmählich auf der Strecke. Dabei hätte diese tolle Grundidee viel mehr Potential gehabt.
Die Geschichte von Sophie und Josephine nach Kriegsende im Lutetia fand ich berührend und gut gelungen. Leider war der Täter für mich schon recht früh zu erkennen.
Allgemein finde ich, dass hier viele überflüssigen Informationen eingestreut sind, die den Spannungsbogen immer wieder unterbrechen. Für mich war es kein Thriller, eher ein Spannungskrimi. Der Schreibstil hat mir gut gefallen, passte mit den vielen unnötigen Informationen aber nicht zu einem Thriller.

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Veröffentlicht am 20.12.2025

In den Falten der Zeit

Das Buch der verlorenen Stunden
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Die 11jährige Jüdin Lizavet wird 1938 während der Reichskristallnacht von ihrem Vater, einem Uhrmacher, vor der Verfolgung der Nazis gerettet, indem er sie in einen Raum schubst, in dem Zeit eine andere ...

Die 11jährige Jüdin Lizavet wird 1938 während der Reichskristallnacht von ihrem Vater, einem Uhrmacher, vor der Verfolgung der Nazis gerettet, indem er sie in einen Raum schubst, in dem Zeit eine andere Dimension hat. Er ist gefüllt mit den Erinnerungen der Menschen, die hier in Büchern aufbewahrt werden. Die Zeithüter entscheiden, welche Erinnerungen bleiben, welche nicht. Lizavet lernt, in die verschiedenen Zeiten zu gelangen.
Am Anfang war es etwas verwirrend mit den Zeiten klarzukommen. Das hat sich aber schnell gegeben, da es der Autorin sehr gut gelungen ist, die verschiedenen Stränge miteinander zu verknüpfen. Es wurde sehr schnell klar, in welche Richtung es geht. Dass die Zeit von Agenten verschiedener Staaten genutzt wird.
Der Schreibstil ist sehr angenehm, die Autorin hat wunderbare Beschreibungen gefunden, um die Welt zwischen den Zeiten auferstehen zu lassen. Doch zum Ende des Buches hin gelingt es ihr nicht mehr ganz die Faszination des ersten, doch eher fantastischen Teils, aufrecht zu halten. Von der Entwicklung der Protagonistin bin ich etwas enttäuscht. Natürlich möchte sie ihre Tochter retten, doch warum ist sie mit ihrer Begabung so hilflos? Ihre Handlungen und Entscheidungen entwickelten sich in eine Richtung die ich ihr nicht zugetraut hätte. Sie scheint auf der einen Seite so taff und bestimmt und auf der anderen hart und skrupellos zu sein. Das passte nicht zueinander. Und auch das Ende kam für mich zu schnell daher, ich hätte eine schlüssigere Auflösung bevorzugt.
Dennoch war der Spannungsbogen bis zum letzten Viertel gut gespannt, die oft poetischen Aussagen haben mir äußerst gut gefallen, ebenso wie der Schreibstil. Daher bin ich doch eher bei vier als bei drei Sternen.

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Veröffentlicht am 19.11.2025

Vergangenheit und Gegenwart

Großmutters Geheimnis
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Im hohen Alter beginnt Ruth in einem jüdischen Seniorenheim in New York ihr bisheriges Leben auf Kassetten zu sprechen, in der Hoffnung, dass diese ihren ihr unbekannten Enkel mal erreichen werden. Sie ...

Im hohen Alter beginnt Ruth in einem jüdischen Seniorenheim in New York ihr bisheriges Leben auf Kassetten zu sprechen, in der Hoffnung, dass diese ihren ihr unbekannten Enkel mal erreichen werden. Sie erzählt von ihrer großen Familie, von deren Zusammenhalt und den jüdischen Gebräuchen. Und auch von ihrer großen Leidenschaft für die Musik. Diese bestimmte vor dem 2. Weltkrieg weitestgehend ihr Leben. Und dass es irgendwann die Zerrüttung im Familiengefüge gab - es besteht kein Kontakt mehr zu ihrer Tochter und dem Enkelsohn. Sie berichtet von dem Beginn der Judenverfolgung, auch sie wurde nach Theresienstadt gebracht und überlebte nur knapp diese Zeit bis zur Befreiung.

Dass Ruth mit ihrer Kassetten-Aufnahme das Trauma wieder nach oben befördert hat, zeigt, dass auch das Verdrängen über Jahrzehnte nicht geschafft hat, das Grauen der Vergangenheit zu beseitigen. Es muss aufgearbeitet werden. Doch es gab kaum Möglichkeiten für die Betroffenen. Umso wichtiger, dass wir uns erinnern. Das größte Drama ist für mich, dass Ruth und Lillian es ein Leben lang nicht geschafft haben, miteinander zu reden, Verständnis zu üben. Vielleicht hätte das ihrer beider Leben verändern können. Umso mehr bewundere ich heute die Menschen, die immer wieder an die Öffentlichkeit gegangen sind und als Sprachrohr dienten für die schweigenden Überlebenden.

In Dänemark erleben wir Lillian, ihren Sohn Alexander und Schwiegertochter Gry in ihrem Bemühen, irgendwie den Kontakt miteinander zu meistern. Lillian, ein vorher erfolgreicher Musicalstar terrorisiert ihre ganze Umgebung und ihre Familie mit ihren hohen Ansprüchen. Alexander hat ihr nichts entgegen zu setzen und fügt sich. Das scheint sein ganzes Leben so gewesen zu sein und ihm fehlt es an vielem: Seltsbewusstsein, Eigenverantwortung und Zielen. Gry scheint sein Halt zu sein und auch in dieser Beziehung zeichnet sich für mich seine Anpassung ab. Krampfhaft wird um eine Schwangerschaft gekämpft, ich kann im ganzen Geschehen kaum Gefühle erkennen. Keine guten Voraussetzungen für ein Leben mit einem Kind. Wie der Autor den "kalten" Akt der medizinischen Hilfe und den leblosen Umgang miteinander beschreibt finde ich sehr passend im Hinblick auf diese Familienkonstellation. Alexander macht keine Anstalten, notwendige Änderungen anzugehen, er scheint ziellos und gleichgültig zu sein. Doch das Hören von Ruths Kassetten löst etwas in ihm aus, er stellt sich der familiären Vergangenheit.

Dennoch lässt mich das Buch zwiegespalten zurück. Ich empfinde den letzten Teil "abgespalten" vom übrigen Inhalt. Es ist wünschenswert, dass sich Dinge auflösen, Traumata der Vergangenheit bewältigt werden, doch das geschieht mir hier eindeutig viel zu glatt und zu schnell. Die Vergangenheit hatte so massiven Einfluss auf alles Nachfolgende, das ist, wie hier geschildert, einfach realitätsfremd. Für mich las es sich wie eine Aufzählung, alles wird gut. Die lang erkämpfte Schwangerschaft, Alexanders 180 Grad Drehung in Bezug auf sein Leben, das wundersame Verständnis von Lillian - sorry, das ist für mich nicht nachvollziehbar. Vielleicht hätte es keiner kompletten Auflösung bedurft. Ich spreche aus eigener Erfahrung, die Traumata des Krieges sind auch in meiner Familie präsent und es ist ein langer Weg.
Passend und schön fand ich das Zusammentreffen von Ruth und Alexander - ein wunderbarer Anfang, die Schatten der Vergangenheit zu lüften.
Der letzte Teil hat mich tatsächlich enttäuscht. Es ist wirklich schade, weil Ruths Teil sehr berührend und erzählerisch gut geschrieben und die Idee dahinter toll ist. Hier hat die Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart leider nicht gut funktioniert.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Neubeginn

Wilder Honig
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In diesem Roman geht es um Innehalten, Trauerbewältigung und Neuanfang. Beschrieben wird das Leben einiger Menschen in einem wallisischen Dorf. Es rankt sich um drei Frauen, einen Obstgarten und imbesonderen ...

In diesem Roman geht es um Innehalten, Trauerbewältigung und Neuanfang. Beschrieben wird das Leben einiger Menschen in einem wallisischen Dorf. Es rankt sich um drei Frauen, einen Obstgarten und imbesonderen um Bienen. Hannah steht vor der Wand der Trauer um ihren Mann John und es gelingt ihr nur schwerlich, Zugang dazu zu finden. Als würde das nicht genügen, erfährt sie von einem großen Geheimnis ihres Mannes. Ein großer Vertrauensbruch tut sich auf und es muss wahnsinnig schwer sein zu begreifen, dass der Mensch, den man dachte in und auswendig zu kennen, ein 2. Leben hatte. Ihr blieb das Geschenk eines eigenen Kindes verwehrt, was diese Erkenntnis noch erschwert. Auch ihre Schwester und Johns Kind tragen einen Kummer und zögerlich entwickelt sich eine neue Sicht auf die Dinge.
Hannah entdeckt ihre Leidenschaft zu ihrem Obstgarten, die sie früher nicht ausleben konnte. Johns große Liebe zu seinen Bienenvölkern spricht aus Briefen, die er Hannah hinterlassen hat. Eine Offenheit scheint zu Lebzeiten nicht möglich gewesen zu sein.
Es ist grausam, wie falsche Entscheidungen soviel Traurigkeit im Leben aller Beteiligten verursachen können, vielleicht hätte durch eine andere Abbiegung Leid verhindert werden können. Aber so spielt das Leben.
Auch Hannah und ihre Schwester haben sich im Laufe der Jahre voneinander entfernt und suchen einen neuen Weg miteinander. Geheimnisse spielen auch da eine große Rolle. Gesellschaftliche Normen und familiäre Gegebenheiten formen unser Leben, das wird hier deutlich.
Mich haben insbesondere in Johns Briefen die Vergleiche der Bienen zu ihrem gemeinsamen Lebensweg sehr berührt. Die wunderbar gefundenen Worte der Autorin tragen zugleich eine Leichtigkeit als auch eine bedeutsame Schwere in sich. Sie sagen so unendlich viel aus und lassen erkennen, wie der Druck von außen sie beide verstummen ließ. John's Beschreibung der Bienen ist der Vergleich zu ihrer Sprachlosigkeit, denn es wird deutlich, dass sich ab der Zeit der Abtreibung auch in Hannah was verändert hat. Die Offenheit zueinander und die Träume in eine selbstbestimmte Zukunft haben sich Stück für Stück entfernt. Ich kann mir vorstellen, dass Geheimnisse so entstehen können.
Die Autorin schafft es hier feinfühlig das Zusammenwachsen der Protagonisten zu beschreiben. Es ist ein "leises" Buch, doch für mich stecken wir alle darin. Unsere Leben, unsere Zweifel und verpassten Chancen. So manch einer würde sich wünschen, eine zweite Chance zu bekommen. Wenn man die Zusammenhänge erkennt. Eine tolle Geschichte!

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