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Veröffentlicht am 23.02.2026

Spielerisches Erzählexperiment & emotionale Familiengeschichte

Die Enthusiasten
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Vince Bär stammt aus einer außergewöhnlichen Familie, in der Literatur, Kunst und Wissenschaft nicht bloß Interessen, sondern Lebensentwürfe sind. Seine Schwester forscht tief unter der Erde nach Dunkler ...

Vince Bär stammt aus einer außergewöhnlichen Familie, in der Literatur, Kunst und Wissenschaft nicht bloß Interessen, sondern Lebensentwürfe sind. Seine Schwester forscht tief unter der Erde nach Dunkler Materie, während der Bruder mit experimentellen Filmen Sehgewohnheiten herausfordert. Und Vince selbst ist glühender Verehrer von Laurence Sterne. Als plötzlich Hinweise auf einen möglichen zehnten Band von Tristram Shandy auftauchen, beginnt eine abenteuerliche Suche, die alles verändert.

Die Enthusiasten ist ein überschäumendes und wagemutiges Erzählexperiment und zugleich eine zutiefst berührende Familiengeschichte. Zwischen literarischer Schatzsuche, physikalischer Grundlagenforschung und filmischer Grenzüberschreitung entfaltet sich eine kluge Erzählung über Leidenschaft, Verlust und die Angst vor dem Stillstand.

Die Lebenswege der drei Geschwister könnten unterschiedlicher kaum sein und doch eint sie eine obsessive Hingabe an ihre jeweiligen Projekte. Sie lieben intensiv, glauben kompromisslos an Ideen, Menschen oder Ideale und geraten dadurch immer wieder in Konflikt mit sich selbst und ihrer Umwelt.

Markus Orths erzählt keine lineare Geschichte, sondern verknüpft Perspektiven und Episoden zu einer klugen, oft überraschenden Erzählung über Hingabe, Verlust und die Angst, stehenzubleiben. Dabei geht es weniger um große Dramaturgie als um das Alltägliche: kleine Gesten, Gedanken und Gespräche, in denen sich große Fragen spiegeln. Was treibt uns an? Und warum halten wir an Projekten fest, selbst wenn sie aussichtslos erscheinen?

Die Enthusiasten ist ein kluger, berührender und mitunter überbordender Roman über Menschen, die sich mit ganzer Kraft ihren Leidenschaften verschreiben. Ungewöhnlich erzählt und voller Liebe zu Literatur, Wissenschaft und Kunst.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Dunkle Geheimnisse und alte Schuld

The House Saphir
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Mallory Fontaine ist eine gewiefte Fremdenführerin mit einer besonderen Gabe: Sie kann mit Geistern kommunizieren. Als sie eine Gruppe neugieriger Besucher:innen durch das berüchtigte Haus Saphir führt, ...

Mallory Fontaine ist eine gewiefte Fremdenführerin mit einer besonderen Gabe: Sie kann mit Geistern kommunizieren. Als sie eine Gruppe neugieriger Besucher:innen durch das berüchtigte Haus Saphir führt, tritt ein mysteriöser Fremder an sie heran und bittet sie um Hilfe mit einem tyrannischen Geist. Widerwillig lässt Mallory sich auf den lukrativen Auftrag ein – doch aus einer scheinbar einfachen Aufgabe wird schnell ein gefährliches Spiel ums Überleben.

The House Saphir von Marissa Meyer ist ein atmosphärisches und unterhaltsames Retelling des Blaubart-Stoffs, das Mystery und Romantik gekonnt miteinander verbindet.

Mallory entstammt einer mächtigen Hexenfamilie, kann jedoch selbst keine Zauber wirken. Stattdessen nutzt sie ihre übersinnliche Gabe vor allem für kleinere Betrügereien. Als Protagonistin ist sie ausgesprochen sympathisch: mutig, neugierig und mit einem Talent dafür, sich selbst immer wieder in Schwierigkeiten zu bringen. Besonders unterhaltsam ist ihr Versuch, die Fassade einer mächtigen Hexe aufrechtzuerhalten, indem sie in blinden Aktionismus verfällt, hastig Runen zeichnet oder Räume ausräuchert. Diese Momente bieten humorvolle Verschnaufpausen, bevor sich die Handlung zunehmend zuspitzt.

Das Herrenhaus selbst ist ein bedrohlicher Ort voller Geheimnisse, verschlossener Türen und unausgesprochener Warnungen. Grausame Verbrechen sind hier geschehen und noch immer wird das Anwesen von Geistern und fantastischen Wesen heimgesucht. Zwar hat das Adelshaus seinen einstigen Glanz und Einfluss verloren, doch der Mythos lebt fort und Mallorys Begeisterung für die Geschichte des Hauses überträgt sich mühelos auf die Leser:innen.

Die Anlehnung an klassische Blaubart-Motive wie verbotene Räume, tödliche Neugier und männliche Machtstrukturen ist deutlich erkennbar. Meyer verbindet diese märchenhaften Elemente mit modernen Themen wie Selbstbestimmung, Loyalität und moralischen Grauzonen. Besonders gelungen ist die Verknüpfung des Spukhaus-Settings mit vergangener Schuld, die wie ein dunkler Schatten über jeder Szene liegt.

Vertrauen und Gefahr liegen stets nah beieinander, weshalb sich auch die romantische Komponente langsam entwickelt und sich so stimmig in die düstere Grundatmosphäre einfügt. Zwar mögen einige Wendungen für Genrekenner:innen vorhersehbar sein und nicht alle Nebenfiguren erhalten den Raum, den sie verdient hätten, doch dies schmälert den insgesamt sehr positiven Eindruck kaum.

The House Saphir ist ein spannendes, romantisch-düsteres Retelling, das den Blaubart-Stoff clever modernisiert. Mit einer starken Heldin, einem unheimlichen Setting und einer gelungenen Mischung aus Mystery, dunklen Geheimnissen und Machtspielen ist der Roman ein echtes Highlight für Leser:innen von Gothic Fantasy und Märchen-Neuninterpretationen.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Ein einfühlsamer Roman über das Suchen

Taumeln
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Wo ist Hannah? Seit zwei Jahren wird sie vermisst. Während das Dorf allmählich zur Tagesordnung übergeht, ist für ihre Schwester Luisa die Zeit stehen geblieben. Unermüdlich organisiert sie weitere Suchtrupps ...

Wo ist Hannah? Seit zwei Jahren wird sie vermisst. Während das Dorf allmählich zur Tagesordnung übergeht, ist für ihre Schwester Luisa die Zeit stehen geblieben. Unermüdlich organisiert sie weitere Suchtrupps und zieht mit einer stetig kleiner werdenden Gruppe in den Wald – dorthin, wo Hannah vielleicht sein könnte. Oder auch nicht …

„Taumeln“ von Sina Scherzant ist ein einfühlsamer Roman über Verlust, Hoffnung und Verbundenheit. Die Suchgruppe ist auf wenige Menschen geschrumpft: Frank, der seinen Herzschmerz hinter Schweigen verbirgt, die tatkräftige Inge, Amaka mit ihrem kaum greifbaren inneren Schmerz sowie Emma, Enrico, Christina und Hartmut. Jede Figur bringt ihre eigene Verletzlichkeit mit und alle schwanken zwischen Solidarität und Egoismus, zwischen Hoffnung und dem Wunsch, endlich loszulassen.
Luisa lebt als die Schwester, die „noch da ist“, im Schatten der Vermissten. Ihre Verzweiflung, ihre Wut und ihre Erschöpfung sind greifbar und man spürt, wie sehr das Nichtwissen zermürbt und Beziehungen verändert.

Mit großer Sensibilität und einem feinen Gespür für Zwischentöne erzählt Sina Scherzant vom Weitersuchen – nach Antworten, nach Halt, nach Sinn. Jede Figur trägt ihre eigene Last und gerade die unterschwelligen Brüche und unausgesprochenen Konflikte verleihen dem Roman seine leise, anhaltende Spannung.

„Taumeln“ ist ein Roman über Verlust und das Weiterleben im Ungewissen. Über die Frage, wie lange Hoffnung trägt und wann sie zur Bürde wird. Berührend, atmosphärisch und lange nachhallend.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Zwischen Alltagsleben und Größenfantasie

Kalk
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Kalk, Mitte fünfzig und beflissener Mitarbeiter in einem Elektrofachgeschäft, muss der Lethargie des Alltags entfliehen. Um Abstand zu gewinnen, reist er nach Kijkduin in den Niederlanden, wo er als Kind ...

Kalk, Mitte fünfzig und beflissener Mitarbeiter in einem Elektrofachgeschäft, muss der Lethargie des Alltags entfliehen. Um Abstand zu gewinnen, reist er nach Kijkduin in den Niederlanden, wo er als Kind unbeschwerte Sommer verbrachte. Vielleicht, so hofft er, lässt sich dort ein Stück seines früheren Selbst wiederfinden. Als er ein Kind vor dem Ertrinken rettet, erwacht in ihm sein längst vergessenes Selbstbewusstsein, doch schnell verliert sich Kalk in der Fülle der Möglichkeiten, die sein gesteigertes Ego mit sich bringt und letztlich holt ihn nicht nur die eigene Vergangenheit ein, sondern er lädt auch eine Schuld auf sich, die sich nicht einfach verdrängen lässt....

Kalk ist eine bitterböse und zugleich tragikomische Studie über Männlichkeit, Selbsttäuschung und die Sehnsucht nach Bedeutung. Kalks Leben ist geprägt von Routine, Resignation und innerer Leere. Die Flucht ins niederländische Kijkduin erscheint wie ein letzter Versuch, an eine unbeschwerte Version seiner selbst anzuknüpfen. Als Kalk ein Kind vor dem Ertrinken rettet, fühlt er sich gesehen, gebraucht und bewundert. Doch genau hier beginnt Bernemanns präzise Demontage seines Protagonisten. Kalks neu entdecktes Selbstbewusstsein kippt rasch in Hybris und er verliert sich in der Rolle, die er so lange vermisst hat.

Der Roman zeigt eindringlich, wie dünn die Schicht aus Selbstkontrolle und gesellschaftlicher Anpassung ist, unter der sich Frust, Kränkung und verdrängte Aggression stauen. Bernemann seziert mit scharfem Blick und ohne zu urteilen das Innenleben eines Mannes, der sich selbst längst verloren hat und für einen kurzen Moment wiederzufinden glaubt und lässt das Geschehen so beiläufig eskalieren, daß man am Ende sprachlos zurückbleibt.

Alles in allem eine kluge, scharf beobachtete und unbequeme Gesellschaftsstudie, die zeigt, wie leise und unaufhaltsam ein Leben aus den Fugen geraten kann. Absolut lesenswert!

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Zwischen Glamour und Selbstverleugnung

Das Flüstern des Mondfalters
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Kalkutta, 1931: Die 19-jährige Estelle Thompson liebt das Kino. Nur im Schutz des dunklen Zuschauerraums kann sie für wenige Stunden vergessen, dass sie als »Mischling« weder zur britischen noch zur indischen ...

Kalkutta, 1931: Die 19-jährige Estelle Thompson liebt das Kino. Nur im Schutz des dunklen Zuschauerraums kann sie für wenige Stunden vergessen, dass sie als »Mischling« weder zur britischen noch zur indischen Gesellschaft gehört. Ihr Leben verändert sich grundlegend, als sie einen Amerikaner mit Verbindungen nach Hollywood kennenlernt – aus Estelle Thompson wird die Leinwandgöttin Merle Oberon. Sie verwirklicht ihren Traum vom Filmstar, doch stets begleitet sie die Angst, dass ihre indische Herkunft ans Licht kommen und alles zerstören könnte.

Das Flüstern des Mondfalters zeichnet den außergewöhnlichen Lebensweg der Schauspielerin nach, die unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen in Indien aufwächst und früh erfährt, wie sehr Herkunft über Chancen entscheidet. Mit großer Entschlossenheit und dem Traum von einem selbstbestimmten Leben verlässt sie ihre Heimat, geht zunächst nach England und schließlich nach Hollywood. Dort steigt sie zum gefeierten Filmstar auf und muss ihre wahre Identität verleugnen.

Lindsay Jayne Ashford erzählt diese Geschichte als einfühlsamen, emotionalen Roman, der die inneren Konflikte seiner Protagonistin in den Mittelpunkt stellt. Ihre Heldin ist gleichermaßen mutig wie verletzlich – keine idealisierte Ikone, sondern eine Frau, die Kompromisse eingeht, Schuld auf sich lädt und dennoch unbeirrbar ihren Weg verfolgt. Auch die Nebenfiguren sind vielschichtig gezeichnet und spiegeln die Machtstrukturen der Filmindustrie ebenso wie die Hierarchien einer kolonial geprägten Gesellschaft wider.

Der Stil ist ruhig und bildhaft. Ashford gelingt es, sowohl das koloniale Indien als auch das glamouröse Hollywood der 1930er-Jahre atmosphärisch lebendig werden zu lassen. Dabei thematisiert sie offen Rassismus, gesellschaftliche Zwänge und rigide Schönheitsideale.

Das Flüstern des Mondfalters ist ein sensibler, tiefgründiger Roman über eine außergewöhnliche Frau in einer Epoche, die gleichermaßen von Glanz und Ausgrenzung geprägt war. Ashford zeichnet Merle Oberons Lebensweg glaubwürdig nach und nutzt zugleich literarische Freiheiten, um Fragen von Herkunft, Identität und Selbstverleugnung eindringlich zu beleuchten. Empfehlenswert für Leser:innen historischer Romane, die starke Frauenfiguren, emotionale Tiefe und biografisch inspirierte Geschichten mögen.

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