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Veröffentlicht am 24.03.2026

Wenn man die Wahrheit ausblendet

Der unsichtbare Elefant
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Der Suizid des Rechtsanwalts Thomas Siebenmorgen, der sich am späten Winterabend an seinem Arbeitsplatz aus fünfzig Meter Höhe in den Tod gestürzt hat, schlägt hohe Wellen:
Der japanische Künstler Haruki ...

Der Suizid des Rechtsanwalts Thomas Siebenmorgen, der sich am späten Winterabend an seinem Arbeitsplatz aus fünfzig Meter Höhe in den Tod gestürzt hat, schlägt hohe Wellen:
Der japanische Künstler Haruki Yamatoshi aus Tokio wurde telefonisch darüber informiert, dass sein Kunstwerk, im Foyer des Bürogebäudes ausgestellt, bei dem Sturz endgültig zerstört wurde.
Um Schadensbegrenzung bemüht, veranlasst der Kanzleigründer Dr. Mueller-Reichenberg aus München eine interne Untersuchung des Vorfalls, und schickt seinen besten Mitarbeiter Simon Nyakuri nach Düsseldorf.
Für die Mitarbeiter der renommierten Kanzlei in Düsseldorf ist Thomas` Sturz ein traumatisches Ereignis, sie trauern um ihren Kollegen, manche stehen unter Schock. Am stärksten betroffen ist die junge Anwältin Maria Polonio, die den Sturz beobachtet hat und jetzt von Schuldgefühlen geplagt ist. Ihr zu Seite steht Viktor Kemper vom Kriseninterventionsteams. Maria und Viktor versuchen zusammen herauszufinden, was Thomas zu dieser Tat bewogen haben könnte.

Bei diesem Roman kann man definitiv keinen typischen Krimi erwarten. In seinem Debütroman befasst sich Max A. Edelmann zwar mit der Recherche zum tragischen Tod eines Juristen, doch es wurde schnell offensichtlich, dass das Opfer freiwillig diesen Weg gewählt hat. Die Frage warum Thomas Siebenmorgen nicht mehr leben wollte, beschäftigt die übrigen Betroffenen: Maria Polonio, Viktor Kemper und den Rechtsanwalt Simon Nyakuri. Simon handelt im Rahmen des ihm erteilten Auftrags, Maria und Viktor tun es aus eigener Initiative.
Die ganze Geschichte wurde in kurzen Kapiteln erzählt, der Schreibstil ist flüssig, angenehm zu lesen. Die Geschichte entwickelt einen leichten Sog, denn der Grund für Thomas` Verzweiflungstat lässt sich lange nicht eindeutig erkennen. Erst die Recherche von Viktor und Maria bringt neue Erkenntnisse ans Tageslicht, welche weit zurück in die Vergangenheit reichen, und das Leben von Thomas und seiner Familie in ein neues Licht rücken. Gleichzeitig bietet die Recherche den drei Ermittlern eine Gelegenheit sich mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen.
Ich empfand den Roman als sehr interessant, jedoch etwas mit unterschiedlichen Themen überladen und mit einigen, unbedeutenden Vorkommnissen in die Länge gezogen.
„Der unsichtbare Elefant“, ein Debütroman des promovierten Juristen Max A. Edelmann, lenkt die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft auf Konflikte, die für die Betroffenen sichtbar sind jedoch bewusst ignoriert werden. Eine kluge Lektüre, die zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 19.03.2026

Der Wunsch nach Zugehörigkeit

Real Americans
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Mit dem Thema Identität und Zugehörigkeit beschäftigt sich Rachel Khong in ihrem neuesten Roman „Real Americans“. Genauer gesagt geht es in dem umfangreichen Werk vor allem um die Amerikaner chinesischer ...

Mit dem Thema Identität und Zugehörigkeit beschäftigt sich Rachel Khong in ihrem neuesten Roman „Real Americans“. Genauer gesagt geht es in dem umfangreichen Werk vor allem um die Amerikaner chinesischer Abstammung.

Zu den wichtigsten Personen des Romans gehört die 22-jährige Lily, Tochter der chinesischen Einwanderer, die nach ihrem Studium ein unbezahltes Praktikum bei einem Mediaunternehmen macht. Dort lernt sie den wohlhabenden Matthew kennen, sie heiraten und bekommen ein Baby. Doch diese ungleiche Beziehung scheint nicht zu funktionieren, und Lily erzieht ihren Sohn Nick allein. Mutter und Sohn leben in bescheidenen Verhältnissen auf einer abgelegenen Insel; Nick kennt seinen Vater nicht. Doch Nick will studieren und angestiftet von seinem besten Freund Timothy, beginnt nach seinem Vater zu suchen.

Der Roman setzt sich aus drei Teilen zusammen, in denen zuerst Lily, dann Nick und zum Schluss Lilys Mutter Mai ihre Geschichten erzählen.
In diesem vielschichtigen Roman geht es unter anderem um Herkunft und Identität, Zugehörigkeit, Wissenschaft und Genforschung; alles sehr wichtige Themen, die authentisch dargestellt wurden. Mich hat jedoch die Geschichte von Mai am meisten berührt. Die Wissenschaftlerin erzählt über ihr hartes Leben in China, ihre Auswanderung und die Herausforderungen des Neuanfangs in Amerika. Mai und ihr Mann wollten um jeden Preis „amerikanisch werden“, und den haben sie m.E. bezahlt.
Etwas abenteuerlich und sehr spannend fand ich Nicks Suche nach seinem unbekannten Vater, und auch seine Freundschaft mit Timothy, welche, nach dem Tim sich geoutet hat, tiefe Risse bekam.

„Real Americans“ ist eine umfangreiche Familiengeschichte, zwar mit einigen Längen, doch insgesamt sehr interessant und nachdenklich stimmend.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Die Frage der Zugehörigkeit

Alma
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Der neueste Roman von Federica Manzon erzählt die Geschichte von Alma, einer Journalistin, die in Triest, einer zwischen den verschiedenen Völkergruppen, Sprachen und Kulturen zerrissenen Stadt, aufgewachsen ...

Der neueste Roman von Federica Manzon erzählt die Geschichte von Alma, einer Journalistin, die in Triest, einer zwischen den verschiedenen Völkergruppen, Sprachen und Kulturen zerrissenen Stadt, aufgewachsen ist.
Und so wurden auch Almas Kindheit und ihre Erziehung auf unterschiedliche Weise geprägt: von ihren Großeltern mütterlicherseits, Intellektuellen, die im Geiste der österreichisch-ungarischen Kultur weiterlebten; der chaotischen Mutter, die zwar Kunstgeschichte studiert hatte, aber den Haushalt nicht führen konnte und den geheimnisvollen Vater, der den Marshall Tito persönlich kannte und immer wieder Richtung Osten verschwand. Auch Vili, der Sohn der regierungskritischen Eltern, den der Vater von einer seinen Reisen nach Hause mitbrachte, beeinflusst Almas Ansichten auf die eigene Identität und Zugehörigkeit, und stürzt ihre Gefühlswelt in Chaos.

Almas Lebensgeschichte ist sehr eng mit der Geschichte ihrer Heimatstadt Triest und des ehemaligen Jugoslawiens verwoben. Beide Geschichten nehmen dramatische Züge an, als der kommunistische System zusammenbricht und der Krieg in Jugoslawien ausbricht. Schonungslos schildert Federica Manzon die Schrecken des unbarmherzigen Bruderkrieges, schreibt über Massaker in Vukovar und Srebrenica, über Besatzungen, Vertreibungen und Flüchtlingsströme. Die sprachlichen Bilder des Krieges wirken erschreckend authentisch, rütteln wach:
„Wie kann es sein, dass sich Millionen Männer fügsam Raketenwerfer oder ein Gewehr oder ein Messer in die Hand drücken lassen und losziehen, um ihre Freunde, Cousins, Schulkameraden umzubringen….“ (226)
Eine Frage, welche in Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Lage weiterhin von großer Bedeutung ist.

Der Roman „Alma“, in einer literarisch anspruchsvollen Sprache erfasst, ist keine leichte Lektüre. Das flüssige Lesen wurde durch die zahlreichen Zeitsprünge (die Erzählung erfolgt nicht chronologisch) und ständiges Ortwechsel zusätzlich erschwert. Von großem Vorteil sind die Grundkenntnisse über die Geschichte der Stadt Triest und über den Jugoslawienkrieg, welche zu besserem Verständnis dieser anspruchsvollen Geschichte enorm beitragen können. Auch eine chronologische Auflistung der Ereignisse und eine entsprechende Karte wären sehr hilfreich.

Für das Lesen des Romans sollte man sich viel Zeit nehmen; das Eintauchen in diese Geschichte lohnt sich, denn sie hallt lange nach.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Erinnerungen an das Land der Kindheit

Halber Stein
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Der Debüt-Roman von Iris Wolff konnte mich nicht wirklich überzeugen. Die bildhafte Sprache, in der die unzählige Beschreibungen der Umgebung mit ihrer wunderschönen Flora gehalten wurden, macht jedoch ...

Der Debüt-Roman von Iris Wolff konnte mich nicht wirklich überzeugen. Die bildhafte Sprache, in der die unzählige Beschreibungen der Umgebung mit ihrer wunderschönen Flora gehalten wurden, macht jedoch die insgesamt langatmige Erzählung nicht wett.
Auch Sines Suche nach Identität im Land ihrer Kindheit wirkte wenig überzeugend auf mich. Der traurige Anlass für ihre Reise nach Rumänien war die Beerdigung ihrer Großmutter Agneta, die als letzte aus der Familie noch in Siebenbürgen wohnte. In dem verlassenen Haus ihrer Großmutter fühlt sich Sine auf Anhieb wohl; sie sucht dort nach Spuren der Vergangenheit, beschäftigt sich mit der Lebensgeschichte ihrer Großmutter, erkundet die Gegend und erinnert sich bruchstückhaft an die Erlebnisse aus ihrer Kindheit.

Aber Sine hat Siebenbürgen vor zwanzig Jahren als 8-jähriges Mädchen verlassen, hat in Deutschland die Schule besucht und sogar ihr Studium abgeschlossen. Ist sie in der neuen Heimat nicht wirklich angekommen? Keine Freunde gefunden? Als 28-jährige Frau bisher keiner Liebe begegnet? - – Diese und ähnliche Fragen machen für mich diese Geschichte in vielen Punkten wenig überzeugend.

Wie ich bereits am Anfang erwähnt habe, ist die Sprache des Romans schön; einfühlsam und oft poetisch, mit einigen Weisheiten versehen, die zum Nachdenken bewegen. Und die Beschreibungen der Natur: bildhaft, ausführlich, jedoch so detailliert, dass sie immer wieder einige Seiten des Buches überfüllen. Dadurch wurde die insgesamt interessante Geschichte langatmig und ermüdend.
Da der Roman über das immer noch brisante Thema der Migration, des Zurücklassens und Ankommens handelt, ist das Buch auf jeden Fall lesenswert.

3,5 Sterne auf 4 aufgerundet

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ivys unkonventionelles Leben

Tage des Lichts
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April 1999: die achtzigjährige Ivy blickt auf ihr ungewöhnliches Leben zurück. Sie erinnert sich an die besonderen Tage ihres Daseins, an die Tage, die ihr Leben stark geprägt haben.
Es war vor allem ...

April 1999: die achtzigjährige Ivy blickt auf ihr ungewöhnliches Leben zurück. Sie erinnert sich an die besonderen Tage ihres Daseins, an die Tage, die ihr Leben stark geprägt haben.
Es war vor allem der tragische Ostersonntag 1938, der - bis dahin unbeschwertes Leben der jungen Frau - für immer verändert hat. Es war der Tag, an dem sie ihre Jugendträumerei über eine besondere, außergewöhnliche Zukunft aufgeben musste. Es war der Tag, an dem ein mysteriöses Licht: „ein Geschöpf aus einer anderen Welt“ (55) das erste Mal in ihr Leben eingedrungen war.
Und obwohl Ivy später ein durchaus gewöhnliches Leben einer Hausfrau und Mutter von zwei Töchtern führt, erlebt sie immer wieder die Tage des ungewöhnlichen Lichts; einer unbestimmten Kraft, die ihr Leben durcheinanderwirbelt.
Ungewöhnlich sind auch Ivys Gefühle für Frances, die frühere Freundin ihres auf tragische Weise verstorbenen Bruders. Diese Gefühle beeinflussen sehr stark das Leben der beiden Frauen und sorgen bei Ivy für einige unkonventionelle Entscheidungen in ihrem Leben.

An den sechs - von der Autorin ausgewählten Tagen - begleiten wir die Protagonistin des Romans durch ihr ganzes Leben. Ruhig und gelassen erzählt die Autorin Ivys Lebensgeschichte, die von so vielen Emotionen und starken Gefühlen geprägt war. Vieles lässt sie dabei ungesagt, manchen Ereignissen verleiht sie eine mystische Bedeutung. Solche Erzählweise lässt viel Raum für eigene Reflexionen, fürs Nachdenken und hallt lange nach.
Die Sprache der Autorin hat mir gut gefallen: Ich finde, dass sie hervorragend zum Thema und Handlung des Buches passt. Denn sie vermittelt wunderbar sowohl die jeweilige Atmosphäre des Geschehens, wie auch die komplizierte Gefühlswelt der interessanten Protagonistin. An vielen Seiten des Buches hat sie mich mit den bildhaften, poetischen Beschreibungen verzaubert, an den anderen Stellen mit den unerwarteten Vergleichen oder mystischen (religiösen) Einwürfen überrascht, sogar verwundert. Eine Erzählweise, die mir insgesamt gut gefallen hat.
Sehr gerne habe ich diesen interessanten Roman gelesen. Es war für mich ein besonderes Leseerlebnis.

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