Geschichte oder Geographie - was definiert uns?
Alma kehrt aus Rom zurück in ihre Heimatstadt Triest. Dort verbringt sie ein paar Tage, besucht Orte aus ihrer Kindheit und Jugend und hängt Erinnerungen nach. Diese drehen sich vor allem um ihren Vater, ...
Alma kehrt aus Rom zurück in ihre Heimatstadt Triest. Dort verbringt sie ein paar Tage, besucht Orte aus ihrer Kindheit und Jugend und hängt Erinnerungen nach. Diese drehen sich vor allem um ihren Vater, der immer wieder ins damalige Jugoslawien verschwindet und nur unregelmäßig für ein paar Tage zu seiner Familie zurückkehrt, und Vili, ihre erste Liebe, den ihr Vater irgendwann aus Belgrad mitbringt und der fortan bei ihnen aufwächst. Auch Triest selbst spielt eine große Rolle.
„In den Zeitungen heißt es, Zugehörigkeit werde immer wichtiger, am besten durch Abstammung. Sie wüsste nicht zu sagen, wohin sie gehört, nicht einmal ihre Stadt weiß es: Man nennt sie ‚Stadt aus Papier‘, weil sie sich stets als Teil einer Nation begriffen hat, die nicht die ihre ist, sie dachte an Österreich, träumte von einem Slawenreich, sogar von der garibaldischen Nation, doch dann ist sie allem fremd geblieben, vor allem sich selbst.“
Geschichte vs. Geografie, das ist das große Motiv dieses Romans: Was prägt uns? Ist es der Ort, an dem wir aufwachsen, oder die Geschichte unserer Familie? Almas Vater und ihr Großvater haben hierzu sehr unterschiedliche Ansichten… Aber wohin gehört Alma? Nach und nach entblättern sich durch die Erinnerungen Almas ihre Identität und Familiengeschichte und mit ihnen auch diejenige Triests und die des ehemaligen Jugoslawiens.
Die Handlung wird episodenhaft erzählt mit großen Lücken. Gleichzeitig springt die Geschichte immer wieder zwischen den Erinnerungen Almas und ihrer Gegenwart hin und her. Dies ist nicht immer leicht zu erkennen und hat mich stellenweise verwirrt, sodass ich einige Abschnitte mehrmals lesen musste. Auf der anderen Seite erzeugt diese Art des Erzählens ein Gefühl der Gleichzeitigkeit, des Verschwimmens der zeitlichen Grenzen und des Ineinanderfließens der zeitlichen Ebenen. Hierdurch verbindet sich die Form des Romans wunderbar mit seinen Themen. Inhaltlich fand ich vor allem die Stellen spannend, in denen es um den Zerfall Jugoslawiens und die folgenden Kriege geht, von denen ich viel zu wenig weiß.
„Doch für Alma ist die Stadt ihrer Kindheit ein Ort der Zersplitterung, ein Kaleidoskop möglicher Leben – all der Leben, die ihre hätten sein können, hätte sie sich für diesen, statt für jenen Weg entschieden, hätte sie etwas treu zu bleiben und menschliche Beziehungen zu pflegen vermocht wie ihre Mutter die Rosen, mit Stecklingen im selben Topf.“
Die Figuren im Buch spiegeln die sowohl historisch als auch geografisch bedingte kulturelle Vielfalt Triests wider. Almas Großeltern mütterlicherseits, bei denen sie zeitweise lebt, haben österreichische Wurzeln, repräsentieren die lange Dominanz Österreich-Ungarns über Triest und sprechen mit ihr Deutsch oder den städtischen Dialekt. Vili kommt aus Belgrad und kehrt auch später dorthin zurück, er verliert seinen Belgrader Akzent nie. Ganz nebenbei zeigt sich hier, wie sehr Sprache Zugehörigkeit oder Anderssein ausdrückt. Woher ihr Vater genau kommt, findet Alma nie heraus, auch wenn sie ihn danach fragt. Alle Figuren haben ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, die der Roman mir sehr eindringlich nahebringt. Entsprechend empfand ich die Konflikte zwischen den Figuren als sehr schmerzhaft, gleichzeitig waren diese Stellen für mich die Stärksten im Buch.
An einer Stelle sagt Almas Vater über Tito: „Wir folgten ihm und schrieben für ihn. Doch all unser Schreiben und unser Bestreben, uns vor der Außenwelt zu schützen, führte dazu, dass wir eine Schmierenkomödie aufführten, den Stolz auf unsere Identität anheizten und dem Nationalismus damit den Weg ebneten. Bei Titos Tod fanden sie den Boden gut bereitet und konnten mit der Politik loslegen, die sie im Sinn hatten.“
Die Sprache ist zurückgenommen, fast zart. Durch die Verschachtelungen muss man etwas aufpassen, wird aber belohnt mit gelungenen Formulierungen. Der Stil hat mich sehr beeindruckt und eine richtige Sogkraft entwickelt; auch durch die Übersetzung scheint mir hier nichts verlorenzugehen.
„Die Stadt hat sich immer weit über ihre Leben gespannt, über ihres und das ihres Vaters und Vilis: Ein Magnet, der sie umtrieb, sie flüchten und wiederkehren ließ und in den Menschen, die sie liebten, den Verdacht nährte, nur ein der Verbundenheit mit der Stadt dienlicher Zufall zu sein, die ohnehin stets darin glänzte, das Bleiben unmöglich und das Gehen herzzerreißend zu machen.“
Ein wunderbares Buch, das ich wirklich gern gelesen habe, und über das ich noch viel nachdenken werde. Außerdem macht es Lust, nach Triest zu fahren oder gar noch etwas weiter über die Grenze…
„Ihre Eltern hatten sie mit neurotischer Halsstarrigkeit vor der Erinnerung beschützt, und das hatte sie unbeschwert groß werden lassen, ohne Blei an den Fesseln. Doch jetzt tauchten diese Bruchstücke Geschichte auf. Splitter eines Ganzen, dessen Form nur erahnbar war, und sie wogen schwer und waren zugleich großartig: Am liebsten wäre sie stehen geblieben, um sie wie einen Bernstein zu betrachten. Stattdessen gingen sie weiter, denn nur im Gehen setzt sich die Erzählung fort.“
Wer Lust hat auf tolle Literatur über Triest, über Fragen von Identität und Herkunft, über Jugoslawien, seinen Zerfall und die folgenden Kriege, dem kann ich dieses Buch wirklich wärmstens ans Herz legen!