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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.06.2026

Außergewöhnlich und lesenswert

Die Ausweichschule
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Ein autofiktionaler Roman über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 – kann das gelingen?

Erdmanns Erzähler hat den Amoklauf als elfjähriger Fünftklässler erlebt und wirft die Frage ...

Ein autofiktionaler Roman über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 – kann das gelingen?

Erdmanns Erzähler hat den Amoklauf als elfjähriger Fünftklässler erlebt und wirft die Frage auf, ob er sich an das reale Geschehen erinnert oder ob es ihm so oft erzählt wurde, dass er es zu seinen eigenen Erinnerungen macht. Ein sehr interessanter Aspekt, der auch beim Gespräch mit einem ehemaligen Mitschüler zum Tragen kommt.

Lange hat der Autor nach einer Form gesucht, um die Geschichte schreiben zu können. Er hat einen
sehr eigenen Schreibstil. So werden die Zeitebenen nicht nur zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewechselt, auch die Gegenwart verläuft nicht chronologisch, was nicht immer sofort deutlich wird. Erdmann vermischt Realität mit Fiktion und befragt immer wieder sein elfjähriges Ich, findet aber nicht immer Antworten. Dieser Schreibstil passt hervorragend zum Herantasten an die Erinnerungen und die Verarbeitung daran.

Um die Eingangsfrage aufzunehmen: es ist gelungen und zwar ausnehmend gut. Der Roman stand völlig zurecht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Fazit: ein außergewöhnlicher und sehr lesenswerter Roman

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Veröffentlicht am 02.06.2026

Gesehen werden

The Artist
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Grundsätzlich gefallen mir englische Titel auf deutschen Übersetzungen nicht, hier wird jedoch sehr schnell sehr deutlich, auch anhand des Klappentextes, warum dieser Titel beibehalten wurde.

Ein Wort, ...

Grundsätzlich gefallen mir englische Titel auf deutschen Übersetzungen nicht, hier wird jedoch sehr schnell sehr deutlich, auch anhand des Klappentextes, warum dieser Titel beibehalten wurde.

Ein Wort, eine Unterschrift. „Kommen Sie“ liest Joseph Adelaide, als er den Brief aus der Provence erhält. Natürlich ergreift er die einmalige Chance, den legendären Maler Édouard Tartuffe zu interviewen. Interessanter als Tartuffe, den alle nur Tata nennen, ist für Joseph Ettie, Tatas Nichte, die sich um alles kümmert.

In einem ausgesprochen bildhaften Stil beschreibt die Autorin das Zusammenleben dieser drei Protagonisten, die so abgeschieden von der Welt die Sommermonate des Jahres 1920 verbringen. Die Menschen, die Landschaft, die Farben und die Gemälde entstehen beim Lesen. In der Begründung für die Nominierung zum Women's Prize for Fiction 2025 schreibt Deborah Joseph: „Ich konnte die Farben förmlich riechen, die Textur der Leinwände fühlen, das Licht im Atelier sehen.“

Der Prolog wirft Fragen auf und beantwortet eine, die gar nicht gestellt wurde. Die Geheimnisse werden aufgedeckt, aber erst später im Roman. Joseph geht mit einer gewissen Naivität an seine Aufgabe, die er erst erfüllen kann, wenn er dem berühmten Maler Modell gestanden hat. Ganz erfüllt von der großen Gelegenheit braucht es einige Zeit, bevor Joseph beginnt, das Leben auf dem abgelegenen Anwesen zu durchschauen. Der Leser begleitet ihn dabei, sitzt mit ihm Modell, beobachtet Tata, beobachtet Ettie und erkennt nach und nach die komplizierten Verbindungen und Abhängigkeiten zwischen den beiden. Dabei werden die drei Protagonisten gut erkennbar: der große Künstler, der unsicher und abhängig ist und sich wie ein Tyrann aufführt, die stille und beinahe unsichtbare Ettie und Joseph, der die hohen Erwartungen seines Vaters an ihn nicht erfüllen kann und seinen Platz im Leben sucht.

Die Machtstrukturen scheinen klar: die Männer haben sie und nutzen sie aus. Ist es wirklich so? Denn die stille Ettie hat jedoch eine große Kraft, die sie dazu befähigt, das ihr aufgezwungene Leben von Grund auf zu verändern. Und sie tut es auf eine sehr dramatische Weise, die den Roman (fast) abschließt. In einem kurzen Epilog schließt sich der Kreis zum Prolog.

Fazit: ein sehr berührender, poetischer und großartiger Debüt-Roman, ein Lesehighlight 2026

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Veröffentlicht am 17.05.2026

Berührend und warmherzig

Pina fällt aus
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Pina und ihr Sohn Leo wohnen in einem etwas herunter gekommenen Mehrfamilienhaus. Der 20jährige Leo lebt in seiner eigenen Welt und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Die übrigen Mieter sind die 16jährige ...

Pina und ihr Sohn Leo wohnen in einem etwas herunter gekommenen Mehrfamilienhaus. Der 20jährige Leo lebt in seiner eigenen Welt und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Die übrigen Mieter sind die 16jährige Schulabbrecherin Zola, der menschenscheue Wojtek und die 86jährige Inge, die nicht mehr das Haus verlässt.
Als Pina beim Einkaufen zusammenbricht, erkennt die Hausgemeinschaft schnell, dass sie sich um Leo kümmern muss. Nur wie soll das gehen?

Vera Zischke schreibt einen Schreibstil, der mich sofort in die Geschichte eintauchen ließ. Ihre Figuren sind authentisch und lebendig beschrieben. Sie und auch die Geschichte entwickeln sich schlüssig. Der autistische Leo hat seine Rituale, kann jedoch nur schwer mit Veränderungen umgehen. Interessanterweise ist es die renitente Zola, die gegen sich und die Welt wütet, die als erste einen Zugang zu ihm findet.

Die Autorin bringt hier viele wichtige aktuelle Themen zusammen: Care Arbeit und die daraus entstehende Überforderung, Ausgrenzung, Einsamkeit, Altwerden, soziale Entfremdung, die Suche nach Liebe und der Wunsch nach Angenommenwerden. Trotz dieser ernsten Themen wird der Humor nicht vergessen.

Fazit: ein berührender und warmherziger Roman, den ich sehr gern empfehle

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Mutige Entscheidung

Karolinenhöhe
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Im Jahr 1910 trifft die junge Krankenschwester Ida eine mutige Entscheidung: sie bricht in Berlin alle Brücken hinter sich ab und fährt nach Baden-Baden, um sich dort um eine Stelle in der Naturheilanstalt ...

Im Jahr 1910 trifft die junge Krankenschwester Ida eine mutige Entscheidung: sie bricht in Berlin alle Brücken hinter sich ab und fährt nach Baden-Baden, um sich dort um eine Stelle in der Naturheilanstalt Lichtental auf der Karolinenhöhe zu bewerben.

Ida macht auf der Karolinenhöhe völlig neue Erfahrungen, denn das Ehepaar Enslinger leitet die Naturheilanstalt nach den Prinzipien der Lebensreform mit Freikörperkultur und Vegetarismus. Ida gefällt vor allem die Lage des Hauses mitten in der Natur mit großartigen Blicken auf die umliegende Landschaft, die bildreich beschrieben wird. Allerdings sind ihr die Vorschriften, deren Einhaltung insbesondere von Eduard Enslinger strengstens überwacht werden, mitunter zu restriktiv. Sehr gut vermittelt werden die Auswirkungen von Licht, Sonne, dem Körper angepasste Kleidung und übermäßiger Fleischkonsum auf die Gesundheit des Menschen.

Die Charaktere werden von der Autorin lebendig und detailliert beschrieben. Alle Personen sind gut vorstellbar, auch die Gäste, von denen einige eine größere Rolle spielen. Ida schließt Bekanntschaften außerhalb der Anstalt, insbesondere mit dem Luftschiffmonteur Carl, der mit seinem ausgeprägten Technikverständnis einen guten Kontrast zu der Lebensreform bildet.

Der Schreibstil passt sehr gut zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Vielleicht empfinde nur ich das so, aber ich habe mich sofort gut 100 Jahre zurück versetzt gefühlt.

Das Cover zeigt einen Ausschnitt eines Gemäldes von Erich Heckel und passt nicht nur in der Farbgestaltung ausgezeichnet zum Inhalt.

In einem ausführlichen Nachwort geht die Autorin auf Wahrheit und Fiktion ihres Romans ein. Ein Literaturverzeichnis und ein Lesebändchen (von mir immer heißgeliebt) runden das Buch ab.

Fazit: ein gut recherchierter historischer Roman, in dem die Protagonistin selbstbestimmt ihren Weg sucht

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Neuanfang auf Rügen

Brombeerblaue Tage
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„Was wir finden, wenn wir loslassen“ ist der Rücktitel überschrieben. Elisa ist Landschaftsarchitektin und arbeitet in Berlin. Schon allein dies ist für mich fast ein Widerspruch in sich, denn es gibt ...

„Was wir finden, wenn wir loslassen“ ist der Rücktitel überschrieben. Elisa ist Landschaftsarchitektin und arbeitet in Berlin. Schon allein dies ist für mich fast ein Widerspruch in sich, denn es gibt bestenfalls Hinterhöfe zu begrünen, vielleicht noch ein Garten für ein Einfamilienhaus oder eine Villa, die dann dazu kinderfreundlich zu gestalten sind. Elisa hetzt von einem Termin zum nächsten, erfüllt sämtliche Änderungswünsche und kommt kaum zum Durchatmen. Als ihr Vater sie bittet, für einige Tage sein Haus auf Rügen zu hüten, weil er ins Krankenhaus muss, willigt sie widerstrebend ein: „Nein“ ist für sie ein Fremdwort.
Das sogenannte Gutshaus entpuppt sich als Sanierungsfall ohne fließend Wasser, der Garten ist völlig verwildert und das für sie so wichtige Internet gibt es nur im Freien. Hinzu kommt, dass ihr Vater viel kränker ist, als er Elisa glauben machen wollte.

Simone Veenstra hat einen wunderbaren Roman geschrieben, genau die richtige Sommerlektüre. Ihre Protagonistin Elisa ist sehr lebendig und authentisch beschrieben. Es gibt Stellen im Roman, wo ich sie am liebsten schütteln würde, denn sie lässt alles mit sich machen und zieht über lange Zeit keine Grenzen. Auf Rügen, auf sich zurückgeworfen, beginnt sie, über ihr bisheriges Leben nachzudenken. Und sie widmet sich dem verwilderten Garten, findet dabei ihre Liebe zu den Pflanzen wieder und macht eine erstaunliche Entdeckung.

Das Cover ist nicht nur optisch, sondern auch haptisch liebevoll gestaltet, wie auch das Buch selbst. Zwischen den Kapiteln finden sich ausführliche Pflanzen-Steckbriefe, die passend zum Inhalt ausgewählt wurden.

Fazit: ein sehr lesenswerter Sommerroman

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