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Veröffentlicht am 17.05.2026

Berührend und warmherzig

Pina fällt aus
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Pina und ihr Sohn Leo wohnen in einem etwas herunter gekommenen Mehrfamilienhaus. Der 20jährige Leo lebt in seiner eigenen Welt und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Die übrigen Mieter sind die 16jährige ...

Pina und ihr Sohn Leo wohnen in einem etwas herunter gekommenen Mehrfamilienhaus. Der 20jährige Leo lebt in seiner eigenen Welt und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Die übrigen Mieter sind die 16jährige Schulabbrecherin Zola, der menschenscheue Wojtek und die 86jährige Inge, die nicht mehr das Haus verlässt.
Als Pina beim Einkaufen zusammenbricht, erkennt die Hausgemeinschaft schnell, dass sie sich um Leo kümmern muss. Nur wie soll das gehen?

Vera Zischke schreibt einen Schreibstil, der mich sofort in die Geschichte eintauchen ließ. Ihre Figuren sind authentisch und lebendig beschrieben. Sie und auch die Geschichte entwickeln sich schlüssig. Der autistische Leo hat seine Rituale, kann jedoch nur schwer mit Veränderungen umgehen. Interessanterweise ist es die renitente Zola, die gegen sich und die Welt wütet, die als erste einen Zugang zu ihm findet.

Die Autorin bringt hier viele wichtige aktuelle Themen zusammen: Care Arbeit und die daraus entstehende Überforderung, Ausgrenzung, Einsamkeit, Altwerden, soziale Entfremdung, die Suche nach Liebe und der Wunsch nach Angenommenwerden. Trotz dieser ernsten Themen wird der Humor nicht vergessen.

Fazit: ein berührender und warmherziger Roman, den ich sehr gern empfehle

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Mutige Entscheidung

Karolinenhöhe
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Im Jahr 1910 trifft die junge Krankenschwester Ida eine mutige Entscheidung: sie bricht in Berlin alle Brücken hinter sich ab und fährt nach Baden-Baden, um sich dort um eine Stelle in der Naturheilanstalt ...

Im Jahr 1910 trifft die junge Krankenschwester Ida eine mutige Entscheidung: sie bricht in Berlin alle Brücken hinter sich ab und fährt nach Baden-Baden, um sich dort um eine Stelle in der Naturheilanstalt Lichtental auf der Karolinenhöhe zu bewerben.

Ida macht auf der Karolinenhöhe völlig neue Erfahrungen, denn das Ehepaar Enslinger leitet die Naturheilanstalt nach den Prinzipien der Lebensreform mit Freikörperkultur und Vegetarismus. Ida gefällt vor allem die Lage des Hauses mitten in der Natur mit großartigen Blicken auf die umliegende Landschaft, die bildreich beschrieben wird. Allerdings sind ihr die Vorschriften, deren Einhaltung insbesondere von Eduard Enslinger strengstens überwacht werden, mitunter zu restriktiv. Sehr gut vermittelt werden die Auswirkungen von Licht, Sonne, dem Körper angepasste Kleidung und übermäßiger Fleischkonsum auf die Gesundheit des Menschen.

Die Charaktere werden von der Autorin lebendig und detailliert beschrieben. Alle Personen sind gut vorstellbar, auch die Gäste, von denen einige eine größere Rolle spielen. Ida schließt Bekanntschaften außerhalb der Anstalt, insbesondere mit dem Luftschiffmonteur Carl, der mit seinem ausgeprägten Technikverständnis einen guten Kontrast zu der Lebensreform bildet.

Der Schreibstil passt sehr gut zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Vielleicht empfinde nur ich das so, aber ich habe mich sofort gut 100 Jahre zurück versetzt gefühlt.

Das Cover zeigt einen Ausschnitt eines Gemäldes von Erich Heckel und passt nicht nur in der Farbgestaltung ausgezeichnet zum Inhalt.

In einem ausführlichen Nachwort geht die Autorin auf Wahrheit und Fiktion ihres Romans ein. Ein Literaturverzeichnis und ein Lesebändchen (von mir immer heißgeliebt) runden das Buch ab.

Fazit: ein gut recherchierter historischer Roman, in dem die Protagonistin selbstbestimmt ihren Weg sucht

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Neuanfang auf Rügen

Brombeerblaue Tage
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„Was wir finden, wenn wir loslassen“ ist der Rücktitel überschrieben. Elisa ist Landschaftsarchitektin und arbeitet in Berlin. Schon allein dies ist für mich fast ein Widerspruch in sich, denn es gibt ...

„Was wir finden, wenn wir loslassen“ ist der Rücktitel überschrieben. Elisa ist Landschaftsarchitektin und arbeitet in Berlin. Schon allein dies ist für mich fast ein Widerspruch in sich, denn es gibt bestenfalls Hinterhöfe zu begrünen, vielleicht noch ein Garten für ein Einfamilienhaus oder eine Villa, die dann dazu kinderfreundlich zu gestalten sind. Elisa hetzt von einem Termin zum nächsten, erfüllt sämtliche Änderungswünsche und kommt kaum zum Durchatmen. Als ihr Vater sie bittet, für einige Tage sein Haus auf Rügen zu hüten, weil er ins Krankenhaus muss, willigt sie widerstrebend ein: „Nein“ ist für sie ein Fremdwort.
Das sogenannte Gutshaus entpuppt sich als Sanierungsfall ohne fließend Wasser, der Garten ist völlig verwildert und das für sie so wichtige Internet gibt es nur im Freien. Hinzu kommt, dass ihr Vater viel kränker ist, als er Elisa glauben machen wollte.

Simone Veenstra hat einen wunderbaren Roman geschrieben, genau die richtige Sommerlektüre. Ihre Protagonistin Elisa ist sehr lebendig und authentisch beschrieben. Es gibt Stellen im Roman, wo ich sie am liebsten schütteln würde, denn sie lässt alles mit sich machen und zieht über lange Zeit keine Grenzen. Auf Rügen, auf sich zurückgeworfen, beginnt sie, über ihr bisheriges Leben nachzudenken. Und sie widmet sich dem verwilderten Garten, findet dabei ihre Liebe zu den Pflanzen wieder und macht eine erstaunliche Entdeckung.

Das Cover ist nicht nur optisch, sondern auch haptisch liebevoll gestaltet, wie auch das Buch selbst. Zwischen den Kapiteln finden sich ausführliche Pflanzen-Steckbriefe, die passend zum Inhalt ausgewählt wurden.

Fazit: ein sehr lesenswerter Sommerroman

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Maria, Menschenhandel und die Mafia

Waldmann
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Nach dem spurlosen Verschwinden von Kommissar Waldmanns Ehefrau Maria auf dem Bazar in Lagos steht er völlig neben sich. 7 Jahre später leitet er die Ermittlungen in einem brutalen Mordfall. Doch der bekannte ...

Nach dem spurlosen Verschwinden von Kommissar Waldmanns Ehefrau Maria auf dem Bazar in Lagos steht er völlig neben sich. 7 Jahre später leitet er die Ermittlungen in einem brutalen Mordfall. Doch der bekannte Mann mit durchgeschnittener Kehle, der brutalsten Sex liebte, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Nach der Reihe um Paul Stainer legt Ziebula mit „Waldmann“ erneut einen Krimi vor. Das Verschwinden von Maria bildet die Grundlage für diesen spannenden und komplexen Krimi. Waldmann ist in Therapie und leidet unter Flashbacks.

Gemeinsam mit seinem Team und der Journalistin Pia Luninger sucht Waldmann nicht nur nach dem Täter, sondern auch nach verschwundenen Ukrainerinnen. Sie finden Ungeheuerliches und bringen sich in große Gefahr.

Im Prolog wird die Vorgeschichte, der Bazar-Besuch und das Verschwinden von Maria, erzählt. Enthalten sind Hinweise, die zunächst nicht zugeordnet werden können. Ziebula nutzt wechselnde Perspektiven, wobei nicht immer sofort klar ist, wer hier eigentlich agiert. Hinzu kommen eine Vielzahl von Figuren, die mit- oder gegeneinander agieren. Erst nach und nach werden die Handlungsstränge zusammengeführt.

Im Vordergrund steht der titelgebende Waldmann mit seinen psychischen Störungen, die ihn unberechenbar machen. Die Journalistin Pia Luninger ist mutig und unerschrocken und kommt der Wahrheit zu nahe. Dann gibt es noch Suse, deren Hintergrund sehr lange mysteriös bleibt, Waldmann jedoch ebenfalls unterstützt. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle des Katers Kasimir, der am Ende für eine Pointe sorgt, die mir nach den schlimmen Beschreibungen sehr gefallen hat.

Wie aus meiner Überschrift zu entnehmen, geht es um Menschenhandel, um Zwangsprostitution und um die nigerianische Mafia, also um aktuelle und wichtige Themen. Hier erscheinen mir die Beschreibungen leider sehr realistisch, was auf die Polizei- und Ermittlungsarbeit nicht immer zuzutreffen scheint.

Fazit: ein komplexer, spannender Krimi, nichts für schwache Nerven

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Hinfallen und Aufstehen

Pause
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Lena Kupke erzählt in ihrem wunderbaren Debütroman Hannas Geschichte. Hanna, 36 Jahre alt, bricht mitten im Berufsalltag zusammen und landet im Krankenhaus. Niemand hat Zeit, sie abzuholen, bis sie am ...

Lena Kupke erzählt in ihrem wunderbaren Debütroman Hannas Geschichte. Hanna, 36 Jahre alt, bricht mitten im Berufsalltag zusammen und landet im Krankenhaus. Niemand hat Zeit, sie abzuholen, bis sie am Ende ihre Eltern bittet. Hanna muss feststellen, dass es doch noch schlimmer kommen kann.

Das Trauma, das zu Hannas Überforderung geführt hat, wird nicht explizit benannt. Zwischen den Zeilen ahnt die Leserin, worum es geht und wie lange Hanna darunter leidet, ohne mit jemandem wirklich darüber sprechen zu können. Sprachlosigkeit herrscht vor allem in der Familie, aber auch in ihrer Beziehung. Hier werden, wie es der Klappentext sagt, die Probleme unter den Teppich gekehrt und die Fassade um jeden Preis aufrecht erhalten. Und auch hier ist vieles zwischen den Zeilen zu finden.

Hannas Zusammenbruch, die bitteren Erfahrungen, die sich anschließend machen muss, ihre Gefühle, ihre Verzweiflung und ihr Aufbäumen sind sehr gut beschrieben. Ich habe mit Hanna mitgefühlt und mitgelitten, wobei Lachen und Weinen dicht beieinander liegen.

Es steckt viel drin in diesem Roman: die ständige Überforderung im hippen Berlin, in dem nichts verpasst werden darf, das Funktionieren-Müssen als Freiberuflerin, die Aufträge braucht, das Allein-Gelassen-Sein mit Problemen, die nicht allein bewältigt werden können, kurz: die Angst, nicht zu genügen und sich deshalb keine Pausen erlauben zu dürfen.

Das Cover ist perfekt gestaltet, ich mag es in seiner Farbigkeit und der Haptik sehr. Normalerweise mag ich Aufkleber auf dem Cover nicht, hier jedoch bringt es Caroline Wahl in einem Satz auf den Punkt: „Dieses Buch ist wie eine feste Umarmung, nachdem es einen richtig zerlegt hat.“

Dem ist nur noch hinzuzufügen: eine unbedingte Leseempfehlung

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