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Veröffentlicht am 15.03.2026

Erinnerungsreisen

Die Geister von La Spezia
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Der Dichter Percy Bysshe Shelley ertrinkt 1822 bei einem Schiffsunglück. Während seine Witwe, Mary Shelley, die berühmt-berüchtigte Autorin von Frankenstein, um ihn trauert, gibt es Zweifel, ob Shelleys ...

Der Dichter Percy Bysshe Shelley ertrinkt 1822 bei einem Schiffsunglück. Während seine Witwe, Mary Shelley, die berühmt-berüchtigte Autorin von Frankenstein, um ihn trauert, gibt es Zweifel, ob Shelleys Tod tatsächlich ein Unglück war. Mittels einer Erinnerungsreise soll die Spezialagentin Pat Colombari die Umstände seines Todes aufklären. Mithilfe fantastischer Technologie führt sie Mary in die Vergangenheit zurück, lernt Lord Byron und dessen geheimnisvollen Keller kennen, und wird Zeugin unerklärlicher Geschehnisse.
Das Cover zeigt eine stürmische Nacht am Meer, mit beleuchteter Villa, einem Segelschiff in der tobenden See und zwei Gestalten, die aufs Wasser schauen. In dunklen Farben gehalten spiegelt das Bild die düstere und geheimnisvolle Stimmung der Geschichte wider. Am Anfang des Buchs ist eine Landkarte des ligurischen Küstenabschnitts abgebildet, in dem Shelley verunglückte. Im Nachwort gibt der Autor zahlreiche Literaturhinweise, die auf die gründliche Recherche zu diesem Roman hinweisen.
Das Buch besteht aus fünf Teilen, die wiederum in Kapitel unterteilt sind. Plaschka lässt durch seine bildhafte Sprache die Orte und auch die Atmosphäre vor den Augen der Leser entstehen; historische Fakten mischt er mit übernatürlichen Geschehnissen. Die Charaktere sind authentisch dargestellt.
Detektivin Patricia Colombari begibt sich mittels Mnemoskopie in die Gedanken von Mary Shelley und erlebt auf diese Weise wichtige Abschnitte aus deren Leben auch ganz persönlich. Diese Grundidee, die Geschehnisse aus der Erinnerung von Mary Shelley nachvollziehen zu können, gefällt mir sehr gut. Die Realisierung selbst empfinde ich allerdings als nicht ideal. Die Geschichte nur aus Marys Sicht zu erzählen, erschien dem Autor wohl zu einseitig. Daher ermöglichte er Pat, sich innerhalb von Marys Erinnerungen auch in die Gedanken weiterer Personen einzuklinken. Zusätzlich gibt es eine Art weitere eingestreute Handlung, in der Pat mit gleichgesinnten Erinnerungsreisenden in Verbindung tritt. Dieses Konstrukt macht den Roman leider unübersichtlich und kompliziert, denn es gibt zahlreiche zeitliche und geografische Sprünge.
Weiters störten mich auch die vielen Dialoge. Deren Inhalte hätte ich mir lieber aus Erzählersicht gewünscht – der Autor wäre auf jeden Fall in der Lage, das Gesprochene auf andere Weise umzusetzen. Erst ziemlich am Ende des Buches hat mir die Geschichte wieder richtig gut gefallen. Die Spannung aus dem Prolog war zurückgekehrt.
Ansonsten war die Sicht auf das Leben der britischen Schriftsteller in Italien recht interessant. Die Rückschau auf deren Leben und die eingestreuten Auszüge aus deren literarischen Werken geben einen wirklich guten Einblick in die damalige Zeit.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Der Sonnenduft

Schwarzer September
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Es ist der Sommer 1972 mit Schachweltmeisterschaft und Olympischen Spielen. Für diese Themen interessiert sich der zwölfjährige Gigio, der den Sommer mit seiner Familie in Fiumetto an der ligurischen Küste ...

Es ist der Sommer 1972 mit Schachweltmeisterschaft und Olympischen Spielen. Für diese Themen interessiert sich der zwölfjährige Gigio, der den Sommer mit seiner Familie in Fiumetto an der ligurischen Küste verbringt, Und er interessiert sich für die Strandnachbarn, vor allem für die dreizehnjährige Astel, deren Mutter aus Äthiopien stammt. Gigio und Astel verbringen viel Zeit zusammen, in der sie unter anderem Songtexte übersetzen. Als Astels Vater ermordet wird, während in München die Terrorgruppe „Schwarzer September“ einen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft verübt, soll Gigios Vater die Verteidigung der verdächtigten Ehefrau übernehmen.
Ein Strand am blauen Meer; drei Jugendliche erholen sich schlafend im Sand. Soweit zum Cover, das einen die drückende Hitze eines Sommers spüren lässt. Und zu spüren gibt es in diesem Buch sehr viel. Der Titel allein regt schon zum Nachdenken an, denn er hat nicht nur eine einzige Bedeutung. Der Roman selbst besteht aus zwei Teilen und einem Epilog, im Anhang sind erwähnte Bücher und Lieder aufgelistet.
Ich-Erzähler Gigio blickt nach 50 Jahren auf jenen Sommer zurück, der – nicht nur – sein Leben verändert hat. Die Geschichte ist in verschachtelten Sätzen, aber mit so viel Schwung erzählt, dass es einen geradezu wie in einem Sog in die Geschehnisse 1972 hineinzieht; temporeich wie ein Giro d´Italia. Es erscheint einem auch vollkommen plausibel, dass der Erzähler diese Geschichte auch wirklich persönlich erlebt hat. Und das nicht nur, weil er die Leser ab und zu direkt anspricht. Veronesi spielt mit Wörtern, er gibt so bildhaft wieder, dass Geräusche oder Gerüche direkt während des Lesens entstehen, denen man sich nicht entziehen kann. Die gesamte Atmosphäre und die Charaktere sind sehr authentisch gezeichnet.
Veronesi erzählt langsam, und es dauert, bis sich die Geschichte ihrem Höhepunkt zuwendet. Dennoch wird das Buch an keiner Stelle langweilig, denn all die kleinen Erlebnisse, alle Details, die uns Gigio vermittelt, prägen sich ein und sind überaus wichtig, um auch das Ende zu verstehen. Erst wenn man die Hintergründe und Eigenheiten der Personen kennt, kann man verstehen, wie sie letztendliche reagieren und warum sie das tun.
Wer sich für Sport begeistert, wird viele Namen und Ereignisse wiedererkennen; wer die Musik jener Zeit mag, liegt mit dieser Geschichte ebenso richtig; wer sogar selbst einen Sommer jener Zeit an einem italienischen Strand verbringen durfte, wird sich zurückversetzt fühlen in seine eigene Kindheit und Jugend.
Als Erwachsener arbeitet der Protagonist als Übersetzer. Doch schon als Zwölfjähriger stellt er fest, wie schwierig es sein kann, manche Wörter in eine andere Sprache zu übertragen. Manches lässt sich sogar überhaupt nicht mit einem Wort wiedergeben. Und er hat auch recht damit, dass man einiges – vor allem wenn es aus dem Herzen kommt – spontan nur in der Muttersprache sagen kann, egal wie gut man die andere Sprache zu beherrschen meint.
Die Übersetzung dieser wortgewaltigen Geschichte war sicher eine Herausforderung. Und bestimmt ging hier auch einiges beim Übersetzen verloren. Ein Lesen des italienischen Originaltextes lohnt sich hier auf alle Fälle. Aber auch in der vorliegenden deutschen Fassung bleibt das Buch für mich ein absoluter literarischer Höhepunkt des Jahres. Schwarzer September stellt für mich daher ein Fünf-Sterne-Plus-Werk dar.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Das Haus auf dem Karst

Alma
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Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alma in ihre Heimatstadt Triest zurück - eine Stadt an der Grenze zwischen Ost und West. Hier begegnet sie Vili wieder, ihrer Jugendliebe, der ihr nun das väterliche Erbe ...

Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alma in ihre Heimatstadt Triest zurück - eine Stadt an der Grenze zwischen Ost und West. Hier begegnet sie Vili wieder, ihrer Jugendliebe, der ihr nun das väterliche Erbe übergeben soll. Zwischen den Erinnerungen an die Habsburger Kaffeehäuser ihrer Großeltern, an endlose Kindheitssommer und die Straße gen Osten, auf der ihr Vater einst immer wieder verschwand, wird Alma mit Fragen nach Herkunft, Liebe und Identität konfrontiert. Und da ist auch der Schatten des Krieges jenseits der Grenze, der ihre Liebe zu Vili vor vielen Jahren erschüttert hat ...
Das Cover lässt eher ein beschauliches Urlaubsabenteuer als diese tiefgreifende Geschichte erwarten. Die großen Abschnitte Insel, Stadt, Krieg und Erbe sind in Kapitel unterteilt. Die Sätze sind meist lang und verschachtelt, die Sprache insgesamt sehr bildhaft und fesselnd. Wenige eingestreute Schwarz-Weiß-Fotos bestärken den Wahrheitsgehalt der Geschichte.
Die Rahmenhandlung umfasst gerade einmal drei Tage, die Alma, 53, nach vielen Jahren in ihrer Heimatstadt Triest und auf Insel der Kommunisten verbringt. Vor dem Hintergrund dieser Gegenwartsschiene blickt die Protagonistin auf ihre Kindheit und Jugend zurück. Dabei vermeidet die Autorin konkrete Jahreszahlen, Namen oder Ortsbezeichnungen; daher kommt es zu etlichen Zeitsprüngen und oft werden die Geschehnisse nicht konkret beschrieben, sondern nur leicht angedeutet. Selbst Situationen, die sich auf den (Balkan-)Krieg beziehen, werden meist nicht konkret ausgeführt, sondern eher nur in bedrückenden Bildern dargestellt. Und gerade dieses Ungesagte und diese Ungewissheit machen das Thema Krieg dadurch sehr beklemmend und auch gar nicht mehr auf eine bestimmte geografische Region beschränkt.
Der erste Roman von Federica Manzon, der auch in die deutsche Sprache übersetzt wurde, ist keine leichte Kost, denn die Geschichte erfordert Zeit. Die Ausnahmestellung der Stadt im Osten Italiens überträgt sich auf die Menschen, die dort leben. Die Zerrissenheit durch unterschiedliche Volksgruppen und Kulturen ist daher auch Teil von Almas Charakter. Ihr Leben ist genau wie das ihres Vaters von Unrast geprägt. Historische Kenntnisse können beim Lesen durchaus von Vorteil sein, andererseits gilt auch hier: wer genau hinsieht, kann die verschiedenen Situationen auch auf andere Orte oder Zeiten übertragen und daraus seine Schlüsse ziehen. Kriege entstehen nicht von heute auf morgen; Beziehungen und Missverständnisse zwischen Menschen ebenso wenig.
Manzon ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der die Themen Zugehörigkeit, Identität, Erinnerung und Verlust in leise, aber sehr wirkungsvolle Worte zu verpacken.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Ein alter Fall mit neuer Wendung

Solothurn ruft nach Vergeltung
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Kurz vor der Preisverleihung bei den Solothurner Filmtagen wird Filmemacher Tom Kurti ermordet aufgefunden. Seine Dokumentation über Frauenhass und Femizid ist umstritten und macht ihm Feinde. Chefermittler ...

Kurz vor der Preisverleihung bei den Solothurner Filmtagen wird Filmemacher Tom Kurti ermordet aufgefunden. Seine Dokumentation über Frauenhass und Femizid ist umstritten und macht ihm Feinde. Chefermittler Dominik Dornach muss bei seinen Ermittlungen dennoch schnell feststellen, dass die Hintergründe der Tat tiefer reichen. So erinnert sich an einen alten Fall, der aber gefährlich in die Gegenwart reicht.
Schon das Cover verrät, dass es im Buch um Recht und Gerechtigkeit, aber auch Vergeltung geht. Die Kapitel haben eine angenehme Länge und der Schreibstil ist von Beginn an fesselnd. Der direkte Einstieg ins Buch geschieht über zwei Zitate; am Ende ist ein Glossar eingefügt, das schwyzerdütsche Ausdrücke erklärt.
Für den Ermittler Dornach ist es schon der siebte Kriminalfall, für mich ist es allerdings der erste „Besuch“ in Solothurn. Dennoch, man lernt alle Charaktere und deren Eigenheiten sehr gut kennen, sodass der Krimi auch gut als geschlossener Fall gelesen werden kann. Dornachs Team wird gut vorgestellt und auch das Privatleben der Hauptpersonen nimmt einen großen Stellenwert in dieser Geschichte ein.
Als Regionalkrimi weist das Buch sprachliche Besonderheiten, geografische Details, Beschreibungen der Umgebung, also insgesamt Lokalkolorit auf - und wirkt dadurch auch sehr authentisch. Dem Autor gelingt es aber sehr gut, vor diesem Hintergrund auch „Internationales“ zu kombinieren. Neben archaischen Familienstrukturen und dem Thema Ehrenmord taucht dann auch schon einmal eine Undercover-Agentin oder ein Helikopter im Geschehen auf.
Das Mordopfer ist mit dem Filmemacher ein Mann, doch das wichtige Thema Femizid zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Zusammen mit häuslicher Gewalt, Mobbing oder sexueller Belästigung, greift der Autor hier wichtige Themen auf. Als Lesender verdächtigt man daher gleich einen bestimmten Personenkreis. Dass gar nicht immer alles so ist, wie es scheint, bringt eine überraschende Wendung zutage.
Insgesamt ist hier ein spannender Krimi mit aktuellem Bezug gelungen. Manches hätte ich mir noch ausführlicher gewünscht; das mag allerdings auch daran liegen, dass dies mein erstes Zusammentreffen mit Dornach und seinem Team war.

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Veröffentlicht am 17.12.2025

Musik schafft Erinnerungen

Before I met Supergirl
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Rea Garvey gibt hier in Erinnerungen sein Leben wieder, das untrennbar mit Irland verbunden ist. Er tut dies sehr ehrlich, humorvoll und manchmal ernst. So sind Geschichten entstanden von Verlust und Liebe, ...

Rea Garvey gibt hier in Erinnerungen sein Leben wieder, das untrennbar mit Irland verbunden ist. Er tut dies sehr ehrlich, humorvoll und manchmal ernst. So sind Geschichten entstanden von Verlust und Liebe, von Angst und Aufbruch, und natürlich auch vom unerschütterlichen Traum, Musik zum Kompass zu machen. Sie laden auch zum Nachdenken ein: woher kommen wir, was prägt uns – und warum Glaube manchmal der einzige Halt ist.
Mit seinem neongrünen Buchrücken und Lesebändchen fällt das Cover direkt auf; Grün, Weiß und Rot finden sich als Farben Irlands auch sonst darauf wieder – neben der Zeichnung des halben Gesichts des Musikers und Autors. Der Verweis auf eine Playlist liefert auch den richtigen Soundtrack zur Lektüre. Vorwort und Danksagung sind in englischer Sprache verfasst; die Kapitelüberschriften sind oft Liedtitel. Zusätzlich lässt der Autor verschiedene Ogham-Schriftzeichen wie einen roten Faden durchs Buch ziehen. Als Ich-Erzähler gibt Rea Garvey auf sehr persönliche und bodenständige Art chronologisch die Geschehnisse seit seiner Kindheit wieder. Fast fühlt man sich beim Lesen als säße der Songwriter einem gegenüber.
Wenn Garvey Musik als Sprache ohne Wörter bezeichnet, so gelingt es ihm als Autor doch großartig mit diesen Wörtern umzugehen. Er erzählt aus seiner Kindheit, von seiner Zeit an der Universität oder als Mitglied von Musikgruppen. Es blitzt sehr viel Humor auf, aber auch Zweifel, Misserfolg und oft Unsicherheit; neben Glück spielt vor allem auch Garveys Glaube eine sehr große Rolle in seinem Leben. Das Vertrauen in Gott, aber auch das unerschütterliche Vertrauen, das seine Eltern in ihn und seine Schwestern, und das andererseits die Kinder ebenso in Ihre Eltern setzen wird in vielen Abschnitten spürbar. Reas Eltern gaben Rat und Unterstützung ohne sich einzumischen; nicht zuletzt durch deren Halt konnte er zu dem Menschen werden, der er nun ist.
Man muss Rea Garveys Musik weder kennen noch lieben, um in diesem Buch regelrecht versinken zu können. Eine lesenswerte Geschichte eines Menschen und Musikers.

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