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Veröffentlicht am 07.05.2026

Ein Leben im Verborgenen

The Artist
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Der englische Journalist Joseph Adelaide darf im Sommer 1920 den öffentlichkeitsscheuen Maler Edouard Tartuffe in seinem abgelegenen Landhaus in der Provence interviewen. Allerdings muss er dem „Meister ...

Der englische Journalist Joseph Adelaide darf im Sommer 1920 den öffentlichkeitsscheuen Maler Edouard Tartuffe in seinem abgelegenen Landhaus in der Provence interviewen. Allerdings muss er dem „Meister des Lichts“ dafür Modell sitzen. Rätselhafter als der Künstler selbst ist Tartuffes Nichte Ettie, die ihm den Haushalt führt und sich auch sonst um ihren Onkel kümmert. Ettie und Joseph kommen sich langsam näher und der Journalist entdeckt schließlich ihr Geheimnis.
Das Cover verweist einerseits auf die Lavendelfelder des Schauplatzes, durch die satt aufgetragene Farbe andererseits aber auch auf das Thema „Malen“ und „Licht“. Der Roman besteht aus vier Teilen. Die kurzen Kapitel sind abwechselnd aus Josephs und Etties Sicht im Präsens wiedergegeben. Anmerkungen der Autorin am Ende runden die Geschichte ab. Die Sprache ist leise und ruhig, vor allem aber sehr bildhaft. Fast meint man die sommerliche Hitze oder gar die gesamte Atmosphäre zu spüren. Abgesehen vom Prolog und vom letzten Teil des Buchs, spielt die Handlung innerhalb des Sommers von 1920 und erzählt von Joseph, Ettie und Tartuffe. Gedankliche Rückblenden informieren über deren bisherige Erlebnisse. Dadurch entsteht ein komplettes Bild der Charaktere und ihre Handlungen und Reaktionen werden realistisch und nachvollziehbar. Neben den drei fiktiven Protagonisten tauchen auch reale Persönlichkeiten jener Zeit auf.
Angefangen beim exzentrischen und dominanten Maler sind die Figuren überzeichnet und die Geschichte insgesamt an etlichen Stellen kitschig und auch vorhersehbar. Das im Klappentext angedeutete „Geheimnis“ kam dann doch anders heraus, als ich angenommen hatte. Ich hatte mir für Ettie einen anderen Ausweg vorgestellt. Schon zu lange hatte sie ihr Leben den Bedürfnissen und Anforderungen ihres Onkels untergeordnet. Dennoch – das Buch zeigt auf, wie sehr Kunst von Männern „erschaffen“ und „beherrscht“ wurde.
Leider enthält das Buch auch einige Tippfehler und etliche doppelte Wörter. Das ist schade, denn an sich hätte dieser Roman ein genaueres Korrekturlesen verdient. Auch wenn die Geschichte Lust auf einen Aufenthalt in der Provence macht, handelt es sich um keinen leichten Sommerroman. Vielmehr ist es eine komplexe Geschichte, die Aufmerksamkeit erfordert und zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 29.03.2026

Geheimnisse der Natur und des Lebens

Das Jahr der Schmetterlinge
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Lea Korsgaard hat sich vorgenommen, alle dänischen Schmetterlingsarten innerhalb eines einzigen Jahres zu sehen. Ohne etwas über Schmetterlinge zu wissen, hält sie an ihrem Vorhaben fest, erstellt Listen, ...

Lea Korsgaard hat sich vorgenommen, alle dänischen Schmetterlingsarten innerhalb eines einzigen Jahres zu sehen. Ohne etwas über Schmetterlinge zu wissen, hält sie an ihrem Vorhaben fest, erstellt Listen, besucht entlegene Orte. Ihre Suche führt darüber hinaus aber auch zu philosophischen Fragen über das Leben.
Das Cover zeigt detailliert gezeichnete Pflanzen und einen Schmetterling, der sich gerade davon wegbewegt. Hinter den Blüten und Blätter könnten sich aber noch weitere Falter verbergen, denn oft liegt das Schöne im Verborgenen. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, einige Bildtafeln zeigen die dänischen Tagfalter, die derzeit noch existieren. Am Ende des Buchs befindet sich ein umfangreiches Quellenverzeichnis für am Thema Interessierte.
Die Autorin legt das Buch aus der Ich-Perspektive wie eine Art Tagebuch an. Der Sprachstil ist daher flüssig. Beginnend mit Januar, schreibt sie alle ihre Erlebnisse zum Auffinden aller dänischer Schmetterlingsarten innerhalb eines Jahres auf. Das Werk ist jedoch kein reines Sachbuch, das sich auf das Aussehen und die Lebensräume dieser Tiere beschränkt. Die Autorin baut Anekdoten aus ihrer Familie ein und beschäftigt sich über diese Insekten vor allem mit philosophischen Gedanken und Fragen.
Die Metamorphose der Raupe zum geflügeltem Tier ist hier auch im übertragenen Sinn zu verstehen. So erfährt man vieles über die Symbolik der Schmetterlinge in Bezug auf Geschichte, Mythologie, Religion oder Psychoanalyse. Die tagaktiven Schmetterlinge beschreibt die Autorin in der Natur, aber auch als Objekte in der darstellenden Kunst oder Literatur. Im Lauf des Buchs fallen daher auch zahlreiche Namen von Schmetterlingsexperten, Schmetterlingssammlern, Schriftstellern oder Philosophen. Im Zusammenhang mit dem Rückgang der Anzahl von Tierarten spricht das Buch auch den Arten- und Naturschutz an.
Auch wenn der Autorin oft nicht viel Zeit zum Aufspüren mancher Arten bleibt, entschleunigt es doch auf eine Weise beim Lesen. Das Suchen erfordert Geduld und genaues Hinsehen. Und es kann einem auch den Anstoß geben, lang geplante Projekte jeder Art endlich anzugehen.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Reisende in der Wildnis dieser Welt

Der letzte Leuchtturm
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Ein hartherziger Leuchtturmwärter und sein sonderbarer Sohn Ouse sind seit dem Tod der Mutter die einzigen Bewohner von Muckle Flugga, der nördlichsten Shetland-Insel. Ouse strickt farbenfrohe Pullover ...

Ein hartherziger Leuchtturmwärter und sein sonderbarer Sohn Ouse sind seit dem Tod der Mutter die einzigen Bewohner von Muckle Flugga, der nördlichsten Shetland-Insel. Ouse strickt farbenfrohe Pullover und sein einziger Freund ist der Geist des Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Der schwermütige Autor Firth aus Edinburgh mietet eine Hütte auf der Insel. Er will den Lieblingsvogel seines Großvaters finden und danach sein Leben beenden. Als er an diesem magischen Ort Ouse und sein künstlerisches Talent kennenlernt, freundet er sich mit dem Jungen an, und will ihn mit nach Edinburgh nehmen. Durch das Tauziehen zwischen Vater und Firth scheint ein Sturm über Muckle Flugga zu entstehen …
Das Cover ist großteils in den schottischen Nationalfarben weiß und blau gehalten. Ein Leuchtturm sticht aus den mächtigen Wolken hervor, die sich bis auf die Rückseite des Buchs ausbreiten. Schon der Prolog bringt einem die extremen Lebensbedingungen der nördlichsten bewohnten Insel des Königreichs näher. Bereits hier fällt der markante Schreibstil des Autors auf, der sich in sämtlichen folgenden Kapiteln fortsetzt.
Pedersen spielt geradezu mit den Wörtern, Seine Sprache ist sehr bildhaft, an vielen Stellen poetisch, an anderen – vor allem wenn es um den alten Leuchtturmwärter geht – oft derb. Ausnahmslos fesselt einen aber jeder Satz dieses Romans. Die Übersetzung dieser Geschichte war sicher nicht einfach; gerade auch was die ausgesprochenen Wörter des Vaters betrifft, der im Dialekt spricht (und manchmal auch denkt). Ich kann nicht beurteilen, ob etwas vom Gemeinten verloren gegangen ist, aber alles, was in diesem Buch zu lesen ist, zeugt von einer überwältigenden Wortgewalt und überzeugt auch vollkommen in der deutschen Übersetzung von Stephan Kleiner.
Die gesamte Geschichte wird aus Sicht von den drei Hauptpersonen Ouse, Vater und Firth wiedergegeben. Dies geschieht entweder rein durch Ihre Gedanken oder in Dialogen. Jeder der drei hat eine Geschichte hinter sich, und dadurch auch eine eigene Art Dinge zu tun oder auf unterschiedliche Art darauf zu reagieren. Das Verhältnis der Personen untereinander ist ein wichtiger Aspekt in diesem Werk; genau wie die Beschreibungen der Insel, der Natur oder Ouses Bibliothek. Viel wichtiger als die Geschichte ist in diesem Roman aber die beeindruckende Sprache. Dieser außergewöhnliche Sprachstil verleiht dem Buch eine Qualität, die man tatsächlich – leider - nicht oft antrifft.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Erinnerungsreisen

Die Geister von La Spezia
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Der Dichter Percy Bysshe Shelley ertrinkt 1822 bei einem Schiffsunglück. Während seine Witwe, Mary Shelley, die berühmt-berüchtigte Autorin von Frankenstein, um ihn trauert, gibt es Zweifel, ob Shelleys ...

Der Dichter Percy Bysshe Shelley ertrinkt 1822 bei einem Schiffsunglück. Während seine Witwe, Mary Shelley, die berühmt-berüchtigte Autorin von Frankenstein, um ihn trauert, gibt es Zweifel, ob Shelleys Tod tatsächlich ein Unglück war. Mittels einer Erinnerungsreise soll die Spezialagentin Pat Colombari die Umstände seines Todes aufklären. Mithilfe fantastischer Technologie führt sie Mary in die Vergangenheit zurück, lernt Lord Byron und dessen geheimnisvollen Keller kennen, und wird Zeugin unerklärlicher Geschehnisse.
Das Cover zeigt eine stürmische Nacht am Meer, mit beleuchteter Villa, einem Segelschiff in der tobenden See und zwei Gestalten, die aufs Wasser schauen. In dunklen Farben gehalten spiegelt das Bild die düstere und geheimnisvolle Stimmung der Geschichte wider. Am Anfang des Buchs ist eine Landkarte des ligurischen Küstenabschnitts abgebildet, in dem Shelley verunglückte. Im Nachwort gibt der Autor zahlreiche Literaturhinweise, die auf die gründliche Recherche zu diesem Roman hinweisen.
Das Buch besteht aus fünf Teilen, die wiederum in Kapitel unterteilt sind. Plaschka lässt durch seine bildhafte Sprache die Orte und auch die Atmosphäre vor den Augen der Leser entstehen; historische Fakten mischt er mit übernatürlichen Geschehnissen. Die Charaktere sind authentisch dargestellt.
Detektivin Patricia Colombari begibt sich mittels Mnemoskopie in die Gedanken von Mary Shelley und erlebt auf diese Weise wichtige Abschnitte aus deren Leben auch ganz persönlich. Diese Grundidee, die Geschehnisse aus der Erinnerung von Mary Shelley nachvollziehen zu können, gefällt mir sehr gut. Die Realisierung selbst empfinde ich allerdings als nicht ideal. Die Geschichte nur aus Marys Sicht zu erzählen, erschien dem Autor wohl zu einseitig. Daher ermöglichte er Pat, sich innerhalb von Marys Erinnerungen auch in die Gedanken weiterer Personen einzuklinken. Zusätzlich gibt es eine Art weitere eingestreute Handlung, in der Pat mit gleichgesinnten Erinnerungsreisenden in Verbindung tritt. Dieses Konstrukt macht den Roman leider unübersichtlich und kompliziert, denn es gibt zahlreiche zeitliche und geografische Sprünge.
Weiters störten mich auch die vielen Dialoge. Deren Inhalte hätte ich mir lieber aus Erzählersicht gewünscht – der Autor wäre auf jeden Fall in der Lage, das Gesprochene auf andere Weise umzusetzen. Erst ziemlich am Ende des Buches hat mir die Geschichte wieder richtig gut gefallen. Die Spannung aus dem Prolog war zurückgekehrt.
Ansonsten war die Sicht auf das Leben der britischen Schriftsteller in Italien recht interessant. Die Rückschau auf deren Leben und die eingestreuten Auszüge aus deren literarischen Werken geben einen wirklich guten Einblick in die damalige Zeit.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Der Sonnenduft

Schwarzer September
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Es ist der Sommer 1972 mit Schachweltmeisterschaft und Olympischen Spielen. Für diese Themen interessiert sich der zwölfjährige Gigio, der den Sommer mit seiner Familie in Fiumetto an der ligurischen Küste ...

Es ist der Sommer 1972 mit Schachweltmeisterschaft und Olympischen Spielen. Für diese Themen interessiert sich der zwölfjährige Gigio, der den Sommer mit seiner Familie in Fiumetto an der ligurischen Küste verbringt, Und er interessiert sich für die Strandnachbarn, vor allem für die dreizehnjährige Astel, deren Mutter aus Äthiopien stammt. Gigio und Astel verbringen viel Zeit zusammen, in der sie unter anderem Songtexte übersetzen. Als Astels Vater ermordet wird, während in München die Terrorgruppe „Schwarzer September“ einen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft verübt, soll Gigios Vater die Verteidigung der verdächtigten Ehefrau übernehmen.
Ein Strand am blauen Meer; drei Jugendliche erholen sich schlafend im Sand. Soweit zum Cover, das einen die drückende Hitze eines Sommers spüren lässt. Und zu spüren gibt es in diesem Buch sehr viel. Der Titel allein regt schon zum Nachdenken an, denn er hat nicht nur eine einzige Bedeutung. Der Roman selbst besteht aus zwei Teilen und einem Epilog, im Anhang sind erwähnte Bücher und Lieder aufgelistet.
Ich-Erzähler Gigio blickt nach 50 Jahren auf jenen Sommer zurück, der – nicht nur – sein Leben verändert hat. Die Geschichte ist in verschachtelten Sätzen, aber mit so viel Schwung erzählt, dass es einen geradezu wie in einem Sog in die Geschehnisse 1972 hineinzieht; temporeich wie ein Giro d´Italia. Es erscheint einem auch vollkommen plausibel, dass der Erzähler diese Geschichte auch wirklich persönlich erlebt hat. Und das nicht nur, weil er die Leser ab und zu direkt anspricht. Veronesi spielt mit Wörtern, er gibt so bildhaft wieder, dass Geräusche oder Gerüche direkt während des Lesens entstehen, denen man sich nicht entziehen kann. Die gesamte Atmosphäre und die Charaktere sind sehr authentisch gezeichnet.
Veronesi erzählt langsam, und es dauert, bis sich die Geschichte ihrem Höhepunkt zuwendet. Dennoch wird das Buch an keiner Stelle langweilig, denn all die kleinen Erlebnisse, alle Details, die uns Gigio vermittelt, prägen sich ein und sind überaus wichtig, um auch das Ende zu verstehen. Erst wenn man die Hintergründe und Eigenheiten der Personen kennt, kann man verstehen, wie sie letztendliche reagieren und warum sie das tun.
Wer sich für Sport begeistert, wird viele Namen und Ereignisse wiedererkennen; wer die Musik jener Zeit mag, liegt mit dieser Geschichte ebenso richtig; wer sogar selbst einen Sommer jener Zeit an einem italienischen Strand verbringen durfte, wird sich zurückversetzt fühlen in seine eigene Kindheit und Jugend.
Als Erwachsener arbeitet der Protagonist als Übersetzer. Doch schon als Zwölfjähriger stellt er fest, wie schwierig es sein kann, manche Wörter in eine andere Sprache zu übertragen. Manches lässt sich sogar überhaupt nicht mit einem Wort wiedergeben. Und er hat auch recht damit, dass man einiges – vor allem wenn es aus dem Herzen kommt – spontan nur in der Muttersprache sagen kann, egal wie gut man die andere Sprache zu beherrschen meint.
Die Übersetzung dieser wortgewaltigen Geschichte war sicher eine Herausforderung. Und bestimmt ging hier auch einiges beim Übersetzen verloren. Ein Lesen des italienischen Originaltextes lohnt sich hier auf alle Fälle. Aber auch in der vorliegenden deutschen Fassung bleibt das Buch für mich ein absoluter literarischer Höhepunkt des Jahres. Schwarzer September stellt für mich daher ein Fünf-Sterne-Plus-Werk dar.

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