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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.01.2026

Spannende Satire

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Kristof Magnusson ist mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ ein ausgezeichneter Roman gelungen, nach meiner Einschätzung eher eine Satire bzw. Parodie zum Genre „Spionagethriller“ als ein Abenteuerroman ...

Kristof Magnusson ist mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ ein ausgezeichneter Roman gelungen, nach meiner Einschätzung eher eine Satire bzw. Parodie zum Genre „Spionagethriller“ als ein Abenteuerroman wie im Klappentext angekündigt. Ein raffinierter Prolog zeigt die Gefahren auf, in der Spione leben. Der Leser weiß aber lange Zeit nicht, in welche Richtung die Handlung läuft und was die Protagonisten miteinander erleben. Da ist zunächst einmal Dieter Germeshausen, ein eher einfach gestrickter kulturell desinteressierter Mann, der aus gekränkter Eitelkeit zum Doppelspion wird und der befürchten muss, dass er auffliegen wird, nachdem der Kalte Krieg beendet wurde. Dann der sympathische junge Dichter Jakob Dreiser, früh erfolgreich, sehr kommunikativ, aber von seinem Leben gelangweilt. Die von einem Botschafter der USA in Rom zurück gelassene Dominique Fishbowl, Alkoholikerin, aber mit dem richtigen Durchblick sowie die von allen unterschätzte Francesca Aquatone, die russischen Botschaftsangehörigen in Rom die italienische Sprache und wohl noch andere Dinge vermittelt. Auf diese Ausgangslage muss man erst einmal kommen, zumal es noch weitere interessante Charaktere gibt. Das Buch ist durchzogen von Seitenhieben auf die deutsche, italienische und sowjetische Gesellschaft und das Lesen bereitet höchstes Vergnügen. Gefallen hat mir auch, dass es anders als in typischen Spionagethrillern kaum Gewalt und keine Toten gibt und dass die typische schwarz-weiß-malerische Unterscheidung von Gut und Böse fehlt. Auch wenn die Handlung nicht durchweg ernst zu nehmen ist, fand ich den Roman spannend und kann ihn nur sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Tiefsinnige Erzählungen

Der Fluss der Zeit
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Fünf bisher unveröffentlichte Erzählungen aus dem Nachlass des bekannten Autors Pascal Mercier († 2023). Alle tiefsinnig, teils tragikomisch, nachdenklich, teils beklemmend, teils zum Schmunzeln, auch ...

Fünf bisher unveröffentlichte Erzählungen aus dem Nachlass des bekannten Autors Pascal Mercier († 2023). Alle tiefsinnig, teils tragikomisch, nachdenklich, teils beklemmend, teils zum Schmunzeln, auch abstrus. Es geht um das Erinnern, um Brüche im Leben, um Beziehungen. Die Personen werden vom Autor mit ironischer Distanz sehr gut beobachtet und agieren unerwartet, aber überwiegend nachvollziehbar. Ein sprachliches Highlight, die Pointen sitzen.
Einzige Kritik: Warum muss ein so kurzes Buch so teuer sein? Andererseits ist jede Seite ihr Geld wert auch in Relation zu anderen Dingen des Lebens wie Essen gehen und Verreisen.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Tragische historische Ereignisse und der Versuch ihrer Aufarbeitung

Zurück unter Mördern
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Weniger Krimi, mehr zeitgeschichtlicher Roman, in dessen Mittelpunkt das (reale!) tragische Schicksal einer säkularisierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie in der Nazidiktatur und die Aufarbeitung ...

Weniger Krimi, mehr zeitgeschichtlicher Roman, in dessen Mittelpunkt das (reale!) tragische Schicksal einer säkularisierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie in der Nazidiktatur und die Aufarbeitung oder auch „Nichtaufarbeitung“ der Nazigräuel nach Kriegsende steht. Der (fiktive) durch den Verlust seiner Frau und seinen Einsatz an der Front ebenfalls betroffene Jurist und Privatdetektiv Henry Mahler soll im in großen Teilen zerstörten Hamburg herausfinden, ob der Überlebende Oswald Lasally einen Teil seines Vermögens zurück erhalten kann und ob sein Vater Suizid begangen hat wie die Polizei damals behauptete oder ob er umgebracht wurde.
Die Handlung wird in zwei Zeitebenen geschickt erzählt. Der Autor Michael Jensen hat ausgezeichnet recherchiert und beschreibt viele Hintergründe der damaligen Vorkommnisse. Wie der Titel schon besagt, haben es nach dem Krieg viele Mitläufer und Täter in verantwortungsvolle Positionen geschafft und behindern die Aufklärung, notfalls mit Gewalt.
Im letzten Teil wird das Buch doch noch zum Thriller. Nach meinem Empfinden nimmt die Beschreibung von körperlicher Gewalt Überhand. Ich mag es nicht, wenn ich den Eindruck bekomme, dass sich ein Autor daran berauscht. Auch gefallen mir einige Formulierungen nicht, wie man sie zugegeben in vielen Thrillern findet. Deshalb lese ich z.B. nicht Bücher von Fitzek, eins hat mir gereicht.
Insgesamt hat mir das Buch trotz der vielleicht subjektiven Einschränkungen gut gefallen, besonders die historischen Geschehnisse und Zusammenhänge fand ich interessant.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Das Leben kehrt in der Nachkriegszeit zurück

In den Scherben das Licht
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„In den Scherben das Licht“ - ein passender Titel für diesen Roman von Carmen Korn, in dem es um die Sorgen und Not der Menschen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, aber ebenso um ihren Mut, ihr Geschick ...

„In den Scherben das Licht“ - ein passender Titel für diesen Roman von Carmen Korn, in dem es um die Sorgen und Not der Menschen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, aber ebenso um ihren Mut, ihr Geschick und ihren Ehrgeiz beim Wiederherstellen eines normalen Lebens geht.
Im Mittelpunkt des Romans stehen die Bewohner eines Hauses in Hamburg und ihre Bekannten (alle dem Theatermilieu bzw. dem Kulturbereich verbunden) und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen.
Korn erzählt chronologisch von 1946 bis 1955, wie sich das Leben der Protagonisten in diesen fast 10 Jahren ändert. Sie versuchen in der zerstörten Stadt zunächst mithilfe des Schwarzmarktes, am Leben zu bleiben. Ihre Familien sind durch den Krieg auseinander gebrochen. Die Menschen, eine interessante ziemlich bunte Mischung unterschiedlicher Typen mit ganz unterschiedlichen Biographien, wissen nicht, ob Angehörige und Bekannte noch leben bzw. was aus ihnen geworden ist.
Die Lebensverhältnisse verbessern sich. Das Haus wird wieder instand gesetzt, es gibt mehr zu essen, das kulturelle Angebot nimmt zu. Vermisste tauchen wieder auf. Alles wirkt durch Hinweise auf historische Ereignisse wie die Währungsreform, die Luftbrücke, die Neueröffnung von Theatern, Hotels, Restaurants und Geschäften wie auch auf Personen aus Politik und Kultur wie Ida Ehre authentisch.
Die Handlung ist zwar interessant, aber den Schreibstil fand ich gewöhnungsbedürftig. Die einzelnen Kapitel, 1-3 pro Jahr und immer auf einen Monat bezogen, werden in ungezählte kurze teilweise Dialog lastige Episoden unterteilt. Das wirkte auf mich etwas „zerstückelt“ und hat mir nicht gefallen.


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Veröffentlicht am 04.11.2025

Bewegende Geschichte

Großmutters Geheimnis
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Das Lesen des Romans lohnt sich schon allein wegen der Geschichte von Ruth, der Großmutter Alexanders, die sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts nach Jahren des Schweigens mithilfe eines Recorders auf Kassetten ...

Das Lesen des Romans lohnt sich schon allein wegen der Geschichte von Ruth, der Großmutter Alexanders, die sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts nach Jahren des Schweigens mithilfe eines Recorders auf Kassetten spricht. Es ist fast eine Biographie, angefangen mit den unbeschwerten Jahren der 1930er Jahre in Kopenhagen. Der Autor Benjamin Koppel beschreibt das Leben in einer jüdischen Großfamilie, in deren Alltag die Musik eine große Rolle spielt. Die liebevoll charakterisierten Familienmitglieder haben alle ihre Eigenarten. Mit der Annektion Dänemarks 1941 durch Nazi-Deutschland ändert sich alles zum Schlechten. Koppel vermag es geschickt, die sich immer stärker auswirkenden dramatischen Veränderungen nicht nur zu beschreiben, sondern spürbar zu machen bis hin zur Internierung von Ruth und ihrem Vater im Konzentrationslager Theresienstadt, dem Leben dort und der Befreiung aus der Haft.
Ruth, deren Kontakt nach Kopenhagen abgebrochen ist, bespricht die Bänder, während sie sich in einem amerikanischen Altenheim befindet. Auch das Leben dort wird vom Autor kritisch, aber trotzdem eher amüsant vermittelt.
In einem zweiten Erzählstrang geht es im Kopenhagen des Jahres 2015 um den Enkel Alexander, seine Lebensgefährtin Gry und seine Mutter.die egozentrische Lillian, Ruths Tochter. Nahezu alles dreht sich um den unerfüllten Kinderwunsch des jungen Paares und den mühsamen Weg, mithilfe künstlicher Befruchtung den Wunsch doch noch zu erfüllen. Die Ausführungen dazu sind nicht uninteressant, drehen sich aber langatmig mit Wiederholungen im Kreis und fallen gegenüber der Geschichte von Ruth deutlich ab. Ebenso wie das unbefriedigende Ende, in dem die Erzählstränge zusammen laufen.

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