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Veröffentlicht am 10.04.2026

Selbstfindung auf dem Land

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Sophie langweilt sich zu Tode in ihrem Praktikum und kauft kurzentschlossen für einen Spottpreis ein Haus mitten in der nordostdeutschen Provinz. Sie bricht ihr Praktikum ab, sagt niemandem Bescheid, fährt ...

Sophie langweilt sich zu Tode in ihrem Praktikum und kauft kurzentschlossen für einen Spottpreis ein Haus mitten in der nordostdeutschen Provinz. Sie bricht ihr Praktikum ab, sagt niemandem Bescheid, fährt zu ihrem Haus, einer absoluten Bruchbude ohne Strom, und zieht ein. Während sie sich dort zunächst vor dem Rest der Welt versteckt, findet sie langsam heraus, was sie eigentlich will.

Mein zweites Buch aus dem Pola-Verlag, und wieder: Der Stil der Autorin gefällt mir, sehr alltagsnah, schlau und witzig. Auch dieses Buch wird nicht mein Letztes aus dem Verlag gewesen sein, das Nächste liegt schon auf dem SUB.
Das Setting ist vielversprechend: Aussteigen, raus aufs Land ziehen und was mit den Händen machen, wer hat nicht schon mal davon geträumt, während man in einem sterbenslangweiligen Meeting sitzt? Die Story romantisiert oder beschönigt nichts: Die ersten Nächte sind hart und beängstigend, tagsüber verzweifelt Sophie regelmäßig an Renovierungsarbeiten oder dem Gemüseanbau. Aber während sie ihr Sozialleben auf Eis legt und den Fokus auf ihr Haus und ihren Garten, gewinnt sie Abstand. So kann sie sich von den Erwartungen anderer freimachen und sich selbst wieder klarer sehen. Die Fragen, die sie sich stellt, finde ich sehr spannend: Will ich wirklich, was ich will, oder denke ich nur, dass ich es wollen sollte? Will ich mein Leben so, weil ich es will, oder weil es andere von mir erwarten?

„Vielleicht haben Pauline und Moritz und alle anderen auch manchmal das Gefühl, sie würden lieber einen Kartoffelacker umgraben, statt Exceltabellen umzupflügen. Und vielleicht reagieren sie auch deshalb so empfindlich, weil sie das insgeheim selbst wissen.“

Diese Reflektionen in Verbindung mit der teils harten Realität in ihrem Haus und Garten haben die Geschichte für mich abwechslungsreich und authentisch gemacht. Ich konnte während des gesamten Buches mit Sophie mitfühlen und fand ihre Gedanken nachvollziehbar, gerade weil sie oft widersprüchlich sind. Genau diese Widersprüchlichkeit, ihr Zögern und ihre Unsicherheit haben mir extrem gut gefallen.

„Ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt zum Gehen ist, aber nicht, wenn der Apfelbaum blüht und das goldene Abendlicht sich in den Zweigen fängt und auf meinem Scheunendach eine Nachtigall singt.“

Etwas unrund fand ich die Figuren aus der Provinz, diese fühlten sich für mich oft ein wenig zu sehr nach Klischee an. Ein paar positive Überraschungen waren trotzdem dabei. Sophie selbst und ihre Freund:innen fand ich dagegen sehr gelungen.
Das Ende hat mich irgendwie nicht überzeugt, es fühlte sich nicht richtig an. Es war zwar schlüssig, ich hätte mir aber ein konsequenteres Ende gewünscht.
Dieses Buch ist eine gute Gelegenheit, selbst innezuhalten und zu reflektieren, ob einen das Leben, das man führt, eigentlich glücklich macht. Natürlich kann nicht jede:r einen so harten Schnitt machen, wie Sophie es tut, aber der Perspektivwechsel kann durchaus nützlich sein.

Der Schreibstil und die Gedanken und Gefühle Sophies haben das Buch für mich zu einer angenehmen Lektüre gemacht, Punktabzug gibt es für das Ende und die teils stereotypen Figuren.

Wer selbst mit dem Gedanken spielt, sein Leben (radikal) zu verändern, kann hier Mut und Inspiration finden, aber auch eine gute Portion Realismus.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Geschichte oder Geographie - was definiert uns?

Alma
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Alma kehrt aus Rom zurück in ihre Heimatstadt Triest. Dort verbringt sie ein paar Tage, besucht Orte aus ihrer Kindheit und Jugend und hängt Erinnerungen nach. Diese drehen sich vor allem um ihren Vater, ...

Alma kehrt aus Rom zurück in ihre Heimatstadt Triest. Dort verbringt sie ein paar Tage, besucht Orte aus ihrer Kindheit und Jugend und hängt Erinnerungen nach. Diese drehen sich vor allem um ihren Vater, der immer wieder ins damalige Jugoslawien verschwindet und nur unregelmäßig für ein paar Tage zu seiner Familie zurückkehrt, und Vili, ihre erste Liebe, den ihr Vater irgendwann aus Belgrad mitbringt und der fortan bei ihnen aufwächst. Auch Triest selbst spielt eine große Rolle.

„In den Zeitungen heißt es, Zugehörigkeit werde immer wichtiger, am besten durch Abstammung. Sie wüsste nicht zu sagen, wohin sie gehört, nicht einmal ihre Stadt weiß es: Man nennt sie ‚Stadt aus Papier‘, weil sie sich stets als Teil einer Nation begriffen hat, die nicht die ihre ist, sie dachte an Österreich, träumte von einem Slawenreich, sogar von der garibaldischen Nation, doch dann ist sie allem fremd geblieben, vor allem sich selbst.“

Geschichte vs. Geografie, das ist das große Motiv dieses Romans: Was prägt uns? Ist es der Ort, an dem wir aufwachsen, oder die Geschichte unserer Familie? Almas Vater und ihr Großvater haben hierzu sehr unterschiedliche Ansichten… Aber wohin gehört Alma? Nach und nach entblättern sich durch die Erinnerungen Almas ihre Identität und Familiengeschichte und mit ihnen auch diejenige Triests und die des ehemaligen Jugoslawiens.

Die Handlung wird episodenhaft erzählt mit großen Lücken. Gleichzeitig springt die Geschichte immer wieder zwischen den Erinnerungen Almas und ihrer Gegenwart hin und her. Dies ist nicht immer leicht zu erkennen und hat mich stellenweise verwirrt, sodass ich einige Abschnitte mehrmals lesen musste. Auf der anderen Seite erzeugt diese Art des Erzählens ein Gefühl der Gleichzeitigkeit, des Verschwimmens der zeitlichen Grenzen und des Ineinanderfließens der zeitlichen Ebenen. Hierdurch verbindet sich die Form des Romans wunderbar mit seinen Themen. Inhaltlich fand ich vor allem die Stellen spannend, in denen es um den Zerfall Jugoslawiens und die folgenden Kriege geht, von denen ich viel zu wenig weiß.

„Doch für Alma ist die Stadt ihrer Kindheit ein Ort der Zersplitterung, ein Kaleidoskop möglicher Leben – all der Leben, die ihre hätten sein können, hätte sie sich für diesen, statt für jenen Weg entschieden, hätte sie etwas treu zu bleiben und menschliche Beziehungen zu pflegen vermocht wie ihre Mutter die Rosen, mit Stecklingen im selben Topf.“

Die Figuren im Buch spiegeln die sowohl historisch als auch geografisch bedingte kulturelle Vielfalt Triests wider. Almas Großeltern mütterlicherseits, bei denen sie zeitweise lebt, haben österreichische Wurzeln, repräsentieren die lange Dominanz Österreich-Ungarns über Triest und sprechen mit ihr Deutsch oder den städtischen Dialekt. Vili kommt aus Belgrad und kehrt auch später dorthin zurück, er verliert seinen Belgrader Akzent nie. Ganz nebenbei zeigt sich hier, wie sehr Sprache Zugehörigkeit oder Anderssein ausdrückt. Woher ihr Vater genau kommt, findet Alma nie heraus, auch wenn sie ihn danach fragt. Alle Figuren haben ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Welt, die der Roman mir sehr eindringlich nahebringt. Entsprechend empfand ich die Konflikte zwischen den Figuren als sehr schmerzhaft, gleichzeitig waren diese Stellen für mich die Stärksten im Buch.

An einer Stelle sagt Almas Vater über Tito: „Wir folgten ihm und schrieben für ihn. Doch all unser Schreiben und unser Bestreben, uns vor der Außenwelt zu schützen, führte dazu, dass wir eine Schmierenkomödie aufführten, den Stolz auf unsere Identität anheizten und dem Nationalismus damit den Weg ebneten. Bei Titos Tod fanden sie den Boden gut bereitet und konnten mit der Politik loslegen, die sie im Sinn hatten.“

Die Sprache ist zurückgenommen, fast zart. Durch die Verschachtelungen muss man etwas aufpassen, wird aber belohnt mit gelungenen Formulierungen. Der Stil hat mich sehr beeindruckt und eine richtige Sogkraft entwickelt; auch durch die Übersetzung scheint mir hier nichts verlorenzugehen.

„Die Stadt hat sich immer weit über ihre Leben gespannt, über ihres und das ihres Vaters und Vilis: Ein Magnet, der sie umtrieb, sie flüchten und wiederkehren ließ und in den Menschen, die sie liebten, den Verdacht nährte, nur ein der Verbundenheit mit der Stadt dienlicher Zufall zu sein, die ohnehin stets darin glänzte, das Bleiben unmöglich und das Gehen herzzerreißend zu machen.“

Ein wunderbares Buch, das ich wirklich gern gelesen habe, und über das ich noch viel nachdenken werde. Außerdem macht es Lust, nach Triest zu fahren oder gar noch etwas weiter über die Grenze…

„Ihre Eltern hatten sie mit neurotischer Halsstarrigkeit vor der Erinnerung beschützt, und das hatte sie unbeschwert groß werden lassen, ohne Blei an den Fesseln. Doch jetzt tauchten diese Bruchstücke Geschichte auf. Splitter eines Ganzen, dessen Form nur erahnbar war, und sie wogen schwer und waren zugleich großartig: Am liebsten wäre sie stehen geblieben, um sie wie einen Bernstein zu betrachten. Stattdessen gingen sie weiter, denn nur im Gehen setzt sich die Erzählung fort.“

Wer Lust hat auf tolle Literatur über Triest, über Fragen von Identität und Herkunft, über Jugoslawien, seinen Zerfall und die folgenden Kriege, dem kann ich dieses Buch wirklich wärmstens ans Herz legen!

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Ohne Worte!

Schleifen
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Zusammenfassung
Der Roman erzählt von der fiktiven Sprachwissenschaftlerin Franziska Denk und dem ebenso fiktiven Mathematiker Otto Mandl. Die Kapitel lesen sich wie eine Biographie, unterbrochen etwa ...

Zusammenfassung


Der Roman erzählt von der fiktiven Sprachwissenschaftlerin Franziska Denk und dem ebenso fiktiven Mathematiker Otto Mandl. Die Kapitel lesen sich wie eine Biographie, unterbrochen etwa von Zeitungsartikeln, Pamphleten, Berichten oder wissenschaftlichen Abhandlungen, ergänzt durch viele Fußnoten.

Bewertung


Vorab: Ich habe das Buch geliebt! Man kann es tatsächlich schwer beschreiben, wenn man es nicht selbst gelesen hat, weil die Kategorien, an denen man ein Buch misst, hier irgendwie nicht greifen: Die Figuren kommen mir nicht so richtig nahe, aber darum geht es auch gar nicht. Die Handlung ist oft konsequent unglaubwürdig, aber genau darum geht es auch: Hier werden sprachphilosophische Theorien einfach mal zu Ende durchgespielt. Und wie! Ich kann überhaupt nicht fassen, wie ein Mensch derart viele Ideen hat und dann so ein Buch schreibt! Elias Hirschl spielt mit Sprache, Text und Schrift, wie ich es so noch nie gesehen habe. Dazu kommt der Humor: Ich habe öfter laut aufgelacht, was mir normalerweise nicht so häufig passiert. Und auch wenn die verschiedenen Kapitel zu Beginn oft wirr und willkürlich wirken, hat man Ende fast ein Gefühl der Kohärenz, auch was die Wahl des Titels „Schleifen“ betrifft. Unglaublich!
Die Lektüre war für mich gleichermaßen anstrengend wie beglückend. Die wissenschaftlichen Texte und die philosophischen Ausführungen sind intellektuell teils ziemlich herausfordernd, die Ideen völlig absurd; gleichzeitig ist es eine große Freude, diesem Ideenfeuerwerk beizuwohnen.

Fazit


Die Lektüre war für mich ein absoluter Gewinn, auch wenn mir das Vokabular fehlt, um das Buch sinnvoll zu beschreiben. Ich bin sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben und möchte auf jeden Fall mehr von Elias Hirschl lesen.

Empfehlung


Sprachwissenschaftlich oder sprachphilosophisch Interessierte, die nicht vor einer herausfordernden Lektüre zurückschrecken, könnten große Freude an diesem Buch haben. Es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Die dunkle Seite der Lieferdienste

Liefern
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Zusammenfassung
Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die ...

Zusammenfassung


Der Roman handelt, nicht ganz überraschend, von Menschen, die uns und andere mit Essen oder Lebensmitteln beliefern. Jede Episode erzählt die Geschichte einer oder mehrerer Personen, die eines gemeinsam haben: Sie leben unter ziemlich prekären Bedingungen und versuchen mithilfe dieser Arbeit finanziell zu überleben.

„Diese verwöhnten, reichen Linken, die können sich das leisten, mitten an einem Arbeitstag. Und wir stecken im Verkehr. Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld.“

Sie arbeiten (mit Ausnahme der letzten Episode) für Lieferdienste auf der ganzen Welt: In Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires. Arbeitsplätze sind knapp und entsprechend umkämpft, Druck und Ausbeutung an der Tagesordnung, vor allem für Geflüchtete und Migrant:innen, Menschen ohne Pass oder ohne Arbeitserlaubnis. Welche Auswirkungen die Arbeit auf ihr Leben hat, ihre Beziehungen und ihre Chancen auf sozialen Aufstieg, davon erzählt dieses Buch.

Bewertung


Ich konnte mich gut in die Situation der Lieferant:innen einfühlen. Auch wenn man aufgrund der Kürze der Episoden nicht sehr tief in ihre Geschichten eintauchen kann, bekommen die Figuren genug Tiefe, sodass man ihnen gerne folgt. Dabei werden sie nicht verklärt, sondern sehr realistisch als ganz normale Menschen dargestellt.
Die Handlung ist teils schwer auszuhalten. Wie sich der Druck und die Ausbeutung am Beispiel der Figuren ganz konkret äußern, ist oft bedrückend. Einige geraten unverschuldet in immer prekärere Verhältnisse, in immer größere Abhängigkeit. Dennoch entsteht unter den Lieferant:innen auch Solidarität, sogar Freundschaften werden geknüpft.

„Diese Akkordarbeit, wo wir per Lieferung bezahlt werden, erzeugt einen andauernden Konkurrenzkampf, jede Lieferung, die ich annehme, fehlt einem anderen Kurier, es basiert auf dem Grundsatz: Jeder Kurier für sich allein und alle gegen alle.“

Diese Menschlichkeit im Angesicht von so viel Unmenschlichkeit gibt mir wiederum Hoffnung und lässt mich die Geschichten etwas leichter ertragen. Das Kapitel in Istanbul hätte kürzer ausfallen dürfen, da hier der Autor als Ich-Erzähler ins Spiel kommt, was für mich der inhaltlich schwächste Teil des Buches war. Die eigentliche Geschichte des Lieferanten aus Istanbul selbst hingegen war für mich der Teil, der mir am nachhaltigsten im Gedächtnis bleiben wird. Die letzte Episode gehört eigentlich thematisch nicht ganz dazu, berichtet aber von einer anderen schlecht zahlenden Branche und einer Person auf der Suche nach einem Job und finanzieller Sicherheit. Auch diese fand ich spannend und toll erzählt.
Dass der Autor und der Erzähler hier bewusst vermischt werden, mag ich nicht so gern, führt aber in diesem Fall für mich dazu, dass die (natürlich trotzdem) fiktionale Geschichte realer wirkt. Was mir wiederum sehr gefällt, ist der nüchterne Stil des Autors. Hier gibt es keine rührseligen Sätze, keine Belehrungen, stattdessen starke, eindrückliche Sätze zu den bitteren und sehr konkreten Auswirkungen von Globalisierung, Kapitalismus und Ausbeutung.

„Wisst ihr eigentlich, warum die Leute Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht.“

Fazit


Alles in allem finde ich das Buch sehr gelungen, klug und eindringlich erzählt. Die Geschichten werden noch lange bei mir nachhallen. Unsere Art zu leben, die Art der privilegierten Menschen, trägt zu diesen Zuständen bei. Wie können wir Teil der Lösung werden? Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Empfehlung


Wer wissen will, was eigentlich hinter diesen Lieferdiensten steckt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Am besten sogar alle, die schon einmal bei einem Lieferdienst bestellt haben oder darüber nachdenken, es zu tun.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Geschichten und Fantasie!

Elf ist eine gerade Zahl
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Zusammenfassung
Katja und Paula sind Mutter und Tochter. Katja ist Lehrerin und alleinerziehend. Paula ist 14, hat Krebs und muss operiert werden. Im Roman begleiten wir Katja für ein paar Tage vor und ...

Zusammenfassung


Katja und Paula sind Mutter und Tochter. Katja ist Lehrerin und alleinerziehend. Paula ist 14, hat Krebs und muss operiert werden. Im Roman begleiten wir Katja für ein paar Tage vor und nach der Operation ihrer Tochter. Sie liebt eigentlich Literatur, hat aber in ihrer aktuellen Situation den Draht dazu etwas verloren.

„Flucht, denkt sie, Bücher waren doch mal meine Zuflucht. Heute sind sie eine Wand, eine Mauer.“

Sie beschließt trotzdem, ihrer Tochter eine Geschichte zu erzählen, um die Zeit um die Operation herum erträglicher zu gestalten und die Verbindung zueinander wieder zu vertiefen. Obwohl Paula sich eigentlich zu alt fühlt, um Geschichten erzählt zu bekommen, lässt sie sich darauf ein und fordert ihre Mutter immer wieder auf, weiterzuerzählen. In der Geschichte, die Katja erzählt, geht es um ein Mädchen und einen Fuchs, die gegen einen übermächtigen Schatten kämpfen. Es gibt natürlich viele Parallelen zu Paulas Situation, dennoch steht sie für sich und macht einen großen Teil des Buches aus.

Bewertung


Katja als Protagonistin ist mir sehr sympathisch. Sie hat z.B. eine Abneigung gegen Spazierengehen und das Konzept der Selbstfürsorge, an dem sie immer wieder scheitert und das sie verflucht. Da wir nur eine gute Woche ihres Lebens begleiten, wird einiges in dem Buch nur angerissen, auch die Hintergründe einiger Figuren skizziert der Autor nur vage. Das mindert das Lesevergnügen für mich überhaupt nicht, denn Katja und ihre Innensicht reichen mir völlig aus. Ihre Überforderung, ihre Angst und ihre Schuldgefühle werden glaubhaft beschrieben. Über Paula erfahren wir, typisch für Teenager, nicht ganz so viel. Das, was wir erfahren, lässt sie aber wie einen ganz normalen Teenager mit (eigentlich) ganz normalem Leben wirken.
Ich konnte schnell in die Handlung eintauchen und mitfühlen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist sehr fein und realistisch gezeichnet, glaubwürdig und gut getroffen. Mich hat beeindruckt, wie die Diagnose ihrer Tochter Katjas Beziehungen und Freundschaften beeinflusst. Katjas Perspektive war dabei für mich immer nachvollziehbar. Besonders bewegt haben mich ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, der verzweifelt in der Alternativmedizin nach Lösungen für seine Enkeltochter sucht.
Die Geschichte in der Geschichte ist eher düster und bedrückend, aber spannend erzählt und gut aufgebaut. Dennoch fand ich den Teil über Katja und Paula interessanter und mochte diese Passagen deutlich lieber. Von den beiden hätte ich gern mehr gelesen.

„Eine Geschichte ist immer eine Möglichkeit.“

Der Stil des Autors hat mir sehr gut gefallen, schnörkellos und in alltagsnaher Sprache, schlau, fantasievoll und mit einer Prise Humor. Darüber hinaus kommt das Buch wirklich völlig ohne kitschige Sätze aus, was extrem selten bei einem solchen Thema passiert. Das finde ich sehr angenehm!
Die Länge des Romans mit gut 300 Seiten hat mir außerdem sehr zugesagt; nach einigen Lektüren mit über 500 Seiten in der letzten Zeit war ich erfreut über eine Geschichte, die sich auch kürzer erzählen lässt und trotzdem dabei nichts verliert.

Fazit


Ein leises Buch, das ein Schlaglicht wirft auf die Eltern von Kindern mit Krebs, ihren Alltag, ihre Kämpfe, ihre Sorgen und ihre Suche nach Antworten, Trost und Sicherheit. Wie wichtig es ist, dass wir Fantasie haben und uns Geschichten erzählen, wird hier ganz bedächtig erzählt. Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben.

Empfehlung


Wer nicht vor einem Buch zurückschreckt, das schwere Erkrankungen von Kindern zum Thema hat, wer Lust hat auf ein toll geschriebenes Buch über Mutter und Tochter, Literatur und Fantasie, könnte sich an diesem Buch erfreuen.

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