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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.07.2025

Ein Roman mit vielen Ebenen

Ungebetene Gäste
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Als ein Hammer von ihrem Balkon fällt und einen Passanten erschlägt, weiß Naomi ohne es gesehen zu haben, was geschehen ist: Zwar verspürte sie von Beginn an ein Unbehagen gegenüber dem arabischen Handwerker ...

Als ein Hammer von ihrem Balkon fällt und einen Passanten erschlägt, weiß Naomi ohne es gesehen zu haben, was geschehen ist: Zwar verspürte sie von Beginn an ein Unbehagen gegenüber dem arabischen Handwerker in ihrer Wohnung, doch zu einer solchen Tat wäre er nicht fähig gewesen. Stattdessen war es ihr einjähriger Sohn, der das Werkzeug des Mannes in einem unbeobachteten Moment vom Balkon gestoßen hat. Als die Polizei auftaucht, fällt der Verdacht augenblicklich auf den Handwerker, der daraufhin abgeführt wird. Naomi, die ihn vor dem Gefängnis bewahren könnte, schweigt über den tatsächlichen Unfallhergang. Doch die Schuld, die auf ihr lastet, wird ihr Leben und das weiterer Menschen für immer verändern… .

„Ungebetene Gäste“ ist nach „Löwen wecken“ nun das zweite Buch der Autorin, dass ich kennenlernen durfte. Ayelet Gundar-Goshen setzt sich auch in diesem Roman wieder damit auseinander, wie Schuld und Moral unser Denken, Handeln und schließlich unser Leben beeinflussen:
Nachdem ein Hammer von ihrem Balkon gefallen ist und fälschlicherweise der arabische Handwerker dafür verhaftet wurde, ringt Naomi lange mit sich, ob sie ihre Schuld gegenüber der Polizei eingestehen oder weiter schweigen soll. Interessant finde ich, dass die Autorin an dieser Stelle nicht nur an die Moral eines Menschen appelliert, sondern zugleich den Aspekt unterschiedlicher Nationalitäten ins Spiel bringt, denn mit Naomi, Juval und Uri hat die Autorin eine israelische Familie zum Mittelpunkt des Geschehens gemacht. Die Vorbehalte Naomis gegenüber dem arabischen Mann und seiner Familie sind von Beginn an deutlich zu spüren, womit Gundar-Goshen ein Stück weit den Nahostkonflikt aufgreift – und bei diesem bleibt es nicht: Ohne zu viel zu verraten, sei nur gesagt, dass die Autorin Figuren weiterer Nationalitäten einbringt und mit diesen aus meiner Sicht teils Kritik an der Politik ihres Landes übt. Den Kern der Geschichte bildet aber wohl Naomis Flucht vor ihrer Verantwortung für den Unfall. Im Laufe des Romans müssen sie und ihr Mann lernen, dass die Geschehnisse sie so lange verfolgen werden, bis sie sich ihrer Verantwortung stellen.
Die Art, wie Gundar-Goshen das Ganze erzählt, mag ich sehr gerne, wenn auch das Ende für mich ein wenig zu plötzlich kam und einige Fragen offenließ.

Veröffentlicht am 19.07.2025

Gekonnte Beleuchtung beider Seiten oder Täter-Opfer-Umkehr?

Standing Ovations
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Alex besucht als Theaterkritiker das Kulturfestival in Edinburgh. Hayleys Bühnenprogramm ist eines der ersten, das er während der Festwochen sieht und äußerst kritisch mit nur einem Stern bewertet. Am ...

Alex besucht als Theaterkritiker das Kulturfestival in Edinburgh. Hayleys Bühnenprogramm ist eines der ersten, das er während der Festwochen sieht und äußerst kritisch mit nur einem Stern bewertet. Am Abend nach der Show – noch vor Veröffentlichung seiner Rezension in einer überregionalen Zeitung – treffen die beiden in einer Bar aufeinander. Hayley erkennt den Starkritiker nicht und Alex verschweigt er ihr seine Meinung zu ihrem Auftritt. Sie verbringen die Nacht miteinander, ehe Hayley am nächsten Morgen von Alex‘ vernichtender Kritik erfährt. Verletzt beschließt sie, ihn zum Thema ihres Bühnenprogramms zu machen und damit Rache zu üben.

„Standing Ovations“ erzählt von der Demütigung einer Frau durch einen Mann und ihrer öffentlichen Abrechnung mit ihm. Die beiden, Hayley und Alex, stehen dabei in einem gewissen Machtverhältnis zueinander: Er kann als Theaterkritiker ihre Karriere zerstören. Sie ist als Künstlerin von seinem Urteil abhängig, kann ihrerseits aber wiederum die Aufmerksamkeit, die ihr zuteilwird, nutzen, um seine Karriere zu gefährden.
Die Geschehnisse werden von Alex‘ Kollegin Sophie geschildert. Damit hat Charlotte Runcie für ihren Roman eine interessante Perspektive gewählt, die den Blick einer außenstehenden Person ermöglicht, gleichzeitig aber so nah dran ist, dass sie alles aus erster Hand zu berichten weiß.
Sophie beschreibt sämtliche Ereignisse, angefangen bei Alex‘ negativer Kritik über die Nacht mit Hayley bis hin zur Hayleys neuer Show. Sie zeigt, dass daraufhin eine regelrechte Hexenjagd beginnt, gefördert vor allem durch die Verbreitung im Internet. Die Erzählerin beleuchtet dabei stets beide Seiten der Geschichte: Hayley, die mit großen Hoffnungen und Ambitionen zum Kulturfestival kam, die Alex ihr Herz ausschüttete, sich verletzlich zeigte und schließlich von ihm gedemütigt wurde. Und sie beschreibt Alex, der als Kritiker für seine scharfen Worte bekannt ist und gegenüber Frauen schon öfter ein teils misogynes Verhalten an den Tag gelegt hat. Die Sachlage, wer hier Täter und wer das Opfer ist, scheint somit klar. Im Laufe der Geschichte erfahren wir aber auch, wie Hayley ihre Show nutzt, um Frauen gegen Alex und Männer seiner Art zu mobilisieren. Und wir lesen, wie Alex in besonderen Familienverhältnissen aufgewachsen ist und sich seinen Rang als Starkritiker hart erarbeitet hat. Sophie erzählt, welche Auswirkungen Hayleys öffentliche Abrechnung auf Alex‘ Psyche hat, wie sich gute Freunde von ihm abkehren und ihm der Jobverlust droht. Die Verhältnisse, wer nun Täter und wer das Opfer ist, haben sich augenscheinlich umgekehrt.
Ich finde es ausgesprochen gut, dass die Autorin beide Seiten der Geschichte beleuchtet und ihre Figuren somit nicht eindimensional daherkommen. Dennoch wirkt Alex aus Sophies Sicht für mich zu häufig wie der Leidtragende der Geschichte. Ich hätte mir gewünscht, dass die Verantwortung für die Situation, die meiner Meinung klar bei ihm liegt, noch deutlicher herausgearbeitet worden wäre. So aber wirkt der Roman für mich streckenweise fast wie eine Kritik am Feminismus.
Den Höhepunkt der Geschichte schließlich empfand ich als zu viel des Guten: zu viele Zufälle, zu viel Drama. Da mich das Buch dennoch unterhalten hat, kann ich – anders als der Kritiker Alex Lyons – mehr als einen Stern vergeben, für fünf Sterne reicht es aufgrund der Schwächen jedoch nicht.

Veröffentlicht am 15.07.2025

„Kein Mensch kennt jemals einen anderen völlig.“

Löwen wecken
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Etan arbeitet als Neurochirurg in einer Klinik in Beer Scheva. Eines Nachts beschließt er, nach seiner Schicht nicht den direkten Heimweg anzutreten, sondern sich noch eine kleine Auszeit zu nehmen. Er ...

Etan arbeitet als Neurochirurg in einer Klinik in Beer Scheva. Eines Nachts beschließt er, nach seiner Schicht nicht den direkten Heimweg anzutreten, sondern sich noch eine kleine Auszeit zu nehmen. Er schlägt von der Stadt aus den Weg in Richtung Süden ein, wo er mit seinem Jeep eine kleine Tour durch die Dünen plant. Etan ist ausgelassen, hat endlich mal wieder so richtig Spaß – bis er im Dunkeln einen illegal eingewanderten Eritreer überfährt. Schnell steht fest, dass der Mann seine schweren Verletzungen nicht überleben wird. Etan ist hin- und hergerissen: Der Unfall kann seine Karriere gefährden. Soll er sich wirklich stellen, wo es doch augenscheinlich keine Zeugen gibt?

Mit „Löwen wecken“ hat Ayelet Gundar-Goshen einen fesselnden Roman über Moral und Anstand, über Schuld und das Gewissen eines Menschen verfasst. Sie zeichnet darin die Geschichte eines erfolgreichen Arztes, der verheiratet und Vater zweier Kinder ist. Seine Frau Liat arbeitet bei der Polizei und wird schon früh im Buch mit dem Fall eines überfahrenen Eritreers vertraut gemacht, bei dem der Täter Unfallflucht begangen hat. Während sie ermittelt, leistet Etan ohne ihr Wissen Buße bei der Witwe des Verstorbenen. …
Die Figuren des Romans sind facettenreich gestaltet. Die Autorin versteht es, sowohl deren liebenswerte Seiten als auch die Abgründe menschlichen Handelns aufzuzeigen. Das führte dazu, dass ich mich in einige Figuren teilweise sehr gut einfühlen konnte, ihr Verhalten an anderen Stellen wiederum sehr befremdlich fand. Genau das mochte ich aber sehr gerne, da es die Personen überaus authentisch wirken lässt.
Hinsichtlich der Themen setzt der Roman in erster Linie bei unserem Verständnis von Moral an. Ist es wirklich immer ratsam, nach unseren Überzeugungen zu handeln? Können wir mit den Schuldgefühlen leben, wenn wir es nicht tun? Neben der Moralfrage rückt die Autorin aber auch den Rassismus in der Gesellschaft ins Blickfeld. Sie fragt nach dem Wert eines Menschenlebens in Abhängigkeit von der Nationalität (sowie vom Geschlecht) und zeigt, wie tief Vorbehalte gegenüber anderen Menschengruppen in uns verankert sind.
Bis zum Schluss war es für mich nicht ersichtlich, wie die Geschichte ausgehen wird und auch mit dem Ende regt Gundar-Goshen stark zum Nachdenken an, sodass der Roman noch lange in mir nachhallte.
Was für mich bleibt, ist die Erkenntnis, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, denn: „Kein Mensch kennt jemals einen anderen völlig.“ (S. 195)

Veröffentlicht am 18.06.2025

Schicksalhafte Begegnung zweier Frauen am Rande der Gesellschaft

Der Schlaf der Anderen
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Janis arbeitet im Schlaflabor. Seit vielen Jahren schon verrichtet sie ihren Dienst Nacht für Nacht – immer dann, wenn alle anderen schlafen. Eines Abends besucht Sina die Station, um aufgrund ihrer Schlafstörungen ...

Janis arbeitet im Schlaflabor. Seit vielen Jahren schon verrichtet sie ihren Dienst Nacht für Nacht – immer dann, wenn alle anderen schlafen. Eines Abends besucht Sina die Station, um aufgrund ihrer Schlafstörungen ein Schlafprofil aufzeichnen zu lassen. Augenblicklich spürt Janis eine Verbindung zu ihrer Patientin, nichtsahnend, dass diese Begegnung tatsächlich das Leben der beiden Frauen ändern wird.

Janis und Sina sind die Protagonistinnen in Tamar Noorts zweitem Roman. Man lernt sie in stetig wechselnden Kapiteln intensiv kennen, wobei die Autorin geschickt mit den Perspektiven spielt. Während sie anfangs über Janis in der dritten Person erzählt und Sina in Ich-Perspektive vorstellt, wechselt Noorts dies im Laufe der Geschichte. Dadurch bleibt das Lesen abwechslungsreich.
Die Frauen führen recht unterschiedliche Leben, aber haben dennoch eine Gemeinsamkeit: Beide sind aus dem klassischen Tag-Nacht-Rhythmus geraten; Janis, da sie im Schichtdienst arbeitet, Sina, weil sie Schlafprobleme hat. Woher letztere rühren, erfährt man im Laufe der Geschichte, wobei unter anderem die Erwartungen anderer sowie die traditionellen Geschlechterrollen thematisch aufgegriffen werden. Dass dies zu dem Gefühl führen kann, stets und ständig funktionieren zu müssen, was wiederum unruhige Nächte nach sich zieht, liegt auf der Hand.
Welche Macht Schlaf, vor allem fehlender Schlaf, auf das Leben eines Menschen ausübt, hat die Autorin schließlich überzeugend herausgearbeitet. Er sorgt dafür, dass sowohl Janis als auch Sina sich selbst vernachlässigen, Freundschaften kaum mehr pflegen, ihren Hobbys nicht nachgehen und sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlen. Diese Einsamkeit sowie daraus resultierend der Wert der Gemeinschaft bzw. einer echten Freundschaft sind aus meiner Sicht neben dem Thema der Selbstverwirklichung wesentliche Elemente des Romans.
Die Art, wie Noorts Situationen und Handlungsabläufe beschreibt, war mitunter sehr detailreich. An vielen Stellen mochte ich diesen Erzählstil sehr, hin und wieder empfand ich Abschnitte jedoch auch als etwas langatmig.
Den Weg, den die Geschichte einschlägt, konnte ich nicht vorhersehen. Die Entwicklung der Figuren war für mich aber schlüssig und so hat mir das Ende des Romans gut gefallen.

Veröffentlicht am 07.06.2025

Fundierte Grundlagen, strukturierter Aufbau, vielfältige Rezepte

fantastisch fermentiert
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„Fantastisch fermentiert“ führt uns ein in die Welt des Fermentierens. Diese alte Technik hilft nicht nur dabei, Lebensmittel zu konservieren, sondern unterstützt auch die Darmgesundheit. Auf den ersten ...

„Fantastisch fermentiert“ führt uns ein in die Welt des Fermentierens. Diese alte Technik hilft nicht nur dabei, Lebensmittel zu konservieren, sondern unterstützt auch die Darmgesundheit. Auf den ersten Seiten des Buches kann man viel über die Grundlagen lernen: Wie funktioniert die Milchsäurefermentation? Welche Bakterien bringen mein Darmmikrobiom in Schwung? Was benötige ich zum Fermentieren? Daran schließt sich ein großer Teil mit Rezepten an, wobei neben Gemüse auch Obst, Kräuter und Pilze haltbar gemacht werden. Der letzte Abschnitt zeigt mit einer Vielzahl an weiteren Rezepten, wie die Fermente in Suppen und Salaten, Hauptspeisen sowie in Saucen, Dips und Beilagen weiterverarbeitet werden können.

Als Einsteiger im Fermentieren gefällt mir dieses Buch sehr gut! Es ist übersichtlich strukturiert und daher leicht zu handhaben. Der Grundlagenteil hilft mir zu verstehen, wie das Ganze funktioniert und zeigt auch auf, was man möglichst vermeiden sollte, um seine Lebensmittel erfolgreich zu konservieren. Die Anleitungen zum Fermentieren sind sehr vielfältig, sodass für Jede/Jeden etwas dabei ist. Die ersten Fermente habe ich angesetzt, kurz nachdem ich das Buch bekommen habe. Ich kam mit den Beschreibungen gut zurecht, da die Vorgehensweise verständlich erklärt wird und entsprechend einfach nachzumachen ist. Den Geschmack kann ich aktuell allerdings noch nicht beurteilen, da die Fermentation einige Zeit dauert. Von den Rezepten, die zeigen, wie man Fermente in seine Gerichte einbinden kann, habe ich daher aktuell noch keines ausprobieren können. Grundsätzlich finde ich es aber klasse, dass dieser Teil im Buch bedacht und aufgegriffen wurde. Die Rezepte sehen sehr ansprechend aus, sodass ich mich schon darauf freue, bald die ersten umsetzen zu können!