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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2025

Mutterschaft und unerfüllter Kinderwunsch

Hello Baby
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Als ihr Handy aufblinkt, liest Munjeong eine Nachricht in einem ihrer Gruppenchats. Sie hatte die Gruppe gegründet, um sich mit Frauen auszutauschen, die wie sie die Kinderwunschklinik besuchen. Regelmäßig ...

Als ihr Handy aufblinkt, liest Munjeong eine Nachricht in einem ihrer Gruppenchats. Sie hatte die Gruppe gegründet, um sich mit Frauen auszutauschen, die wie sie die Kinderwunschklinik besuchen. Regelmäßig teilen sie hier Updates über Erfolge und Misserfolge ihrer IVF-Behandlung. Nun soll ausgerechnet Yeonghyo, die sich seit über einem Jahr nicht mehr gemeldet hatte, ein Baby bekommen haben. So sehr sich die Frauen für ihre Freundin freuen, wirft der plötzliche Nachwuchs jedoch auch einige Fragen auf. …

„Hello Baby“ rückt die Themen Mutterschaft sowie den unerfüllten Kinderwunsch in den Fokus. Die Autorin Kim Eui-kyung, selbst einstige Patientin einer Kinderwunschklinik, schreibt in ihrem Roman von sechs Frauen über 35 Jahren, die ihr Schicksal eint: Keine von ihnen kann auf natürlichem Wege schwanger werden. In jedem Kapitel des Romans steht eine der Frauen im Mittelpunkt, was das Lesen abwechslungsreich macht. Schon lange habe ich kein Buch mehr so schnell beendet wie dieses! Die einzelnen Geschichten sind dabei höchst unterschiedlich: Die Frauen entstammen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Einige verspüren einen sehr starken Kinderwunsch, andere sind sich hinsichtlich der eigenen Mutterschaft nicht ganz sicher. Die Ursachen, weshalb es nicht auf natürliche Weise klappt, sind vielfältig. Auch die Art, wie die jeweiligen Partner der Patientinnen mit dem Thema umgehen, unterscheidet sich voneinander. Während einige der Männer offen über die eigene Unfruchtbarkeit sprechen und ihre Frauen zu den Behandlungen in der Klinik begleiten, zeigen andere Scham und unterstützen ihre Partnerinnen kaum. Ich mochte es sehr, wie die einzelnen Charaktere und ihre Lebenswege gezeichnet waren, da ich diese als sehr authentisch empfunden habe.
Neben der eigentlichen Handlung beschreibt die Autorin alle Schritte einer IVF-Behandlung, die für Frauen gegenüber ihren Männern physisch und teilweise auch psychisch kräftezehrender und schmerzhafter sind. Dabei fängt sie die Emotionen der Patientinnen gekonnt ein: Hoffnung, Unsicherheit, Sorge und Verzweiflung hinsichtlich des eigenen Kinderwunsches. Mitgefühl, Freude oder Neid bezüglich der Behandlungen ihrer Mitstreiterinnen.
Obwohl das Ende schon früh abzusehen war, hat mich die Geschichte an keiner Stelle gelangweilt. Viel zu interessant war es, wie die Autorin sich zwischen den Zeilen der Frage gewidmet hat, ob Mutterschaft zwingend zum Frau-Sein gehört. Aus meiner Sicht schließt sie mit der Feststellung, dass sich niemand den familiären oder gesellschaftlichen Erwartungen beugen sollte, sondern jede Frau für sich entscheiden darf, worauf sie den eigenen Lebensentwurf ausrichtet.

Veröffentlicht am 25.05.2025

Informative Mischung aus Reise-/Erfahrungsbericht und Sachbuch

Urlaub vom Patriarchat
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Als Friederike Oertel merkt, dass es ihr nicht mehr gut geht, sie unglücklich, gestresst und überfordert ist, fasst sie einen Entschluss: Sie braucht Urlaub vom Patriarchat. So tritt sie die Reise nach ...

Als Friederike Oertel merkt, dass es ihr nicht mehr gut geht, sie unglücklich, gestresst und überfordert ist, fasst sie einen Entschluss: Sie braucht Urlaub vom Patriarchat. So tritt sie die Reise nach Juchitán an. Über die Stadt an der Westküste Mexikos heißt es, dort herrsche das Matriarchat. Drei Monate verbringt die Autorin dort und macht sich in dieser Zeit ein eigenes Bild von den Menschen vor Ort, den vorherrschenden Gesellschaftsstrukturen und gelebten Geschlechterrollen.

Mit großer Neugier und viel Interesse habe ich Friederike Oertels Buch erwartet. Die Journalistin reiste vor einiger Zeit in eine Stadt, in der angeblich mächtige Frauen das Sagen haben und traditionell die Töchter das Haus und Vermögen erben. Vor Ort in Juchitán muss die Autorin jedoch schnell feststellen, dass das Matriarchat nicht automatisch das Gegenteil des Patriarchats und damit die Vorherrschaft der Frau sowie die Unterdrückung des Mannes bedeutet. In diesem Zuge klärt sie zunächst darüber auf, dass es keine einheitliche Definition des Begriffs Matriarchat gibt und man demzufolge unterschiedliche Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens darunter verstehen kann.
In insgesamt zwölf Kapiteln beschreibt Friederike Oertel ihre Beobachtungen und Erlebnisse in der Stadt am Isthmus: Sie erlebt Frauen, die auf dem Marktplatz Handel betreiben und finanziell unabhängig sind. Sie lernt sogenannte Muxe kennen, die als drittes Geschlecht akzeptiert werden. Und sie nimmt an traditionellen Festen teil, die so gar nicht in eine matriarchale Gesellschaft passen wollen. Oertel versucht, die Geschlechterrollen in Juchitán zu verstehen, stößt dabei aber immer wieder auf Ungereimtheiten, sodass sich zunächst kein schlüssiges Gesamtbild ergibt.
Zum Vergleich beleuchtet sie immer wieder auch die Rolle der Frau im Patriarchat: Die Autorin schreibt u. a. über die Ehe, die Aufgabenverteilung innerhalb einer Familie, Frauenrechte wie das Wahlrecht, den Zugang von Frauen zu politischen Ämtern uvm. Dabei untermauert sie ihre Ausführungen mit Verweisen auf wissenschaftliche Untersuchungen und Statistiken. Gleichzeitig übernimmt sie nicht alle Sichtweisen von Wissenschaftlern, sondern setzt sich durchaus kritisch mit einigen Forschungsergebnissen auseinander, wobei sie ihre Argumente verständlich und nachvollziehbar darlegt. Sämtliche Quellenangaben kann man am Ende des Buches nachlesen, was zeigt, mit welcher Seriosität Oertel an das Thema herangegangen ist.
„Urlaub vom Patriarchat – Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen“ ist somit eine Mischung aus Reise- bzw. Erfahrungsbericht und Sachbuch. Auch wenn einige Fakten mehrmals aufgegriffen wurden, mochte ich die Einbeziehung des sachlichen Hintergrundwissens. Für mich war das Buch sehr informativ und hinsichtlich der Diversität von Formen des gesellschaftlichen Zusammenleben augenöffnend.

Veröffentlicht am 03.05.2025

Intensiv und emotional

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Motte könnte meinen, sie hätte zwei Väter: Der eine umsorgt und bespaßt sie. Motte mag ihn, allerdings sieht sie ihn nur noch selten. Häufiger trifft sie auf den anderen Vater, der immer dann zum Vorschein ...

Motte könnte meinen, sie hätte zwei Väter: Der eine umsorgt und bespaßt sie. Motte mag ihn, allerdings sieht sie ihn nur noch selten. Häufiger trifft sie auf den anderen Vater, der immer dann zum Vorschein kommt, wenn zu viel Alkohol im Spiel ist. Dieser Vater bleibt oft nächtelang weg, betrinkt sich und verspielt all sein Geld.
Die Sucht des Vaters liegt wie ein dunkler Schatten auf der Familie: Sie beeinflusst das Leben aller Angehörigen, bestimmt Mottes Kindheit und prägt sie bis ins Erwachsenenalter.

„Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ nimmt uns mit in das Leben einer Frau, die mit einem alkoholkranken Vater aufwuchs. Motte, wie sie von ihm genannt wird, ist die Erzählerin, die uns an ihren Erinnerungen teilhaben lässt. In kurzen Kapiteln berichtet sie Episoden aus ihrer Kindheit, ihrer Jugend und aus ihrem Leben als Erwachsene. Die Abschnitte sind dabei nicht chronologisch geordnet, sondern springen in der Zeit vor und zurück. Beim Lesen brauchte ich einige Seiten, ehe ich mich daran gewöhnt hatte und sich für mich allmählich ein Gesamtbild zusammensetzte.
Motte wächst mit zwei älteren Geschwistern auf. Von den drei Kindern scheint sie die innigste Beziehung zum Vater zu pflegen. Dieser, das wird schon bald klar, hat jedoch ein ernsthaftes Alkoholproblem. Was das mit ihm macht, fängt Lena Schätte gekonnt ein: Sie zeichnet den Charakter in all seinen Facetten, sowohl den guten, als auch den schlechten. Da ist der liebevolle (weil nüchterne) Vater, der mit seiner Tochter herumalbert. Und da ist der betrunkene Mann, der nicht mal mehr für sich selbst Verantwortung übernehmen kann. Dass das nicht von ungefähr kommt, zeigt die Familiengeschichte: Auch der Großvater der Erzählerin war Trinker, sodass sich das Muster von Generation zu Generation wiederholt.
Dass eine Suchterkrankung nicht ohne Folgen bleibt, liegt auf der Hand: Jobverlust, Geldmangel und der Ausschluss aus der Gesellschaft sind nur einige der Auswirkungen. Betroffen davon sind jedoch nicht nur die Erkrankten selbst, sondern auch deren engste Angehörige. In diesem Zusammenhang bringt die Autorin Mottes innere Zerrissenheit auf den Punkt. Als Tochter liebt sie ihren Vater, wünscht sich aber auch, er wäre ein anderer gewesen.
„Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist ein intensiver Roman, der betroffen macht. Unbedingte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 23.04.2025

Anders als erwartet

Fischtage
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Ella steckt mitten in der Pubertät, was nicht immer einfach ist. Oft sind es Kleinigkeiten, die ungehaltene Wutausbrüche in ihr hervorrufen. Die meisten ihrer Mitmenschen halten sich von ihr fern – und ...

Ella steckt mitten in der Pubertät, was nicht immer einfach ist. Oft sind es Kleinigkeiten, die ungehaltene Wutausbrüche in ihr hervorrufen. Die meisten ihrer Mitmenschen halten sich von ihr fern – und Ella sich von ihnen. Als eines Tages ihr jüngerer Bruder spurlos verschwindet, spürt sie jedoch nicht mehr nur Wut, sondern auch Sorge. Ella begibt sich daraufhin auf die Suche nach ihm. Dabei erfährt sie überraschend Unterstützung durch einen Fisch und schließt neue Bekanntschaften.

Mit „Fischtage“ hat Charlotte Brandi ihren Debütroman veröffentlicht. Die Geschichte ist in Ich-Perspektive aus der Sicht von Ella erzählt. Der Schreibstil gibt die Gedanken und Gefühle einer 16-jährigen glaubwürdig wieder – oft genervt, voller Sarkasmus, rotzig und bisweilen übermütig. Thematisch behandeln die ersten Seiten neben der Pubertät auch das Leben in einer dysfunktionalen Familie sowie die daraus resultierenden Folgen: Ellas Eltern nämlich sind an ihrem Verhalten nicht ganz unschuldig. Damit konnte mich vor allem das erste Viertel das Buches sehr fesseln.
Ab Ellas Begegnung mit dem Fisch fiel es mir allerdings schwerer, mich weiter auf die Geschichte einzulassen. Unter dem, was im Klappentext angekündigt war und was die ersten Seiten versprochen hatten, hatte ich eine authentische Geschichte erwartet, wie sie aus dem Alltag stammen könnte. Ein sprechender Plastikfisch gehört hier definitiv nicht dazu. Ausgerechnet dieser Fisch spielt im weiteren Verlauf jedoch eine nicht unwesentliche Rolle. Hinzukommt, dass im Folgenden auch Figuren und deren Verhaltensweisen, Begegnungen und Ereignisse auf mich zu konstruiert und damit unglaubwürdig wirkten.
Inhaltlich wird der Roman noch vielfältiger: Demenz, das Drogenmilieu und eine versuchte Vergewaltigung finden zusätzlich Eingang in die Geschichte. Manche dieser Themen werden in meinen Augen nicht ausreichend aufgearbeitet. Da insbesondere die Demenz und das Sexualdelikt für den Handlungsverlauf keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen, hätte ich es gutgeheißen, sie somit gar nicht erst anzureißen.
Als gelungen empfinde ich die Entwicklung, die Ella von der ersten bis zur letzten Seite durchläuft. Die Autorin lässt ihre Protagonistin behutsam und doch spürbar reifen, sodass der Roman für sie ein versöhnliches Ende bereithält.

Veröffentlicht am 01.04.2025

(Österreichische) Filmgeschichte mit Stärken und Schwächen

Von Stufe zu Stufe
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Nachdem vor einigen Jahren die Kinematographen auf den Markt gekommen sind, träumt Luise davon, den ersten Langspielfilm Österreichs zu drehen. Kein einfaches Unterfangen angesichts der Vorbehalte ihres ...

Nachdem vor einigen Jahren die Kinematographen auf den Markt gekommen sind, träumt Luise davon, den ersten Langspielfilm Österreichs zu drehen. Kein einfaches Unterfangen angesichts der Vorbehalte ihres Mannes gegenüber dem neuen Medium und der Tatsache, dass man ihr als Frau den Erfolg Anfang des 20. Jahrhunderts nicht zutraut.
Über 100 Jahre später hat Marc ganz andere Sorgen. Nach seinem Studium der Filmwissenschaft hatte er eine Anstellung im Filmarchiv in Wien gefunden. Wenn in wenigen Tagen seine Stelle gestrichen wird, wird er arbeitslos sein. Als Marc jedoch von der Existenz längst verloren geglaubter Filme von Louise Kolm erfährt, sieht er seine Chance gekommen, als ernstzunehmender Wissenschaftler einen Job an der Universität zu bekommen. Ob sich die alten Filmrollen nicht längst in ihren Dosen zersetzt haben, kann ihm niemand mit Gewissheit sagen. Marc kann es nur herausfinden, indem er die waghalsige Reise in die Ukraine antritt, wo die frühen Werke österreichischer Filmgeschichte in einem Keller aufgetaucht sein sollen…

„Von Stufe zu Stufe“ ist ein Roman, der in Teilen auf wahren Begebenheiten beruht. In zwei Erzählsträngen, die sich regelmäßig abwechseln, erzählt Felix Kucher ein Stück (österreichischer) Filmgeschichte. Ein Teil des Buches spielt in den Jahren 1906 bis 1909, in denen Louise Kolm, ihr Mann sowie ihr Bediensteter die ersten Versuche mit einem Kinematographen unternehmen. Sie drehen kürzere und längere Filme, müssen Rückschläge hinnehmen, können aber auch Erfolge verbuchen. Der zweite Erzählstrang spielt am Ende des Jahres 2021. Darin berichtet der Ich-Erzähler Marc von seinem drohenden Jobverlust und all dem, was er unternimmt, nachdem er ein Foto sieht, das alte Filmdosen in einem Keller in der Ukraine zeigt.
Beim Lesen – und auch jetzt, da ich die Geschichte beendet habe – hatte ich ambivalente Gefühle zu diesem Buch. So musste ich mich anfangs erst an die Sprache gewöhnen. Diese ist durch einige österreichische Ausdrucksweisen geprägt, die für mich etwas fremd klangen. In dem Teil, der von Louise erzählt, fließt außerdem die Wortwahl des letzten Jahrhunderts ein, sodass z. B. die Mehrzahl von Film als „Films“ gebildet wird.
Streckenweise habe ich zudem sehr mit dem Ich-Erzähler gehadert. Ich habe ihn immer wieder als übergriffig, wenn nicht gar frauenfeindlich empfunden. Obwohl er sich seiner unpassenden Gedanken und Taten teilweise bewusst ist, sich selbst auch als Se*isten betitelt, macht ihn das nicht unbedingt sympathischer.
Gleichzeitig muss ich festhalten, dass der Roman stellenweise einen solchen Sog entwickelt hat, dass ich ihn nicht mehr aus der Hand legen wollte. Vor allem am Ende der Kapitel baut der Autor immer wieder eine solche Spannung auf, dass man förmlich den Atem anhält.
Gut gefallen hat mir auch die Rolle von Louise. Sie ist es, die die Idee entwickelt, einen längeren und vor allem niveauvollen Film zu drehen. Während sie anfangs nur zusehen darf, wie ihr Mann und ihr Angestellter den Kinematographen bedienen, nimmt sie zusehends das Zepter in die Hand und emanzipiert sich. Interessant an dieser Stelle ist, dass ihre Figur auf Luise Fleck zurückgeht, die als zweite Filmregisseurin der Welt in die Geschichte eingegangen ist. Der Film, nach dem das Buch betitelt ist, wurde tatsächlich von ihr und den Personen im Roman gedreht und gilt bis heute als verschollen.
Auch wenn der Film im Buch schließlich gefunden wird und der Ausgang der Geschichte somit ein anderer ist, bildet „Von Stufe zu Stufe“ dennoch ein interessantes Stück den (österreichischen) Filmhistorie ab.