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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2025

Ein fantasievolles Mädchen und ihr tätowierter Vater

Papas Tattoos
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Emilia wächst bei ihrem Vater auf. Der ist groß und trägt viele bunte Tätowierungen. Wenn er abends vor ihr einschläft, schaut sie sich gerne die Bilder auf seiner Haut an. In Emilias Fantasie erwachen ...

Emilia wächst bei ihrem Vater auf. Der ist groß und trägt viele bunte Tätowierungen. Wenn er abends vor ihr einschläft, schaut sie sich gerne die Bilder auf seiner Haut an. In Emilias Fantasie erwachen die Motive zum Leben und bestreiten mit ihr einige Abenteuer.

„Papas Tattoos“ erzählt auf etwa 30 Seiten von Emilia und ihrem Vater. Mir gefällt, dass der Autor für seine Geschichte einen alleinerziehenden Vater gewählt hat und dadurch mit den klassischen Geschlechterrollen gebrochen wird. Gleichzeitig wird die Familiensituation nicht weiter ausgeführt, sondern ist eher im Hintergrund wahrnehmbar, sodass sie als etwas ganz Selbstverständliches behandelt wird.
Emilias Vater ist sehr auffällig dargestellt: Er trägt einen Vollbart, Irokesenschnitt und hat gepiercte Ohren. Sein Körper ist mit zahlreichen Tätowierungen verziert. Diese Tattoos regen Emilia abends zum Träumen an. In wenigen Sätzen erfährt man beispielsweise, wie sie sich ein Treffen mit dem Matrosen vorstellt und worüber sie in ihren Gedanken mit dem Totenkopf spricht. Mit der Pantherin wird dabei ein Tattoo, das für den Vater eine wichtige Bedeutung hat, besonders in den Fokus gerückt.
Die Beschreibungen bleiben insgesamt eher knapp, weshalb ich mir für die Geschichte mehr Tiefgang wünschen würde: Die Bedeutung der Motive wird beispielsweise nur für zwei genannt. Wofür stehen aber die übrigen Bilder, die im Buch aufgegriffen werden? Welche Abenteuer erlebt Emilia noch in ihren Träumen? Auch wenn ich persönlich mehr Text und weniger Leerstellen bevorzugen würde, bietet der Raum, den die Geschichte an der einen oder anderen Stelle lässt, viele Gesprächsanlässe. So kann man die Fantasie des eigenen Kindes anregen, Erklärungen zu den Tätowierungen zu finden und sich selbst Abenteuer mit ihnen auszudenken.
Die Illustrationen sind durchweg farbenfroh gestaltet. Sie passen gut zur Geschichte und sind in ihrem Stil sehr ansprechend.
Ein schönes Bilderbuch über ein fantasievolles Mädchen und ihren besonderen Vater.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Eine ruhige Geschichte über zwischenmenschliche Beziehungen und die Liebe zum Töpfern

Aus Stille geformt
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Schon in jungen Jahren begeisterte sich Akiko für das Töpfern. Als junge Frau verwirklicht sie schließlich ihren Traum von einer Töpferausbildung. Sie verlässt Japan, um das Handwerk in Deutschland von ...

Schon in jungen Jahren begeisterte sich Akiko für das Töpfern. Als junge Frau verwirklicht sie schließlich ihren Traum von einer Töpferausbildung. Sie verlässt Japan, um das Handwerk in Deutschland von Grund auf zu lernen. Anschließend kommt sie für ein Praktikum bei Friedrich im Bregenzerwald unter. Dort trainiert sie jeden Handgriff vom tagtäglichen Drehen an der Scheibe bis zum Brennen im traditionellen Holzofen. Bald stellt sie jedoch fest, dass Friedrich und sie mehr verbindet als nur die Liebe zum Ton.

In „Aus Stille geformt“ begleiten wir Akiko ein Stück auf ihrem Weg zur Töpferin. Dabei vermittelt der Roman viel Wissen über die Arbeit mit Ton. Jeder Schritt bei der Entstehung eines Gefäßes wird bildlich beschrieben: vom Drehen an der Scheibe, dem Trockenvorgang und dem Abdrehen über das Glasieren bis hin zum Brennen. Während sich Akiko bei allen Arbeitsgängen anfangs an ihrem Meister orientiert, entwickelt sie sich zunehmend weiter und findet allmählich ihre eigene Form. In der Geschichte wird stets betont, dass die Arbeit mit dem Naturmaterial viel Erfahrung benötigt und nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Dennoch ist die Hingabe, mit der sich die beiden Protagonisten dem Töpfern widmen, deutlich zu spüren.
Neben den handwerklichen Einblicken bringt uns der Roman auch die japanische Kultur näher. Das Land blickt auf eine Jahrtausende alte keramische Tradition zurück, die sich in Akikos Onkel, der Töpfermeister ist, widerspiegelt. Dass Akiko ihre Ausbildung dennoch fern ihrer Heimat absolviert, liegt allein am Rat ihres Verwandten: „Es ist wichtig, dass du diese Reise machst. Du wirst als eine andere zurückkommen.“ (S. 57) Und genau das wird sie auch:
Mit Friedrich lernt Akiko einen Menschen kennen, der ihrem Leben eine besondere Wendung gibt. Die beiden begegnen sich anfangs als Fremde, spüren jedoch schnell eine Verbindung zueinander. Umso mehr Zeit vergeht, desto besser lernen sie sich kennen. Ihr Verhältnis ist mal von Neugierde, Freundschaft und Vertrauen geprägt, mal von Unsicherheit und sogar Wut. Damit werden viele Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen aufgezeigt. Hier hätte ich mir noch mehr Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Figuren gewünscht. Für mein Empfinden kratzten die Beschreibungen noch zu sehr an der Oberfläche, sodass mir die Figuren ein wenig fremd blieben. Unterstützt wird dieses Gefühl durch die zahlreichen und großen Zeitsprünge, die sich durch die Geschichte ziehen.
Das Ende des Buches habe ich leider von Beginn an erahnen können. Schuld daran ist jedoch gar nicht der Handlungsverlauf, der da etwa vorhersehbar wäre, sondern allein die Vorankündigung des Verlags. Mit einem einzigen Wort hat diese zu viel vom Inhalt vorweggenommen und meine Lesefreude damit deutlich getrübt. Auf den meisten Portalen ist die Beschreibung in der Zwischenzeit glücklicherweise angepasst worden, sodass der Verlauf der Geschichte für neue Leser vielleicht doch eine Überraschung bereithält.
„Aus Stille geformt“ ist ein ruhiger Roman, der sich besonders für Liebhaber des Töpferhandwerks und der japanischen Kultur eignet.

Veröffentlicht am 13.02.2025

Eine lebensnahe Geschichte mit ruhiger Erzählstimme

Flusslinien
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Margrit lebt in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Mit ihren über 100 Jahren hat sie ein bewegtes Leben hinter sich, wobei vor allem ihre Mutter und deren Bekanntschaften sie auch im hohen Alter noch ...

Margrit lebt in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Mit ihren über 100 Jahren hat sie ein bewegtes Leben hinter sich, wobei vor allem ihre Mutter und deren Bekanntschaften sie auch im hohen Alter noch beschäftigen. Täglich lässt sich Margrit von ihrem Fahrer Arthur in den Römischen Garten bringen. Dort findet sie die Ruhe, um sich auf all ihre Erinnerungen zurückzubesinnen.
Regelmäßig erhält Margrit Besuch von ihrer Enkeltochter Luzie. Die hat vor Kurzem die Schule abgebrochen und ist von einer für ihre Großmutter unergründlichen Wut erfüllt.
Dann gibt es da noch Arthur, der seit Kurzem als Fahrer in der Seniorenresidenz tätig ist. Arthur ist oft in Gedanken, denn nach einem tragischen Vorfall kämpft er noch immer mit Schuldgefühlen.

„Flusslinien“ nimmt uns mit nach Hamburg. Dank einer durchweg ruhigen Erzählstimme lernt man mit Margrit, Luzie und Arthur die Protagonisten des Romans kennen. Durch häufige Rückblenden taucht man tief in deren Leben ein. So erfährt man von ihren Ängsten, Sorgen und Nöten. Während Margrit ihre erste Lebenshälfte reflektiert und Erinnerungslücken zu schließen versucht, sind es im Fall von Luzie und Arthur kürzliche Geschehnisse, die ihr Leben bis in die Gegenwart prägen. Die beiden Jüngeren lernen allmählich, ihre Schicksalsschläge zu verarbeiten und loszulassen, haben aber in meinen Augen noch einen weiten Weg vor sich.
Alle Figuren sind nach meiner Meinung authentisch gezeichnet. Stellvertretend stehen sie jeweils für eine Generation, die eine eigene Sicht auf die Welt mit sich bringt und mit ihren eigenen Problemen fertig werden muss. Dabei klingen die Themen Altern, Schuld und Reue, die Verarbeitung von Traumata sowie die seelische Heilung genauso an wie Naturschutz und der Kampf gegen patriarchale Strukturen. Entsprechend durchlebt man mit Margrit, Luzie und Arthur eine Vielzahl von Emotionen, darunter Sanftheit und Güte, Trauer und Schuld sowie Zorn und Mut.
Obwohl ich die Erzählweise sehr mochte, hat mich die Geschichte zwischenzeitlich immer wieder verloren, da ich einzelne Passagen als zu langatmig empfand. Das Ende des Romans war in Teilen erwartbar. Da manches offenblieb, hat mich das Buch ein wenig unzufrieden zurückgelassen.

Veröffentlicht am 08.02.2025

Inhaltlich und künstlerisch wertvoll

Der Wolfspelz
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Bellwidder Rückwelzer liebt den Wald. Gerne hört er den Vögeln zu, riecht an Blumen und sammelt Brombeeren. Eines Tages vernimmt er das Heulen von Wölfen. Bellwidder, seines Zeichens ein Schaf, bekommt ...

Bellwidder Rückwelzer liebt den Wald. Gerne hört er den Vögeln zu, riecht an Blumen und sammelt Brombeeren. Eines Tages vernimmt er das Heulen von Wölfen. Bellwidder, seines Zeichens ein Schaf, bekommt große Angst, gefressen zu werden und traut sich fortan kaum mehr vor die Tür – bis er beim Nähen einen Einfall hat: Er fertigt sich einen Wolfspelz an und begibt sich damit unter die Wölfe des Waldes. Doch schon bald stellt Bellwidder fest, dass nicht alles ist, wie es scheint….

Die Illustratorin Sid Sharp stammt aus Kanada und hat mit „Der Wolfspelz“ ihr erstes Bilderbuch veröffentlicht. Dieses sticht durch seine Gestaltung unter anderen Kinderbüchern hervor, denn die Geschichte darin ist im Stil einer Graphic Novel verpackt. Kurze Sätze und viel wörtliche Rede in Sprechblasen machen den Text lebendig und regen Kinder zum eigenen Erlesen der Geschichte an. Sid Sharps Bilder zeichnen sich durch kräftige, oft dunkle Farben aus und wirken dadurch mitunter recht düster. Mit vielen Details gelingt es ihr jedoch, die schaurige Atmosphäre aufzulockern, sodass es ein Vergnügen ist, das Buch zu lesen und alle Darstellungen zu entdecken.
Auch inhaltlich hat die Geschichte einen großen Mehrwert zu bieten: Sie führt uns kindgerecht vor Augen, dass es unvernünftig ist, die eigene Persönlichkeit zu verbergen und sich seinen Mitmenschen gegenüber zu verstellen. Oft steckt, wie in Bellwidders Fall, Angst dahinter. Während das Schaf in Sorge davor ist, gefressen zu werden, ist es bei uns Menschen häufig die Angst vor Ablehnung, die zur Anpassung führt. Die Lösung scheint zunächst einfach: Man schneidert sich einen Anzug, der augenscheinlich Sicherheit bietet, am Ende aber doch nicht richtig passt. Das bedeutet in der Folge, sich ein Stück weit selbst aufzugeben und macht somit nicht dauerhaft glücklich. Bellwidder beispielsweise kann in seinem Wolfspelz weder die Vögel, die er so gerne mag, hören noch die duftenden Blumen riechen. Sein Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten, ist für das Tier in der Geschichte wie auch für uns Menschen zudem eine große Last – zumal keine noch so gute Maskerade ewig währt. „Der Wolfspelz“ zeigt uns, dass wahre Freundschaften nur dann entstehen können, wenn man sich seinen Mitmenschen gegenüber öffnet und ihnen vertraut.
Eine wichtige Botschaft, die in einer für mich neuen Art der Gestaltung vermittelt wird: Kein Wunder also, dass „Der Wolfspelz“ im letzten Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war!

Veröffentlicht am 26.01.2025

Eine ebenso skurrile wie meisterhaft konstruierte Geschichte

Wackelkontakt
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Franz Escher hat einen Wackelkontakt. Die Steckdose in seiner Küche soll daher endlich repariert werden. Während er auf den Elektriker wartet, setzt er nicht nur ein Puzzle zusammen, sondern liest auch ...

Franz Escher hat einen Wackelkontakt. Die Steckdose in seiner Küche soll daher endlich repariert werden. Während er auf den Elektriker wartet, setzt er nicht nur ein Puzzle zusammen, sondern liest auch noch in einem Buch. Die Hauptfigur darin: Elio, der als Mafia-Kronzeuge in einem italienischen Gefängnis einsitzt.
Währenddessen liest der echte Elio in seiner Zelle ein Buch. Hierin wiederum geht es um einen gewissen Escher, der wegen einer defekten Steckdose auf das Klingeln des Elektrikers wartet…

Was in der Inhaltszusammenfassung nach einem skurrilen Zufall klingt, entpuppt sich bald als geschickt konstruiertes Meisterwerk: Mit „Wackelkontakt“ hat Wolf Haas einen Roman verfasst, der von Beginn an einen solchen Sog entwickelt, dass ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen wollte. Darin lernen wir unter anderem Franz Escher kennen, dessen Name sicherlich an den niederländischen Illusionskünstler M. C. Escher angelehnt ist. Der Protagonist ist ein Sonderling durch und durch, er arbeitet als Trauerredner, liebt Puzzle, ist im Bereich der Kunst sehr bewandert und verhält sich bei sozialen Interaktionen oft befremdlich. Eine weitere wichtige Rolle in der Geschichte kommt außerdem Elio zu, der als Kronzeuge im Zeugenschutzprogramm ein rasantes Leben mit unvorhersehbaren Wendungen führt.
Beide Figuren sind Teil von zwei scheinbar getrennten Erzählsträngen. Lediglich das Buch, das sie über den jeweils anderen lesen, verbindet sie anfangs miteinander. Wolf Haas nutzt diesen Twist, um auf gelungene Art und Weise immer wieder Szenenwechsel herbeizuführen. Während des Lesens setzen sich die einzelnen Fragmente schließlich wie Puzzleteile Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammen: Escher, der die Geschichte seines Buches zunächst für fiktiv hält, erkennt nicht nur, dass diese real ist, sondern begreift sich irgendwann auch als Teil des Ganzen. Dies gibt Wolf Haas‘ Roman eine ganze neue Ebene. Der Autor spielt mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion und erzeugt damit wiederkehrend Illusionen.
Sehr gemocht habe ich neben dem raffinierten Aufbau der Geschichte auch den Schreibstil. Haas‘ Sprachwitz hat mich gut unterhalten und dazu beigetragen, dass ich das Buch als sehr kurzweilig empfunden habe.
Kennt man M. C. Eschers Figuren, die auf optischen Täuschungen basieren und daher unmöglich sind, so wirkt „Wackelkontakt“ wie das literarische Pendant dazu – gleichermaßen bizarr und gerade deshalb absolut faszinierend!