Eine Liebesgeschichte wie ein Sog
Fast ein LebenIch bin sprachlos. Berührt. Aufgewühlt. Diese Liebesgeschichte zwischen Laure und Erica ist eine der schönsten, die ich bisher gelesen habe. Atemlos lese ich von ihrem ersten Kennenlernen vor der Sacre ...
Ich bin sprachlos. Berührt. Aufgewühlt. Diese Liebesgeschichte zwischen Laure und Erica ist eine der schönsten, die ich bisher gelesen habe. Atemlos lese ich von ihrem ersten Kennenlernen vor der Sacre Coeur, diese schwerelosen Wochen der Verliebtheit im heißen Pariser Sommer Ende der 70er. Erotisch, wie ein Rausch. Man sieht das nahende Ende kommen, will es aber nicht wahrhaben. Doch es kommt wie es kommen muss, Trennung, Schmerz, Leid. Laure scheint unter der Trennung mehr zu leiden als die unbeschwerte junge Erica, die sich schnell in neue Abenteuer stürzt. Laure bleibt zurück in einem Paris, das einem als Leser plötzlich auch nur noch melancholisch, grau und trist erscheint. Die beiden Frauenfiguren könnten unterschiedlicher kaum sein. Laure ist extrem, alles an ihr widersetzt sich bestehenden Konventionen. Sie ist streitbar, ruppig und sexy. Erica ist ausgeglichener, impulsiver, manchmal beinahe naiv. Liebt eine von beiden mehr? Ich vermag es nicht zu sagen. Erica scheint sich immer nach einem Leben zu sehnen, das nicht das ihre ist. Ich verfolge das Leben der beiden Frauen, das Erwachsenwerden, die Jahre ohne einander. Beide Figuren durchlaufen im Laufe der Jahre eine Wandlung. Erica, anfangs von einer kindlichen Neugier geprägt, stumpft im Laufe der Geschichte immer mehr ab. Laure wird mit den Jahren weicher, nachgiebiger. Auch die anderen Figuren, insbesondere die Pariser Clique, aber auch Anthony, Ericas Mann, sind facettenreich und reißen mich beim Lesen mit. Insbesondere das Schicksal des schönen Michel, dem besten Freund, einer Säule in Laures chaotischem Leben, berührt mich sehr. Seine schwere Krankheit kündigt sich lange an, will man beim Lesen aber gar nicht wahrhaben. Es ist so bewegend beschrieben, wie sich die Freundinnen in den letzten Wochen um ihn kümmern. Auch Anthony ist eine sehr besondere Figur, er wirkt wie ein Geist aus einer fast vergessenen anderen britischen Welt. Manchmal wirkt es auf mich so, als würde Erica sich kopfüber in diese Beziehung stürzen, um zu fliehen. Doch vor was? Vor der Liebe, der eigenen Courage oder einem Leben, das einfach nicht sein soll. Immer wieder weht ein Hauch dessen durch die Zeilen, was hätte sein können. Ein gemeinsames Leben, eine lebenslange Liebe. Neben der Beziehung der beiden Frauen zeichnet der Roman aber auch ein gutes Bild der Gegebenheiten in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. Fehlende Rechte für gleichgeschlechtliche Beziehungen, Intoleranz, Vorurteile und Hass. Die Liebesgeschichte zwischen Laure und Erica wirkt sehr zeitgemäß, und obwohl man ihnen beim Lesen viele Jahre folgt, bleibt die Geschichte frisch und wird zu keiner Zeit langweilig. Das Ende ist sehr bewegend, bestürzend und macht mich traurig. Dennoch birgt die starke, lebensbejahend Laure eine große Zuversicht. Für mich ist sie eine der facettenreichsten Frauenfiguren, von denen ich in der letzten Zeit gelesen habe. Dieser wirklich elegante, sehr sinnlich geschriebene Roman der Autorin wird mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben und bekommt definitiv einen Platz auf der Liste meiner Lieblingsbücher. Ein unwiderstehliches Buch, das noch lange nachhallt.