Rückkehr
LandgerichtDr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. ...
Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. Dr. Kornitzer war Richter, bis er 1933 als Jude aus seinem Amt entlassen wurde. Nun will er tatkräftig am Aufbau eines neuen Deutschlands helfen. Aber ein Anknüpfen an die erfolgversprechende Vergangenheit, ein Wiederankommen in seiner Heimat, gelingt ihm weder in der Familie noch im Beruf.
Ursula Krechel zeichnet den steinigen Weg eines zurückkehrenden Exilanten nach. Dabei rahmen die Abschnitte über die Jahren in der Bundesrepublik die Zeit von 1933 bis 1939 und die Zeit des Exils in Havanna ein, es wird also nicht chronologisch erzählt. Der Kampf Kornitzers um Recht und Gerechtigkeit geht unter in einem Vorschriften- und Paragraphendschungel, der wenig Interesse hat, Wiedergutmachung zu leisten. Der Text ist gespickt mit historischen Dokumenten, Amtsschreiben und Gesetzestexten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. "Weil er [Kornitzer] Jude war, weil er verfolgt worden war, weil ihm Wiedergutmachungsleistungen zustanden, war er Partei. Und diejenigen Richter, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei gewesen waren, waren nicht Partei, waren befugt und besser geeignet, über Wiedergutmachungsleistungen zu urteilen." (S. 190) Der Roman ist sehr lehrreich und macht wahnsinnig wütend. Krechel findet wunderbare plastische Vergleiche und Metaphern, um die Eindrücke der Figuren wiederzugeben. Dabei sitzt der auktoriale Erzähler jeweils auf der Schulter der Figur, hört und sieht, was sie sieht und hört und erzählt es uns, auch die Gespräche. Es gibt daher keine klassischen Dialoge und dies hat zur Folge, dass es auch kaum Unterbrechungen im Fließtext gibt; im Durchschnitt stehen ein bis zwei Zeilenumbrüche pro Doppelseite, vereinzelt ein Absatz. Das macht den Text auch optisch dicht.
Vielfache Vergleiche mit Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle über den Pferdehändler, der nur Gerechtigkeit will, sind treffend.
Insgesamt ein Roman über ein exemplarisches Einzelschicksal vor dem geschichtlichen Hintergrund der Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre, in denen so viel unter den Teppich gekehrt wurde. Der teilweise etwas trockene dokumentarische Stil mag nicht jedem zusagen, ansonsten hat mich das Buch aber durch Sprache und Inhalt überzeugt und wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.