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Veröffentlicht am 05.02.2026

Rückkehr

Landgericht
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Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. ...

Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. Dr. Kornitzer war Richter, bis er 1933 als Jude aus seinem Amt entlassen wurde. Nun will er tatkräftig am Aufbau eines neuen Deutschlands helfen. Aber ein Anknüpfen an die erfolgversprechende Vergangenheit, ein Wiederankommen in seiner Heimat, gelingt ihm weder in der Familie noch im Beruf.

Ursula Krechel zeichnet den steinigen Weg eines zurückkehrenden Exilanten nach. Dabei rahmen die Abschnitte über die Jahren in der Bundesrepublik die Zeit von 1933 bis 1939 und die Zeit des Exils in Havanna ein, es wird also nicht chronologisch erzählt. Der Kampf Kornitzers um Recht und Gerechtigkeit geht unter in einem Vorschriften- und Paragraphendschungel, der wenig Interesse hat, Wiedergutmachung zu leisten. Der Text ist gespickt mit historischen Dokumenten, Amtsschreiben und Gesetzestexten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. "Weil er [Kornitzer] Jude war, weil er verfolgt worden war, weil ihm Wiedergutmachungsleistungen zustanden, war er Partei. Und diejenigen Richter, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei gewesen waren, waren nicht Partei, waren befugt und besser geeignet, über Wiedergutmachungsleistungen zu urteilen." (S. 190) Der Roman ist sehr lehrreich und macht wahnsinnig wütend. Krechel findet wunderbare plastische Vergleiche und Metaphern, um die Eindrücke der Figuren wiederzugeben. Dabei sitzt der auktoriale Erzähler jeweils auf der Schulter der Figur, hört und sieht, was sie sieht und hört und erzählt es uns, auch die Gespräche. Es gibt daher keine klassischen Dialoge und dies hat zur Folge, dass es auch kaum Unterbrechungen im Fließtext gibt; im Durchschnitt stehen ein bis zwei Zeilenumbrüche pro Doppelseite, vereinzelt ein Absatz. Das macht den Text auch optisch dicht.

Vielfache Vergleiche mit Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle über den Pferdehändler, der nur Gerechtigkeit will, sind treffend.

Insgesamt ein Roman über ein exemplarisches Einzelschicksal vor dem geschichtlichen Hintergrund der Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre, in denen so viel unter den Teppich gekehrt wurde. Der teilweise etwas trockene dokumentarische Stil mag nicht jedem zusagen, ansonsten hat mich das Buch aber durch Sprache und Inhalt überzeugt und wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.


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Veröffentlicht am 09.01.2026

Auf der Suche nach einem Klavier

Sibiriens vergessene Klaviere
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Was für eine Aufgabe: Die Autorin begibt sich auf die Suche nach einem besonderen Klavier für eine herausragende mongolische Musikerin und zwar in Sibirien. "Falls ich mich in Sibirien auf die Suche begab, ...

Was für eine Aufgabe: Die Autorin begibt sich auf die Suche nach einem besonderen Klavier für eine herausragende mongolische Musikerin und zwar in Sibirien. "Falls ich mich in Sibirien auf die Suche begab, dann wollte ich die Geschichte der Klaviere in der russischen Kultur verstehen und wie und warum diese Instrumente überhaupt nach Osten gekommen waren. Es gibt nichts, was ich lieber tue, als Leuten beim Reden zuzuhören, auf den Seiten von Büchern oder an einem Tisch beim gemeinsamen Essen." (S. 44f.)

Diese Spurensuchen ist so ungewöhnlich, fesselnd und voller spannender Geschichten. Sophy Roberts taucht nicht nur tief ein die Weiten Sibiriens ein, sondern fördert Schicksale rund um das Klavier und die Musik zu Tage, die mich begeistert haben. Dabei geht es nicht nur um die Welt der Musik, sondern auch um die Geschichte Sibiriens, um die Menschen, die dort schon immer lebten und die, die dazugekommen sind, sei es freiwillig oder als Häftlinge. Es geht um die Natur, die die Autorin so einfühlsam und liebevoll beschreibt und die doch häufig so lebensfeindlich ist. Ihre Begegnungen mit zahlreichen besonderen Personen - Klavierstimmern, -besitzerinnen, Klavierbauern und -spielerinnen - machen das Buch zu einer kleinen Schatzkiste voller Geschichten aus mehreren Jahrhunderten. Einfach wunderbar.

Jedem Kapitel ist eine Karte Sibiriens vorangestellt, auf der immer die Orte hervorgehoben sind, die im nachfolgenden Text eine Rolle spielen. Eine sehr gute Idee, um sich zu orientieren. Außerdem ist das Buch reich bebildert und hat am Ende einen kurzen historischen Abriss, ein Literaturverzeichnis und ein Namensregister.

Eine Spurensuche, die ich allen ans Herz lege, die sich für außergewöhnliche Bücher interessieren, voller Kultur- und Musikgeschichte.

Einziges Manko ist die wirklich kleine Schriftgröße des Textes, da brauchte ich immer volle Beleuchtung zum Lesen.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Wolldeckenroman

Time to Love – Tausche altes Leben gegen neue Liebe
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Leenas Schwester ist gestorben, seit dem ist nichts mehr wie es war: Zerstritten mit der Mutter, Fehler im Büro und eine innere Leere. Als ihre Arbeitgeberin Leena eine zweimonatige Zwangspause vom Job ...

Leenas Schwester ist gestorben, seit dem ist nichts mehr wie es war: Zerstritten mit der Mutter, Fehler im Büro und eine innere Leere. Als ihre Arbeitgeberin Leena eine zweimonatige Zwangspause vom Job in London verordnet, wird im Gespräch mit der geliebten Großmutter eine wunderbare Idee geboren. Warum nicht die Wohnungen und die Handys tauschen? Landleben in Yorkshire gegen die Großstadt London. Eileen ist mit Ende 70 noch extrem rüstig und ohnehin auf der Suche nach einem neuen Lover, da sind Leenas Mitbewohner und Freundinnen natürlich gerne behilflich. Während Eileen London unsicher macht und ihr Organisationstalent voll auslebt, übernimmt Leena in Hamleigh-in-Harksdale alle scheinbar harmlosen ehrenamtlichen Tätigkeiten ihrer Großmutter.

Die Handlung ist vorhersehbar, aber wirklich sehr niedlich. Ein Wolldeckenroman zum Abtauchen, mit allen Zutaten, die zu erwarten sind, inklusive vorwitzigem Hund. Viele kleine und größere Stolpersteine werden den zwei Frauen in den Weg gelegt, bis sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst und jede Figur im Roman bekommt, was sie verdient. Nach 444 Seiten klappen wir mit einem Seufzer das Buch zu und können sagen: "Hab' ich's doch gewußt!".

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Eine verrückte Geschichte

Das Nachthaus
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In der Tat! Wer sollte Richard Elauved auch glauben, dass sein Freund Tom in einer Telefonzelle vom Hörer aufgesogen wurde, zumal die Nummer, die gewählt wurde, plötzlich nicht mehr im Telefonbuch zu finden ...

In der Tat! Wer sollte Richard Elauved auch glauben, dass sein Freund Tom in einer Telefonzelle vom Hörer aufgesogen wurde, zumal die Nummer, die gewählt wurde, plötzlich nicht mehr im Telefonbuch zu finden ist. Tja, es sieht düster aus für Richard, der nun verdächtigt wird, den Verschwundenen einfach von einer Brücke geschubst zu haben. Einzig die Schulschönheit Karen glaubt ihm. Als Richard herausfindet, dass der Telefonanschluss zu Ballantyne gehörte, dem sogenannten Nachthaus im Spiegelwald, ist er schon mitten drin in dieser verrückten Geschichte.

Ich wollte den Roman schon lange lesen, weil ich so viele begeisterte Besprechungen darüber gelesen hatte. Tatsächlich habe ich es an einem Sonntag durchgelesen, allerdings kann ich mich den Lobeshymnen nicht ohne Weiteres anschließen. Mich hat es nicht derart gepackt, wie viele andere. Mir war das einfach alles zu viel Wahnwitz, der mich dann auch nicht so fesseln konnte; aber natürlich wollte ich die Lösung wissen. Es gibt zahlreiche gut durchdachte Kniffe und Ideen, die die Handlung und die Jugendlichen auf ihrer Suche nach dem Geheimnis voranbringen. Der zweite Teil beginnt überraschend und schlägt dann nochmal einen Haken, um in einem Schluss zu münden, den man bereits aus anderen Büchern oder Filmen kennt.

Wer auf die Verbindung von Fantasie, Horror und Jugendbuch mit Krimielementen steht, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Womöglich hat es mich einfach enttäuscht, weil ich kein Fan der ersten beiden Genres bin.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Familienbande

Die andern sind das weite Meer
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Luka hat in ihrer Kindheit ein Bild der Familie gemalt, darauf kämpft sich jedes der fünf Mitglieder allein (s)einen Hügel hoch. Nichts beschreibt die Familie Cramer besser als dieses Kinderbild. Längst ...

Luka hat in ihrer Kindheit ein Bild der Familie gemalt, darauf kämpft sich jedes der fünf Mitglieder allein (s)einen Hügel hoch. Nichts beschreibt die Familie Cramer besser als dieses Kinderbild. Längst sind die drei Kinder erwachsen, die Mutter verstorben, der Vater an Demenz erkrankt. Aber die Hügel sind immer noch da.

Auf leichte und doch eindringliche Weise beschreibt Julie von Kessel die einzelnen Mitglieder dieser Familie, die alle an etwas zu knabbern haben und darüber die Familie - vor allem den Vater - vernachlässigen. Aus vier Blickwinkeln werden Gegenwart und Vergangenheit nachgezeichnet. Die einzelnen Schicksale fügen sich zu einem Familienpuzzle zusammen, das von Missverständnissen geprägt ist.

Der Roman der Journalistin Julie von Kessel hat mich sehr gut unterhalten. Die Lebenswege der einzelnen Figuren sind farbig, einmal außergewöhnlich und einmal alltäglich. Immer sind sie interessant und zeigen, wie sehr wir durch die Kindheit geprägt sind, wie sich der Charakter einer Person dadurch beeinflußt entwickelt. Einzelne Elemente hat die Autorin ihrem eigenen Leben entnommen, so den Diplomatenvater oder die journalistische Tätigkeit der Tochter Luka. Der Roman endet an einer entscheidenen Stelle und läßt uns vor einer geschlossenen Tür stehend zurück. Das passt ganz hervorragend. Nicht alles kann und muss auserzählt werden.

Wunderbar haben mir auch die sich verändernden Kapitelüberschriften gefallen. Ich habe noch eine Erstauflage mit dem schönen leuchtenden Farbschnitt bekommen, dessen Orange sich im Titel und in der Walfluke widerspiegelt. Das Tier fungiert im Roman als Metapher und taucht immer wieder auf.

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