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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.09.2025

Einblick in eine andere Welt

Monstergott
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Caroline Schmitts Debütroman Monstergott ist ein intensives, eindringliches Porträt zweier junger Menschen, die in einer konservativen Freikirche aufwachsen – und deren Glaubenswelt nach und nach ins Wanken ...

Caroline Schmitts Debütroman Monstergott ist ein intensives, eindringliches Porträt zweier junger Menschen, die in einer konservativen Freikirche aufwachsen – und deren Glaubenswelt nach und nach ins Wanken gerät.

Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Esther und Ben, deren Kindheit und Jugend fast ausschließlich innerhalb ihrer christlichen Gemeinde stattfindet. Hier haben sie ihre Freunde, ihre Freizeitgestaltung, ihr gesamtes soziales Umfeld. Die Gemeinde ist kein Ort unter vielen – sie ist alles. Doch mit der Zeit beginnen beide, die starren Regeln, die rigide Moral und das Menschenbild der Gruppe zu hinterfragen. Ihre Zweifel wachsen, besonders dort, wo sich die konservativen Ansichten der Gemeinde mit ihrer eigenen Identität, ihren Wünschen und ihrer Sicht auf die Welt reiben.

Schmitt zeichnet ein differenziertes Bild einer Glaubensgemeinschaft, die sich nach außen modern und offen inszeniert – ein Pastor in Designerkleidung mit Bierglas in der Hand – und doch hinter der Fassade tief in alten patriarchalen und homofeindlichen Strukturen verhaftet bleibt. Die Diskrepanz zwischen Außenwirkung und innerem Zwang macht die Geschichte besonders beklemmend. Man leidet mit Esther und Ben, die Gott lieben, aber an einem Glaubenssystem zerbrechen, dem sie nie wirklich genügen können.

Monstergott ist keine Abrechnung, sondern ein feinfühliger, kluger Roman über Zugehörigkeit, Schuld, Zweifel und den schmerzhaften Weg zur Selbstbefreiung. Schmitt gelingt es, Empathie für fast alle Figuren zu wecken – selbst für jene, die Teil des Problems sind. Denn was als Glaube beginnt, kann zum Käfig werden, wenn nur Perfektion zählt.

Ein wichtiges, bewegendes Buch, das den Blick öffnet für die Mechanismen strenger religiöser Gemeinschaften – und für den Mut, sich von ihnen zu lösen.

Veröffentlicht am 08.09.2025

Epochenbild mit schöner Sprache

Die Rheinreise
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Ann Schlees Die Rheinreise ist ein stilles, feinsinniges Porträt einer Frau im Schatten gesellschaftlicher Konventionen – und zugleich eine poetische Momentaufnahme einer vergangenen Epoche.

Die Geschichte ...

Ann Schlees Die Rheinreise ist ein stilles, feinsinniges Porträt einer Frau im Schatten gesellschaftlicher Konventionen – und zugleich eine poetische Momentaufnahme einer vergangenen Epoche.

Die Geschichte spielt um die Jahrhundertwende: Charlotte, eine alleinstehende Frau mittleren Alters, reist mit der Familie ihres Bruders den Rhein entlang – von Koblenz nach Köln. Was auf den ersten Blick wie eine beschauliche Urlaubsreise wirkt, entpuppt sich bald als feinschichtiges Kammerspiel über Rollenbilder, Erinnerung und stille Sehnsüchte.

Der eigentliche Reiz des Romans liegt in seinem Ton. Schlee schreibt in einer ruhigen, eleganten Sprache, die mit altmodischem Charme besticht. Ihr Stil passt sich mühelos der Epoche an, in der die Handlung verankert ist – ohne aufgesetzt zu wirken. Die Sätze fließen poetisch, mit einer fast meditativen Ruhe, die es erlaubt, ganz in die Zeit einzutauchen. Zwischen Militärpräsenz, Flusslandschaften und Sommergeselligkeit entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen idyllisch wie latent beklemmend ist.

Charlotte steht dabei im Zentrum als stille Beobachterin – und zugleich als Figur, an der die gesellschaftliche Position alleinstehender Frauen jener Zeit schmerzlich deutlich wird. Ihre Wahrnehmung wird immer wieder untergraben, ihre Bedürfnisse übergangen. Statt selbst zu genießen, wird sie zur stillen Begleiterin degradiert – zur Aufpasserin, Helferin, fast zur Dienstbotin innerhalb der Familie. Als Leser*in spürt man ihre Isolation und ihre Sehnsucht, insbesondere in der vagen Bekanntschaft zu Mr. Newman – einem englischen Mitreisenden, in dem Charlotte einen Mann aus ihrer Vergangenheit zu erkennen glaubt. Ob er tatsächlich mit ihr kommuniziert oder ob es sich um Projektionen handelt, bleibt bewusst vage – ein Spiegel ihrer inneren Leere und unerfüllten Wünsche.

Auch das Äußere des Buches verdient eine Erwähnung: Das wunderschöne, leinengebundene Cover mit geprägter Schrift unterstreicht die Wertigkeit dieses Werks – ein haptisches wie optisches Vergnügen, das zum Inhalt passt.

Fazit: Die Rheinreise ist ein leises, aber eindrucksvolles Buch. Es lebt von Zwischentönen, von feiner Beobachtung und von einer Sprache, die längst vergangen scheint – und gerade deshalb so wohltuend wirkt. Wer sich auf dieses entschleunigte Erzähltempo einlässt, wird mit einem tiefgründigen Leseerlebnis belohnt.

Veröffentlicht am 27.08.2025

spannend und gegensätzlich

Ein Mord im November - Ein Fall für DI Wilkins
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Mit „Ein Mord im November“ legt Simon Mason einen fesselnden Kriminalroman vor, der nicht nur durch seinen spannenden Fall, sondern vor allem durch seine ungewöhnlichen Ermittlerfiguren überzeugt.

Im ...

Mit „Ein Mord im November“ legt Simon Mason einen fesselnden Kriminalroman vor, der nicht nur durch seinen spannenden Fall, sondern vor allem durch seine ungewöhnlichen Ermittlerfiguren überzeugt.

Im ehrwürdigen Umfeld der Oxford Universität wird die Leiche einer jungen migrantischen Frau entdeckt – ausgerechnet im Arbeitszimmer eines hochrangigen Uni-Angestellten. Die Ermittlungen führen zwei denkbar gegensätzliche Kommissare zusammen: Ryan Wilkins, einst selbst Student in Oxford, mit gepflegtem Auftreten und gesellschaftlicher Anerkennung, und... Ryan Wilkins – derselbe Name, aber ein völlig anderer Hintergrund. Dieser zweite Wilkins stammt aus schwierigen Verhältnissen, aufgewachsen in einem Trailer Park, mit einem losen Mundwerk, wenig Gespür für Konventionen, aber umso mehr Herz – besonders für seinen kleinen Sohn, den er allein großzieht.

Die Gegensätze zwischen den beiden Ermittlern spiegeln sich auch in den Schauplätzen wider: akademische Elfenbeintürme und raue Vorstädte prallen aufeinander, gesellschaftliche Kluften tun sich auf. Und doch entwickelt sich zwischen den beiden Polizisten eine Zusammenarbeit, die von gegenseitigem Respekt und wachsender Nähe geprägt ist. Ihre unterschiedlichen Herangehensweisen bringen sie Stück für Stück der Wahrheit näher – und führen zu einem unerwarteten, überzeugend konstruierten Ende.

Neben der eigentlichen Krimihandlung überzeugt vor allem die berührende Rahmenhandlung: Wilkins' Vergangenheit, seine Verantwortung als Vater und die schmerzliche Geschichte um den Tod seiner Partnerin durch eine Überdosis verleihen dem Roman emotionale Tiefe. Mason gelingt es, gesellschaftliche Themen wie Herkunft, Vorurteile und persönliche Schuld subtil in die Handlung einzuweben, ohne je belehrend zu wirken.

Fazit: „Ein Mord im November“ ist ein spannender Kriminalroman vor atmosphärischer Oxford-Kulisse. Die Kontraste – zwischen Orten, Figuren und Lebenswelten – machen den besonderen Reiz dieses Buches aus. Die gut konstruierte Handlung, die starke Figurenzeichnung und das mitreißende, unerwartete Ende machen den Roman zu einem echten Leseerlebnis – nicht nur für Krimifans.

Veröffentlicht am 11.08.2025

Lebensrealitäten junger Frauen

Im Leben nebenan
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Von estuck
Was wäre, wenn man an einem gewöhnlichen Morgen aufwacht – und plötzlich in einem ganz anderen Leben steckt? Genau das passiert Antonia, der Protagonistin in Anne Sauers fesselndem Roman Im ...

Von estuck
Was wäre, wenn man an einem gewöhnlichen Morgen aufwacht – und plötzlich in einem ganz anderen Leben steckt? Genau das passiert Antonia, der Protagonistin in Anne Sauers fesselndem Roman Im Leben nebenan.

Eigentlich führt Antonia ein erfülltes Leben mit ihrem Freund Jakob – kinderlos, unabhängig, glücklich. Doch eines Tages findet sie sich in einer alternativen Realität wieder: Hier ist sie Mutter eines kleinen Kindes und mit ihrem Jugendfreund verheiratet. Zwei Leben, zwei Versionen ihrer selbst – und zwei gegensätzliche Erfahrungen von Mutterschaft und Selbstverwirklichung.

Sauer erzählt diese parallelen Lebenswege mit einem soghaften, fast träumerischen Erzählstil, der sofort in den Bann zieht. Dabei verwebt sie die Themen Mutterschaft, Partnerschaft mit kleinen Kindern und unerfüllter Kinderwunsch zu einem feinfühligen, nuancierten Porträt weiblicher Lebensrealitäten.

Besonders eindrucksvoll gelingt ihr die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Erwartungen an junge Frauen. Ganz gleich, ob mit Kind oder ohne: Antonia erfährt in beiden Leben Beurteilungen und Zuschreibungen – subtil oder offen, wohlmeinend oder bevormundend. Sauer zeigt, wie tief diese Erwartungen greifen, und wie schwer es ist, sich ihnen zu entziehen.

Im Leben nebenan ist ein kluges, emotional bewegendes Buch über die Frage: Wie frei sind wir wirklich in unseren Lebensentscheidungen – und wie sehr werden wir von außen gelenkt? Ein absolut lesenswertes Debüt, das lange nachhallt.

Veröffentlicht am 11.08.2025

grandiose Politiksatire

Das Geschenk
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Die deutsche Regierung hat ein Gesetz verabschiedet, was den Elfenbeinhandel mit afrikanischen Staaten einschränkt. Daraufhin "schenkt" der Staat Botswana Deutschland 20000 echte lebende Elefanten (was ...

Die deutsche Regierung hat ein Gesetz verabschiedet, was den Elfenbeinhandel mit afrikanischen Staaten einschränkt. Daraufhin "schenkt" der Staat Botswana Deutschland 20000 echte lebende Elefanten (was offensichtlich übrigens tatsächtlich schonmal angedroht worden ist). Plötzlich tauchen sie (zunächst nur in Berlin, später überall in Deutschland) auf. Sie leben unter den enschen, begeben sich auf die Suche nach Nahrung und verrichten ihre Notdurft, logischerweise in dem unerwarteten Maße ein riesiges unüberschaubares Problem für den Bundeskanzler und sein Team.
Im Laufe der Handlung werden immer mehr Maßnahmen ergriffen, um der Situation Herr zu werden. An einigen Stellen fühlt man sich dezent an die überforderte Lage in der Pandemie erinnert.
Insgesamt habe ich das Buch nicht nur gerne gelesen, weil es so herrlich skurril und witzig war. Es zeigt auf auch schonungslose Weise, wie der Politikbetrieb funktioniert, zB dass Charisma und Diplomatie viel mehr wertgeschätzt werden als Fachwissen. Aus meiner Sicht ein großartiges Buch für alle, die sich für Politik interessieren.