"Vorsehung" von Liane Moriarty ist ein Buch, das schon mal sehr spannend beginnt: es geht um eine Frau, die auf einmal in einem australischen Flug allen Mitreisenden unaufgefordert Todesalter und Todesursache ...
"Vorsehung" von Liane Moriarty ist ein Buch, das schon mal sehr spannend beginnt: es geht um eine Frau, die auf einmal in einem australischen Flug allen Mitreisenden unaufgefordert Todesalter und Todesursache prophezeit - und darum, wie die jeweiligen Menschen damit umgehen und welche Auswirkung diese Prophezeiung auf ihre Leben hat.
Da gibt es die, die erst einmal nicht viel auf die Prophezeiung geben, die Frau für eine Schwindlerin und ihre Aussagen für Humbug halten... bis die ersten Fälle von Mitreisenden, bei denen sich die Vorhersage bewahrheitet hat, durch die Medien gehen. Es gibt jene, die radikal ihr Leben ändern, um das drohende Unheil abzuwenden... die versuchen, sich vorzubereiten... oder die Wahrsagerin zu finden und sie dazu zu bringen, ihre Vorhersage zu ändern. Insgesamt wird das Leben insbesondere der Menschen, denen persönlich oder deren Lieben ein früher oder gewaltsamer Tod prophezeit wurde, sehr durcheinandergewirbelt. Einige von ihnen schließen sich zusammen und tauschen sich aus, zwei Frauen gründen eine Facebook-Gruppe für alle Mitglieder des betroffenen Fluges usw.
Das Buch liest sich unterhaltsam und leicht und regt dabei zum Nachdenken über Determinismus, den Schmetterlingseffekt und vieles weitere an. Abwechselnd erleben wir die Perspektiven einiger Flugpassagiere und ihres sozialen Umfelds mit: z.B. ein junger Mann, der noch nie in eine Schlägerei verwickelt war, aber dem ein gewaltsamer Tod prophezeit wird, eine bis jetzt kerngesunde Mittsechzigerin, die vorhat, nun endlich in ihrer Pension mit ihrem Mann auf Reisen zu gehen und über der nun das drohende Unheil eines möglichen baldigen Krebstodes schwebt, eine frisch verheiratete Braut, der prophezeit wird, durch ihren Intimpartner getötet zu werden, und eine Mutter mit einem Baby, dem vorhergesagt wird, im Alter von sieben Jahren zu ertrinken (und die die Flucht nach vorne ergreift und das Kind schon frühzeitig in so viele Schwimmkurse wie möglich schickt). Diese und weitere Charaktere lernen wir kennen und sie wachsen einem beim Lesen durchaus ans Herz. Über wessen Leben wir aber am allermeisten erfahren, das ist Cherry, die Wahrsagerin selbst. Auch sie hatte ein sehr interessantes Leben, über das ich gerne gelesen habe.
Insgesamt ist es ein spannend zu lesendes, unterhaltsames Buch mit glaubwürdigen Charakteren und angenehm kurzen Kapiteln, die die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Für mich, die ich hauptsächlich gerne Romane und insgesamt tiefgründige Literatur lese, war es sehr schön zu lesen.
Ich kann mir aber vorstellen, dass es für Menschen, die eher den Reiz und die Spannung eines Thrillers suchen, etwas zu langatmig sein könnte: es stehen eben tatsächlich die ausführlich erzählten Lebensgeschichten im Vordergrund, nicht nur deren mögliches tragisches Ende. Insgesamt ist für mich das Buch klar - so wie es auch auf dem Coverbild steht - viel mehr Roman als Thriller.
"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional ...
"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional enorm berührend, wird das Leben der fiktiven Hanna Krause geschildert, die prototypisch für so viele Frauen ihrer Generation aus dem ehemaligen Ostdeutschland stehen könnte. Hanna ist um 1913 geboren und sie stirbt irgendwann nach der Wende. Wie viele Zeitenwandel, Krisen und Katastrophen, wie viele Umbrüche und vor allem wie viel Leid hat diese tapfere Frau erlebt!
Ich selbst bin aus Österreich und habe mit der DDR nichts zu tun... doch dieses Buch hat mir auch die Sprachlosigkeit meiner eigenen Vorfahren nahegebracht, von denen manche eine ähnliche Generation wie Hanna waren. Diese multiplen Traumen, die sie erlebt haben... dazu die Not und das Elend und eine Zeit, die erforderlich machte, hart und stark zu sein und anzupacken, um selbst und mit der eigenen Familie zu überleben - kein Wunder, dass da noch wenig Zeit und Raum für Traumaverarbeitung und die Konfrontation mit der eigenen verwundeten Seele war... und oft auch wenig Raum dafür, sich noch einmal auf tiefe Beziehungen einzulassen, wenn man mal mehrere geliebte Menschen verloren hatte.
Für diese Rezension habe ich nach passenden Zitaten aus dem Buch gesucht und dabei noch einmal bemerkt, über was für eine eindringliche Sprache dieses Buch verfügt, z.B.
S. 42: "An solchen Abenden musste er auf der Küchenbank schlafen. Eine bessere Form der Geburtenkontrolle kannte Hanna nicht."
Hanna arbeitet erst als junges Mädchen als Aushilfe im Blumenladen ihrer halben Schwester, dann heiratet sie jung und bekommt die ersten Kinder. Verhütung gibt es nicht, Abtreibung ist verboten (Hanna wird dennoch mehrere haben), regelmäßiger Geschlechtsverkehr wird erwartet und so folgt eine Schwangerschaft auf die nächste, auch in Zeiten von Krieg und Not, in denen nicht klar ist, wie ein weiteres Kind durchgebracht werden soll. Insgesamt wird Hanna sechs Kinder zur Welt bringen, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichen.
Dann im Krieg, S. 109: "Das war noch nicht alles, dachte Hanna in der Notunterkunft, da kommt noch mehr, und sie sollte recht behalten. Das war erst der Anfang."
Durch das ganze Buch und durch Hannas Leben zieht sich die Liebe zu den Blumen. Passend dazu wird jedes Kapitel mit der Vorstellung einer Blumenart eingeleitet. Zwar kann Hanna nur ganz am Anfang ihres Lebens tatsächlich als Blumenhändlerin arbeiten, doch findet sie immer wieder Wege, sich dennoch mit dem Thema zu beschäftigen und ihr Wissen dazu weiter zu kultivieren und einzubringen, etwa durch die Pflege eines Gemeinschaftsgartenstückchens nahe ihrer Wohnung im Plattenbau in der DDR. Und auch im Krieg und im Angesicht von Zerstörung, Tod und tiefstem Elend ist die Verbindung zu den Blumen das, was Hanna aufrecht hält: "Hanna existierte. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatte versucht, über das Menschsein nachzudenken, war aber zu keinem Ergebnis gekommen, außer dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung." (S. 126)
In der DDR ergreift Hanna einen ursprünglich typischen Männerberuf, denn mit diesem kann sie mehr Geld für ihre Familie verdienen. Sie wird Kranfahrerin, hier zeigt sich der Bezug zum Titel des Buches, und wir erleben auch diesen Arbeitsalltag von ihr mit: "Die Kranbahn über ihr, die daran befestigten grünen Lampen, die Meisterbude rechts unten, die Drehmaschinen, die Werkstücke, die Gabelstapler und die Männer mit den Helmen, die zu ihr heraufwinkten. Sie war die einzige Frau, sie verteidigte bei der Prüfung ihr Geschlecht, sie war dabei, ins kalte Wasser zu springen." (S. 167)
Auch hier zeigt sich wieder eine klassische Qualität Hannas: sie ist anpackend, tüchtig und mutig, scheut nicht vor Herausforderungen zurück und ist bereit, sich beruflich in neue Gebiete vorzuwagen und sich zu entwickeln. Das sind Eigenschaften, die sie in ihrem Privat- und Berufsleben zeigt.
Sonderlich politisch ist Hanna aber nicht und lehnt sich weder gegen das NS-Regime auf noch setzt sie sich in der DDR für mehr Freiheit ein. Ambitionen, die DDR zu verlassen, hat sie auch keine. Sie ist eine, die sich auch sehr gut mit dem herrschenden System arrangieren kann und damit insgesamt eine ambivalente Persönlichkeit. Ein bei ihr kurz verstecktes jüdisches Mädchen schickt sie auf die Straße, nachdem der Blockwart sie darauf angesprochen hat. Später aber gibt sie hungernden Arbeiterinnen aus Polen und der Ukraine Brot. So zeigt sich in Summe eine Frau, wie es sie viele gegeben haben könnte, mit ihren menschlichen Stärken und Schwächen. Genau diese Authentizität macht das Buch in Summe auch aus.
Außerdem mochte ich an dem Buch, wie deutlich es die vielen politischen und ökonomischen Umbrüche aufzeigt, die Menschen dieses Geburtsjahrganges erlebt haben - das muss eine unglaubliche Anpassungsleistung erfordert haben.
Als Hanna schon eine alte Frau von fast 80 Jahren ist, kommt es zur Wende und damit zur Wiedervereinigung. Wieder ein Systemwechsel für Hanna. Ihr ganzes Leben lang hat sie geübt, sich mit den wechselnden Umständen abzufinden und sich anzupassen und so nimmt sie es auch jetzt hin, als Investoren aus dem Westen die Blockbauten mitsamt ihrer Wohnung kaufen, renovieren und die Miete erhöhen möchten und ihren liebevoll angelegten Blumengarten vernichten: "Als die Mietergärten verschwanden, wehrte sie sich nicht. Sie blieb einfach auf dem Sofa sitzen und sah sich bei ausgestelltem Ton die Showsternchen im Fernsehen an. Sie zog die Vorhänge zu, hörte aber, wie die Gartenarbeiter die Pflanzen mit der Wurzel ausrissen."
Mit jeweils wenigen Worten gelingt es der Autorin damit, ein eindringliches Bild der jeweiligen Zeit zu malen. Viele Details, aber vor allem die Atmosphäre dieses beeindruckenden Buches wirken in mir tief nach. Es sind viele harte Bilder, von Tod und Zerstörung, einem Magdeburg, das dem Erdboden gleich gemacht wurde, vielen Jahren der Entbehrung, einem langsamen Aufschwung und zaghafter Hoffnung, wirtschaftlich etwas besseren Zeiten mit wenig Freiheit und doch hin und wieder ein bisschen Raum für Individualität, wie beim Anlegen der Blumengärten. Ganz viel Sich-Abfinden mit den Umständen, Akzeptieren und das Beste aus dem machen, was möglich ist.
Es ist ein wichtiges Buch, ein besonderes Buch, das dazu beitragen kann, Verständnis und Empathie zwischen den Generationen zu fördern und uns allen noch einmal anders spürbar zu vermitteln, woher unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern kommen und was sie geprägt haben könnte, sodass sie so wurden, wie wir sie erlebt haben und sie schlussendlich uns geprägt haben. Hanna steht hier als Beispiel für ganz viele. Danke für dieses Buch!
In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Neurodiversität sehr angestiegen und immer mehr Menschen finden auf der Suche nach Erklärungen für die Herausforderungen, die sie schon ihr ganzes Leben mit ...
In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Neurodiversität sehr angestiegen und immer mehr Menschen finden auf der Suche nach Erklärungen für die Herausforderungen, die sie schon ihr ganzes Leben mit sich tragen, zu Informationen über ADHS, das autistische Spektrum, Hochsensibilität und Hochbegabung und vieles mehr, erkennen sich als neurodivergent wieder. Auch im psychologischen und medizinischen Bereich steigt die Nachfrage nach Diagnostik, Beratung und Behandlung in diesem Bereich.
Mit dem ADHS-Wohlfühl-Guide gibt die Autorin, selbst ADHS-Betroffene und erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, Betroffenen ein sehr ansprechendes, buntes und übersichtlich gestaltetes, inspirierendes Werkzeug-Buch in die Hand. Darin können sie Tipps und Tools für verschiedenste Herausforderungen finden, mit denen sie im Alltag zu tun haben.
Eingeteilt ist das Buch in sieben große Kapitel. Im ersten geht es um die Grundlagen und darum, was ADHS überhaupt ist, welche verschiedenen Unterkategorien davon es gibt, warum es sich bei Mädchen und Frauen oft anders äußerst als bei Jungen und Männern und erstere deshalb oft unterdiagnostiziert bleiben, sowie um Gemeinsamkeiten mit anderen Neurodivergenzen wie Hochsensibilität oder dem autistischen Spektrum. Auch auf typische ADHS-assoziierte Herausforderungen im Alltag wie die ADHS-Paralyse, den Tunnelblick oder Brain Fog wird eingegangen.
In den restlichen sechs Kapiteln steht jeweils ein ADHS--spezifisches Schwerpunktthema im Vordergrund, das erklärt wird und für das es dann verschiedene praktische Tipps, Tools und Übungen gibt, um die damit verbundenen Herausforderungen zu überwinden. Die Kapitel heißen (bis auf das letzte) "Ich brauche..." und dann folgt z.B. "Ruhe & Entspannung", "Sicherheit & Geborgenheit", "Fokus & Klarheit", "Inspiration & Lebensfreude" oder "Energie und Motivation". Im letzten Kapitel geht es darum, in Balance zu kommen und zu bleiben. Jedes Kapitel ist in einer anderen Trägerfarbe gestaltet, sodass man leicht erkennt, wo im Buch man sich gerade befindet.
Sehr sympathisch an diesem Ansatz ist der positive Fokus: wer dieses Buch liest, wird nicht ständig daran erinnert, was mit einem selbst falsch sein könnte, sondern kommt in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen und Ressourcen. Dabei legt das Buch insgesamt einen Schwerpunkt auf den für ADHS-Betroffene oft herausfordernden Übergang zwischen Stimulation und Entspannung und gibt viele wertvolle Tipps für Experimente zu diesem Thema.
Vieles, was im Buch an Methoden vorgestellt wird, sind allgemein Tipps für eine gesunde, balancierte und entspannte Lebensführung, von denen auch Menschen ohne ADHS profitieren können, z.B. Achtsamkeitsübungen, das bewusste Wählen wohltuender Hobbys, eine gesunde Ernährung, die Gestaltung einer angenehmen Umgebung, wertschätzende Rituale für sich selbst, Verbundenheit mit anderen pflegen, Journaling, Visionboards und vieles mehr. Damit sind das inhaltlich überwiegend keine unbekannten oder neuartigen Methoden - der neuartige Ansatz ist, sie in den ADHS-Kontext zu stellen und bewusst nach ADHS-spezifischen Bedürfnissen und Themen zu gliedern.
Sehr ansprechend habe ich auch gefunden, dass die Autorin immer wieder kleine Einblicke in ihre eigene Geschichte und ihren Umgang mit dem Thema gibt, das macht das Buch persönlich und nahbar. Beispielsweise ist es ihr gelungen, trotz ADHS nicht nur ein Studium, sondern sogar eine Promotion zu absolvieren, auf ihre ganz eigene, individuelle Weise und mit anderen Arbeitstechniken als sonst dafür üblich sind.
Insgesamt ist es ein wunderschön gestaltetes, inspirierendes, persönliches und wohltuendes Buch, das ich allen ADHS-Betroffenen, aber auch sonst neurodivergenten Menschen und auch allen, die sich insgesamt für Tools zur balancierten und gesunden Lebensgestaltung interessieren, bestens empfehlen kann.
"Flusslinien", das neue Buch von Katharina Hagena, hätte ich so gerne gemocht. So ansprechend waren das schöne Cover mit der Flusslandschaft und die Kurzbeschreibung. Ich habe mich auf ein witziges, lebenskluges ...
"Flusslinien", das neue Buch von Katharina Hagena, hätte ich so gerne gemocht. So ansprechend waren das schöne Cover mit der Flusslandschaft und die Kurzbeschreibung. Ich habe mich auf ein witziges, lebenskluges und unterhaltsames Buch gefreut, doch wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Damit ich ein Buch mit nur zwei Sternen beurteile, muss schon einiges zusammenkommen, denn ich bemühe mich immer, Bücher so großzügig wie möglich zu betrachten und zu beurteilen. Deshalb werde ich nun genau darauf eingehen, in welchen Bereichen mich dieses Buch enttäuscht hat.
Was schätze ich am Lesen?
1) Eine interessante, glaubwürdige Geschichte:
Hier haben wir die 102-jährige Margrit, die in einer noblen Seniorenresidenz in Hamburg lebt. Ihre 18-jährige Enkelin Luzie, die aufgrund des Traumas eines Vergewaltigung bei einem Auslandsaufenthalt in Australien (wo ihr Vater lebt) die Schule abgebrochen hat und Tätowiererin werden will. Arthur, in seinen 20ern, der seinen Zwillingsbruder Theo verloren hat, als Taucher gearbeitet hat und außerdem Kunstsprachen erfindet und verkauft, aber nebenbei in der Seniorenresidenz als Fahrer jobbt. Abwechselnd erleben wir die Geschichte aus den Perspektiven dieser drei Personen mit. Das wusste ich schon aus der Kurzbeschreibung und das hätte eine nette Geschichte werden können. Leider passiert aber sehr wenig und das Buch ist voll von irrelevanten, ausgiebig erzählten, langweiligen Szenen, die für mich nirgendwo hingeführt haben. Dieses fast vierhundert Seiten lange Buch reiht Szene an Szene an Szenen, ohne wirklichen Spannungsaufbau oder Höhepunkt.
2) Gut gezeichnete, glaubwürdige Figuren, die tiefgründig und authentisch dargestellt sind und eine interessante Entwicklung aufweisen:
Wir lernen die oben erwähnten Figuren kennen und dann noch einige weitere in ihrem Umfeld, z.B. Mutter und Vater von Luzie (sind getrennt) Arthurs Zwillingsbruder Theo, oder Gregor, einen Mitbewohner Margrits in der Seniorenresidenz. Sowohl die drei Hauptfiguren als auch alle Nebenfiguren blieben für mich aber sehr blass charakterisiert. Nach der Lektüre des Buches könnte ich kaum jemanden von ihnen abseits von sehr plumpen Stereotypen (Luzie ist verletzt und rebellisch aufgrund des Traumas, Margrit ist weise und gütig,....) charakterlich tiefgehender beschreiben. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Figuren eine sonderliche Entwicklung durchgemacht hätten und sie bleiben für mich sehr blass. Auch habe ich mich während der Lektüre den meisten von ihnen innerlich nicht nahe gefühlt, was mir normalerweise bei gut geschriebenen Büchern sehr schnell gelingt, selbst bei unsympathischen Figuren, wenn diese authentisch gezeichnet sind.
3) Eine besondere, schöne und einprägsame Sprache:
Insgesamt zeichnet sich dieses Buch dadurch auch nicht sonderlich aus. Gelegentlich gibt es schöne und einprägsame Sätze insbesondere in den Margrit-Kapiteln, die ja als weise dargestellt werden soll, so z.B. auf S. 44: "Nun, da die Schatten länger und die Risse tiefer werden, muss sie noch einmal ihre letzten Bilder einordnen." In diesem Bereich schneidet das Buch also für mich weder bemerkenswert noch besonders schlecht ab.
4) Ausgiebige Recherche, sodass man beim Lesen auch etwas über die beschriebenen Themen lernt oder diese zumindest nicht komplett unglaubwürdig wirken:
Das ist ein weiterer Punkt, der mich in diesem Buch sehr enttäuscht hat. Plakativ werden so gut wie alle Zeitgeistthemen (Coronazeit, Ukrainekrieg, Klimawandel, Fridays for Future,...) oberflächlich genannt und eingebaut, ohne sie aber tiefer mit dem Buch zu verbinden. Das wirkt auf mich, als ob die Autorin regelrecht eine Liste all dieser Themen abgearbeitet hätte. Ich mag durchaus Romane mit aktuellem Bezug, aber hier wäre es mir lieber gewesen, die Autorin hätte sich auf wenige dieser Themen beschränkt, diese aber authentischer und tiefgehender in das Buch eingebaut. Überhaupt empfinde ich das Buch über weite Strecken als sehr oberflächlich: immer wieder kamen durchaus interessante Themen auf, z.B. zur Umweltproblematik, die mit der immer weiter betriebenen industriellen Elbvertiefung für die Schifffahrt verbunden ist, aber diese wurden meistens nur kurz gestreift, bis das nächste von gefühlt hunderten Themen kurz angeschnitten wurde. Manches war auch schlicht extrem klischeehaft beschrieben, z.B. reist Arthur nach Belarus, wo sich eine Gruppe für eine seiner Kunstsprachen interessiert, diese Gruppe hat die Kunstsprache in kürzester Zeit nahezu perfekt gelernt, hält darin komplexe faschistische Vorträge und Arthur flieht angeekelt und reist mit dem nächsten Flieger um 4000 Euro zurück nach Deutschland, wobei er die gesamten Ersparnisse von sich und noch welche von seinem Bruder aufbraucht. Hier hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin mit Belarus, mit Kunstsprachen oder mit sonst etwas näher auseinandergesetzt hat. Auch das Tätowieren alter Menschen in der Seniorenresidenz wirkte auf mich nicht sehr glaubwürdig und authentisch geschildert. Damit hat mich das Buch auch in dieser Hinsicht sehr unzufrieden zurückgelassen.
5) Gut unterhalten zu werden:
Wenn ein Buch schon nicht sonderlich glaubwürdig ist, literarisch kein hohes Niveau aufweist, keine besondere Figurenentwicklung hat und ich auch nicht wirklich was dabei lernen kann, dann wäre es schön, wenn es wenigstens so spannend oder witzig geschrieben wäre, dass ich mich dabei gut unterhalten würde. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Autorin versucht hat, humorvoll und weise rüberzukommen, aber, wie gesagt, über weite Strecken hat mich das Buch mangels wirklich interessanter Handlung sehr gelangweilt.
6) Interessante historische Bezüge:
Was mich wirklich gewundert hat, war das Nachwort. In diesem gibt die Autorin an, dass sie speziell über die Gestalterin des Römischen Gartens in Hamburg, Else Hoffa, schreiben habe wollen, da sie festgestellt habe, dass einiges, was über diese zu finden sei, korrigiert und ergänzt werden könnte. Ja, zu Else Hoffa gibt es immer wieder Exkurse, speziell in den Erinnerungen der alten Margrit, denn Else Hoffa wird fiktiv als lesbische Partnerin von deren Mutter Johanne dargestellt. Allerdings haben diese Elemente für mich als Fremdkörper im Roman gewirkt, nicht wirklich mit dem Rest der Geschichte verbunden, und ich wäre allein aufgrund der Lektüre nie draufgekommen, dass das ein zentrales Element des Buches sein sollte, dazu war es als Thema viel zu wenig präsent.
Fazit: Ich nehme der Autorin nicht ab, über sehr alte Menschen, Kunstsprachen oder sonstige der im Buch behandelten Themen wirklich tiefgründig recherchiert zu haben. Die Geschichte an sich war für mich langatmig und langweilig erzählt, die Figurencharakterisierung blass, kaum Charakterentwicklung da und das Leseerleben unbefriedigend und langweilig. Schade. 2 Sterne für die Bemühung, eine humorvolle, berührende Geschichte zu schreiben, und für stellenweise gute Ansätze dazu. Keine Leseempfehlung.
Hervorragend geschriebene Bücher, solche von Autorinnen und Autoren, die Buchpreise gewinnen, zeichnen sich meist durch ihre Vielschichtigkeit aus. Sie wirken emotional und intellektuell noch länger nach, ...
Hervorragend geschriebene Bücher, solche von Autorinnen und Autoren, die Buchpreise gewinnen, zeichnen sich meist durch ihre Vielschichtigkeit aus. Sie wirken emotional und intellektuell noch länger nach, bieten Stoff für tiefgehende Diskussionen, bilden und regen zum Nachdenken an. Manchen dieser Bücher gelingt es dann auch noch, zusätzlich angenehm und unterhaltsam zu lesen zu sein.
"Der Einfluss der Fasane", das neue Buch der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2021, Antje Rávik Strubel, ist so ein Buch. Vordergründig liest sich die Geschichte leicht, schnell und unterhaltsam, doch regt sie gleichzeitig tief zum Nachdenken und Diskutieren an.
Worum geht es? Hella Renata Karl hat beruflich im Leben viel erreicht, sie ist Feuilletonchefin einer großen Zeitung und bewegt sich souverän auf dem gesellschaftlichen Parkett. Bei einer lieblosen Mutter in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, hat sie den großen Aufstieg geschafft: eine intelligente, selbstbewusste und erfolgreiche Frau. Doch nun ist ihre Position bedroht: sie hat aufgedeckt, dass ein beliebter Theaterdirektor, Kai Hochwerth, seine Geliebte geschwängert hatte und diese zur Abtreibung drängen wollte, und darüber einen Artikel verfasst. Kurz darauf nimmt sich der Beschuldigte das Leben, und die Medienlandschaft und das Internet fallen über Hella her und meinen, in ihr die Schuldige für den Suizid gefunden zu haben. Sie bekommt anonyme Drohungen und wird beruflich von ihrem Posten erst einmal auf unbestimmte Zeit beurlaubt.
Soweit zur wichtigsten Rahmenhandlung. Wirklich interessant an diesem Buch finde ich aber die Psychogramme sowohl Hellas als auch des Verstorbenen und weiterer sich im beruflichen Umfeld zwischen Theater und Medien bewegender Menschen. Das Buch zeichnet ein deutliches Bild der Scheinwelt, die gerade in höheren gesellschaftlichen Kreisen herrscht: wie wichtig Status, Auftreten und der schöne Schein sind und wie schnell man nach einem scheinbar kleinen Fauxpas sehr tief fallen kann... das betrifft sowohl Hella als auch Hochwerth.
Überhaupt spiegeln sich beide sehr stark ineinander, Hochwerth ist ein offenkundiger Narzisst, der andere Menschen für seine Zwecke ausnützt, auch sexuell, und manipuliert, während sich Hellas narzisstische Tendenzen erst auf den zweiten Blick offenbaren. Doch erlebt man ihre Gedanken und Handlungsmotive mit, so wie wir das als Lesende des Buches können (denn das ganze Buch ist aus ihrer Innenperspektive geschrieben), so erleben wir sie als eine vom Wunsch nach Erfolg und Status Getriebene mit gleichzeitig instabilem Selbstwert, die mit anderen Menschen nur oberflächliche Beziehungen eingeht, zu wahrer Intimität kaum fähig ist, und ebenfalls dazu neigt, andere auf ihre Funktion für sich zu reduzieren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die beiden sich durchaus sympathisch waren... zumindest bis zu Hellas Artikel über Kai Hochwerth.
Besonders interessant finde ich an dem Buch aber nicht nur die Frage, ob und in welchem Ausmaß diese beiden nun narzisstisch sind oder nicht, sondern die weitergehende Perspektive, inwieweit das Milieu, in dem sie sich bewegen, Narzissten regelrecht anzieht, heranzieht und fördert bzw. gewisse Persönlichkeitstendenzen in diese Richtung möglicherweise sogar erforderlich sind, um eine solche Karriere zu machen. Auch das wird in dem Buch sehr anschaulich dargestellt, wie ich finde. Somit regt es auch zur Reflexion über die Wechselwirkung zwischen individueller Persönlichkeitsentwicklung und dem jeweiligen Milieu an, genauso wie darüber, welche Werte wir in unserer medien- und darstellungszentrierten Gesellschaft fördern (möchten) und welche nicht.
Damit ist es insgesamt ein nicht nur angenehm lesbares und unterhaltsames, sondern auch sehr intelligentes und tiefgründiges Buch, das ich allen Interessierten sehr empfehlen kann.