Mütter & das Patriarchat vom alten Rom bis heute
Sehr geehrte Frau MinisterinMit "Sehr geehrte Frau Ministerin" hat Ursula Krechel ein extrem anspruchsvolles Buch hingelegt. Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur, aber dieses Buch war noch einmal eine Kategorie für sich und ...
Mit "Sehr geehrte Frau Ministerin" hat Ursula Krechel ein extrem anspruchsvolles Buch hingelegt. Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur, aber dieses Buch war noch einmal eine Kategorie für sich und ich bin sehr froh, das Buch gemeinsam mit anderen in einer Leserunde gelesen und diskutiert zu haben, weil ich nicht sicher bin, ob ich es alleine für mich zu Ende gelesen hätte. Und das wäre wiederum sehr schade gewesen, denn es ist ein wertvolles und anregendes Buch, das auf vielen Ebenen bildet und Stoff zum Nachdenken über Mutter-Sein, Frau-Sein und das Patriarchat bietet, anregt, und seit Jahrtausenden bestehende Muster aufzeigt.
Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt und in jedem dieser Teile steht eine bestimmte Frau mit ihrer Geschichte im Vordergrund. Allerdings ist es kein Buch, das diese Geschichte einfach linear auserzählt. Es wird auch innerhalb der Teile zwischen verschiedenen Geschichten und Zeitebenen hin und her gesprungen, auch das macht das Buch beim Lesen sehr anspruchsvoll.
Im ersten Teil geht es in der Jetzt-Zeit um Eva Patarak, eine alleinerziehende Mutter eines erwachsenen Sohnes, der sein Studium geschmissen hat, auf ihre Kosten lebt, keine Verantwortung für sein Leben übernommen will, nach wie vor in seinem Jugendzimmer bei der Mutter haust und sich von ihr durchfüttern lässt, aber kaum ein Wort mit ihr mit ihr redet. Eva hat es schwer, sie wirkt einsam, hat neben ihrem Beruf als Verkäuferin in einem Kräuterladen offenbar kaum Kontakte, und ihren Sohn erreicht sie nicht. Mehrmals bekommt sie Besuch von einer Frau mit einer roten Mütze, die sich als Kundin ausgibt oder auch tatsächlich eine ist, aber Evas Misstrauen erregt, sodass sie schließlich sogar an die Ministerin schreibt, weil sie argwöhnt, die andere würde über sie und die Beziehung zu ihrem Sohn schreiben, was Eva nicht will.
Weiters geht es im ersten Teil aber außerdem, abwechselnd mit der Geschichte in der Gegenwart erzählt, um den römischen Kaiser Nero und seine Mutter Agrippina, die ihn bei seiner Machterlangung unterstützte, der er aber schließlich nicht mehr traute und die er ermorden ließ. Dieser Teil ist auch sehr umfangreich, gefühlt mindestens so umfangreich wie Evas Geschichte, wenn nicht sogar mehr. Wir lesen also sehr viel über alte römische Geschichte. Für mich, die ich keinen Latein-Hintergrund habe, war vieles davon neu und ich habe parallel dazu so einiges nachgeschlagen, um die Geschichte einigermaßen verstehen und einordnen zu können. Ein weiterer Punkt, der das Buch sehr anspruchsvoll macht, insbesondere für alle ohne umfangreichere Vorbildung in diesem Bereich.
Hier kurz ein Auszug aus dem Text, um zu zeigen, in welcher Stream-of-Consciousness-artigen Weise die Autorin die verschiedenen Ebenen und Teile oft miteinander verwebt:
"Und wenn Agrippina nicht nur die Mutter des Kaisers gewesen wäre, sondern außerdem eine Expertin für einen bestimmten Bereich, zum Beispiel den der Justiz, von ihrem Sohn als Beauftragte für Verbannungen, Enthauptungen eingesetzt -, hätten Gegner des Kaisertums aufgeschrien: Nepotismus, Nepotismus. Die Mutter als eine Ministerin leitet in eigener Verantwortung (so musste es heißen) ihren Fachbereich. In einem netten dunklen Kostüm hat sie vor dem Sohn einen Amtseid geleistet, ihre Bestallungsurkunde in Empfang genommen, Lächeln, Händeschütteln, auf gute Zusammenarbeit, eine solche Mutter hat es nie gegeben, aber sie wäre doch auszudenken, die mütterliche Ministerin. Ministrare: ausüben, versehen, bedienen. Eine Mutter, das glaubte Agrippina, und damit ist sie nicht allein, hat doch einen Überblick, sie kann die Ausflüchte und die Redestrategien und die daraus folgenden Handlungen ihres Sohnes gut einschätzen." (S. 63)
Ja, wer stellt denn diese Überlegungen und Verknüpfungen überhaupt an? Das wird uns im zweiten Teil des Buches klarer: es ist die Lateinlehrerin Silke, die Frau mit der roten Mütze. Hier lernen wir nun sie näher kennen, und zwar nicht nur ihren Blick auf das alte Rom und auf die Eva Patarak der heutigen Zeit und auf die Ministerin, sondern auch sie selbst, mit ihrem Leben und ihrer Leiblichkeit. Die hochgebildete und kluge Frau und engagierte Lateinlehrerin hat ein körperliches Problem, für das sie keine Lösung findet: sie leidet unter überstarken Regelschmerzen (Hypermenorrhoe), konsultiert verschiedenste Ärztinnen und Ärzte und wird doch lange nicht ernst genommen und niemand kann ihr wirklich helfen. Dieser Teil zeigt sehr eindrucksvoll, wie wir als Menschen und noch einmal anders als Frauen auch, wenn wir unseren Verstand noch so sehr entwickelt haben, bei Problemen auf eine zutiefst körperliche Ebene zurückgeworfen werden können, die uns als Frauen ganz speziell betrifft, aber gesellschaftlich kaum thematisiert wird. Viele Frauen leiden unter solchen und ähnlichen Themen und versuchen, im Berufsalltag damit zu funktionieren, ohne dass ihnen jemand etwas anmerkt - wie gut, dass dieses wichtige Thema mal so viel Raum bekommt (wer aber über menstruationsbezogene Themen nichts lesen möchte, wird mit diesem mittleren Teil keine Freude haben, denn es geht sehr ausführlich darum).
Im dritten und letzten Teil wiederum geht es um die titelgebende Ministerin selbst und darum, wie sie ihren beruflichen Aufstieg geschafft hat und auf wie vielen Ebenen sie mit Widerstand zu kämpfen hat, sowohl innerlich durch die verkrusteten Strukturen des Ministeriums und des politischen Prinzips, durch die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie (die Ministerin hat zwei Kinder) auch für sie und die Erwartungen und Wünsche, aber auch Beschimpfungen und Bedrohungen, die von außen an sie herangetragen werden. Und am Ende verweben sich die Geschichten noch einmal auf einer neuen Ebene miteinander.
Mit dem, was ich hier geschrieben habe, kann ich der Komplexität des Buches nicht Genüge tun. Ich habe versucht, die mosaikhaft verteilten Botschaften, die das Buch vermittelt, einigermaßen kohärent hier darzustellen - so kohärent sind sie im Buch nicht. Es ist ein vielschichtiges, kaleidoskopartiges Buch, in dem sich für jede Leserin und jeden Leser ganz viel von dem spiegeln wird, was jede und jeder individuell an eigenen Erfahrungen, Vorbildung, Vorwissen und Weltsicht mitbringt, aber das gleichzeitig auch nicht eindeutig fassbar ist, weil es so viel in sich birgt, und genau damit ist es ein äußerst kluges Buch, das zum Denken und Diskutieren anregt. Ein äußerst kluges Buch, aber kein einfaches oder leicht zugängliches - ich empfehle die Lektüre nur für jene, die sich darauf einlassen können und möchten und idealerweise Menschen haben, mit denen sie darüber diskutieren können, denn diese Lektüre profitiert extrem vom gemeinsamen Austausch.