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Veröffentlicht am 03.02.2025

Mütter & das Patriarchat vom alten Rom bis heute

Sehr geehrte Frau Ministerin
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Mit "Sehr geehrte Frau Ministerin" hat Ursula Krechel ein extrem anspruchsvolles Buch hingelegt. Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur, aber dieses Buch war noch einmal eine Kategorie für sich und ...

Mit "Sehr geehrte Frau Ministerin" hat Ursula Krechel ein extrem anspruchsvolles Buch hingelegt. Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur, aber dieses Buch war noch einmal eine Kategorie für sich und ich bin sehr froh, das Buch gemeinsam mit anderen in einer Leserunde gelesen und diskutiert zu haben, weil ich nicht sicher bin, ob ich es alleine für mich zu Ende gelesen hätte. Und das wäre wiederum sehr schade gewesen, denn es ist ein wertvolles und anregendes Buch, das auf vielen Ebenen bildet und Stoff zum Nachdenken über Mutter-Sein, Frau-Sein und das Patriarchat bietet, anregt, und seit Jahrtausenden bestehende Muster aufzeigt.

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt und in jedem dieser Teile steht eine bestimmte Frau mit ihrer Geschichte im Vordergrund. Allerdings ist es kein Buch, das diese Geschichte einfach linear auserzählt. Es wird auch innerhalb der Teile zwischen verschiedenen Geschichten und Zeitebenen hin und her gesprungen, auch das macht das Buch beim Lesen sehr anspruchsvoll.

Im ersten Teil geht es in der Jetzt-Zeit um Eva Patarak, eine alleinerziehende Mutter eines erwachsenen Sohnes, der sein Studium geschmissen hat, auf ihre Kosten lebt, keine Verantwortung für sein Leben übernommen will, nach wie vor in seinem Jugendzimmer bei der Mutter haust und sich von ihr durchfüttern lässt, aber kaum ein Wort mit ihr mit ihr redet. Eva hat es schwer, sie wirkt einsam, hat neben ihrem Beruf als Verkäuferin in einem Kräuterladen offenbar kaum Kontakte, und ihren Sohn erreicht sie nicht. Mehrmals bekommt sie Besuch von einer Frau mit einer roten Mütze, die sich als Kundin ausgibt oder auch tatsächlich eine ist, aber Evas Misstrauen erregt, sodass sie schließlich sogar an die Ministerin schreibt, weil sie argwöhnt, die andere würde über sie und die Beziehung zu ihrem Sohn schreiben, was Eva nicht will.

Weiters geht es im ersten Teil aber außerdem, abwechselnd mit der Geschichte in der Gegenwart erzählt, um den römischen Kaiser Nero und seine Mutter Agrippina, die ihn bei seiner Machterlangung unterstützte, der er aber schließlich nicht mehr traute und die er ermorden ließ. Dieser Teil ist auch sehr umfangreich, gefühlt mindestens so umfangreich wie Evas Geschichte, wenn nicht sogar mehr. Wir lesen also sehr viel über alte römische Geschichte. Für mich, die ich keinen Latein-Hintergrund habe, war vieles davon neu und ich habe parallel dazu so einiges nachgeschlagen, um die Geschichte einigermaßen verstehen und einordnen zu können. Ein weiterer Punkt, der das Buch sehr anspruchsvoll macht, insbesondere für alle ohne umfangreichere Vorbildung in diesem Bereich.

Hier kurz ein Auszug aus dem Text, um zu zeigen, in welcher Stream-of-Consciousness-artigen Weise die Autorin die verschiedenen Ebenen und Teile oft miteinander verwebt:

"Und wenn Agrippina nicht nur die Mutter des Kaisers gewesen wäre, sondern außerdem eine Expertin für einen bestimmten Bereich, zum Beispiel den der Justiz, von ihrem Sohn als Beauftragte für Verbannungen, Enthauptungen eingesetzt -, hätten Gegner des Kaisertums aufgeschrien: Nepotismus, Nepotismus. Die Mutter als eine Ministerin leitet in eigener Verantwortung (so musste es heißen) ihren Fachbereich. In einem netten dunklen Kostüm hat sie vor dem Sohn einen Amtseid geleistet, ihre Bestallungsurkunde in Empfang genommen, Lächeln, Händeschütteln, auf gute Zusammenarbeit, eine solche Mutter hat es nie gegeben, aber sie wäre doch auszudenken, die mütterliche Ministerin. Ministrare: ausüben, versehen, bedienen. Eine Mutter, das glaubte Agrippina, und damit ist sie nicht allein, hat doch einen Überblick, sie kann die Ausflüchte und die Redestrategien und die daraus folgenden Handlungen ihres Sohnes gut einschätzen." (S. 63)

Ja, wer stellt denn diese Überlegungen und Verknüpfungen überhaupt an? Das wird uns im zweiten Teil des Buches klarer: es ist die Lateinlehrerin Silke, die Frau mit der roten Mütze. Hier lernen wir nun sie näher kennen, und zwar nicht nur ihren Blick auf das alte Rom und auf die Eva Patarak der heutigen Zeit und auf die Ministerin, sondern auch sie selbst, mit ihrem Leben und ihrer Leiblichkeit. Die hochgebildete und kluge Frau und engagierte Lateinlehrerin hat ein körperliches Problem, für das sie keine Lösung findet: sie leidet unter überstarken Regelschmerzen (Hypermenorrhoe), konsultiert verschiedenste Ärztinnen und Ärzte und wird doch lange nicht ernst genommen und niemand kann ihr wirklich helfen. Dieser Teil zeigt sehr eindrucksvoll, wie wir als Menschen und noch einmal anders als Frauen auch, wenn wir unseren Verstand noch so sehr entwickelt haben, bei Problemen auf eine zutiefst körperliche Ebene zurückgeworfen werden können, die uns als Frauen ganz speziell betrifft, aber gesellschaftlich kaum thematisiert wird. Viele Frauen leiden unter solchen und ähnlichen Themen und versuchen, im Berufsalltag damit zu funktionieren, ohne dass ihnen jemand etwas anmerkt - wie gut, dass dieses wichtige Thema mal so viel Raum bekommt (wer aber über menstruationsbezogene Themen nichts lesen möchte, wird mit diesem mittleren Teil keine Freude haben, denn es geht sehr ausführlich darum).

Im dritten und letzten Teil wiederum geht es um die titelgebende Ministerin selbst und darum, wie sie ihren beruflichen Aufstieg geschafft hat und auf wie vielen Ebenen sie mit Widerstand zu kämpfen hat, sowohl innerlich durch die verkrusteten Strukturen des Ministeriums und des politischen Prinzips, durch die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie (die Ministerin hat zwei Kinder) auch für sie und die Erwartungen und Wünsche, aber auch Beschimpfungen und Bedrohungen, die von außen an sie herangetragen werden. Und am Ende verweben sich die Geschichten noch einmal auf einer neuen Ebene miteinander.

Mit dem, was ich hier geschrieben habe, kann ich der Komplexität des Buches nicht Genüge tun. Ich habe versucht, die mosaikhaft verteilten Botschaften, die das Buch vermittelt, einigermaßen kohärent hier darzustellen - so kohärent sind sie im Buch nicht. Es ist ein vielschichtiges, kaleidoskopartiges Buch, in dem sich für jede Leserin und jeden Leser ganz viel von dem spiegeln wird, was jede und jeder individuell an eigenen Erfahrungen, Vorbildung, Vorwissen und Weltsicht mitbringt, aber das gleichzeitig auch nicht eindeutig fassbar ist, weil es so viel in sich birgt, und genau damit ist es ein äußerst kluges Buch, das zum Denken und Diskutieren anregt. Ein äußerst kluges Buch, aber kein einfaches oder leicht zugängliches - ich empfehle die Lektüre nur für jene, die sich darauf einlassen können und möchten und idealerweise Menschen haben, mit denen sie darüber diskutieren können, denn diese Lektüre profitiert extrem vom gemeinsamen Austausch.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Wenn ich keine Entscheidungen treffe, entscheidet irgendwann das Leben für mich

Jesolo
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Andrea, genannt "Andi", ist Mitte 30, und orientierungslos in ihrem Leben. Von der eigenen Mutter wurde sie verlassen, als sie 10 Jahre alt war, und auch zum Vater hat sie kein gutes Verhältnis. Doch es ...

Andrea, genannt "Andi", ist Mitte 30, und orientierungslos in ihrem Leben. Von der eigenen Mutter wurde sie verlassen, als sie 10 Jahre alt war, und auch zum Vater hat sie kein gutes Verhältnis. Doch es gibt auch stabilisierende Faktoren in ihrem Leben: die langjährige Beziehung zu Georg, mit dem sie schon seit ihrer Teenagerzeit zusammen ist, auch wenn sie sich bisher nicht dazu entschließen hat können, weitere gemeinsame Schritte zu gehen, zusammen zu ziehen, zu heiraten oder sich für ein Kind zu entscheiden. Und sie arbeitet in einer Kreativagentur, eine Festanstellung, die ihr so mittelmäßig zu gefallen scheint.

In sich drin träumt Andi von all den alternativen Lebensrealitäten, die möglich wären: man könnte doch ganz was anderes machen, mal in Madrid leben, am Meer oder in der Großstadt, durch die Welt reisen, mal so, mal so. Tatsächlich lebt sie nichts davon, denn sie hat sich für einen Partner entschieden, der konservativ ist und die Routine liebt, und lebt nun schon seit Jahrzehnten an seiner Seite. Georg liebt das Gewohnte und Traditionelle, auch im Urlaub, und er ist eindeutig der stärkere Part in dieser Beziehung. Und Andi unternimmt keinerlei Bemühungen, irgendwelche ihrer Träume zu verwirklichen.

So beginnt das Buch schon mit dem jährlichen Urlaub, den das Paar im immer gleichen Hotel in Jesolo verbringt, wo Georg die immer gleichen Speisen zum Frühstück wählt und wenig Neues ausprobieren möchte. Für die Zukunft hat Georg auch eine klare Vorstellung: zusammenziehen, am besten im oberen Stock des Elternhauses, den man dann noch weiter ausbauen könnte, und gemeinsam eine Familie gründen. Das spricht Georg auch immer wieder an, nur Andi möchte das nicht, sich träumt von einem freieren, flexibleren Leben und möchte sich nicht festlegen, unternimmt aber auch keine konkreten Schritte in Richtungs ihres Wunschlebens und hält Georg hin, trennt sich aber auch nicht von ihm, obwohl klar ist, wie er ist und was er sich vom Leben wünscht und dass das mit ihren Vorstellungen eigentlich überhaupt nicht zusammenpasst.

Dabei werden die beiden immer älter - Andi ist mittlerweile 35 - und Georg immer unglücklicher damit, dass er seine Ziele mit ihr nicht verwirklichen kann und auch nicht weiß, ob und wann das noch möglich sein wird, sodass es sogar zu einer kurzfristigen Distanzierung zwischen den beiden kommt.

Tja, und dann stellt sich heraus, Andi ist im alljährlichen Jesolo-Urlaub offenbar schwanger geworden. Auch hier verhält sie sich so, wie sie sich immer verhält in ihrem Leben: sie trifft erst mal lange überhaupt keine Entscheidung und redet mit niemandem darüber, nicht einmal mit Georg. Die Schwangerschaft ist schon recht weit fortgeschritten, als sie ihm davon erzählt, und an ihrem Arbeitsplatz schweigt sie das Thema sowieso so lange tot, bis der Babybauch so sichtbar ist, dass sie schon darauf angesprochen wird. In Bezug auf das Ungeborene scheint sie nicht viele mütterliche Gefühle zu entwickeln und verhält sich ausgesprochen verantwortungslos, etwa, indem sie wiederholt größere Mengen an Alkohol trinkt.

Gleichzeitig lässt sie sich aber schlussendlich in ein Leben treiben, das sie so nicht wollte. Sie willigt ein, mit Georg ins Haus seiner Eltern zu ziehen, dort das obere Geschoss aufwendig renovieren zu lassen, aufzustocken und dafür einen Kredit im mittleren 6-stelligen Bereich aufzunehmen. Georg und seine Eltern übernehmen eine dominante Rolle bei der Renovierung und Wohnungseinrichtung, und abgesehen von vereinzelten kleinen Akten der Rebellion - Andi setzt sich bei der Wahl des Sofas durch - lässt sie auch das mit sich geschehen.

Wir begleiten Andi, Georg und deren Umfeld durch die Schwangerschaft und es ist schon hier ersichtlich, wie das Ganze weitergehen wird: Andi wird sich in ihrem selbsterwählten Unglück und ihrer Opferrolle suhlen, wahrscheinlich eine ähnlich wenig ambitionierte Mutter sein wie ihre eigene und die Schuld an all dem "der Gesellschaft" und "deren Erwartungen an Mutterschaft" zuschieben. Dabei - man liest es sicher heraus - hat ihr Unglück in meinen Augen viel mehr mit ihrer eigenen passiven Haltung und Verweigerung des Erwachsen-Werdens und der Verantwortungsübernahme für das eigene Leben zu tun, als mit der Gesellschaft. Schließlich hat niemand sie gezwungen, genau diesen Partner zu wählen und so lange an seiner Seite zu bleiben, und dann sich noch mehr ins von ihr abgelehnte konservative Leben hineinfallen zu lassen, aus Passivität und Feigheit.

Andi ist also keine sympathische Person, aber das muss sie auch nicht sein. Das Buch an sich finde ich hervorragend geschrieben, denn es ist eine ausgezeichnete Charakter- und Milieustudie und als solche spannend und authentisch zu lesen: Frauen mit einer Haltung ähnlich wie Andi gibt es viele, und damit ist es auch eine sehr gute Darstellung der Konsequenzen des Sich-Treiben-Lassens und Nicht-Erwachsen-Werden-Wollens, das in gewissen Kreisen meiner eigenen Millenial-Generation so verbreitet ist - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.01.2025

Berührend, authentisch und Hoffnung machend

Von hier aus weiter
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"Von hier aus weiter" von Susann Pasztor ist für mich ein ganz besonderes Buch, das mich tief berührt hat und das ich an nur einem Tag verschlungen habe.

Es gibt viele Bücher, die sich mit Coming-of-Age ...

"Von hier aus weiter" von Susann Pasztor ist für mich ein ganz besonderes Buch, das mich tief berührt hat und das ich an nur einem Tag verschlungen habe.

Es gibt viele Bücher, die sich mit Coming-of-Age und anderen Themen junger Menschen befassen, aber gar nicht so viele, in denen authentisch die Herausforderungen im mittleren bis höheren Lebensalter thematisiert werden. Denn um dazu authentisch zu schreiben, dafür braucht es selbst viel Lebenserfahrung und/oder Einfühlungsvermögen. Über beides verfügt die Autorin ganz offensichtlich und so ist ihr ein ganz besonderes und berührendes Buch gelungen.

Zur Handlung:
Marlene ist wütend. Rolf, der als Partner 30 Jahre lang an ihrer Seite war, hat sich aufgrund seiner schweren, voranschreitenden Krebserkrankung das Leben genommen, und sie alleine zurück gelassen. Selbstbestimmt wollte er gehen, nicht weiter dahinsiechen, und das kann sie ja verstehen. Aber alleine zurückbleiben, das wollte sie nicht, und es war doch etwas anders ausgemacht gewesen zwischen ihnen.

Wir lernen Marlene gleich am Anfang als eine Frau kennen, die kurzentschlossen ist und ihr Leben in die Hand nimmt: auf dem Leichenschmaus ihres verstorbenen Mannes eingesperrt in der eingeklemmten Toilettenkabine, zwängt sie sich kurzerhand unter dieser durch.

Marlene und Rolf haben sich etwas später im Leben kennen gelernt, Marlene war schon Ende 30, und Rolf hatte eine Trennung von seiner Frau hinter sich, und drei fast erwachsene Söhne. Marlene ist Volksschullehrerin, Rolf Landarzt, die beiden haben sich ein ruhiges, gemütliches Leben miteinander gewünscht und dieses auch über Jahrzehnte geführt... bis zu Rolfs Krebsdiagnose.

Und nun ist Marlene also alleine und noch am Leben. Zuerst einmal zieht sie sich wütend zurück, beantwortet keine Telefonanrufe, öffnet nicht die Tür, liest keine Briefe. Bis es dann einzelne Menschen schaffen, zu ihr durchzudringen. Da ist Ida, eine junge Ärztin und Praxisnachfolgerin von Rolf, die sich Sorgen macht. Und dann Jack, ein wohnungsloser junger Klempner, ein ehemaliger Schüler von Marlene, den der Zufall in Marlenes Wohnung spült, um ihre Dusche zu reparieren, und der dann erst einmal bei ihr einzieht und mit seinen improvisierten Kochkünsten wieder ein bisschen mehr Freude in ihren Alltag bringt. Eine Liebesgeschichte gibt es auch, zwischen den zwei jungen Menschen Ida und Jack, und einen amüsanten Roadtrip und ein überraschendes Ende.

Es ist ein stilles, nachdenkliches und dabei realistisches und doch Hoffnung machendes Buch, das authentisch die Wut, Verlassenheit und Trauer nach so einem tragischen Todesfall thematisiert und doch auch mit viel Zartheit und Humor aufzeigt, wie das Leben "von hier aus weiter" gehen kann.

Besonders mochte ich all die liebenswerten, fein gezeichneten Charaktere und ihre zarten, freundschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen.

Damit ist das Buch trotz des traurigen Themas auch eines, das Hoffnung für einen Neubeginn macht, der im Leben immer möglich ist, und ein Plädoyer für die Verbundenheit zwischen uns Menschen, auch über verschiedene Lebensalter und Lebensumstände hinweg.

Ich habe es sehr gerne gelesen und es wird bei mir emotional sicher noch lange nachwirken und ich kann es wärmstens empfehlen.

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Veröffentlicht am 20.01.2025

Mittelmäßig, mit Luft nach oben

Acht Wochen verrückt
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Ich habe schon viele autobiografische Bücher und autofiktionale Memoirs zu Menschen und ihre psychischen Erkrankungen gelesen, z.B. von Matt Haig oder Kathrin Weßling. Insofern war ich auch neugierig auf ...

Ich habe schon viele autobiografische Bücher und autofiktionale Memoirs zu Menschen und ihre psychischen Erkrankungen gelesen, z.B. von Matt Haig oder Kathrin Weßling. Insofern war ich auch neugierig auf dieses frühe Werk der von mir geschätzten Autorin Eva Lohmann, das auf einer wahren Geschichte beruhen soll.

Milena, genannt Mila, ist Ende 20, und schon länger nervlich am Ende. Sie hat zwar eine Beziehung, die okay ist, und eine Festanstellung, aber seit Wochen ist sie nur mehr müde und am Weinen, versteht sich selbst nicht mehr. Schließlich wird ihr über ihre Psychiaterin ein 8-wöchiger Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik angeboten, und um die Zeit dort geht es in diesem Buch, gegliedert nach Wochen.

Wir erfahren ein bisschen etwas über Milas Alltag dort, über Gymnastikstunden, Kontakte mit anderen Patientinnen und Patienten, Essen in der Kantine und gelegentliche therapeutische Gespräche. Dabei erleben wir insbesondere sehr stark Milas Blick auf die diversen Patientinnen mit Essstörungen mit - es gibt in der Klinik sowohl Anorektikerinnen und Bulimikerinnen (mit einer davon teilt Mila das Zimmer) als auch Esssüchtige mit sichtbarem Übergewicht. Dieser Blick auf die Menschen mit Essstörungen ist nicht unbedingt ein sympathischer, insbesondere jener auf die übergewichtigen Esssüchtigen, über diese wird teilweise mit Worten geschrieben, wie man es mit einer Sensibilität aus den 2020er-Jahren heute nicht mehr tun würde. Das Buch ist aus dem Jahr 2011, und das merkt man ihm hier, und an einigen anderen Stellen, auch an. Insofern ist es ein guter Spiegel dafür, wie unsere Welt sich seither weiterentwickelt hat.

Inwiefern die 8 Wochen in der Klinik wirklich zu Milas Gesundung beitragen, ist mir aus dem Buch nicht wirklich klar geworden. Es gibt nur gelegentliche therapeutische Gespräche, die kaum in die Tiefe zu gehen scheinen, und ein einziges Gespräch gemeinsam mit ihren Eltern, unter Anwesenheit des Therapeuten, in dem eher klischeemäßig den Eltern viel Schuld an Milas psychischen Problemen zugeschoben wird, weil Mila sich so an diesen und ihren Leistungsansprüchen orientieren würde. Zu Mila selbst und ihrem psychischen Zustand bekomme ich wenig Zugang, zu sehr an der Oberfläche bleiben die Schilderungen des Klinikalltags und vor allem der anderen Patientinnen, die sehr klischeemäßig in eine Schachtel gepackt werden, z.B. "das Reh" für eine Mitpatientin mit braunen Haaren und einer zuerst etwas zurückgezogenen Ausstrahlung.

Ein wichtiger Baustein der Gesundung, auf den Mila und der Therapeut offenbar so stolz sind, ist, dass sie aus der Klinik heraus ihre Festanstellung gekündigt hat. Wie sie sich danach finanzieren möchte und ob der Aufbau der geplanten Selbständigkeit unter ihrem nach wie vor stark beeinträchtigten psychischen Zustand realistisch ist, darauf wird kaum eingegangen.

Insgesamt ist es für mich ein Buch, das die Komplexität psychischer Erkrankungen, ihre Auswirkungen und den möglichen Umgang damit nur sehr oberflächlich und unzureichend behandelt. Andere Bücher von Eva Lohmann, speziell den Trennungsroman und "Das leise Platzen unserer Träume" kann ich sehr empfehlen, diese sind wesentlich tiefgründiger. Dieses Frühwerk empfehle ich eher nicht.

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Veröffentlicht am 16.01.2025

Wenig Ermittlungsarbeit und kaum Spannung

Verlassen
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"Verlassen" ist der vierte Island-Krimi von Eva Björg Aegisdóttir, ist aber problemlos zu lesen, ohne die vorigen drei Krimis zu kennen. Auch ich habe diese noch nicht gelesen, für mich war es das erste ...

"Verlassen" ist der vierte Island-Krimi von Eva Björg Aegisdóttir, ist aber problemlos zu lesen, ohne die vorigen drei Krimis zu kennen. Auch ich habe diese noch nicht gelesen, für mich war es das erste Buch der Autorin.

Es geht um die schwerreiche und in Island sehr bekannte, fiktive Familie Snaeberg, die sich für ein ganzes Wochenende zu einem exklusiven Familientreffen in einem entlegenen isländischen Hotel einfindet, um den 100. Geburtstag des vor ein paar Jahren verstorbenen Familienpatriarchen zu feiern. In dieser Familie sind die Abstände zwischen den Generationen kurz, weshalb sich vier Generationen locker ausgehen, samt Verzweigungen mit Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen, angeheirateten neuen und älteren Partnern und Adoptivkindern. Gleich am Anfang des Buches findet sich praktischerweise ein Stammbaum der Familie, auf den ich während des Lesens auch immer wieder mal geschaut habe, um den Überblick über die Verwandtschaftsverhältnisse zu bewahren.

Die Familie hat also sehr viel, hauptsächlich ererbtes, Vermögen, das auf das vom verstorbenen Patriarchen gegründete Familienunternehmen zurückgeht. Besonderen Stil oder Klasse hat die Familie nicht, im Gegenteil, das ganze Wochenende über wird sich ständig besoffen, das geht von den ältesten Familienmitgliedern über die mittleren Alters bis zu den jüngeren, und von einigen auch Drogen genommen. Würde nicht immer wieder erwähnt werden, dass es sich um die schwerreiche Familie Snaeberg handelt, hätte ich vom Verhalten und Habitus der beteiligten Personen nicht darauf geschlossen, dass es sich hier um eine gehobene Gesellschaftsschicht handeln könnte.

Der Krimi ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben: wir erleben das Wochenende durch die Augen mehrerer Familienmitglieder: die Mitte 30-jährige und jung Mutter gewordene Petra, die mit ihrer leidenschaftslos gewordenen Beziehung zu ihrem Mann und den ihr entgleitenden Teenager-Kindern, insbesondere der ihr fremd gewordenen Tochter Lea, kämpft. Die jugendliche Lea, die sich nach Liebe und Zugehörigkeit sehnt, viel auf Social Media postet und dabei noch kein Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken entwickelt hat. Tryggvi, der neue Partner an der Seite von Oddny, Petras Tante und Leas Großtante, mit einer eigenen schweren Vergangenheit, beruflich Tischler und sich in diesem reichen Milieu noch nicht sehr angekommen fühlend. Eine junge Frau vom Serviceteam des Hotels, die durch ihre Tätigkeit viel beobachtet und mitkriegt. Und schließlich zwei seltsam blass bleibende Ermittler, die am Sonntag eine Leiche gefunden haben, Spuren sammeln und die Familie befragen.

Das Buch war ganz nett und unterhaltsam zu lesen, richtige Spannung hat sich bei mir aber lange nicht aufgebaut. Es war auch kein typischer Krimi, bei dem man viel miträtseln kann, dazu sind die Ermittler und ihre Arbeit viel zu blass geblieben und kamen immer nur zwischendurch in sehr kurzen Kapiteln vor. Milieustudie ist es auch keine so richtige, dafür war mir das geschilderte schwerreiche Milieu insgesamt in der Charakterisierung der Personen und ihrer Beziehungen zueinander zu wenig glaubhaft. Am meisten im Gedächtnis bleiben wird mir wohl noch die isländische Kulisse aus Lavalandschaft, verschneiten Bergen im Hintergrund, Klippen, Nebel, Schneestürmen und Meer sowie das reduktionistisch gebaute, moderne Hotel darin.

Es war ein ganz nettes Buch, das man mal zwischendurch zur Unterhaltung lesen kann, aber das mir darüber hinaus nicht besonders viel gegeben hat.

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