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Veröffentlicht am 16.03.2026

Über eine Verwandlungskünstlerin und die Frage, wer wir wirklich sind

Lady L.
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Mit 80 Jahren blickt die so ehrenwert wirkende Lady Diana L. auf ihr Leben zurück. Sie betrachtet ihre Nachkommenschaft, die sich anlässlich ihres Festes versammelt hat: ihr Sohn, zahlreiche Enkel und ...

Mit 80 Jahren blickt die so ehrenwert wirkende Lady Diana L. auf ihr Leben zurück. Sie betrachtet ihre Nachkommenschaft, die sich anlässlich ihres Festes versammelt hat: ihr Sohn, zahlreiche Enkel und Urenkel, alle wichtige Stützen der britischen Gesellschaft, in verantwortungsvollen Positionen: "Du hast selten eine Versammlung von seriöseren und bedeutenderen Leuten gesehen." (S. 13)

Kaum einer davon, vielleicht mit Ausnahme des allerjüngsten Urenkels, steht ihr wirklich nahe. Auch sich selbst betrachtet die alte Dame kritisch: "Aber sie durfte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stil das Einzige war, was ihr noch blieb, und dass ihre Schönheit nur noch einen Maler inspirieren konnte, nicht mehr einen Liebhaber. Es ist kaum noch etwas übriggeblieben von mir, dachte sie, nur ein paar klägliche Reste - des restes." (S. 9)

Denn Lady L. weiß nur zu gut, dass ihr Jahrhundert keines war, "in dem Frauen um ihrer selbst willen geliebt wurden" (S.8). Ihr größtes Kapital in jungen Jahren war ihre überwältigende Schönheit, und diese hat sie bestmöglich für ein gutes Leben genützt. Denn ein solches war ihr nicht in die Wiege gelegt worden: wie sie nun ihrem staunenden und immer entsetzter werdenden, treuen und sie schon so lange verehrenden Butler Percy bei einem Spaziergang durch den Garten offenbart, stammt Lady L. nämlich nicht aus dem Hochadel, wie sie immer vorgetäuscht hatte.

Geboren wurde sie nämlich als Annette Boudin in einer verrufenen Gegend in Frankreich, in einer Arbeiterfamilie, mit einem saufenden, oft im Gefängnis sitzenden, sexuell übergriffig werdenden, politisierenden Vater und einer Mutter, die als Waschfrau viele Stunden am Tag die Wäsche aus den umliegenden Rotlichtetablissements wusch und jung verstarb.

Schon früh muss Annette der Mutter bei der harten Arbeit helfen und wünscht sich eine angenehmere Zukunft, vom Vater und seinen Freunden lernt die kluge junge Frau schon früh die Auseinandersetzung mit diversen politischen Ideen, kommt insbesondere mit den Anarchisten in Kontakt und verliebt sich in einen von ihnen, den jungen Armand, hochidealistisch und bereit, für seine Ideale alle ethischen Grenzen über Bord zu werfen und ohne wirklichen Raum für Liebe zu einer einzelnen Person in seinem Herzen: "Inzwischen sprach Armand von der universalen Liebe. Das war nun freilich das Letzte, was sie interessierte. Alles, was sie sich wünschte, war seine Liebe." (S. 65)

Neben ihrer Schönheit und ihrer hohen Intelligenz ist Annette außerdem eine talentierte Schauspielerin und Wandlungskünstlerin, und als sich die Gelegenheit bietet, in Kooperation mit den Anarchisten und der Unterwelt die Identität einer jungen Adeligen anzunehmen, ist sie sehr gerne dazu bereit und passt perfekt in die Rolle. Immer mehr wird aus Annette, der jungen Frau aus dem Rotlichtmilieu, Diana L., eine Frau aus dem Hochadel: "ihr angeborener Schönheitssinn half ihr, sich die richtigen Umgangsformen anzueignen, und bald hatte sie entdeckt, dass das ganze Leben im Grunde nur eine Stilfrage war..." (S. 75), "Sie fing auch an, Gefallen an guter Musik zu finden, und wusste bald einen echten Virtuosen von einem begabten Dilettanten zu unterscheiden." (S. 86)

Annette, die die schönen Dinge liebt, scheint eine regelrechte Begabung dafür zu haben, sich nicht nur mit diesen zu umgeben, sondern sie wirklich wertzuschätzen und den Stil einer Adeligen aus allerbestem Hause zu verkörpern. Vielleicht ist sie ja innerlich die wahre Adelige, genau, weil sie so eine Liebe zu diesem Lebensstil hat, oft mehr als andere, die in dieses Milieu hineingeboren wurden?

Das Buch ist äußerst unterhaltsam, witzig und kurzweilig geschrieben. Auf nicht einmal 200 Seiten entfaltet sich eine rasante Verwandlungs- und Gangstergeschichte, in der getäuscht und gelogen wird, gefeiert und gestohlen, gelegentlich auch gemordet, und in der es doch auch viele tiefgründige, nachdenkenswerte Szenen gibt.

Es geht um Anarchismus und hohe Ideale, darum, wie leicht sich die meisten Menschen täuschen lassen, aber auch um die Wertschätzung schöner Dinge, die nicht allen gegeben ist. Um die Frage, ob die Liebe zu einem einzelnen Menschen mit einer starken idealistischen Einstellung vereinbar ist und was passieren kann, wenn das nicht mehr der Fall ist. Und auch um den Preis des ewigen Vortäuschens einer falschen Identität.

Insgesamt ist es ein humorvolles, dabei leichtfüßiges, unterhaltsames und inspirierendes Werk, das den feinen Spagat schafft, dabei überhaupt nicht oberflächlich zu sein, sondern gleichzeitig zum Nachdenken anregt über tiefsinnige Fragen der Menschheit und verschiedene Gesellschafts- und Regierungsformen, aber auch darüber, wer wir wirklich sind, wie das definiert wird, was uns prägt, und wie viel Freiheit wir dabei haben, selbst zu bestimmen, wer wir sein und wie wir gesehen werden wollen. Ich kann es einer breiten Leserschaft sehr empfehlen, denn es hat das Potenzial, sowohl für jene, die sich gerne unterhalten lassen, als auch für Fans anspruchsvollerer Literatur gewinnbringend zu sein.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Was ist der Preis für das vermeintlich gute Leben?

Das gute Leben
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Die 22-jährige Anni lebt in den 1960er Jahren bei ihrer Mutter im Westen Rumäniens. Die Familie gehört der deutschsprachigen Minderheit an, der Vater hat sich im Krieg freiwillig der Wehrmacht angeschlossen ...

Die 22-jährige Anni lebt in den 1960er Jahren bei ihrer Mutter im Westen Rumäniens. Die Familie gehört der deutschsprachigen Minderheit an, der Vater hat sich im Krieg freiwillig der Wehrmacht angeschlossen und ist danach in Deutschland geblieben, der Bruder ebenfalls schon dorthin geflüchtet. Nun ist Anni auch noch schwanger und in Rumänien möchte sie nicht bleiben - "Ich will hier nicht sein!", denkt sie immer wieder - hier will sie ihr Kind nicht aufziehen, und so nützt sie das, was sie als letzte Gelegenheit ansieht, um ebenfalls nach Deutschland zu flüchten. Doch auch dort wird ihr Leben ein hartes sein: der Bruder hat selbst nicht viel und nimmt sie nur unwillig auf und sie muss sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen, findet Arbeit am Fließband beim Quelle-Konzern und zieht daneben ihre Tochter Helene groß und später auch noch ihre Enkelin Christina, nachdem Helene sich in die USA davongemacht hat. In manchen Bereichen hat Anni auch Glück, so erbt sie vom Onkel ein Haus, doch insgesamt ist ihr Leben ein schwieriges.

Nicht unwesentlich trägt dazu neben den herausfordernden Umständen wohl auch ihre schwierige, verschlossene, harte, unerbittliche Persönlichkeit bei - ein Wesenszug, den sie vermutlich mit Tochter Helene teilt und der die Mutter-Tochter-Beziehung zusätzlich erschwert. Anni kümmert sich um das physische Wohlergehen ihrer Tochter, doch schafft sie es nicht, ihr ihre Liebe sonst so zu zeigen, dass es bei der Tochter ankommt. Die Tochter wächst also einsam bei ihrer viel arbeitenden, überforderten und kühlen Mutter in einer eher lieblosen Umgebung mit physischer Gewalt auf, wird später auf einen anderen Kontinent flüchten und ihrer Mutter Vorwürfe machen, sie hätte keine schöne Kindheit gehabt.

Auch Helene wird jung schwanger und schafft es vor diesem Hintergrund auch nicht gut, ihre Mutterrolle zu erfüllen, lässt wiederum ihre halbwüchsige Tochter Christina bei Oma Anni zurück. Zumindest zwischen der gereiften Anni und ihrer Enkelin entsteht eine liebevollere Beziehung und die beiden besuchen auch öfters miteinander die noch recht lange lebende Urgroßmutter Christinas, Annis Mutter, in Rumänien. So ist Christina schwer getroffen, als Oma Anni unerwartet mit 75 nach einer als unproblematisch angesehenen Operation verstirbt. Christina hätte gedacht, noch so viel Zeit mit ihr zu haben...

Es geht in diesem Buch also um vier Frauen einer Familie mit rumäniendeutschen Wurzeln. Männer spielen in diesem Buch nur sehr am Rande eine Rolle, es stehen klar die schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen vor dem Hintergrund der Suche nach einem besseren Leben im Vordergrund. Christina hat das Haus der Oma geerbt und nimmt sich Zeit für den Trauerprozess und um die Verlassenschaft zu ordnen, schaut Unterlagen durch, spricht mit dem noch lebenden Bruder der Oma und blickt auf ihre Zeit mit Anni zurück.

Mit Abstand am meisten erfahren wir über Anni und ihr Leben, wobei mir nicht vollständig klar wurde, wie sich Christina aus den wenigen Unterlagen und der doch recht verschlossenen Oma ein so umfangreiches Bild über deren Leben machen konnte. Jedenfalls war es aber eine interessante Geschichte.

Gerne hätte ich auch mehr über Helene erfahren, die nur sehr am Rande vorkommt: als Kind, für das Anni nicht viel sichtbare Liebe übrig hat, und später als bald in den USA lebende Mutter von Christina, mit der Christina gelegentlich in Kontakt ist, die sich aber sonst sehr der Verantwortung erzieht. Insgesamt ist Helene für mich als Persönlichkeit nicht sehr greifbar geworden. Auch Christina selbst erleben wir hauptsächlich in der Trauersituation und auf das Leben ihrer Oma zurückblickend, doch als Person ist sie mir nicht so wirklich nahe gekommen. Von der Urgroßmutter wiederum kann ich mich nicht einmal daran erinnern, dass überhaupt ihr Name erwähnt wurde, auch wenn sie im Kontakt mit Anni immer wieder vorkommt und dabei deutlich wird, von wem Anni diese Härte gelernt hat.

Im Zentrum steht also insgesamt klar das Psychogramm der als junge Frau ausgewanderten Anni, bei der es sich - wie schon angedeutet - um keine sehr sympathische Persönlichkeit handelt. Das zeigt sich nicht nur im Umgang mit ihrer Tochter, sondern auch darin, wie sie dem Vater des Kindes (obwohl dieser durchaus bemüht wirkt), nicht einmal die Chance gibt, gemeinsam eine Familie zu sein und regelmäßig Kontakt zu seiner Tochter zu haben, in Gewaltszenen gegenüber der Tochter und auch in reiferen Jahren noch im plötzlichen Fallenlassen einer jahrzehntelangen Freundin und treuen Weggefährtin wegen einer persönlichen Verletzung, für die diese nichts konnte.

Es handelt sich bei Anni also um eine sehr selbstbezogene, unreflektierte und unreife Persönlichkeit, die mit ihrem Verhalten viele andere Menschen verletzt, dafür kaum Einsicht zeigt und keine Verantwortung für die emotionalen Auswirkungen ihres Handelns auf andere Menschen übernimmt - was sicher auch ihrer Sozialschicht und der Zeit geschuldet ist, in der Fleiß, harte physische Arbeit und materieller Aufstieg im Vordergrund stehen, und es noch wenig Bewusstsein für emotionale Bedürfnisse gab. Dass Anni keine große Sympathieträgerin ist (jedenfalls für mich), macht aber natürlich das Buch nicht schlecht, denn solche Menschen gibt es und psychologisch ist Anni stimmig und tiefgründig gezeichnet.

Was die Hintergrundkulisse der Auswanderung aus Rumänien betrifft, so gibt es genug historischen und geographischen Kontext, um das Buch stimmig in diesem Zusammenhang zu verorten, auch wenn klar Annis Psychogramm und die Beziehungen zwischen den Frauen im Vordergrund stehen und nicht eine umfangreiche Vermittlung der Atmosphäre dieser Region. Wer sich aber tiefgründig für diese Region und die Situation der Deutschsprachigen dort interessiert, dem seien eher andere Bücher (z.B. von Iris Wolff) angeraten.

Es handelt sich insgesamt um ein solides und diskussionswertes Buch. Noch etwas gewonnen hätte es vielleicht dadurch, wenn wir neben Anni auch über Helene und Christina noch mehr erfahren hätten. Sprachlich hat es mir sehr gut gefallen, es hat eine charakteristische, unverwechselbare Sprache und eindringliche Metaphern. Insgesamt kann ich es jenen, die gerne Bücher über schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen lesen und mit unsympathischen Charakteren kein Problem haben, durchaus empfehlen.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Eindringliche Worte für ein Aufwachsen im Elend

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Wieder ein autofiktionaler Roman, in dem es um das Aufwachsen eines Kindes unter Bedingungen der Verwahrlosung geht. Ich muss mir Mühe geben, dieses Buch objektiv zu beurteilen, weil ich merke, dass ich ...

Wieder ein autofiktionaler Roman, in dem es um das Aufwachsen eines Kindes unter Bedingungen der Verwahrlosung geht. Ich muss mir Mühe geben, dieses Buch objektiv zu beurteilen, weil ich merke, dass ich dieser Thematik in den letzten Jahren schon ein bisschen müde geworden bin. Sind doch unglaublich viele autofiktionale Bücher zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen.

Diesmal ist es eine links-alternative Männer-WG, in der die kleine Lale in den 80er Jahren aufwächst: einer davon ihr leiblicher Vater, die anderen seine Sauf- und Drogenkumpanen, dazu deren wechselnde Bettgenossinnen. Die leibliche Mutter Anne ist drogensüchtig und pendelt zwischen Gefängnis und Notunterkünften hin und her, kann ihre Mutterrolle kaum erfüllen und wird früh sterben. Lale selbst wird in der Männer-WG hauptsächlich sich selbst überlassen, zwischendurch aber auch mal verprügelt und ein anderes Mal von einem der Männer sexuell missbraucht. Für die halbjährlichen Besuche des Jugendamtes wird vorher geputzt, aufgeräumt und das Mädchen instruiert, eine heile Welt vorzuspielen. So ist es kein Wunder, dass auch Lale früh abstürzt, mit Drogen in Kontakt kommt, schwanger wird, abtreibt und dann doch jung Mutter wird. Was sie vielleicht ein bisschen rettet, sind ihre Intelligenz - überraschenderweise schafft sie das Abitur - und ihr Schreibtalent. Dieses zeigt sich, für den Fall, dass die Autorin zumindest zum Teil mit ihrer Ich-Erzählerin gleichzusetzen ist (wie sie schreibt, beruht das Buch ja zum Teil auf wahren Begebenheiten), schon auch in diesem Buch und es finden sich immer wieder eindringliche Sprachbilder für das, was Lale erlebt hat, z.B.

"Ich werde stolpernde Schritte in die feindliche Außenwelt tun, werde versuchen, mich freizuschwimmen und die üblichen Fragen stellen, beim Wachsen und Erwachsenwerden, warum habt ihr, wieso hier und weshalb so anders als die anderen." (S. 62)

"Wenn ich am Abend nicht ruhig liegen kann, endlich schlafen will, komme ich mir vor wie ein Tier ohne Fell. Meine Beine müssen sich bewegen, die Füße unaufhörlich zappeln." (S. 71)

"Nach dem Urlaub trennt er sich von mir, und ich kann es ihm nicht verübeln, habe ich mich doch selbst längst von mir getrennt." (S. 153)

Was mir persönlich etwas zu kurz gekommen ist in diesem Buch, sind weitergehende Erkenntnisse über die umfangreiche Schilderung all des Elends von Lales Aufwachsen unter diesen Umständen hinaus. Ich hätte nämlich gern noch mehr darüber erfahren, wie sie schließlich vielleicht doch den Weg hin zu einer funktionierenden Erwachsenen findet. Stattdessen hätte es nach meinem Geschmack die Hälfte der Vernachlässigungsszenen auch getan, um ein vollständiges Bild davon zu vermitteln. Für mich war es also zu viel Elend und zu wenig Weiterentwicklung in diesem Buch, und dadurch - neben der Sprache - nicht so viel, das es von anderen Werken mit einer ähnlichen Thematik unterscheidet.

Dennoch bewundere ich den Mut, sich aus so einem Hintergrund herauszuarbeiten und die Sprache zu entwickeln, so ein Werk darüber zu verfassen. Für Leserinnen und Leser, die noch nichts zu dieser Thematik gelesen haben, wird es auch sicherlich interessant zu lesen sein.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Über die Kraft, die aus der Herkunft kommt

Halber Stein
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"Halber Stein" ist das Romandebüt der vielfach ausgezeichneten deutschen Autorin Iris Wolff. Die Wurzeln der Autorin liegen selbst in Siebenbürgen, sie stammt aus einer deutschsprachigen "sächsischen" ...

"Halber Stein" ist das Romandebüt der vielfach ausgezeichneten deutschen Autorin Iris Wolff. Die Wurzeln der Autorin liegen selbst in Siebenbürgen, sie stammt aus einer deutschsprachigen "sächsischen" Familie in Rumänien und ist als Kind gemeinsam mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert.

In diesem Roman erzählt sie von Friedesine, genannt "Sine", eine fiktive junge Frau, die ein ganz ähnliches Schicksal teilt, als Kind Siebenbürgen für Deutschland verlassen hat, dort nun ihr Studium beendet hat und anlässlich des Todes der geliebten Großmutter Agneta zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder für eine kurze Zeit die alte Heimat besucht. Sine selbst steht an einer Weiche in ihrem Leben, weiß nicht so recht, wohin mit sich beruflich und auch sonst.

Sine kommt in Siebenbürgen an und streift erst einmal herum. Sie begegnet Julian, einem alten Freund aus der Kindheit. Die beiden haben damals miteinander gespielt, nun sind sie in unterschiedlichen Ländern und Welten erwachsen geworden, begegnen einander wieder, nähern sich an, erkunden gemeinsam Sines alte Heimat, dabei entwickelt sich eine zarte, nur angedeutete Romanze zwischen ihnen.

Dieses Buch lebt nicht von großen, dramatischen Ereignissen. Es ist ein stilles, poetisches Buch mit eindringlicher, wunderschöner Sprache, das mich emotional tief mit der mir bisher unbekannten ländlichen Gegend Siebenbürgens verbunden hat, denn es ist voll von detaillierten Landschaftsbeschreibungen und Hintergrundinformationen über die Region:

"Ich blieb stehen. Das undurchdringliche Blaugrün eines Gletschersees lag vor uns. Die Berge umrundeten ihn im Halbkreis, eine einzelne Wolke hob sich fast senkrecht über der spiegelglatten Oberfläche in die Luft. Büschelweise lila Enzian und Silberdisteln, so weit das Auge reichte. Vereinzeltes Geröll lag übers Gras verstreut, das nicht wie in Michelsberg verdorrt und ausgebleicht die Erde bedeckte, sondern hellgrün leuchtete. Ich hatte mehr noch als unten in der transsilvanischen Ebene das Gefühl, der Herbst habe sich zwischen den Jahreszeiten verloren." (S. 181/182)

Dazu kommen die Erinnerungen an die verstorbene Großmutter und an die Zeit als Kind in der siebenbürgischen Heimat... so viele Erinnerungen sind mit dem alten Haus verknüpft, doch nun wohnt keiner mehr darin, Sines Vater und Onkel haben es geerbt, der eine möchte es behalten, der andere verkaufen.

Immer wieder eingewoben in das Buch sind auch historische Bezüge, wenn der passionierte Hobbyhistoriker Julian, der von einem Geschichtestudium träumt, von der Vergangenheit erzählt und dabei lebendig wird, welchen Herausforderungen die Vorfahren der Siebenbürger Sachsen ausgesetzt waren: "Mit welchem Gefühl baut man ein Dorf wieder auf, nachdem es niedergebrannt wurde? Wie schafft man es, sich wieder am selben Ort anzusiedeln, wenn eine ganze Dorfgeneration versklavt wurde? Nicht aufzugeben, obwohl man in diesem Gebiet so vielen Gefahren und Unwägbarkeiten ausgesetzt war?" (S. 45)

Dann geht es wieder um die etwas jüngere Vergangenheit, um die schwierigen Zeiten unter den Kommunisten, Verschleppung von Deutschsprachigen, aber auch Diskriminierung von ethnischen Rumänen durch diese. Später dann die vielen Deutschsprachigen, die gegangen sind, sobald sie konnten. Zurück bleiben verlassene Felder und geräumige Höfe, Spuren der einst so lebendigen Gemeinschaft in dieser Gegend, und die wenigen, die noch geblieben sind. Es gibt Begegnungen mit Menschen, die Agneta kannten, und oft auch Sine als Kind. Blicke zurück in die Vergangenheit, auf die Großmutter, auf die eigene Herkunft, das eigene Erbe.

Am Ende des Buches ist die Oma begraben und sonst im Außen nicht so viel passiert. Doch zurück bleibt das Gefühl, dass es vielleicht für Sine nun ein bisschen leichter werden kann, sich zu orientieren im Leben. Denn in diesen wenigen, aber tiefgründigen und bedeutungsvollen Tagen in Siebenbürgen hat sie sich wieder tiefer mit ihren Wurzeln und ihrer Herkunft verbunden und wird daraus vielleicht Kraft schöpfen können für den weiteren Weg, den sie nun geht.

Mich hat dieses Buch sehr berührt und mir viel Wissen, aber vor allem auch Gefühl für Siebenbürgen und die deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gegend vermittelt, ja, sogar Lust darauf gemacht, diese interessante Gegend zu besuchen und selbst zu erkunden. Es eignet sich insbesondere für Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf ein ruhiges, poetisches und dafür umso tiefgründigeres Buch einzulassen, ohne besonders viel Spannung oder ein schnelles Voranschreiten der Handlung zu erwarten.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Herkunft, Identität und Klasse im modernen Amerika

Real Americans
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"Real Americans" wird schon am Cover als herausragendes Werk angepriesen, auch auf der Rückseite und auf den Innenklappen finden sich viele Lobpreisungen, der Verlag vermarktet es unter dem Slogan "Deutschland ...

"Real Americans" wird schon am Cover als herausragendes Werk angepriesen, auch auf der Rückseite und auf den Innenklappen finden sich viele Lobpreisungen, der Verlag vermarktet es unter dem Slogan "Deutschland liest ein Buch". Das wunderschöne Cover mit der Auster macht neugierig, genauso wie der Titel. Insgesamt weckt das alles hohe Erwartungen an ein außergewöhnliches Werk.

Tatsächlich handelt es sich auch um ein sehr lesenswertes Buch, das viele aktuelle Themen, die insbesondere die USA, aber im weiteren Sinn auch die Welt beschäftigen, behandelt. Es geht um Migration, Herkunft, Identität, Familiengeschichte, soziale Klassen, Macht, Geld und die damit verbundenen Privilegien, um Liebe zwischen Familienmitgliedern, Enttäuschungen, Entfremdung und Verrat, darum, was uns prägt und wer wir sind, wie wir uns innerlich fühlen und was uns von außen zugeschrieben wird. Auch Genetik, Epigenetik und aktuelle ethische Fragen der Biomedizin insbesondere im Bereich Kinderwunsch spielen eine Rolle, ebenso wie das kommunistische China und kulturelle Unterschiede und Normen.

All diesen Themen nähert sich das Buch aus drei Perspektiven an, die nicht chronologisch erzählt sind und jeweils eines der Mitglieder einer chinesisch-amerikanischen Familie ins Zentrum rücken. Die Geschichte beginnt mit Lily Chen, die in den USA geboren und aufgewachsen ist, als Tochter aus China eingewanderter Eltern, die als Forscher in der Biomedizin-Branche arbeiten und sich erhofft hätten, auch die Tochter würde sich für die Naturwissenschaften begeistern. Doch diese hat sich den eher brotlosen Geisteswissenschaften zugewandt und bis jetzt nach ihrem Studienabschluss nur ein unbezahltes Praktikum in einem Medienkonzern gefundet, sodass sie nach wie vor auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen ist.

Insgesamt ist die Beziehung zwischen Tochter und Eltern, und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung, eine schwierige, hat die Mutter doch im kommunistischen China nicht gelernt, Gefühle offen zu zeigen. Zwar sagt sie der Tochter immer wieder, dass sie diese liebe, denn sie hat gelernt, dass man das in Amerika so macht, doch emotional kommt es bei Lily nicht so ganz an. Auch sonst hat es Lily nicht so leicht: mit ihren asiatischen Gesichtszügen wird sie, obwohl in den USa geboren, perfekt Englisch sprechend und hochgebildet, immer wieder von anderen nicht als ganz vollwertige Amerikanerin, "real American" angesehen und muss so einiges an Diskriminierungen ertragen. In dieser Situation lernt Lily auf einer Firmenveranstaltung Matthew kennen, unendlich reicher Erbe eines Pharmaimperiums, und die zwei verlieben sich ineinander, doch Lily leidet darunter, das Gefühl zu haben, in Bezug auf ihre Klasse und gesellschaftliche Position so weit unter ihrem Partner zu stehen, und unter dem Machtgefälle, das das mit sich bringt.

So ist es auch nicht ganz verwunderlich, dass wir im zweiten Teil Lily als alleinerziehende Mutter ihres Sohnes Nick kennen lernen und diesen Teil vor allem aus Nicks Perspektive erleben. Lily hat Nick von allen technologischen Errungenschaften unserer Zeit ferngehalten, er wächst ohne Handy, Computer und E-Mail auf, hat nur einen einzigen Freund, fühlt sich als Außenseiter und versucht verzweifelt, herauszufinden, wer sein Vater sein könnte. Auch Nick hat mit den Zuschreibungen anderer Menschen zu kämpfen, aber ganz anders als Lily: er kommt äußerlich sehr nach seinem kaukasisch-weißen Vater, in seinen Gesichtszügen ist trotz chinesischstämmiger Mutter nichts Asiatisches zu entdecken und insbesondere später am College, in einer Zeit, in der es so wichtig wird, sich über die eigene Ethnizität zu identifizieren, wird ihm sein asiatisches Erbe immer wieder von anderen abgesprochen, was seine Orientierungslosigkeit und sein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit verstärkt.

Im dritten Teil lernen wir schließlich noch die Perspektive von Mai, Lilys Mutter, kennen, die im kommunistischen China aufgewachsen ist, einiges an Entbehrungen unter Mao miterleben musste, in China Naturwissenschaften studiert hat und schließlich auf dramatische Art und Weise das Land verlassen und in die USA auswandern konnte. Insbesondere dieser Teil war für mich sehr interessant zu lesen, weil ich so einiges Neue über Chinas Vergangenheit lernen konnte und auch einen erweiterten Blick darauf bekommen habe, was für eine Herausforderung es für Auswanderer aus dieser Kultur bedeuten kann, in den USA neu Fuß zu fassen und wie bemerkenswert gut das viele von ihnen trotzdem hinbekommen haben.

Insgesamt war das Buch für mich sehr interessant zu lesen. Am Anfang habe ich ein bisschen gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen bzw. hat sie für mich umso mehr Tiefe entfaltet, je weiter die Erzählung vorangeschritten ist und die Charaktere aus den verschiedenen Generationen der Familie vorgestellt wurden. Auch die Familienbeziehungen haben durch die verschiedenen Perspektiven für mich an Reichhaltigkeit dazu gewonnen. Es war ein spannendes und unterhaltsames Leseerlebnis, mit einigen überraschenden Wendungen und tiefgreifenden Fragen zu vielfältigen Themen, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

Streckenweise gab es Abschnitte, die mich etwas weniger interessiert haben als die anderen, das war insbesondere am Anfang beim langen Kennenlernen von Lily und Matthew der Fall und später während Nicks ausführlich geschilderten Collegeerfahrungen. Bei manchen Details im Bereich Biogenetik war ich mir auch nicht ganz sicher, wie realistisch die im Buch beschriebenen Szenarien sind. Sprachlich empfand ich das Buch als solide, aber nicht außergewöhnlich.

Ausgeglichen wurden diese kleinen Mängel aber durch die gelungene Verflechtung vieler spannender, zeitgenössischer Themen und ein insgesamt unterhaltsames und vielseitiges Buch, das bestens zum aktuellen Zeitgeist passt und interessante Debatten dazu inspirieren kann.

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