So ein gutes, echtes Buch.
People Pleaser„𝗔𝗹𝗲𝗸𝘀 𝘄𝗶𝗹𝗹 𝘀𝘁𝗮𝗿𝗸 𝘀𝗲𝗶𝗻. 𝗙𝘂𝗲𝗿 𝘀𝗶𝗰𝗵 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁.
𝗜𝗰𝗵 𝘄𝗶𝗹𝗹 𝘀𝘁𝗮𝗿𝗸 𝘀𝗲𝗶𝗻. 𝗙𝘂𝗲𝗿 𝗮𝗹𝗹𝗲 𝗮𝗻𝗱𝗲𝗿𝗲𝗻.“
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Nina ist harmoniebedürftig und erfolgsorientiert, meidet Konflikte jeglicher Art und kann die Vorstellung, ...
„𝗔𝗹𝗲𝗸𝘀 𝘄𝗶𝗹𝗹 𝘀𝘁𝗮𝗿𝗸 𝘀𝗲𝗶𝗻. 𝗙𝘂𝗲𝗿 𝘀𝗶𝗰𝗵 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁.
𝗜𝗰𝗵 𝘄𝗶𝗹𝗹 𝘀𝘁𝗮𝗿𝗸 𝘀𝗲𝗶𝗻. 𝗙𝘂𝗲𝗿 𝗮𝗹𝗹𝗲 𝗮𝗻𝗱𝗲𝗿𝗲𝗻.“
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Nina ist harmoniebedürftig und erfolgsorientiert, meidet Konflikte jeglicher Art und kann die Vorstellung, eine Enttäuschung oder nutzlos zu sein, nicht ertragen. Unentwegt drehen sich ihre Gedanken um Schulstoff und gute Noten, die nie abnehmende To-do-Liste ihrer Mutter und um die Möglichkeiten, ihren FreundInnen zu helfen – sei es mit einem offenen Ohr oder Deeptalk. Denn nur wenn Nina unermüdlich an andere denkt, sie unterstützt, gibt, Ratschläge parat hat, kann die Abiturientin ihre Existenz rechtfertigen. Und außerdem: Die Frauen ihrer Familie halten es seit Generationen so. Da ist doch nichts dabei …
Nun, während wir die Ereignisse aus „People Pleaser" verfolgen, wird schnell klar: Da ist eine Menge dabei! Aktuell fokussiert auf die „Probleme" ihrer besten Freundin und die Hintergründe von Teonas Veränderung, nicht sicher, wie sie die Freundschaft kitten soll, stürzt sich Nina in skurrile, übergriffige Aktionen. Eine davon: Sie will den augenscheinlichen Bad-Boy und Teos Loveinterest „fixen" – damit diese eine gesunde Beziehung führen und endlich emotionale Bindungen zulassen kann.
Allen Vorurteilen Nikolinas zum Trotz stößt sie durch ihren Therapieversuch auf Aleks' Wahrheiten. Und dann ist da noch Finn, Ninas nerdiger Streber-Konkurrent …
In einem locker-leichten Ton, der uns eine gewisse Zugehörigkeit vermittelt, führt uns die Autorin direkt in das Geschehen. Dass sich Anna Dimitrova eines typischen Jugendslangs, echter Probleme sowie gewichtiger Themen, mit denen nicht einzig junge Menschen kämpfen, bedient, trägt merklich zur Authentizität dieses Romans bei.
Erzählt wird hauptsächlich aus Ninas Perspektive, so dass wir einen Eindruck ihres Alltags und ihrer Gefühlswelt bekommen. Nicht nur in ihrem heroischen Verhalten, auch in ihrem Kleidungsstil und der mangelnden Selbstfürsorge ist deutlich, dass die engagierte Jugendliche keinen Raum beanspruchen, nicht auffallen und vor allem keine Last sein will. So extrem ihre „Hilfe" und ihre Bemühungen auf Außenstehende wirken: Nikolina ist felsenfest davon überzeugt, alles und nur Gutes für ihre FreundInnen zu tun, damit es diesen an nichts fehlt.
Je mehr wir in Ninas Persönlichkeit und ihr Umfeld, in ihre Familie – in der die überall helfende Workaholic-Mum den größten Raum beansprucht – eindringen, je öfter wir ihre Versuche, „Unterstützung zu leisten", verfolgen, umso gewahrer werden uns die Selbstzweifel, die Unzulänglichkeiten und Ängste … Umso tiefer berühren Ninas unterschwellige, sich selbst abwertende Gedankenspiralen und Bemühungen.
Durch Kapitel aus Aleks' und Finns Sicht erhält die Handlung zusätzlich Tiefe und ein ‚Mehr' an Konflikten – sowohl der sportaffine Muskelmann als auch der aufmerksame Streber ringen mit sich, ihrem Leben – und ihren Müttern. Wir bekommen einen greifbaren Eindruck dieser unterschiedlichen Charaktere und ihrer Struggles, können verstehen. Nur Teos Situation verfolgen wir einzig von außen – typisch, denn sie lässt niemanden an sich heran.
„𝐏𝐞𝐨𝐩𝐥𝐞 𝐏𝐥𝐞𝐚𝐬𝐞𝐫: 𝐄𝐢𝐧𝐞 𝐟𝐮𝐞𝐫 𝐚𝐥𝐥𝐞 𝐮𝐧𝐝 𝐚𝐥𝐥𝐞 𝐟𝐮𝐞𝐫 𝐬𝐢𝐜𝐡“ hat mich begeistert und sehr bewegt. Der Mix aus ernsten, aktuellen Problematiken, Gefühlschaos und Humor – wie oft musste ich aufgrund amüsanten Geplänkels lachen? – war hervorragend. Es ist ein leichtes, sich mit den Figuren – hauptsächlich einer Clique, die sich aus verschiedenen Kulturen zusammensetzt – zu identifizieren, sich hier und da wiederzufinden. Zusätzlich wurde dieser Roman durchweg abwechslungsreich und interessant gehalten, war spannend, spaßig und emotional.
Dimitrova animiert gekonnt zum Spekulieren und Mitleiden, zum schwer Seufzen, und weckt den Drang, die People-Pleaserin zu schütteln – und in den Arm zu nehmen.
Ah! Und die Liebe. Der schüchtern-romantische Aspekt ist ebenfalls gegeben und das auf eine süße, herzerwärmende Art.
Abgesehen von Nina und Teo, deren Freundschaft trotz der aktuellen Distanz besonders und intensiv, wenn auch in diesem Moment nicht ausbalanciert und stellenweise ungesund wirkt, stehen Aleks und Finn, die, je besser man ihr wahres Ich kennenlernt, absolute Traumtypen sind, im Vordergrund.
Es braucht Zeit und schmerzliche Wahrheiten, bis Nina verstehen kann, was falsch läuft, und bereit ist, sich zu entwickeln, mutig zu sein und dem Ursprung ihres maroden Selbst auf den Grund zu gehen. Die diversen Probleme werden in einer stimmigen und dem Alter entsprechenden Weise reflektiert und ergründet, Gespräche werden gesucht und Tränen vergossen. Nikolina muss sich erst verlieren, überwinden, um letztlich zu sich selbst zu finden.
Ob diese Erkenntnisse zu spät kommen oder ob ihr ihre „Projekte“ verzeihen?
„People Pleaser“ erzählt von schier endlosem (Leistungs)Druck, innerfamiliären Konflikten und utopischen Erwartungen, von Versagens- und Verlustängsten und von dem Drängen, einen Grund für das eigene Dasein finden zu müssen. Anna Dimitrova beschäftigt sich in ihrem Buch mit Kindheitstraumas, toxischen Beziehungen und toxischer Männlichkeit, mit Selbstzweifeln, Minderwertigkeitsgefühlen sowie schweren psychischen Problemen und destruktiven Bewältigungsstrategien. Die Autorin entstigmatisiert Therapie, nimmt das Tabu von „sich professionelle Hilfe suchen“ und generiert Aufmerksamkeit für Essstörungen – gemeinhin als „weiblicher Struggle" degradiert, werden LeserInnen hier endlich (!) mit der Realität konfrontiert: (psychische) Erkrankungen sind niemals geschlechtsspezifisch.
Wir begegnen verschiedenen Jugendlichen an der Grenze zu Eigenständigkeit und Erwachsensein, auf der Suche nach einem Platz, Stabilität, nach einem Halt.
So ein Buch ... so ein Buch sollte doch in Schulen liegen.. ♡