Grumpy Rapunzel & Mister Mexx
Sommerglück am Chiemsee"Es ging nicht darum, das Nein-Sagen zu lernen, bis die Leute es aus meinem Mund respektierten. Vielmehr ging es darum, rigoros zu entscheiden: Wer in meinem Leben akzeptierte mein Nein, egal wie leise ...
"Es ging nicht darum, das Nein-Sagen zu lernen, bis die Leute es aus meinem Mund respektierten. Vielmehr ging es darum, rigoros zu entscheiden: Wer in meinem Leben akzeptierte mein Nein, egal wie leise und unsicher? Und bei wem war Hopfen und Malz verloren, sodass mir keine andere Möglichkeit blieb, als einfach zu gehen?"
Eigentlich möchte Josefine, angereist aus Berlin, in ihrer alten Heimat einen Schritt in Richtung Familienversöhnung machen, denn zwischen ihr und ihren Eltern, den Betreibern einer Kampfsportschule in Bayern, herrscht absolute Funkstille. (Spoiler: Es wunderte mich nicht. In kurzen Erinnerungspassagen Josefines erhaschen wir im Laufe der Handlung hin und wieder einen Eindruck davon, wie es war, mit dieser herzlosen, gefühlskalten Sippe aufzuwachsen. An ihrer Stelle hätte ich ebenfalls die Flucht ergriffen - allerdings ohne jemals wieder einen Gedanken an diese Leute zu verschwenden.)
"»Du taugst nichts.« [...] Ja, den Satz hatte ich als Kind oft gehört. Meist in Verbindung mit: Nimm dir ein Beispiel an deiner großen Schwester. Wie sehr hatte ich es gehasst, mit jemandem verglichen zu werden, der mir nicht weniger ähnlich hätte sein können."
Bevor sie ihren Eltern gegenübertreten kann, haut es Josefine jedoch - im wahrsten Sinne des Wortes - von den Socken. Grund dafür ist nicht etwa ihre attraktive Spontanbekanntschaft im regionalen Bus (= aufgrund seiner Parfumwolke "Mister Mexx" genannt), auch wenn dieser noch eine bedeutende Rolle einnehmen soll, sondern ein quirliger Riesenschnauzer namens Klitschko. Dieses "rüpelhafte Energiebündel" gehört nämlich zum liebenswerten Schreiner Peter, bei dem Josefine vorerst wohnen wird. Resultat der tierischen Kollision: Höllische Rückenschmerzen.
Josefines Hexenschuss nimmt einen Großteil der Handlung ein - etliche Passagen handeln von ihren Schmerzen. Ja, ich verstehe, dass ihre Angst vor fremden Berührungen ein zentrales Element der Handlung ist. Dennoch hätte ich mir statt der Rückenthematik lieber mehr bzw. intensivere Beschreibungen ihrer Trauma-Aufarbeitung oder des immerhin wunderschönen Settings gewünscht. Diese fielen im Vergleich etwas spärlich aus, zumindest für meinen Geschmack. Auch der eigentliche Grund für Josefines Anreise (= das Treffen mit ihrer Familie) wurde nur kurz und knapp abgehandelt.
Was ich hingegen geliebt habe: Peters Söhne (Nico, Leon und Adrian) und ihre humorvollen Wortgefechte, Peter, der die deutsche Sprache zelebriert und so eine liebe, tiefgründige Seele ist, Josefines beste Freundin Finja - chaotisch und charmant zugleich ... Überhaupt ist die gesamte Figurenzeichnung ungemein gut gelungen - auch in Bezug auf toxische Familienverhältnisse. Vielschichtige Charaktere, eine kreative Rahmenhandlung (= der Big Reveal am Ende, der mich tatsächlich komplett überrascht hat - Stichwort "Baxi") und ein wichtiges Thema, das von der Autorin gekonnt und mit viel Feingefühl in die Story eingebaut worden ist. Ich habe Josefines Entwicklung und Lossagung von alten Verhaltens- und Denkmustern gefeiert, am liebsten hätte ich am Ende jubelnd eine Faust in die Luft gereckt!
(Der Romance-Aspekt stand für mich eher im Hintergrund, ich war vielmehr neugierig auf Josefines Begegnung mit ihrer Family gewesen.)
Fazit: Angenehmer Wohlfühlroman unter bayerischer Sonne mit interessanter Hintergrundgeschichte und bedeutsamer Message.