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Veröffentlicht am 11.04.2026

Im Anderssein genau richtig sein

Sie wollen uns erzählen
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Der Drittklässler Oz/Ozzy/Oswald ist anders. Seine Mutter Ann auch. Beide sind neurodivergent und haben ADHS. Aber sie sind eben auch genau richtig und dies bringt Birgit Birnbacher in ihrem warmherzigen ...

Der Drittklässler Oz/Ozzy/Oswald ist anders. Seine Mutter Ann auch. Beide sind neurodivergent und haben ADHS. Aber sie sind eben auch genau richtig und dies bringt Birgit Birnbacher in ihrem warmherzigen Roman wirklich eindrücklich rüber.

Als Oz mit seinem Zeugnis einen Brief von seiner Klassenlehrerin, der über ihn Schlimmes behauptet, mit nachhause bringt, wünscht er sich, etwas Mittelschlimmes würde passieren und die Mutter Ann ablenken, damit das, was im Brief steht, gar nicht mehr so ins Gewicht fällt. Dann passiert tatsächlich etwas Schlimmes, denn Oz‘ Großmutter Zäzilia verschwindet aus dem Krankenhaus und muss gesucht werden, also machen sich Ann und Oz auf den Weg in die Berge. Anns Schwester Nell wird auch mit hinzugerufen und dann gibt es da noch den Nachbarn von Oz‘ Großmutter, genannt „Der Leipziger“. Und weil ein Unglück selten allein kommt, wird dann alles noch schlimmer.

Die größten Sträken von Birnbachers neuen Roman liegt eindeutig in der Darstellung der Figuren Oz und seiner Mutter Ann. Und auch wenn ich mich dagegen verwehre, dass jemand mit ADHS oder Autismus „daran leidet“ (weil: es handelt sich nicht um eine schreckliche Erkrankung, sondern kurz gesagt eine andere Art neurologisch zu funktionieren als die Masse der Menschen), so leiden doch beide darunter mit dieser Besonderheit in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft zurechtzukommen. Oz ist in der Schule ganz anders gefordert als die meisten Kinder und Ann versucht im Arbeitsleben sowie als getrennt lebende Mutter über die Runden zu kommen. Birnbacher geht in die Tiefe, wenn sie die Besonderheiten im Denken, Fühlen und Handeln ihrer Hauptprotagonist:innen darstellt und schafft dies auf unglaublich authentische Art und Weise. Hier hat sie hervorragend recherchiert, sich beraten lassen und schriftstellerisch das Wissen wirklich congenial umgesetzt. Konnte ich Ann und ihre Kämpfe sehr gut nachvollziehen, so habe ich mit dem kleinen Oz richtig mitgefiebert. Er ist ein toller Junge, dem ich so gern durch diese Geschichte gefolgt bin.

Sprachlich ist „Sie wollen uns erzählen“ wieder einmal, wie von Birgit Birnbacher gewohnt, ausgesprochen gelungen. Mit nur wenigen Worten erschafft sie die Außen- wie auch Innenwelt ihrer Figuren. Prägnant bringt sie Probleme auf den Tisch und zeigt gesellschaftliche Mängel im Umgang mit neurodivergenten Menschen auf.

Allein die Nebenfiguren und die damit verbundene Handlung waren für mich eher Fremdkörper in diesem Roman, die von der eigentlichen Geschichte um Oz und seine Mutter ablenken. Auch fand ich zum Ende hin die Handlung bzw. Andeutungen, was zwischen den Figuren abläuft und zukünftig ablaufen könnte mitunter doch sehr abstrus. Dies hätte dann ein eigener Roman mit einer eigenen Sprache und einer differenzierteren Handlung werden sollen. Hier aber stört dies die eindrückliche Geschichte meines kleinen Helden Oz und seiner Mutter Ann.

Deshalb wird der vorliegende Roman leider nicht ein Highlight für mich sein, wenngleich ich ihn trotzdem wärmstens empfehlen kann, da ich eine prosaische Darstellung von ADHS so authentisch und nah an den Menschen bisher noch nicht gelesen habe.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.04.2026

klug - bescheiden - NETT - neurodivergent

Hummelhirn
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In ihrem zweiten Buch widmet sich Judith Holofernes, bekannt als ehemalige Sängerin und Songtexterin von Wir sind Helden sowie als Solokünsterlin und Podcasterin, ihrer Kindheit und Jugend in Berlin und ...

In ihrem zweiten Buch widmet sich Judith Holofernes, bekannt als ehemalige Sängerin und Songtexterin von Wir sind Helden sowie als Solokünsterlin und Podcasterin, ihrer Kindheit und Jugend in Berlin und Freiburg im Breisgau. Dabei schreibt sie nicht einfach eine lahme Künstlerinnen-Autobiografie zusammen, sondern legt ein Augenmerk auf ihre besondere, nicht durchschnittliche Art das Leben zu deuten und durch selbiges zu gehen. Dass hier ein neurodivergentes Mädchen ihren Weg erst noch finden muss, ist hintergründig immer Thema, wenngleich die Autorin dies ihrer Leserschaft nicht auf die Nase bindet. Denn vordergründig wird von einem kleinen Mädchen gesellschaftlich verlangt „klug, bescheiden und nett“ zu sein.

So geht es in ihrer ganz persönlichen Geschichte, die die Autorin halb-chronologisch aus ihrer Kindheit in den 1970ern bis in die frühen 2000er durch Zeitsprünge und Blitzlichter in spätere Erwachsenenjahre erzählt, eigentlich um „das Nettsein“ und welche Anstrengungen damit verbunden sind, wenn man eigentlich Ummeln im Hintern, im Hirn und im Herzen hat. Dass diese Judith ihr aus heutiger Sicht fragwürdiges Ziel erreichen und die wohl netteste Person im deutschen Showbiz sein wird, wissen wir aus ihrem vorherigen Buch „Die Träume anderer Leute“. Und wir wissen aus diesem Buch auch, zu welchem Preis sie dieses Ziel erreicht. In „Hummelhirn“ geht es aber um die Voraussetzungen, um die Momente im Leben, die prägen und die die Idee einpflanzen, auf eigene Kosten und unter allen Umständen „nett“ sein zu wollen und zu müssen.

Die Autorin geht dabei mit ihrer Diagnose, die sie erst mit 46 Jahren erhalten wird, nicht hausieren. Hier durchbricht sie sogar ganz wunderbar die Vierte Wand und lässt ihren Lektor zu Wort kommen, der von ihr wünscht, die Diagnose ins Buch zu schreiben. Holofernes will aber ein Buch „für alle komischen Kinder“ schreiben und deshalb nicht die Diagnose benennen, die für einigermaßen Kundige natürlich schon vollkommen klar ist. Das macht die Autorin so unglaublich authentisch und , ja, auch sympathisch. Denn ihre Erfahrungen, mit gewissen Abwandlungen, sind auf andere Neurodivergenzen übertragbar. Selbst ihre Reaktion auf die Diagnose ist universell.

Allein die vielen juvenilen Tagebucheinträge im letzten Drittel des Buches haben mich etwas verwundert und zunächst auch in ihrer Menge etwas genervt. Zunächst hatte ich den Eindruck, diese würden nun aber wirklich zu sehr die Oberhand gewinnen, aber zum Ende hin wird klar: die Autorin möchte zeigen, dass sie nicht nur ein Hummelhirn sondern auch ein Hummelherz hat. Und um dies zu zeigen und nicht nur zu erzählen, nutzt die Autorin hier ihre alten Tagebuchaufzeichnungen. Fair enough.

Es scheint klar: Viele Helden-Fans werden dieses Buch kaufen und lesen. Aber genauso klar sollte sein: Es ist die Geschichte eines neurodivergenten Mädchens, welche darüber hinaus ganz viele Menschen interessieren könnte und sollte, da sie so universell verdeutlicht, wie es ist, wenn man nicht so ist wie die Mehrzahl der anderen. Deshalb empfehle ich auch ganz grundsätzlich die Lektüre dieses wunderbaren Buches, welches nicht nur sehr gut geschrieben ist, sondern auch wieder wirklich schön von Carolina Rodriguez Fuenmayor illustratorisch in Szene gesetzt wurde.

4,5/5 Sterne

Disclaimer für alle, die noch nichts mit „Neurodivergenz“ und „Neurodiversität“ anfangen können:

Unter Neurodivergenz werden unter einem Schirm Menschen mit verschiedenen, meist angeborenen, neurologischen Besonderheiten wie ADHS und Autismus (aber auch viele andere) zusammengefasst. Neurodiversität beschreibt das verschiedenartige Vorkommen dieser Neurodivergenzen und neurotypischen (durchschnittlich-mehrheitlichen, neurologisch „unauffälligen“) Menschen innerhalb einer Menschengruppe = diese Gruppe ist dann divers. Ein einzelner Mensch kann neurodivergent sein. Hier sollte der Verlag noch einmal auf den Klappentext schauen, da die Begriffe synonym verwendet werden, was sie nicht sind!

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Eindrückliches Personen-Geschichten-Panorama eines ostdeutschen Städtchens

Sanditz
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„Sanditz“ ist ein fikitver Ort in Ostsachsen. Landschaftlich und gesellschaftlich dominiert durch den Tagebau versammeln sich hier verschiedenste Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Geschichten. Wir ...

„Sanditz“ ist ein fikitver Ort in Ostsachsen. Landschaftlich und gesellschaftlich dominiert durch den Tagebau versammeln sich hier verschiedenste Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Geschichten. Wir erleben den Wandel von einem durch den voranschreitenden Tagebau gefressenen und dann neu wieder aufgebauten Ort zu DDR-Zeit hin zu einem Ort, dessen Bewohner in den 2020er Jahren mit ganz eigenen und globalen Problemen zu kämpfen haben. Dabei entwirft Lukas Rietzschel ein grandios erfundenes Wimmelbild, welches exemplarisch für viele Orte und Biografien steht, ohne jemals auf Klischees zurückzugreifen. Meines Erachtens ist dies Rietzschels stärkster Roman, der in seiner Breite und ohne Moralisierungen das spannende Bild eines Ortes und seiner Geschichte(n) zeichnet.

Dabei nutzt der Autor eine halbchronologische, episodenhafte Erzählweise, die aus vielen kleinen kachelartigen Versatzstücken das Bild von diesem Sanditz und seinen Bewohnern heraufbeschwört. Man kann sich jede Kachel für sich allein ansehen und betrachten, tritt man allerdings einen Schritt zurück, sieht man das ganze Ausmaß der Geschehnisse. Auch wenn wir hier eine zentrale Familie, Familie Wenzel, haben, deren Mitglieder wir immer wieder treffen, so handelt es sich aber keinesfalls um einen Familien- oder Generationenroman. Nach und nach setzen sich während fortschreitender Lektüre die Lebensgeschichten der Protagonisten zusammen. Das führt zu vielen kleinen Spannungsbögen, da wir zwischen den 1970er und 2020er Jahren hin und her springen bzw. uns von den 1970er Jahren an unsere Gegenwart heranarbeiten.

Währenddessen greift Rietzschel verschiedene Themen auf, wie die Zerstörung von Ortschaften durch fortschreidenden Tagebau und den damit verbundenen Verlust von Heimat; das kränkelnde System der DDR mit ihrer Bespitzelung und dem entgegengesetzt der Zusammenhalt und Freiheitsdrang einer Glaubensgemeinschaft; die Identitätssuche nach einer Wende, die nicht so ablief, wie es sich viele gewünscht hätten; bis hin zur Suche nach einer Lebensaufgabe, selbst wenn dies mit dem Aufgeben des Lebens durch das Ziehen in einen Krieg bedeutet.

Erstaunt war ich über die breit gefächerte Themenpalette des Romans, ohne dass ich das Gefühl gehabt hätte, es werden Themen nur kurz angeschnitten oder des reinen Effekts wegen aufgegriffen. Alles hängt hier miteinander zusammen. Manchmal offensichtlich, manchmal sehr hintergründig. Er nutzt außerdem gekonnt Sagenfiguren, um Verbingungen zu verdeutlichen und zwischen historischen Ereignissen und der Gegenwart herzustellen.

Die Figurenzeichnung erscheint sowohl exemplarisch wie auch ganz individuell. Und dies nicht nur bei Hauptfiguren sondern auch und gerade bei Nebenfiguren, die keineswegs als reine Staffage gelten.

Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass ich über die detaillierte Darstellung der Kämpfe in der Ukraine erstaunt war. Dies hatte ich so nicht erwartet. Und für mich war es eine Bereicherung, weil sich für mich gezeigt hat, dass fernab der modernen Technik (Drohnen etc.) der Infanterie-Kampf heutzutage im Krieg immer noch genauso schrecklich abläuft wie schon während des ersten Weltkrieges. Ich hatte das Gefühl, ich könnte hier „Das Feuer“ von Barbusse neben die entsprechenden Passagen aus „Sanditz“ legen. Erschreckend und eindringlich!

Für mich handelt es sich hier um einen ganz großen Roman, der mich voll und ganz gepackt hat und den ich regelrecht eingesogen habe. Eine klare Leseempfehlung für Lukas Rietzschels dritten Roman!

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 21.03.2026

Zwischen Fluch und psychischer Erkrankung

Die Stimmen der Nacht
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In ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer ...

In ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer noch von den weißen Kolonisatoren und Missionaren unberührte Zeit hin in die globalisierte Gegenwart mit all ihren Folgen. Dabei greift die Autorin sowohl ursprüngliche Glaubensvorstellungen als auch die Thematik von psychischer Störung auf und verwebt sie in eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, deren Vorfahren zwar teilweise aus demselben Dorf stammen, die aber doch ganz unterschiedliche Wege gegangen sind, bis sie sich fanden und wieder verloren.

Zentrale Figuren sind Margaret und Benjamin, die sich in den 1960ern in Lagos kennen und lieben lernen. Allerdings wird hier keine stringente Liebesgeschichte erzählt. Immer wieder springen wir zwischen den Jahren 1905, den 1960/70ern und 2005 hin und her. So bekommen wir einen breiten Überblick über die Vorfahren von Margaret, welche schon immer „verflucht“ zu sein scheinen, und von Benjamin, der hellhäutig ist, da sein Großvater ein weißer Missionar gewesen ist. Durch die zeitlichen und örtlichen Sprünge wird der Roman zu einem Flechtwerk von Lebensrealitäten, die den Wandel der Zeit aufzeigen und auch den Wandel von Definitionen und Zuschreibungen. Was früher allgemein akzeptiert wurde als ein Fluch, der auf einer Ahnenreihe liegt, wird heutzutage als Schizophrenie benannt. Mir gefällt sehr, dass Tochi Eze hier keine klare Antwort liefert, sondern es offen lässt, was dies nun ist, was diese Familie befallen hat, und dem wir in unterschiedlichen Generationen unterschiedliche Namen geben. Diese thematische Fokussierung war für mich überraschend und gleichzeitig dadurch die größte Stärke des Romans.

Auch wenn der sprunghafte Erzählstil, der allerdings immer zu Beginn eines neuen Kapitels durch Zeit- und Ortsangaben angekündigt wird und damit nicht überraschend kommt, es manchmal schwer macht, auf Anhieb noch genau zu wissen, wer jetzt von wem gleich der Vorfahr oder Nachfahr war, hat mich der Roman nie verloren. Ich fand den Erzählstil und vor allem den Fokus der Geschichte sehr erfrischend. Zwar bilden Margaret und Benjamin die Bindeglieder zwischen den Familien und Zeiten, trotzdem sind sie auch nie nur die einzigen Hauptfiguren.

Ein insgesamt gelungener, inhaltlich überraschender Debütroman, dessen Autorin man weiterhin im Blick behalten sollte.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Großartiges Gedankenexperiment!

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Auf der Rückseite des Buches „Ich, die ich Männer nicht kannte“ wird der Roman unter anderem mit „Die Wand“ von Marlen Haushofen verglichen und ich finde, die Geschichte steht dem an Intensität und Innovation ...

Auf der Rückseite des Buches „Ich, die ich Männer nicht kannte“ wird der Roman unter anderem mit „Die Wand“ von Marlen Haushofen verglichen und ich finde, die Geschichte steht dem an Intensität und Innovation wirklich in nichts nach!

Wir bekommen hier die aufgeschriebenen Erinnerungen einer Frau zu lesen, die nicht einmal einen Namen hat. Aufgewachsen ist sie als „die Kleine“ in einem Käfig mit 39 anderen, fremden Frauen. Durchgängig bewacht von immer drei Wärtern. Bestraft von diesen mit der Peitsche, wenn eine der Frauen gegen eine Regel verstoßen hat. Eine Regel ist: Berührungen zwischen den Frauen sind nicht erlaubt. Eine andere: Die Wärter dürfen nicht angesprochen werden. „Die Kleine“ befindet sich im Käfig seit sie ungefähr zwei oder drei Jahre alt ist. Wie sie oder die anderen Frauen hineingekommen sind, wissen sie nicht mehr. Warum sie nun, 12 Jahre nach diesem Ereignis immer noch hier drin sind, wissen sie auch nicht. Hier setzt die Erzählung ein und wir werden „die Kleine“ und die anderen Frauen noch viele Jahre begleiten.

Jacqueline Harpman entwarf in ihrem 1995 im Original erschienen Roman ein Szenario, welches wie auch bei Haushofer keine Begründung, keine Erklärung, wie es dazu gekommen ist und was hier eigentlich los ist, bekommt und auch nicht braucht. Was diesen Roman ausmacht ist das Konstrukt, ist das Gedankenexperiment, welches uns mitnimmt in die Überlegung, was es mit einer Gruppe von Frauen macht, wenn sie sich in einer scheinbar komplett ausweglosen Situation befinden. Wenn das Leben keinen Sinn hat, außer erfüllt von Hoffnungslosigkeit es in dem einen oder dem anderen Gefängnis zu verbringen. Welche soziale Strukturen entwickeln sind? Was macht es psychologisch mit einem Kind und später einer erwachsenen Frau, wenn es ab dem Kleinkindalter keine körperliche Nähe erfährt und auch kaum emotionale Bindungen aufbauen kann? Wie kann man ein komplett auswegloses Leben führen?

Die Prämisse des Romans und seine ruhig erzählte Auseinandersetzung mit den oben genannten Themen bis zum bitteren Ende, finde ich einfach großartig gemacht. Harpman nimmt uns mit in ein düsteres Szenario und lässt uns damit nicht mehr los, auch wenn wir - ebenso wie die Erzählerin - daraus entkommen wollen.

Diese Unnachgiebigkeit und Kompromisslosigkeit des Textes konnte mich vollkommen überzeugen und macht diesen wiederentdeckten Roman zu einem - so noch nie gelesenen - absoluten Highlight für mich und bekommt eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die damit umgehen können, dass die Rahmenbedingungen zwar gesteckt werden, aber keinerlei ursächlichen Hintergründe hierzu geliefert werden.

5/5 Sterne

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