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Veröffentlicht am 22.10.2025

„Männer töten Frauen, weil es eben geht.“

Da, wo ich dich sehen kann
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Mit „Da, wo ich dich sehen kann“ veröffentlicht die Biologin und Schriftstellerin Jasmin Schreiber einen Appell an alle Menschen beim Thema häusliche Gewalt und Femiziden nicht wegzusehen. Diese Straftaten, ...

Mit „Da, wo ich dich sehen kann“ veröffentlicht die Biologin und Schriftstellerin Jasmin Schreiber einen Appell an alle Menschen beim Thema häusliche Gewalt und Femiziden nicht wegzusehen. Diese Straftaten, die keine Seltenheit haben, sondern mehrfach täglich passieren, nicht als alleinstehendes Ereignis, sondern als gesamtgesellschaftliches Phänomen wahrzunehmen und im besten Fall aktiv zu werden. Mehr Fragen zu stellen, sowohl an mögliche Betroffene als auch an den Gesetzgeber.

Kommt dieser Roman zwar sprachlich leichtfüßig daher und hat einen unkomplizierten Lesefluss, doch erzeugt er damit nur eine umso größere Wucht, mit der das Thema bei den Lesenden einschlägt. Wir lernen gleich zu Beginn die neunjährige Maja in einer Therapiesitzung kennen. In Therapie muss sie, weil sie ihre Mutter von ihrem Vater stranguliert als Erste tot aufgefunden hat. Seither plagen sie Angstzustände und Alpträume. Verständlich. Aber nicht nur Maja ist direkt betroffen vom Tod ihrer Mutter Emma. Auch das Leben Emmas Eltern und der besten Freundin Emmas Liv wird nie wieder dasselbe sein. Alle fragen sich, warum sie den jahrelangen physischen und psychischen Missbrauch an Emma nie mitbekommen haben, warum sie nie genauer nachgefragt haben, wenn sie bedrückt wirkte. Und so erfahren wir in wechselnden Perspektiven sowohl wie es seit dem Femizid an Emma für deren Hinterbliebenen weitergeht, als auch durch Rückblenden, wie erste Warnzeichen in der Beziehung zwischen Emma und ihrem Mann auftraten und stetig die Gewalt an ihr zunahm.

Jasmin Schreiber macht das wirklich ganz großartig. Sie entwirft eine Kollage aus verschiedenen Blickwinkeln und fügt außerdem noch Medienberichte, Kinderzeichnungen und (und das ist der Knaller) Alternativkapitel ein, in welchen sie aufzeigt, wie empathisches Nachfragen Betroffenen helfen könnte sich zu öffnen. Diese Alternativkapitel würde ich als Einblicke in alternative Paralleluniversen interpretieren. Liv ist nämlich Astrophysikerin und gleich zu Beginn erklärt sie Maja die Theorie zu unendlichen Paralleluniversen. In mindestens einem dieser Universen muss Emma noch am Leben sein, auch wenn sie es in unserem nicht mehr ist. So sind diese Kapitel auch im Druckdesign gezielt umgekehrt dargestellt. Das Papier ist schwarz, die Schrift weiß. Hier wird phantasiert, wie es anders hätte laufen können. Die fiktiven Medienberichte hingegen bieten die Faktengrundlage zum Thema Femizide und häusliche Gewalt. Durch diesen Mix aus Fakten und Fiktion des Romans im Sinne der betroffenen Figuren erstellt Schreiber ein umfassendes Bild zur Aufklärung zum Thema. Dies wirkt fast nie künstlich, sondern stets homogen eingefügt in die Geschichte. Nur an ein, zwei Stellen hatte ich das Gefühl, die Gedanken der Protagonisten sollen uns Leser:innen nun vorsätzlich aufklären. Das hat mich aber nicht weiter gestört, kommt es doch auf die Gesamtaussage an. Nämlich, dass man als Frau Glück haben muss, um einen Mann an der eigenen Seite zu wissen, der weder körperlich übergriffig wird noch psychisch in einer Form die Frau unterdrückt, anzweifelt, nicht ernst nimmt, klein macht. Es wird klar gemacht, dass die geschlagenen und ermordeten Frauen, nie selbst schuld sind an dem, was ihnen angetan wird. Und auch die Frage „Warum geht sie nicht einfach?“ ist eben nicht einfach zu beantworten, weil es immer ein Geflecht aus verschiedenen Faktoren gibt, das die Frauen in Geiselhaft nimmt, da statt von staatlicher Seite die Täter, die bereits auffällig geworden sind, eingeschränkt werden, sondern immer die Frauen es sind, die Frauenhäuser aufsuchen sollen, ihr Leben selbst schützen sollen. Schreiber zeigt die vielen Fehlstellen auf und nennt gleichzeitig dringend notwendige Veränderungen. Sie prangert gesellschaftliche Missstände an und gleichzeitig schafft sie es ihren Figuren psychologisch unglaublich nah zu sein. Jede Figur hat ihre eigenen Facetten und ihre eigene Sprache. Jede geht anders mit dem Undenkbaren um. Und des Weiteren spart die Autorin auch nicht das eigene Fach, die Kultur, aus, um aufzuzeigen, wo Dinge falsch laufen. Thriller, in denen ohne Unterlass Frauen die Opfer sind, ermordet und vergewaltigt werden, ohne dass es wichtig für die Geschichte wäre, einfach weil sie sich als Opfer anbieten. So schreibt sie sehr richtig:

„Wie oft ist Liv schon aufgefallen, dass es für die Handlung keinen Unterschied gemacht hat, dass die Misshandlung oft einfach nur als Schocker oder als verdichtendes Hintergrundrauschen dient, dass sie nur vorkommt, weil es dramaturgisch bequem ist, weil man gelernt hat, dass Frauenkörper eben zur Verfügung stehen - für die Entwicklung des männlichen Protagonisten, für seine Katharsis, zum Draufschlagen, zum Vergewaltigen, zum Töten und als Aufhänger für eine Geschichte, die gar nicht wirklich um die Frau geht.“

Und Schreiber macht es besser. Hier kommt nicht ein einziges Mal der Täter zu Wort. Hier kommen Männer zu Wort, ja, aber nicht der Täter. Der bekommt kein Rampenlicht. Nur die Betroffene und ihre Hinterbliebenen stehen im Fokus. Zu oft geht es um die Täter.

Ich könnte jetzt noch sehr lange weiterschreiben und benennen, was mir an diesem Roman so gut gefallen hat. Kurz gesagt: Er ist sehr gut geschrieben, er legt den Finger in die Wunde, er ist einfach wichtig! Eine klare Leseempfehlung für ALLE, denn Wegsehen sollte nicht mehr an der Tagesordnung sein.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eine faszinierende, leider weggesperrte Adlige

Prinzessin Alice
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In ihrem Roman über die Großmutter des amtierenden König Charles III. trägt Irene Dische auf wenigen Seiten einige unfassbare Episoden aus dem Leben von Alice von Battenberg zusammen. Alice von Battenberg, ...

In ihrem Roman über die Großmutter des amtierenden König Charles III. trägt Irene Dische auf wenigen Seiten einige unfassbare Episoden aus dem Leben von Alice von Battenberg zusammen. Alice von Battenberg, die Enkelin von Königen Victoria, die mal ein koloniales Weltreich regierte und Tochter von Prinzessin Victoria (ja, es kann verwirrend sein), eine hochintelligente, belesene Frau (der ich aufgrund der kurzen Personenbeschreibung Autismus unterstellen würde), hatte selbst ein aufwühlendes Leben, welches dem ihrer Vorfahren und Nachkommen in nichts nachsteht. Taub geboren, lernte sie fünf Sprachen von den Lippen abzulesen und zu sprechen. Das brachte ihr bloß nicht mehr viel, als sie aufgrund ihres für ihre Familie unangenehmen Verhaltens in psychiatrische Kliniken gegen ihren Willen abgeschoben wurde. Alice war nämlich so gläubig und durchaus auch neurodivergent, dass sie der Meinung war, mit Jesus/Gott verheiratet zu sein. Im Gebet konnte sie sogar einen Orgasmus haben. Nie hat sie Eigen- oder Fremdgefährdung gezeigt, trotzdem war sie in den 1920er Jahren mit ihrem Verhalten auffällig genug, um sie bestialischen Behandlungsmethoden zu unterwerfen.

Was in diesem Roman historisch überliefert ist und was Fiktion, ist nie ganz klar. Aber die groben Informationen scheinen (laut Wikipedia) zu stimmen. So wurde ihr von u.a. Sigmund Freud die wilde Diagnose „paranoide Schizophrenie, mitverursacht durch sexuelle Frustration aufgrund einer nicht ausgelebten Leidenschaft“ diagnostiziert und verbrachte mehrere Jahre in Sanatorien eingesperrt. Ich persönlich glaube dem Roman so ziemlich alles, was hier von Alice persönlich uns berichtet wird. Für mich ist allein schon die Lebensgeschichte dieser Adligen, mit ihrem ironischen Blick auf die eigene Sippe (und deren Inzuchtsproblematik) und die Einblicke in die adligen Herrscherfamilien unglaublich aufschlussreich gewesen. Der persönliche Blick auf die Erlebnisse machen es noch interessanter, wobei ich an manchen Stellen mit der Erzählperspektive gehadert habe. Alice berichtet hier in der Vergangenheitsform rückblickend auf ihr Leben. Dabei nimmt sie nicht nur ab und an recht flapsige Formulierungen in den Mund, die so gar nicht zu einer so stolzen Adligen passen wollen, sondern scheint auch manchmal einen allwissenden Blick auf ihre Mitmenschen zu haben und deren Emotionen zu kennen. Die Leser:innen werden mit Durchbrechen der vierten Wand mitunter direkt angesprochen. In der zweiten Hälfte des Romans passiert dann noch eine Wandlung mit Alice, von der ich mir nicht sicher bin, ob diese so tatsächlich passiert ist bzw. passiert sein kann, ob sie durch den Geisteszustand der Frau in ihr selbst auftauchte, oder ob dieses Detail von Irene Dische vollkommen frei erfunden ist.

Ich muss zugeben, auch wenn ich mit dem Erzählstil durchaus gehadert habe, fand ich diese (fast) vergessene Lebensgeschichte von Alice von Battenberg wirklich unglaublich lesenswert und spannend. Mal wieder ein Werk, welches durch seine Schilderung von vergangenen psychiatrischen und psychotherapeutischen „Therapien“ an diesen zweifeln und nur den Kopf schütteln lassen. Auch die heutige Psychiatrie hat noch einiges vor sich und ist nicht lupenrein. Der Roman ruft ins Gedächtnis, dass immer die aktuelle Gegenwart von sich denkt, das Richtige für andere Menschen zu tun. Im Rückblick betrachtet aber durchaus falsch gelegen haben kann.

Insgesamt eine kurze, knackige Lektüre, die zum Nachdenken anregt und nachhallt.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Alternative, feminine Historie

Die Frau der Stunde
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Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative ...

Die Autorin und Historikerin Heike Specht hat sich in ihren vergangenen Werken immer wieder historischen Frauenfiguren gewidmet. Nun macht sie etwas sehr interessantes: Sie entwickelt eine alternative Historie, in der statt Helmut Schmidt und Hand-Dietrich Genscher Bundeskanzler und Außenminister/Vizekanzler sind, ein anderer fiktiver sozialdemokratischer Kanzler an der Macht und durch einen Eheskandal des auch männlichen Außenministers, der daraufhin zurücktreten muss, eine Frau ins Außenministerium einzieht. Etwas, was so nie geschehen ist. Diese Frau ist Catharina Cornelius und sie ist die Frau der Stunde, denn durch ihr Nachrücken wird die rot-gelbe-Regierungskoalition gerettet. Nur sehen nicht alle der alt eingesessenen Herren im Bundestag und den Ministerien sie als die Retterin, sondern vor allem wird sie fehl am Platz gesehen. Wir begleiten nun Catharina in diesem alternativen 1978 und 1979 und lernen dabei viel über Frauen in der Politik der damaligen Zeit, auch wenn sie nie, wie im Roman erfunden, schon Ende der Siebziger reale Machtpositionen inne hatten.

Der alternativ-historische Roman von Specht konnte mich wirklich positiv überraschen. Bin ich zwar nicht von Politik aber vom allgemeinen Politikbetrieb heutzutage recht gelangweilt, kommt in Spechts Roman niemals Langeweile auf. Wir werden direkt an der Seite von Catharina in ihr neues Leben geworfen und lernen dabei auch noch viele andere Frauenfiguren kennen, die symbolisch für Frauen dieser Zeit stehen. So Suzanne, die als Journalistin arbeitet und eine für die Zeit moderne Ehe führt, in der ihr Ehemann, der Lehrer ist, zuhause sich um Haushalt und die drei Kinder kümmert. Ebenso Azadeh, eine iranische Dokumentarfilmerin, die zunächst von außen die Umwälzungen in ihrem Heimatland beobachtet, die kurz vor und nach der islamische Revolution das Land und die Menschen überrollen, und bald mit ins Geschehen gezogen wird. Aber auch ältere Frauen der Politik, seien sie früher in der Weimarer Republik für das Volk im Parlament eingetreten oder als fädenziehende Ehefrau an der Seite von politisch aktiven Ehemännern tätig. Und auch junge Frauen einer neuen Generation, die erstmals im Politikbetrieb Fuß fassen wollen. Diese vielen Figuren, die Catharina nicht allein im Zentrum des Romans stehen lassen, machen die Geschichte äußerst facettenreich. Gleichzeitig scheut sich Specht natürlich nicht, all die Hürden und Gefahren für Frauen in der Politik darzustellen. Dies ist keine „was-wäre-wenn“-Geschichte durch die rosarote Brille, sondern eine realistische Einschätzung, wie diese Konstellation mit einer Vizekanzlerin Ende der Siebziger Jahre hätte aussehen können.

Heike Specht schreibt süffig und durch den Wechsel zwischen den verschiedenen Protagonistinnen in den Kapiteln bekommen wir einen weiten Blick auf das Personal. Für mich war es allerdings gerade zu Beginn schwer, mich in diese alternative Historie reinzudenken. Es wird mal in der Vergangenheitsform von Willi Brandt gesprochen und wir wissen dann, dass die historische Person gemeint ist. Aber bei den vielen Figuren rund um Catharina war mir manchmal nicht klar, ob diese wirklich existiert haben, nur zu unbekannt sind, um heutzutage noch Wiedererkennungswert zu haben bzw. ob es sich um einen Schlüsselroman handelt, der hinter den fiktiven Namen Anspielungen auf reale Personen in sich trägt. Dafür kenne ich mich leider nicht gut genug in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik aus. Mit der Zeit habe ich diese Fragezeichen in meinem Kopf allerdings ablegen und mich auf den Plot an sich konzentrieren können.

So, wie der Roman endet, vermute ich stark, dass es sich um den Beginn einer Buchreihe handelt. Normalerweise lese ich nicht gern Reihen, muss allerdings zugeben, dass mich Specht mit ihrer Idee und ihrem Schreibstil fesseln konnte. Sollte also Catharinas Geschichte weitergehen, bin ich dabei.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Hippe Freikirche - veraltete Probleme

Monstergott
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Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in ...

Die Geschwister Esther und Ben wachsen (in Deutschland!) in einer evangelikalen Freikirche auf, die mit hippen Social Media-Beiträgen punktet, Gottesdienste mit vielen groovigen Songs untermalt und in der die Menschen Jesus scheinbar so nahe kommen, dass sie sogar ekstatisch in Zungen sprechen. Das wäre ja alles schön und gut, wenn nicht dieselbe hippe Kirchengemeinde in tradierten Vorstellungen zu Geschlechterrollen und sexueller Orientierung feststecken würde. Esther möchte in der Gemeinde mehr Aufgaben übernehmen, darf aber nicht, weil sie nun einmal eine Frau ist, und Ben hat sexuelle Bedürfnisse, die in der Gemeinde einfach nicht existieren dürfen.

Ich sage gleich vorweg, was dieses Buch glücklicherweise nicht macht: Es führt uns nicht ein zackiges, weltliches Erweckungserlebnis vor, durch welches sich unsere beiden Hauptprotagonist:innen, denen wir in stets wechselnden Kapiteln auf ihrem Weg begleiten, einfach mal eben so von ihrer Kirche und ihrem Glauben abwenden, weil das ja alles sowieso Blödsinn und nicht mehr modern ist. Nein, wir verfolgen in diesem zweiten Roman von Caroline Schmitt, die bereits mit ihrem Debüt „Liebewesen“ ein hervorragendes literarisches Werk vorgelegt hat, zwei Personen, die zunächst einmal ganz stark mit sich selbst hadern. Mit ihrer Identität und ihren Wünschen. Denn wenn das eigene Koordinatensystem schon in der Kindheit festgezurrt wurde und sich fast alle sozialen Kontakte auf eine eingeschworene Gemeinde begrenzen, fragt man sich doch automatisch erst einmal, was mit einem selbst denn falsch läuft. Gerade Ben, der nie etwas anderes gelernt hat, als dass jegliche von der heterosexuellen Norm abweichende Tendenzen des Teufels Werk sind, kommt mit sich selbst und seinem Leben immer weniger klar. Bereits in der Eingangsszene erleben wir etwas, was unzählige Male pro Tag Menschen in gewissen Glaubensgemeinschaften angetan wird, die nicht dieser Norm entsprechen: Eine Dämonenaustreibung. Es sollte bekannt sein, dass bei solche bestialischen Praktiken bereits Menschen ums Leben gekommen sind für den Glauben.

In klarer, ungeschönter Sprache lässt und Schmitt mit dem Geschwisterpaar fiebern. Bei Ben sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie legt zunächst einmal offen, dass es diese Freikirchen, die ich ehrlich gesagt bisher nur aus englischsprachigen Ländern kannte, auch in Deutschland gibt und dass diese Kirchen durch ihre Soziale-Medien-wirksame Inszenierung an Popularität gewinnen. Zum anderen zeigt Schmitt, wie stark hier ein Geschäft mit Ängsten und Hoffnung gemacht wird, wie Glauben kommerzialisiert wird und mit wie viel Unkenntnis und Naivität die Bibel wörtlich genommen wird, ohne Kritik zuzulassen. Auf den nur 260 Seiten destilliert die Autorin eine spannende und lehrreiche Geschichte zusammen, die die Augen öffnet für eine Parallelgesellschaft, die sich bisher vollkommen aus dem modernen, gesellschaftlichen Diskurs herausnimmt und im Gegenteil immer radikaler zu werden scheint.

Ich bin absolut begeistert. Was Caroline Schmitt bei mir mit ihrem Debüt bereits begonnen hat, führt sie nun weiter: Leserinnenbindung! ;) Ich würde ungesehen jeden folgenden Roman von ihr lesen wollen und bin gespannt darauf, welchem Thema sie sich als nächstes annimmt.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Von der Selbstabschaffung

Haus zur Sonne
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Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen ...

Thomas Melle greift in seinem aktuellen Werk erneut sein Lebens- und Leidensthema auf: Das Leben – bzw. in diesem Fall das Sterben – mit bipolarer Störung. Beginnt der Roman noch mit sicherlich vielen autobiografischen Anteilen, wenn es um das erneute Aufflammen von Manie und darauffolgender Depression nach einer langen Lebensphase eines scheinbar „normalen“, scheinbar neurotypischen Autoren geht, der zuletzt ein hoch gelobtes Werk über seine bipolare Störung geschrieben hat und nun, vier Jahre nach den ersten manischen Symptomen der aktuellen Episode am absoluten Ende steht. Nicht nur psychisch am Ende, sondern auch finanziell, sozial, gesellschaftlich. Mit der Erkenntnis, dass diese Erkrankung wirklich und unumkehrbar chronisch ist und ihn bis ans Ende seines Lebens nicht nur begleiten sondern auch immer wieder zerstören wird, entschließt er sich (erneut) zu Sterben. Selbstmordversuche gab es in der Vergangenheit bereits, doch nun entdeckt er im Wartezimmer des Arbeitsamtes einen Flyer für das „Haus zur Sonne“, welches ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“ verspricht. Er bewirbt sich und darf in diese Klinik der etwas anderen Art einziehen. Aber nur, bis zu seinem assistierten Suizid.

Der Autor stellt in seinem Roman authentisch und glaubhaft dar, wie stark die Erkrankung der bipolaren Störung an einem Menschen zehren kann bis zu dem Punkt der absoluten Verzweiflung, dass ein Suizid als einziger Ausweg erscheint. Und er straft die neurotypischen Menschen Lügen, die selbstbewusst und lebensfroh an der Behauptung festhalten, der oder die Betroffene müsse nur noch mehr Therapien, Medikationen, Lebensveränderungen durchführen, sodass es sich doch immer lohne weiterzuleben. Nein, in manchen Fällen fällt die Bilanz stets negativ aus und hier muss offen darüber gesprochen werden, ob diesen Menschen nicht ein würdevoller Abgang ermöglicht werden sollte. Das „Haus zur Sonne“ bietet hier nun den fiktionalen Anteil des Werkes von Melle. Denn hier sind sogenannte „Simulationen“ möglich. Diese gelingen durch eine (bisher noch nicht existierende) Technik, die absolute Immersion ermöglicht und die Klienten der Klinik alle nur vorstellbaren Situationen mit allen Sinnen und Emotionen durchspielen lassen kann. Am Ende steht aber für jede:n Teilnehmer:in der Tod.

Melle legt vollkommen unverblümt das Abwägen zwischen Leben und selbstgewähltem Tod offen. Er verwirklicht etwas, was der Ich-Erzähler im Roman wie folgt zusammenfasst:

„Die, die da draußen erzählen und veröffentlichen, sind eh die Überlebenden. Sie waren stark genug. Wo sind all die anderen, die nicht erzählen konnten, die untergingen? Und wie wäre es also mit einer Geschichte, in der keiner gerettet würde? Die eben nicht von einer Rettung handelte, sondern im Gegenteil von einem langsamen Untergang eines Unrettbaren oder vieler Unrettbarer? Die vielleicht nicht einmal eine Botschaft mit sich brächte? Und die dennoch aus ihrer Warte erzählt wäre, nicht auktorial, nicht von einem Checkerautor zusammengehalten, der am Ende meist doch gar nicht weiß, was es heißt, wirklich unrettbar verloren zu sein?“

Nach dieser Passage sollte sich jede und jeder ein eigenes Bild davon machen, ob er oder sie diesem Buch gewachsen ist. Eins ist klar: Man wächst mit dem Buch, egal von welcher Warte aus man das Lesen beginnt!

Dass dieses Buch sich alle Zeit der Welt nimmt, um in Ruhe die Argumente für und wider des assistierten Suizids am Beispiel dieses geplagten Autors herauszuschälen und genau das einlöst, was in dem Zitat oben auf der Metaebene den Lesenden vermittelt wird, macht für mich den Roman, neben seinen sprachlichen Stärken und seiner Authentizität, zu einem sehr wichtigen und vor allem lesenswerten Werk. Es geht um „einen andere, einen menschenfreundlicheren, würdigeren Umgang und Zugang“ mit und zum Thema. Vor allem macht der Roman eins deutlich: Bei einem Menschen, der seit Jahren Selbstmordgedanken hat, geht es nie um eine sogenannte „Kurzschlussreaktion“, die einfach verhindert werden könnte. Es ist ein langwieriger, kräftezehrender Prozess bis dies als der einzige Ausweg erscheint. So muss man sich auch zeitweise durch diesen Roman kräftezehrend hindurchkämpfen. Aber genau das ist meiner Vermutung nach auch so gewollt, um klarzumachen: Nehmt die Gedanken von jemandem, der diese Gedanken hat, niemals auf die leichte Schulter, denkt niemals, es wäre einfach an diesen Punkt zu kommen geschweige denn einfach wieder von diesem Punkt wegzukommen.

Eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für diese Mischung aus autobiografischem Roman und Fiktion, um ein Thema im wahrsten Sinne des Worte zu Ende zu denken.

4,5/5 Sterne

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