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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein großartiges Familiengefüge

Niemals ohne sie
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In diesem Roman von Jocelyn Saucier verfolgen wir den Weg der in ärmsten Verhältnissen lebenden Erzsucherfamilie Cardinal im franko-kanadischen Bergland. Das Besondere an dieser Familie sind die 21 (!) ...

In diesem Roman von Jocelyn Saucier verfolgen wir den Weg der in ärmsten Verhältnissen lebenden Erzsucherfamilie Cardinal im franko-kanadischen Bergland. Das Besondere an dieser Familie sind die 21 (!) leiblichen Kinder, welche auch das Zentrum des Buches darstellen. Bei einem unfreiwilligen Familientreffen im Rahmen eines Kongresses der Erzsucher wird klar, dass eine Person fehlt und es ein dunkles Geheimnis um diese Leerstelle innerhalb der Familie gibt.

Aus Sicht verschiedenen Geschwistern erzählt, wird nun dieses Geheimnis für den Leser langsam wie bei einer Zwiebel aufgeschält. Die Autorin nutzt dabei von Kapitel zu Kapitel den Wechsel des Ich-Erzählers als spannungssteigerndes Stilmittel. Erfahren wir vom naiven jüngsten Cardinal Matz noch sehr wenig, außer seine Begeisterung für die Familiengeschichte, vervollständigt sich das Bild mit jedem neuen Blickwinkel eines Geschwisterkindes, jeweils erzählt aus Sicht der erwachsenen Person. Dass diese Familie in elenden Verhältnissen lebte, wird nicht nur aus den Schilderungen klar, sondern wird auch sehr gut im Cover des Buches wiedergespiegelt. Darauf sehen wir ein in Sepia gehaltenes Foto von drei Kindern, die scheinbar nicht viel haben, außer sich aneinander zu klammern. Die Unschärfe könnte hier für die Unschärfe in der Familiengeschichte stehen. Ein sehr passendes Design, was sich am zuvor bei Insel erschienenen „Ein Leben mehr“ orientiert.

Dass nun auch dieses bereits aus dem Jahr 2000 stammende Werk auf Deutsch erscheint, ist ein Gewinn für jeden Literaturliebhaber. Die Spannung wird bis zur letzten Seite aufrechterhalten und die Sprache von Saucier lässt den Leser vollkommen eintauchen in die Familie Cardinal. Wenn man Saucier unbedingt etwas vorwerfen möchte, dann lediglich, dass die Erzählstimmen sich ein wenig zu sehr ähneln. Bei unterschiedlichen Charakteren hätte man vielfältigere Stimmen erwarten können.

Insgesamt ist dieses spät-übersetzte und nun auch in Deutschland veröffentlichte Werk der Franko-Kanadierin äußert empfehlenswert, unter anderem für alle, die Interesse an spannenden Familiengeschichten und -gefügen haben.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Schwacher Einstieg, sehr gute Umsetzung

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Im ersten Band der Comicreihe „Message“ wird dem Leser eine Welt gezeigt, in der die Menschen die Erde jetzt schon zum zweiten Mal fast zerstört haben.
Um die erste Katastrophe abzuwenden, wurde die KI ...

Im ersten Band der Comicreihe „Message“ wird dem Leser eine Welt gezeigt, in der die Menschen die Erde jetzt schon zum zweiten Mal fast zerstört haben.
Um die erste Katastrophe abzuwenden, wurde die KI „KIEM“ erschaffen, welche die technische Entwicklung der Menschen koordinierte und so den Untergang verhinderte.
Da die Menschheit allerdings auch diese zweite Chance vergeigte, wendet sich KIEM gegen ihre Schöpfer und zwingt sie dazu, sich in abgesicherte autonome Städte zurückzuziehen.

Was jetzt erstmal nach einem interessanten Einstieg in eine Geschichte über eine desillusionierte KI klingt, ist leider nur der Hintergrund für die x-te Iteration des Konzepts „Dystopie-in-der-die-Menschheit-von-Robotern-bedroht-wird“.
In der 2-seitigen Einleitung des Buches wird mit KIEM ohne Not ein Antagonist erschaffen, dessen Hintergründe völlig untererklärt sind und der im Grunde nur tut, was er soll: die Erde retten; und der Mensch ist die größte Bedrohung.
Der Einstieg ist zwar mein größter Kritikpunkt aber auch mein einziger.
Ansonsten bin ich von „Message“ extrem begeistert.

Der Hauptcharakter Avarus kämpft als technisch hoch ausgerüsteter Späher gegen die Roboter von KIEM, Exekutoren genannt, um die letzten Bastionen der Menschen zu verteidigen. Als sein Bruder Victor bei einem Angriff scheinbar getötet wird, er aber nach dessen Tod eine geheimnisvolle Nachricht von ihm bekommt, fängt Avarus an, hinter dem Rücken seiner Vorgesetzten dieses Mysterium zu ergründen.

Den Zeichenstil kann ich unumwunden nur als großartig bezeichnen.
Die Hintergründe sind farblich angenehm dezent und unaufgeregt wobei die Charaktere und Maschinen sehr detailreich in Szene gesetzt sind.
Kämpfe wirken schön dynamisch und sind in ihrer Choreographie gut lesbar und nicht überladen.
Die wenigen im ersten Band handelnden Charaktere wirken authentisch, sowohl von ihrem Aussehen als auch von ihrer Sprache her.

Leider ist der erste Band etwas kurz geraten.

Ich finde, dass wir es hier trotz der Diskrepanzen in der Einleitung mit einem sehr guten Einstieg in eine 5-teilige Comicreihe zu tun haben, der durch den Cliffhanger am Ende viel Potential mitbringt und in der weiteren Geschichte hoffentlich noch mehr Infos über KIEM bereithält.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

So oder so ist das Buch

So oder so ist das Leben
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Im Roman begleiten wir "Den großen Anton Lobmeier" in einer Zeit seines Lebens, in der alles schiefzulaufen scheint. Von der Freundin verlassen, Job weg, Mutter verstorben, beste Freundin verschwunden.
Die ...

Im Roman begleiten wir "Den großen Anton Lobmeier" in einer Zeit seines Lebens, in der alles schiefzulaufen scheint. Von der Freundin verlassen, Job weg, Mutter verstorben, beste Freundin verschwunden.
Die Geschichte, welche aus Sicht von Anton als Ich-Erzähler erzählt wird, ist gespickt mit Rückblenden in verschiedene Episoden zu den oben genannten Themen und Personen. Dabei lamentiert der Protagonist vor allem im ersten Teil des Buches sehr stark und kokettiert mit deinem Verlierer-Dasein. Das geht bisweilen auf die Nerven. Soll es vielleicht auch gerade, denn im zweiten Teil geht es dann (mitunter) an die wirklich wichtigen Themen des Lebens. Bis dahin beschreibt ein Zitat aus dem Buch, den Inhalt bis dahin (selbstironisch?) recht gut: "[...]die letzten zehn Prozent, die man zurückhält, weil sie vor der Erkenntnis schützen, dass es vielleicht doch nicht reicht, selbst wenn man alles gibt. Deshalb die Aufschreiberei, deshalb die schöngeredeten Rückschläge und die Scham, zu wissen, das alles sind keine ernsten Probleme, kein existenzielles Scheitern. Und das macht es noch lächerlicher, dass es wirklich um nichts Nennenswertes geht und es einen trotzdem traurig macht."
Das Gefühl, welches zunächst bei mir aufkam, dass es "um nichts Nennenswertes" gehen könnte, machte die Lektüre zunächst zäh und nervend. Im Verlauf wird jedoch vor allem der Tod der Mutter touchiert (hier hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht) und die Geschichte des Vaters näher beleuchtet. Durchaus mit amüsanten Episoden. Gegen Ende wird das Buch mehr und mehr zum Roadtrip von Anton auf der Suche nach der verschwundenen besten Freundin, die dem Leser bis dahin durch die Rückblenden ans Herz gewachsen ist. Die Erkenntnisse des Protagonisten lassen dann das Buch insgesamt lesenwert und interessant werden.

Ein gutes, solides Buch, von dem ich mir jedoch mehr erhofft habe bzw. welches mir persönlich abschnittsweise zu oberflächlich erschien. Sehr postiv möchte ich die ansprechende Gestaltung und das eher ungewöhnliche Format des Buches von Volant&Quist hervorheben.
Insgesamt würde ich das Buch Leuten empfehlen, die zum Zeitpunkt des Lesens nicht gerade selbst von schweren Schicksalsschlägen betroffen sind, dann könnte es zu nebensächlich wirken, denn ich denke der Autor hat durchaus Potenzial auf einen amüsanten, scharfzüngigen Blick auf seine Generation.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Die Konter-Evolution

Der Gott am Ende der Straße
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Louise Erdrich greift in diesem Roman ein Thema auf, welches schon häufiger bearbeitet wurde, bisher meines Wissens jedoch noch nicht auf diese Art und Weise. Wir kennen "Children of Men" mit der Vorstellung, ...

Louise Erdrich greift in diesem Roman ein Thema auf, welches schon häufiger bearbeitet wurde, bisher meines Wissens jedoch noch nicht auf diese Art und Weise. Wir kennen "Children of Men" mit der Vorstellung, dass die Menschheit überaltert und keine Kinder mehr geboren werden. Oder von mir zuletzt begeistert gelesen "Die Geschichte der schweigenden Frauen", worin immer weniger Mädchen geboren werden und deshalb ein Geschlechterungleichgewicht mit entsprechender Ausbeutung zustande kommt.

In ihrer Dystopie entwirft Erdrich einen Bericht einer schwangeren, katholischen Indianerin, die für ihr Ungeborenes ihren Weg und wichtige Überlieferungen aus der Zeit "davor" in einer Art Tagebuch festhält. Wir erfahren keine wissenschaftliche Hintergründe, aber immer deutlicher scheint durch, dass sich die Evolution umkehrt und alle Lebewesen von der Pflanze über das Tier hin zum Menschen Nachkommen prähistorischer Ausprägung ausbilden. Der Plot ist in der Nahen Zukunft verortet, denn die Protagonistin kann sich noch an eine Kindheit mit Schnee erinnern. Denn auch der Klimawandel ist vorangeschritten und richtige Winter gibt es nicht mehr.

Mir gefällt der Erzählstil der Autorin sehr gut. Spannend verfolgt man die Flucht der Schwangeren von religiösen Fanatikern, die nun die Geschicke des Staates in der Hand haben. Und so zieht einen die Autorin hinein in ihre Schreckens-Fantasie. Nur, dass der Schrecken nicht durch die Veränderung der evolutionären Veränderung daherkommt, sondern viel mehr durch die beängstigenden Versuche der "Zivilisation", diese durch gänzlich unzivilisertes Verhalten aufrechtzuerhalten. Schmerzlich wird dem Leser bewusst, wie schnell Grundrechte ausgehebelt werden können, um angeblich "das Richtige" zu tun. Plötzlich verliert eine gesamte Bevölkerungsschicht das Recht über den eigenen Körper zu bestimmen.

Der einzige Kritikpunkt meinerseits, bei dem ich mich jedoch dafür entschieden habe, ihn keine Auswirkung auf meine Punktebewertung zu haben, ist der Titel und das Layout der deutschen Ausgabe. Die Übersetzung des Romans ist wirklich sehr gut gelungen, aber was sich der Verlag beim Cover gedacht hat, ist fraglich. Die Originalausgabe des Buches trägt den viel passenderen Titel "The Future Home Of The Living God" und im Hintergrund ist auf dem Hardcover ein Ultraschallbild eines Ungeborenen zu sehen, auf dem Paperback ein Kreislauf mit evolutionären Abschnitten verschiedener Lebensformen. Beides viel passender als die Zugvögel, die zwar keine Störche sind, aber auf den ersten Blick verdächtig danach aussehen. Grundsätzlich gefällt mir die Gestaltung des Covers, es passt nur nicht unbedingt zu diesem Buch.

Insgesamt bekommt der Roman von Louise Erdrich eine eindeutige Leseempfehlung von mir. Wer Dystopien mag, auch noch ein Herz für Prepper hat und sich nicht von schonungslosen Beschreibungen des schwangeren weiblichen Körpers abschrecken lässt, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein zu weit gefasster Winkel?

Weitwinkel
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"Eine ebenso berührende wie lebensnahe Coming-of-Age-Story über Selbstermächtigung, Glaube in der modernen Welt und eine außergewöhnliche Freundschaft." Dieses Motto gibt uns der Klappentext unter anderem ...

"Eine ebenso berührende wie lebensnahe Coming-of-Age-Story über Selbstermächtigung, Glaube in der modernen Welt und eine außergewöhnliche Freundschaft." Dieses Motto gibt uns der Klappentext unter anderem zum Buch vor. Leider bin ich der Meinung, dass nur wenige der angesprochenen Punkte letztendlich tatsächlich zutreffen.

In der Geschichte begleiten wir in rasender Geschwindigkeit einzelne Szenen aus dem Leben eines 16- bis später 20jährigen Jungen Ezra aus einer ultraorthododoxen jüdischen Gemeinschaft in Boston. Dieser zieht aus um Modefotograf zu werden und findet seinen Weg in ferne Länder.
Die Tableaus wirken dabei jedoch stets bemüht, Beziehungen zu Nebencharakteren arg konstruiert. Die Probleme im Leben von Ezra tauchen auf, werden kurz, recht emotionslos abgehandelt und weiter gehts zum nächsten Lebensabschnitt. Die Entwicklung des Protagonisten ist dabei häufig nur wenig nachvollziehbar, da auch nicht ausführlicher beschrieben. Psychologische Zusammenhänge bleiben sehr vage. Die vier Jahre, die wir begleiten dürfen beinhalten dabei so viele abwegige Ploteinheiten, dass man auch am "lebensnah" aus dem Klappentext zweifeln möchte. Die außergewöhnliche Freundschaft rückt schnell in den Hintergrund und blitzt nur am Ende noch einmal kurz auf. Außer Ezra spielt hier scheinbar niemand anderes eine Rolle. Somit kann man zumindest dem Punkt "Selbstermächtigung" zustimmen.
Den "Glauben in der modernen Welt" sehe ich bezogen auf die Darstellung der ultraorthodoxen Mitglieder der Gemeinde, zu denen selbstverständlich die Eltern des Protagonisten gehören, nicht realistisch und konsequent genug. Manche Verhaltensweisen ergeben keinen Sinn und wären eher undenkbar in diesen (fanatischen) Glaubenskreisen. Wer also diesbezüglich einen Einblick in die Lebensweise dieser Gemeinde bekommen möchte, sollte sich andere, authentischere Literatur suchen. Sie gibt es!

Was ich noch zuletzt anmerken möchte: Ich finde, das Cover wirkt eher so, als ob es zu einem humoristischen Roman passen würde. Ich hatte auch mehr "jüdischen Witz" erwartet. Dies ist hier jedoch keinesfalls zu erwarten. Die Romanfigur Ezra nimmt sich selbst zu ernst, und so auch der Roman. Häufig tauchen pathetische Sätze (besonders gern an Kapitelenden) auf, die jedoch nicht verfangen.

In diesem trotzdem kurzweiligen Roman, der viel will, aber leider nicht so viel schafft, werden verschiedenste Themen angesprochen, jedoch nicht gründlich ausgearbeitet. Hier hätte es mir mehr gefallen, wenn sich auf weniger Themen beschränkt, diese aber dann tiefgründiger beschrieben worden wären.

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