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Veröffentlicht am 26.04.2026

Wo, wer und warum?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Dieses Buch zu lesen, wirft viele Fragen auf. Es entfacht einen richtige Sog, spielt in einer gottverlassenen Gegend und beschreibt das langweilige Leben von 40 Frauen in einem Gefängnis tief unter der ...

Dieses Buch zu lesen, wirft viele Fragen auf. Es entfacht einen richtige Sog, spielt in einer gottverlassenen Gegend und beschreibt das langweilige Leben von 40 Frauen in einem Gefängnis tief unter der Erde. Während Tag und Nacht elektrisches Licht brennt, werden sie von drei Männern bewacht, die eines Tages plötzlich verschwinden; dabei aber zum Glück der Frauen die Käfigtür offen lassen So suchen die ihre "Freiheit" und irren in der ihnen unbekannten, einsamen Gegend mehr oder weniger hilflos umher.
Die namenlose Erzählerin ist die Jüngste unter ihnen. Sie kam schon als Kind hierher und kennt weder ihre Eltern noch die Heimat. Für sie sind die Erinnerungen der anderen Frauen Märchen:
„Du machst dir keine Vorstellung davon, wie das richtige Leben war – du kannst gar nicht begreifen, wie sinnentleert unseres hier ist.“
Dafür ist sie draußen in der „Freiheit“ die Mutigste von allen. Die Frauen wachsen in ihrem neuen, einsamen Leben immer stärker zusammen. Sie müssen nicht hungern, da sie genügend Vorräte zum Überleben finden. Allerdings machen ihnen das zunehmende Alter und diverse Krankheiten zu schaffen. Die Gruppe wird kleiner und die Erzählerin bleibt schließlich allein zurück.

Dieses Buch zu lesen ist ein Erlebnis. Es entwickelt trotz – oder gerade wegen – der vielen offenen Fragen einen starken Sog. Die unterschiedlichen Charaktere der Frauen sind sehr anschaulich dargestellt. Es zeigt nicht nur, wie Tatenlosigkeit einen Menschen deprimiert, sondern auch, wie viel Überlebensdrang trotz allem vorhanden ist. Die jetzt herausgekommene Neuübersetzung aus dem Französischen empfand ich als sehr angenehm zu lesen.

Die belgische Schriftstellerin Jacquelin Harpman (*1929 +2012) veröffentlichte diesen Roman 1995, zehn Jahre nach Margaret Atwoods „Der Report der Magd“, woran er mich beim Lesen entfernt erinnert hat. „Ich, die ich die Männer nicht kannte“ spielt in einer unbekannten Welt, die auf der Erde sein könnte - oder auf einem anderen Planeten, auf dem die Jahreszeiten nicht so ausgeprägt sind. Der Sinn, weshalb die Frauen im unterirdischen Gefängnis verharren müssen, bleibt offen – ebenso warum es in der Freiheit keinen anderen Menschen mehr gibt.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Nevabacka

Moorhöhe
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„Das Spinnrad surrt am brennenden Feuer, und wir weben der Sagen Band. Lodere Feuer der Vorzeit! Erleuchte unsere Tat! Leuchte durch die Zeit – führe die Söhne zurück zum Hof ihrer Väter!“

Dieses ...

„Das Spinnrad surrt am brennenden Feuer, und wir weben der Sagen Band. Lodere Feuer der Vorzeit! Erleuchte unsere Tat! Leuchte durch die Zeit – führe die Söhne zurück zum Hof ihrer Väter!“

Dieses Gedicht von Alexander Slotte läutet auf Seite 163 das 19. Jahrhundert ein. Doch die Geschichte des Hofes Nevabacka beginnt bereits im 17. Jahrhundert. Sie erzählt vom Aberglauben der frühen Bewohner, von Angst und Respekt vor den Moorgeistern, von Wiedergängern und Abtrünnigen. Sehr deutlich zeigt es die Veränderung der Lebensweise über die Jahrhunderte hinweg. Wunderschöne Naturbeschreibungen lassen vor dem inneren Auge ein Bild der Gegend hoch oben im Norden entstehen; an der Grenze zwischen Schweden und Finnland.

Die 1977 geborene Autorin hat in ihrem ersten Buch für Erwachsene unterschiedliche Schreibstile verwendet,;mal wird von außen erzählt, ein anderes Mal sind es Briefe, die tief ins Innere einer Person hineinschauen lassen. Auch Tagebucheinträge einer 13-jährigen lockern den Stil auf.

So bekommt man als LeserIn einen guten Eindruck über die Entwicklung der Menschen und der Gegend über die Jahrhunderte hinweg, bis der Hof schließlich in der Jetztzeit dem Verfall nahe ist.


Die früheren Jahrhunderte mit ihrem Aberglauben, den Amuletten und Talismane waren mir noch sehr fremd, doch je weiter ich las, desto mehr fesselte mich diese ruhige Erzählung. Die Bewohner und die Besucher des Hofes wuchsen mir ans Herz und ich hätte gerne noch mehr davon gelesen.


Fazit: Ein besonderes Leseerlebnis!

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Leben lohnt sich

Die Mitternachtsbibliothek
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„Nicht, was man betrachtet ist wichtig, sondern was man sieht.“

Jeder Mensch hat die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen und jede einzelne Entscheidung beeinflusst die nächsten Schritte im Leben. ...

„Nicht, was man betrachtet ist wichtig, sondern was man sieht.“

Jeder Mensch hat die Möglichkeit Entscheidungen zu treffen und jede einzelne Entscheidung beeinflusst die nächsten Schritte im Leben. Das könnte das Fazit dieses Romans sein, in dem Nora ihr Leben beenden will, weil sie keinen Sinn mehr darin sieht.

Der britische Autor Matt Haig (*1975) macht eigene Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen zu zentralen Themen in seinen Büchern. In dem vorliegenden schickt er seine lebensmüde Protagonistin Nora Seed in die Mitternachtsbibliothek, wo sie ganz unterschiedliche Leben erlesen kann. So erfährt sie, dass Träume nur manchmal zum Glück führen, weil überall Stolpersteine im Weg liegen. Während sie diverse Möglichkeiten in ihren möglichen Leben näher betrachtet, bemerkt sie, dass es wenig Sinn macht, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie in bestimmten Momenten anders hätte handeln können. Denn nicht in Erfüllung gegangene Träume sind auch nicht das, was sie glücklicher machen würde.

Dieser Roman, der schon viele Leser beeindruckt hat, hat mich leider nur teilweise erreicht. Vielleicht passt er nicht in meine augenblickliche Lebenssituation. Er lässt sich zwar gut lesen, aber die vielen hier vorgestellten Varianten eines Lebens können auch überfordern. Es dauert lange, ehe sich eine klare Ausrichtung herausschält. Es zeigt sich, dass zu viele Variablen ebenso schädlich sein können, wie der verzweifelte Versuch, nichts im Leben verändern zu wollen.

Während ich Das Buch hin und her gerissen zur Seite lege, kann ich mir vorstellen, dass es Menschen in zerstörerischen depressiven Phasen durchaus zum Nachdenken darüber anregen kann, ob es nicht doch Gründe zum Weiterleben gibt.

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Veröffentlicht am 23.04.2026

Einfühlsam

Solange ein Streichholz brennt
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Wenn ich etwas von Journalisten lese, die sich für Schwächere einsetzen, ist das mein Thema. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, mir dieses Hörbuch zuzulegen. Immerhin geht es um eine junge Journalistin, ...

Wenn ich etwas von Journalisten lese, die sich für Schwächere einsetzen, ist das mein Thema. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, mir dieses Hörbuch zuzulegen. Immerhin geht es um eine junge Journalistin, die eine Reportage über einen Menschen machen will, der auf der Straße lebt. Hatte sie doch selbst schon Angst, bald zu den mittellosen Obdachlosen zu gehören.

Ganz einfach war es für sie nicht, ein „Opfer“ zu finden. Erst ein unerwarteter Zufall brachte sie mit dem Ziel ihrer Begierde zusammen.

Dieses Hörbuch ist ein wahrer Schatz! Zeigt es doch all die Irrwege auf, die Menschen gehen, um zu überleben. Es nimmt uns mit in eine Welt voller Ängste und Widrigkeiten. Aber es ist auch voll zugewandter Menschenliebe. Bei mir hat es einen wahren Sog entwickelt, was auch an den beiden Sprechern Robert Stadlober und Maria Wördemann liegt, deren Stimmen Emotionen wecken können und uns ganz tief in die Geschichte eintauchen lassen.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Klassiker von 1908

Das Tränenhaus. Roman
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„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.

An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben ...

„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.

An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben wurde. Was mich anfänglich mit Ausdrücken wie „Schelmerei", „wunderbar hold“ und „beseligte Erinnerung“ begeisterte, erschwerte mir mit zunehmender Seitenzahl die Freude am Lesen. So ausschweifende Ausschmückungen zu lesen sind wir heute nicht mehr gewohnt.

Wobei das Erzählte schon interessant ist: Eine junge Frau aus gutem Haus, der einst die Ehe versprochen wurde, sitzt schwanger und verlassen im „Haus der Tränen“, das sehr einfach und alles andere als heimelig ist. Sie teilt ihr Los mit mehreren, viel jüngeren Leidensgenossinnen, die ihre Kinder hinter verschlossenen Türen zur Welt bringen müssen, um die Moral zu halten. Dazu kommt, dass die Herbergsmutter nicht gerade zimperlich mit den Mädchen umgeht.

„Keine von ihnen ließ sich die Kosten für ihren Aufenthalt bei der Uffenbacher von ihrem Liebhaber bezahlen – durch Erniedrigung der bittersten Art, durch Schluchzen und Jammern vor Basen und Onkels hatten sie es alle erreicht, die jungen Männer von dieser Steuer zu befreien, um nur ja nicht darüber ihrer Neigung verlustig zu gehen.“

Einzig Cornelie versuchte sich die Ausgaben durch das Schreiben von Artikeln, also durch eigene Arbeit zu verdienen. Sie erreichte dadurch Anerkennung und konnte es sich so auch erlauben, sich nicht jede Boshaftigkeit ihrer Wirtin gefallen zu lassen. Es gelang ihr sogar, auch für ihre Leidensgenossinnen eine Milderung der Umstände zu erreichen.


Dieses Buch gewährt einen tiefen Einblick in den Beginn des vorigen Jahrhunderts, als die besser gebildeten Frauen kräftig für ihre Emanzipation kämpften, die Mädchen auf dem Land aber noch völlig dem Einfluss von Eltern und Mann ausgesetzt waren. Im Tränenhaus kämpften sie füreinander und versuchten alles, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Während ich nach der anfänglichen Begeisterung im Mittelteil meine Schwierigkeiten mit dem blumigen Text hatte, hat mich das Ende des Romans mitgerissen. Das sind wahrscheinlich gerade die Stellen, die beim Erscheinen des Buches den Skandal auslösten. Hier wird sehr ausführlich das Leid der Frauen bei der Geburt beschrieben, von dem Männer häufig nichts wissen wollten.


Gabriele Reuter wurde 1859 in Ägypten geboren. Die Schriftstellerei war der Tochter eines Import- und Exporthandels von der Urgroßmutter in die Wiege gelegt worden. Ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Alexandria und Dessau. Nach dem Tod des Vaters begann sie schon 16jährig mit Texten für die Magdeburger Zeitung das Familieneinkommen aufzubessern. Ihren ersten Roman „Aus guter Familie“ veröffentlichte sie mit 19. Er wurde zum ersten Bestseller des S. Fischer Verlags und war damals sogar bekannter als die gleichzeitig erschienene „Effie Briest“ von Theodor Fontane. Wie ich dem Anhang des vorliegenden Buches, das übrigens sehr ansprechend aufgemacht ist, entnehmen konnte, hat sie im Tränenhaus auch Teile ihres eigenen Lebens aufgearbeitet.


Fazit: eine durchaus empfehlenswerte Leseerfahrung.

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