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Veröffentlicht am 07.09.2025

Landleben

Hier draußen
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Lara und Ingo sind mit ihren Kindern von Hamburg aufs Land gezogen, um ein beschaulicheres Leben zu führen. Doch für Ingo bedeutet es mehr Stress als je zuvor, muss er doch täglich mindestens drei Stunden ...

Lara und Ingo sind mit ihren Kindern von Hamburg aufs Land gezogen, um ein beschaulicheres Leben zu führen. Doch für Ingo bedeutet es mehr Stress als je zuvor, muss er doch täglich mindestens drei Stunden Arbeitsweg in Kauf nehmen. Und nun ist dem Softwareingenieur auch noch eine weiße Hirschkuh vors Auto gelaufen. Laut Aberglaube im Dorf bedeutet das, dass ein am Tod des Tieres Beteiligter innerhalb eines Jahres ums Leben kommt.

Martina Behm erzählt das Landleben recht hübsch und authentisch. Wir lernen die Nachbarn und deren Geschichte kennen, freunden uns mit Jutta und Tove an, erfahren von den Schwierigkeiten der Hofbesitzer und frieren mit Lara im winterlich kalten Haus. Ganz so idyllisch, wie sie sich das Leben hier draußen vorgestellt hat, ist es halt nicht. Auch das von zu Hause aus arbeiten mit zwei schulpflichtigen Kindern klappt nicht so, wie sie sich das erhofft hatte.

Martina Behm hat mit diesem Buch einen wundervolle Charakteristik des Landlebens geschaffen. Das Hörbuch eignet sich zum Herunterkommen vom Alltagsstress und zum Träumen von einem ruhigeren Leben. Doch es verheimlicht auch nicht die damit verbundenen Probleme. Was mir besonders gefallen hat, waren die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln, die ohne Brüche stattfanden.

Julia Nachtmanns Stimme ist die genau die richtige für dieses Buch. Sie trägt uns 14 Stunden lang gekonnt ruhig durch dieses Dorfjahr. Ich bin ihr gerne gefolgt.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

War nicht meins

Das Haus der Türen
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Ehrlich gesagt war ich froh, als ich das Buch beendet hatte. Teilweise habe ich mich durchgequält und war kurz vorm Einschlafen. Dann gab es aber auch Abschnitte, die ich durchaus interessant fand. Und ...

Ehrlich gesagt war ich froh, als ich das Buch beendet hatte. Teilweise habe ich mich durchgequält und war kurz vorm Einschlafen. Dann gab es aber auch Abschnitte, die ich durchaus interessant fand. Und einen Lieblingssatz fand ich auch: „Falter sind die Seelen der Verstorbenen, die wir geliebt haben, und sie wachen über uns.“

Warum ich dieses Buch gewählt habe? Weil ich gerne mal in Malaysia reisen wollte. Auch wenn die Reise vor 100 Jahren stattfand. Dass ich dabei den berühmten britischen Schriftsteller William Somerset Maugham kennenlernte, war ein netter Nebeneffekt. Ebenso wie die traurige Geschichte einer Mörderin. Oder der Besuch im Haus der vielen Türen, wo ich amourösen Begegnungen beiwohnte. Zudem lernte ich viel über die chinesische Geschichte.

Also alles in allem lohnte es sich, das Buch zu lesen, das 2023 auf der Longlist des BookerPrice stand. Ich persönlich hatte allerdings Probleme mit dem Schreibstil des 1972 geborenen Schriftstellers. Schon zu Beginn hätte ich das Buch fast ungelesen zugeschlagen, weil es mich so gelangweilt hat. Dann wurde es allerdings interessant und meine Neugier auf das, was der Autor erzählen wollte, wurde geweckt. Schade, dass er in seiner poetischen Sprache viel zu ausführlich erzählt. Die Gründlichkeit machte mich ungeduldig und nervös.

Dass ich trotzdem vier Sterne vergebe, liegt an meiner anschließenden Recherche. Ich fand es spannend, wie Tan Twang Eng Tatsachen in seinen Roman eingebaut hat – und wenn es nur eine Gerichtsverhandlung ist, über die William Somerset Maugham in „The Letter“ geschrieben hat. Plötzlich bewunderte ich die Phantasie des Schriftstellers, seine Art, Anspielungen über Dinge zu machen, von denen zwar gemunkelt wird, die aber nicht bewiesen sind. Das empfand ich im Nachhinein als Kunst. Ob ich aber nochmal ein Buch von ihm zur Hand nehme, weiß ich beim besten Willen nicht.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Notizen eines Lebens

Meine Mutter
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Das Cover war für mich ein Grund zu diesem Buch zu greifen. Welche Mutter möchte nicht wissen, wie die erwachsenen Kinder sie sehen? Doch in diesem Buch geht es mehr: Die Mutter der Autorin hat vor Jahrzehnten ...

Das Cover war für mich ein Grund zu diesem Buch zu greifen. Welche Mutter möchte nicht wissen, wie die erwachsenen Kinder sie sehen? Doch in diesem Buch geht es mehr: Die Mutter der Autorin hat vor Jahrzehnten Suizid begangen. Warum? Was hat sie dazu bewegt? Dieser Frage versucht Bettina Flitner in ihrem Roman auf den Grund zu gehen.

Sie begibt sich auf die Reise nach Niederschlesien, wo ihre Vorfahren lebten und ein Sanatorium betrieben. Dieser Teil der Recherchen nimmt den größten Teil des Buches ein. Anhand von Tagebüchern und Briefen nähert sich die Autorin der Kindheit des verwöhnten Nesthäkchens an. Hitlers Macht zerstörte das unbeschwerte Leben und bewog die Familie nach 1945 nach Celle umzusiedeln. Die Untreue des Großvaters und die eigene Unfähigkeit Nähe zu leben erschwerten das Dasein der Familie.
Bettina Flitner erzählt ohne zu werten, was ich sehr sympathisch finde. Trotz des nicht immer leichten Verhältnisses zu ihrer Mutter zeugen viele Zeilen auch von der Liebe zu ihr. Schließlich kümmerten Bettina und ihre Schwester sich während des Schulabschlusses um die schwer depressive Frau.

Trotz der gut lesbaren Sprache hatte ich Probleme mit diesem Buch. Häufige Zeitsprünge machten es mir schwer, mich in der jeweiligen Zeit zurecht zu finden. Zwar rundet sich im Laufe der Erzählung der Blick auf die Mutter, doch wirklich erreicht hat mich der Lebensroman nicht. Vielleicht liegt zwischen dem Tod vor 40 Jahren und dem Heute ein zu großer Abstand?

Aber etwas ist Frau Flitner gelungen: Sie hat mich neugierig auf den Vorgängerroman „Meine Schwester“ gemacht. Denn auch die hat Suizid begangen.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Zwiespältiges Werk

Die Sonne und die Mond
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Der Titel, das Cover und der Diogenes Verlag zogen mich wie ein Magnet zu diesem Buch. Zwei Freundinnen und deren wechselhafte Vergangenheit weckten mein Interesse.
Das Lesen forderte mich dann sehr heraus. ...

Der Titel, das Cover und der Diogenes Verlag zogen mich wie ein Magnet zu diesem Buch. Zwei Freundinnen und deren wechselhafte Vergangenheit weckten mein Interesse.
Das Lesen forderte mich dann sehr heraus. Denn ich landete im Bestattungsinstitut „Sommernachtstraum“, das in der „Totenbäckerei“ seine Geschäftsräume hatte. Hingerissen zwischen Entsetzen ob des makabren Humors und Stellen, die mich laut auflachen ließen, lernte ich viel über das Handwerk von Bestattern. Und noch mehr über Freundschaften, über Verrat und Versöhnung.
Schon allein die Vorstellung, dass eine Frau ihren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Ehemann und seine schwangere Freundin zusammen beerdigen lassen will, warf viele Fragen auf. Und warum hatten die ehemals besten Freundinnen Jana von Mond und Sonja Meling jahrelang keinen Kontakt? Wie kam die einstige Träumerin von einer Kabarettkarriere dazu, ein Beerdigungsunternehmen zu leiten?
Der Autor beantwortete im Laufe des Buches alle Fragen. Aber manchmal schoss er in seiner Erzählwut über das Ziel hinaus und brachte mich mit langatmigen Passagen fast zum Einschlafen, um mich am Ende des Kapitels mit einem Cliffhänger daran zu hindern, das Buch auf die Seite zu legen.

Ganz zum Schluss erklärt Chris Kraus (*1963 in Göttingen, Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher) in einem Nachwort den Zweck seines Geschriebenen: Er verarbeitete den Tod seiner großen Liebe. Das macht Sinn und lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Für mich war das Buch ein zwiespältiges Leseerlebnis, das ich teilweise genoss und dann vor lauter Langeweile am liebsten zu- und nicht mehr aufgeschlagen hätte.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Beeindruckend

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Wow! Dieses Buch ist etwas Besonderes! Ein echtes Juwel, das mich sehr beeindruckt hat!

Anna Maschik (*1995) erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte ihrer Familie über vier Generationen. Alles Berichtenswerte ...

Wow! Dieses Buch ist etwas Besonderes! Ein echtes Juwel, das mich sehr beeindruckt hat!

Anna Maschik (*1995) erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte ihrer Familie über vier Generationen. Alles Berichtenswerte packt sie in wenige poetische Worte. In vielen ihrer Sätze befindet sich eine ganze Geschichte. Wie zum Beispiel auf Seite 27: „Henrikes Blick fällt auf die schwarze Tasche der Hebamme, und sie erinnert sich, früher gedacht zu haben, Anna würde darin die zappelnden Kinder in die Häuser tragen und sie den Müttern aushändigen“.
Ein Roman, der auf 240 Seiten die Geschichte von vier Generationen erzählt, kommt nicht an Geburt und Tod vorbei. Dass dabei auch die Charaktere der Menschen beleuchtet werden, erfordert genaues Hinsehen und die Beschränkung auf das Nötigste. Das ist der jungen Autorin hervorragend gelungen.
Doch es ist nicht die Story an sich ist es, die mich so für sich eingenommen hat, sondern eindeutig der ungewöhnliche Schreibstil, der mit wenigen Worten alles erzählt. Da gibt es Liebe und Eifersüchteleien, Arbeit und Lebenskrisen, Angst und Sprachlosigkeit.
Sehr treffend fand ich den Satz „Ein Kind verspeist die Mutter, erst von innen, dann von außen.“

Fazit: Wer sich den Titel und das Zitronencover betrachtet, der ahnt, dass der Inhalt ungewöhnlich ist. Dass er aber mit solcher Wucht zuschlägt und mich so sehr berühren wird, hatte ich mir nicht vorgestellt. Wenn ich könnte, würde ich diesem Werk mehr als fünf Sterne verpassen.

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