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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.08.2023

Von Spannung keine Spur

Die letzte Nacht
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Karin Slaughters Grand County Reihe habe ich gerne gelesen, waren diese Krimis/Thriller doch immer raffiniert geplottet und ausnahmslos spannend. Als die Autorin dann beschlossen hat, Will Trent und die ...

Karin Slaughters Grand County Reihe habe ich gerne gelesen, waren diese Krimis/Thriller doch immer raffiniert geplottet und ausnahmslos spannend. Als die Autorin dann beschlossen hat, Will Trent und die unsäglich nervende Faith einzuführen und mit ihnen eine neue Serie zu starten, bin ich davon ausgegangen, dass sie das gewohnte Niveau halten kann. Weit gefehlt. Zwar hoffe ich noch immer, dass sie zu alter Stärke zurückfindet, aber auch mit dem aktuellen, als Thriller beworbenen Band „Die letzte Nacht“, konnte sie bei mir leider nicht punkten.

Die zugrunde liegende Story wurde schon vielfach in diversen Kriminalromanen von wesentlich talentierteren Autorinnen erzählt. Vergewaltigung ist immer ein heikles Thema, das es mit Fingerspitzengefühl zu behandeln gilt, und das bekommt Frau Slaughter einfach nicht hin. Ihr geht es immer um Schockmomente und drastische Darstellungen, bei denen es möglichst brutal und abartig zugeht und bei den Leserinnen Gänsehautmomente hervorrufen.

Tja, und auch Täter und Motiv sind nicht außergewöhnlich, im Gegenteil. Wer Geld und Ansehen hat, kann sich alles erlauben, so die gängige Überzeugung, und schon ist damit ein Konsens mit den Leser*innen hergestellt. Das ist einfach nur plump und vorhersehbar. Wenn es dann wenigstens noch spannend wäre, aber nein. Die Story verliert sich im langatmigen Graben in der Vergangenheit und Sara Lintons halbherzigen Selbstreflexionen, die jeden Ansatz von Spannung ausbremsen und das Lesen zu einer zähen Angelegenheit machen. Absolut nicht mein Fall.

Veröffentlicht am 02.08.2023

Blut, Schweiß und Tränen

Bergleuchten
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Jede/r, der auf der A2 durch die Schweiz in Richtung Italien fährt, ist mit Sicherheit schon einmal in Göschenen vor dem Gotthardtunnel im Stau gestanden. Aber kaum jemand kennt die Geschichte dieses kühnen ...

Jede/r, der auf der A2 durch die Schweiz in Richtung Italien fährt, ist mit Sicherheit schon einmal in Göschenen vor dem Gotthardtunnel im Stau gestanden. Aber kaum jemand kennt die Geschichte dieses kühnen Jahrhundertbauwerks, dessen Bau 1872 begonnen und 1882 für den Verkehr freigegeben wurde und das199 Arbeiter das Leben kostete.

Diese Wissenslücke schließt Karin Seemayer mit „Bergleuchten“, einem historischen Roman, der auf unterhaltsame Weise Fakten vermittelt, die sie zwecks der besseren Lesbarkeit mit einer bittersüßen Liebesgeschichte zwischen Helene, Tochter eines Fuhrmanns aus Göschenen, und Piero, dem italienischen Mineur, verknüpft.

Über weite Strecken ist das auch gelungen, auch wenn mit fortschreitender Handlung die Lovestory immer mehr Raum einnimmt und die Beschreibungen der Probleme, ganz gleich ob technischer oder zwischenmenschlicher Art, die sich beim Bau des Tunnels ergeben, leider nur noch Nebensache sind. Aber, und das muss man der Autorin zugutehalten, es ist ihr gelungen, insbesondere den Tunnelbau für Laien sehr interessant und verständlich zu beschreiben. Und natürlich sind auch die Veränderungen im Dorfleben, die sich peu à peu mit der Ankunft der italienischen Arbeiter einschleichen, ein Thema. Einerseits gibt es massive Vorurteile gegenüber den Fremden, andererseits schleicht sich mit zunehmender Dauer der Bauarbeiten auch Verständnis für diese Männer ein, die fernab ihrer Familien unter gefährlichen Bedingungen tagtäglich ihr Leben riskieren.

Vielleicht denkt ihr daran, wenn ihr beim nächsten Mal auf dem Weg nach Italien seid und durch den Gotthardtunnel fahrt.

Veröffentlicht am 31.07.2023

Am Zeitgeist

Kochen im falschen Jahrhundert
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Ein entspannter Abend mit Freunden. In der neuen Wohnung mit den schicken Holzböden. Der kürzlich erworbene dänische Designertisch muss ja eingeweiht werden. Wie die Gastgeber gehören auch die Gäste zu ...

Ein entspannter Abend mit Freunden. In der neuen Wohnung mit den schicken Holzböden. Der kürzlich erworbene dänische Designertisch muss ja eingeweiht werden. Wie die Gastgeber gehören auch die Gäste zu denen, die es geschafft haben. Ein Paar, das kürzlich Nachwuchs gekommen hat und ein Schweizer, seit kurzem in einer neuen Beziehung. Alle in gesicherten Verhältnissen und solvent mit guten Jobs. Jede/r bemüht, in puncto Selbstinszenierung besonders gut wegzukommen.

Wiesenblumen, stilvoll auf dem Tisch arrangiert, im Hintergrund läuft leise eine unaufdringliche Jazz-Playlist. In der Küche steht die Gastgeberin, die mit der Zubereitung des Essens heillos überfordert ist. Quiche und Sommersalat, das geht immer. So die Theorie, offenbar den Lifestyle-Magazinen entnommen. Die Realität sieht anders aus. Die Gastgeberin überfordert, der Gastgeber keine Hilfe. Kerzenwachs und Glasränder auf dem Tisch, ein Brandfleck im Trockentuch vom Designer. Banale Gesprächsinhalte, reduziert auf Oberflächlichkeiten. Und natürlich darf das Feelgood-Foto für Instagram nicht fehlen.

Präauer ist mit „Kochen im falschen Jahrhundert“ nah am Zeitgeist, beobachtet sehr kritisch und präzise, beschreibt pointiert und ironisch diesen Abend, der in verschiedenen Facetten, die sie auch anbietet, ablaufen könnte. Allen gemeinsam ist die Oberflächlichkeit und Selbstgefälligkeit der Teilnehmer, aber auch die Sprachlosigkeit, die die vordergründig angeregte Kommunikation der Tischgesellschaft beherrscht. Man spricht, ersetzt Inhalt durch Objekte, reiht Floskel an Floskel, hat sich aber nichts zu sagen.

Möchte ich mit diesen Menschen am Tisch sitzen und einen Abend verbringen? Nein. Niemals.

Veröffentlicht am 29.07.2023

Drei Freunde, drei Leben

Perlenbach
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In „Perlenbach“ nimmt uns Anna-Maria Caspari mit in die Eifel. Allerdings diesmal im ausgehenden 19. Jahrhundert zwischen 1867 und 1904, und wie bereits in „Ginsterhöhe“ ist der Blick auf das Leben der ...

In „Perlenbach“ nimmt uns Anna-Maria Caspari mit in die Eifel. Allerdings diesmal im ausgehenden 19. Jahrhundert zwischen 1867 und 1904, und wie bereits in „Ginsterhöhe“ ist der Blick auf das Leben der Menschen in diesem Landstrich rund um Wollseifen und Monschau (Monjoie) fokussiert. Zeitlich und inhaltlich gesehen ein Prequel, das das Fundament für die Familiengeschichte der Lintermanns legt.

Caspari verfolgt den Weg dreier Jugendlicher zwischen 1867 und 1904, die aus unterschiedlichen Verhältnissen kommen, und von denen jede/r deshalb auch seine Einschränkungen hinsichtlich der individuellen Lebensplanung hat.

Jacob, der Sohn eines Monschauer Tuchfabrikaten, bekommt von Kindheit an eingebläut, dass er später das familieneigene Unternehmen übernehmen muss. Seine Zukunft scheint gesichert, wäre da nicht eine große Liebe, die nicht sein darf.

Wilhelm, das Bauernkind aus Wollseifen, lernt durch seine Freundschaft mit Jacob ein Leben jenseits von Hunger und Knochenarbeit kennen und möchte das enge und von Armut geprägte Leben in seinem Heimatdorf hinter sich lassen.

Luise, die Arzttochter, hat nur einen Wunsch. Sie will studieren, Ärztin wie ihr Vater werden, aber das ist für Frauen in der damaligen Zeit ein schier aussichtsloses Unterfangen.

Drei Leben, drei Freunde und jede Menge Träume in einer Zeit, in der Lebenswege durch Herkunft und Konventionen vorbestimmt sind und Wünsche und Hoffnungen kaum etwas zählen. Dies beschreibt Caspari mit viel Einfühlungsvermögen und vernachlässigt dabei nicht die gesellschaftlichen Veränderungen, die diesen Zeitraum bestimmen. Seien es die Lebensbedingungen, der technische Fortschritt, die starren Konventionen oder die politische Situation am Vorabend des Ersten Weltkriegs, alles findet seinen Platz in diesem gut recherchierten und an die damalige Realität glaubhaft angelehnten historischen Roman.

Veröffentlicht am 27.07.2023

Spannender Reihenauftakt aus Nordschweden

Apfelmädchen
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Wo in der luxuriösen Villa sonst die Flurlampe hängt, baumelt eine Leiche. Eva Vendel, gequält, ermordet und zur Schau gestellt. Eine Lehrerin, die alle mochten. Wer tut so etwas? Und warum? Dann wird ...

Wo in der luxuriösen Villa sonst die Flurlampe hängt, baumelt eine Leiche. Eva Vendel, gequält, ermordet und zur Schau gestellt. Eine Lehrerin, die alle mochten. Wer tut so etwas? Und warum? Dann wird ein Mädchen aus der Vorschule entführt. Die Zeit drängt, denn das Kind leidet an Diabetes. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Mord an Eva Vendel?

Fragen, die Kommissarin Idun Lund und ihr langjähriger Kollege Kommissar Calle Brandt klären müssen, die bei der der Mordkommission im nordschwedischen Boden arbeiten und mit dem Fall betraut werden. Mit im Team sind Svetlana Moritz, die Gerichtsmedizinerin und Siv Liv im Büro, die die Koordination übernimmt. Verstärkt wird die eingeschworene Truppe später durch Tareq Shaheen aus Stockholm. Allesamt sehr interessante Charaktere, wobei insbesondere Calle Brandt durch seine unkonventionelle Art heraussticht und stellenweise eine besondere Dynamik in die Ermittlungen bringt.

Wie aktuell in so vielen skandinavischen Thrillern erzählt auch Tina Martin in ihrem Erstling und Reihenauftakt die Story auf zwei Ebenen, kenntlich gemacht durch säuberlich getrennte und abwechselnde Kapitel, die sowohl das Tempo als auch die Spannung befeuern. Und je tiefer sich das Team in den Fall einarbeitet, umso klarer kristallisiert es sich heraus, dass es traumatische Geschehnisse in der Vergangenheit sind, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Dabei konstruiert die Autorin aber nicht eindimensional, sondern legt verschiedene Spuren, die sich intelligent verflechten, mit Wendungen punkten und schlussendlich zu einem stimmigen Bild ergänzen.

„Apfelmädchen“ ist ein gelungenes Debüt, spannend geplottet und mit einem sehr gut charakterisierten, sympathischen Team, dessen Fälle ich auch zukünftig weiterverfolgen werde. Der Nachfolgeband „Gewittermann“ erscheint Mitte Januar 2024.