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Veröffentlicht am 12.03.2025

Quadratisch, praktisch, gut

Ritter Sport - Ein Traum von Schokolade
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Schokoladentafeln sind schon immer rechteckig. Aber es gibt eine Marke, die auf das quadratische Format setzt und sich so von der Menge abhebt, und das ist Ritter Sport. Wie kam es dazu? Dieser Frage gehen ...

Schokoladentafeln sind schon immer rechteckig. Aber es gibt eine Marke, die auf das quadratische Format setzt und sich so von der Menge abhebt, und das ist Ritter Sport. Wie kam es dazu? Dieser Frage gehen das Autorenduo Eva-Maria Bast und Jørn Precht (unter dem offenen Pseudonym Romy Herold) in ihrem historisch-fiktionalen Roman „Ritter Sport. Ein Traum von Schokolade“ nach, in dem sie sich mit der Entstehung dieser weltbekannten Schokoladenmarke auseinandersetzen, die auch gleichermaßen die Geschichte der Anna-Klara „Clara“ Göttle von der Schwäbischen Alb ist, die alles daran setzt, diesen Traum gegen alle Widrigkeiten zu realisieren.

Man muss den beiden Autoren ein großes Lob aussprechen, denn sie vermeiden den Fehler, der mir das Lesen vieler dieser historisch-fiktionalen Biografien verleitet hat, in denen es mehr um amouröse Verwicklungen als um die Sache an sich geht. Dieser Roman ist hervorragend recherchiert, was unter anderem durch den ausführlichen Anhang mit Nachwort, Figurenübersicht, Quellenangaben und Literaturübersicht belegt wird.

In einigen Rezensionen wurde moniert, dass man zu wenig über die Schokoladenherstellung und die Platzierung der Marke am Markt erfährt, stattdessen mit zu vielen zeitgeschichtlichen Informationen zugeschüttet wird. Untergliedert ist der Roman in drei zeitliche Blöcke, in denen jeweils besondere Herausforderungen mit Höhen und Tiefen zu bewältigen sind: 1897 – 1903, 1908 – 1919 und 1929 – 1954. In diesen Zeitraum fallen nicht zuletzt durch zwei Weltkriege einschneidende gesellschaftliche Veränderungen, deren Auswirkungen auf das tägliche Leben immens wichtig waren und deshalb nicht ignoriert werden sollten, weshalb deren Beachtung genau das bei mir den Reiz dieses Romans ausgemacht hat. Ohne diesen Kontext kann man die Entstehungsgeschichte des Traditionsunternehmens nicht verstehen.

Eine rundum gelungene Ergänzung im Bereich dieses Genres, die meinen Blick auf die seit 1932 „quadratisch, praktisch, gute“ Schokoladenmarke, die der von der Gründerin Clara Göttle geprägten Linie über diesen langen Zeitraum treu geblieben ist. Lesen!

Veröffentlicht am 09.03.2025

Ein Slowburner, der es in sich hat

Der Polarkreis
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Liza Marklunds erfolgreiche Annika Bengtzon-Reihe habe ich sehr gerne gelesen, aber alles, was danach kam, konnte mich nicht mehr überzeugen. So ist es nicht verwunderlich, dass ich den „Polarkreis“ mit ...

Liza Marklunds erfolgreiche Annika Bengtzon-Reihe habe ich sehr gerne gelesen, aber alles, was danach kam, konnte mich nicht mehr überzeugen. So ist es nicht verwunderlich, dass ich den „Polarkreis“ mit einer gewissen Skepsis in die Hand genommen habe. Die Zweifel lösten sich glücklicherweise bereits nach den ersten Seiten in Luft auf, denn mit diesem Kriminalroman, Teil 1 einer Trilogie, hat die schwedische Autorin einmal mehr einen Treffer gelandet.

1979, Stenträsk, eine Kleinstadt im Norden Schwedens. Fünf Teenager - Carina, Susanne, Birgitta, Agneta und Sofia – gründen einen Buchclub, den „Polarkreis“ und treffen sich erst wöchentlich, später einmal pro Monat, um sich über ihre jeweilige Lektüre mehr oder weniger intensiv auszutauschen. Ihre Zukunft scheint vorgezeichnet. Die einen geben sich mit den Aussichten auf das, was sie in ihrem Heimatort erwarten wird, zufrieden, die anderen wollen die Provinz hinter sich lassen, wollen hinaus in die Welt.

2019, Stenträsk, eine Kleinstadt im Norden Schwedens. Bei Reparaturarbeiten an einem Brückenpfeiler wird ein mumifizierter Leichnam gefunden. Der Kopf fehlt zwar, aber zweifellos handelt es sich um die vor 40 Jahren spurlos verschwundene Sofia Hellsten. Was ist damals geschehen? Und wer könnte einen Grund gehabt haben, Sofia zu töten? Diese Frage stellt sich nicht nur Wiking, mittlerweile Polizeichef in Stenträsk und ehemals Schwarm (fast) aller Teenager, sondern auch die vier ehemaligen Mitglieder des Buchclubs, die den Fund von Sofias Leiche zum Anlass für ein Treffen in ihrer alten Heimat nehmen.

Marklund springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, dröselt in kleinen Schritten das Beziehungsgeflecht zwischen den Mädchen auf und nähert sich so allmählich der besonderen Dynamik an, die innerhalb der Gruppe herrscht. Recht schnell wird klar, dass der äußere Schein trügt und unter der harmonischen Schicht bei genauerem Hinsehen jede Menge Neid und Verachtung in der Gruppe zu finden sind.

Die Einbettung individueller Schicksale und Lebensumstände in einen Kosmos, in dem jeder jeden kennt, sorgfältig aufgebaute Profile der Hauptfiguren, Umgebungsbeschreibungen, die mit der Gefühlswelt der Teenager korrelieren, das ist es, was diesen gelungenen Kriminalroman auszeichnet. Auch wenn der Mittelteil die eine oder andere Länge hat, jedes Detail ist wichtig, sollte beachtet werden und führt schließlich zu der schockierende Auflösung des Mordfalls. Ein gelungener Krimi, der es zweifelsfrei mit den früheren Werken der Autorin aufnehmen kann.

Band 2 „Das kalte Moor“ erscheint 02/2026, Band 3 „Der Sturmberg“ 03/2027. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wer in diesen beiden Fortsetzungen welche Leichen im Keller vergraben hat.

Veröffentlicht am 03.03.2025

Genug ist genug

Nest
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Frühling in Dublin. Eine Zeit des Neubeginns, des Wachsens. Ciara, eine Frau, die täglich auf Zehenspitzen durch ihr Leben schleicht, jedes Wort kontrolliert, bevor es ihren Mund verlässt. Ryan, ihr Mann, ...

Frühling in Dublin. Eine Zeit des Neubeginns, des Wachsens. Ciara, eine Frau, die täglich auf Zehenspitzen durch ihr Leben schleicht, jedes Wort kontrolliert, bevor es ihren Mund verlässt. Ryan, ihr Mann, aggressiv bis zum Anschlag, der jede ihrer Handlungen überwacht, sie kontrolliert, kritisiert, isoliert, klein hält.

Doch dann…genug ist genug…nur eine dumme Idee. Vergiss es. Es reicht. Niemand sollte so leben müssen.

Sie nimmt die Wäsche von der Leine, schnappt sich ihre beiden kleinen Töchter, steckt ihren Notgroschen ein, setzt sich ins Auto und fährt davon. Ohne Ziel, nur weg. Doch wohin? Vor zwei Jahren hat sie es schon einmal versucht. Ohne Erfolg. Ist zurückgekommen. Nicht schon wieder. Kaum Geld, keine Arbeit, keine Unterkunft. Keine Freunde, bei denen sie unterkommen könnte. Mutter und Schwester leben in England.

Eine Hilfsorganisation vermittelt ihr für den Übergang ein Zimmer im Hotel Eden, dessen 5.Stock als inoffizielles Obdachlosenheim dient. Eden. Paradies. Fast könnte man meinen, dass die Bewohner verhöhnt werden sollen, aber die Behörden nehmen das, was zu kriegen ist, denn die Wohnungsnot in Dublin ist groß, das soziale Netz hat Riesenlöcher.Aus der Notlösung wird ein Dauerzustand. Sie findet eine Teilzeit-Stelle als Englischlehrerin, schließt Freundschaften, aber dennoch gibt es Phasen, in denen sie ihre Entscheidung anzweifelt. Und dann ist da ja auch noch Ryan, der Noch-Ehemann, gegen den sie sich zur Wehr setzen muss, weil er alle Hebel in Bewegung setzt, um das Sorgerecht für die beiden Töchter zu bekommen…

Die irische Autorin Roisin O’Donnell beschreibt in ihrem ersten Roman sehr anrührend und emotional anhand eines Einzelschicksals die Schwierigkeiten, mit denen Frauen zu kämpfen haben, wenn sie aus einer toxischen Beziehung ausbrechen wollen. Vor allem dann, wenn sie in finanzieller Abhängigkeit gelebt haben. Falls sie dennoch den Absprung wagen, beginnt dann der Weg durch Institutionen und Ämter, der oft aussichtslose Kampf mit Anträgen und Formularen. Aber gerade in patriarchalischen Gesellschaften können noch weitere Hindernisse auf sie warten, wie z.B. parteiische Richter am Familiengericht.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz gibt Ciara nicht auf, bietet den Härten ihres neuen Lebens die Stirn, um sich und ihren Kindern ein behagliches Nest und ein liebevolles Familienleben zu schaffen.

Veröffentlicht am 02.03.2025

Unterwegs mit Hirsch

Desolation Hill
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3,5 (aufgerundet)

In „Desolation Hill“, dem vierten Band der Hirschhausen Reihe, sitzen wir einmal mehr auf dem Beifahrersitz des klapprigen Hilux und begleiten „Hirsch“ auf den Patrouillenfahrten durch ...

3,5 (aufgerundet)

In „Desolation Hill“, dem vierten Band der Hirschhausen Reihe, sitzen wir einmal mehr auf dem Beifahrersitz des klapprigen Hilux und begleiten „Hirsch“ auf den Patrouillenfahrten durch seinen dünnbesiedelten Zuständigkeitsbereich im australischen Weizen- und Wollland. Die Fälle, um die sich der in Ungnade gefallene Senior Constable kümmern muss, sind üblicherweise auf den ersten Blick unspektakulär. Ein erschossener Schafbock, Online Mobbing, gefakte Sperrmüllsammlungen, das in den Boden gefräste Symbol der Ureinwohner, die schießwütige Frau eines Großgrundbesitzers und freilaufende Hunde. Doch dann ist da noch das verschwundene Backpackerpärchen und die Leiche mit ungeklärter Identität im Koffer. Wie wir es von Disher kennen, werden sich im Lauf der Story Zusammenhänge ergeben, Verbindungen sichtbar werden.

So weit, so gut und so erwartet. Zwei Dinge haben mich diesmal allerdings massiv gestört. Da ist der erhobene Zeigefinger, der immer wieder zwischen den Zeilen zum 1.) Thema Corona aufgetaucht ist. Desolation Hill (= Originaltitel Day’s End) ist 2023 erschienen, also zu einem Zeitpunkt, in dem das Thema Corona in aller Munde war. Und dass die Australier besonders rigide mit Lockdowns sowie Masken- und Impfpflicht waren, drang auch bis zu uns durch. Disher war wohl von den Maßnahmen überzeugt, lässt Hirsch zum Sprachrohr der offiziellen Linie werden und bezeichnet diejenigen, die den offiziellen Verlautbarungen misstrauen, als Covidioten. Zur Handlung tragen diese Bemerkung allerdings überhaupt nichts bei. 2.) Ähnlich ist es mit diesem Adlersymbol. Natürlich gilt es die Kultur der Ureinwohner zu respektieren, in diesem Punkt sind wir uns alle einig, aber muss die Thematik der kulturellen Aneignung hier auch untergebracht werden? Und 3.) war es wirklich notwendig, die Story mit diesem Showdown abzuschließen, der eher an eine amerikanische Actionserie erinnert und so überhaupt nicht zur Stimmung des Buches passt?

Der zweite Punkt ist die Übersetzung, die stark von dem abweicht, was man von Peter Torberg üblicherweise gewohnt ist. Beispiele gefällig? Was ist „ein besiegt wirkendes schmiedeisernes Tor“? Was sind „Schrumpffolienschenkel“? Und wie „installiert“ man sich auf den Rücksitz? Tut mir leid, aber das klingt noch nicht einmal wörtlich übersetzt, sondern wirkt einfach nur unpassend und schludrig.

Es kann nur besser werden, denn auch wenn das Buch mit Sicherheit auf den vorderen Plätzen der Krimibestenliste auftauchen wird, fällt es meiner Meinung nach im Vergleich mit den Vorgängern deutlich ab, wirkt zumindest im letzten Drittel lieblos zusammengeschustert, eher so, als hätte sich der Autor mangels eigenen Ideen an Schlagzeilen entlang gehangelt. Schade.

Veröffentlicht am 26.02.2025

Ein Ermittler, der aus dem Rahmen fällt

Der Kriminalist - Die Sprache der Beweise
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Wenn ich mir als jahrzehntelange Leserin die Themenauswahl und deren Verarbeitung im Bereich der unterhaltenden Spannungsliteratur anschaue, gibt es hinsichtlich der Motive und Protagonisten kaum ein Feld, ...

Wenn ich mir als jahrzehntelange Leserin die Themenauswahl und deren Verarbeitung im Bereich der unterhaltenden Spannungsliteratur anschaue, gibt es hinsichtlich der Motive und Protagonisten kaum ein Feld, das noch nicht beackert wurde. Zur Folge hat das, dass mich nicht nur die durchschaubaren Plots ohne Raffinesse sondern auch die stromlinienförmig angelegten und austauschbaren Protagonisten zunehmend langweilen.

Deshalb freue ich mich, wenn ich im Wust der Neuerscheinungen Kriminalromane mit einem Ermittler entdecke, in der sich dieser mit seinen Eigenheiten von der Gleichförmigkeit der Masse abhebt. Und wenn dann noch eine interessante Story dazu kommt, die weder unnötige Grausamkeiten noch Schockeffekte zelebriert, umso besser. All das bieten die Kriminalromane des englischen Autors Tim Sullivan.

Kürzlich ist „Der Kriminalist. Die Sprache der Beweise“ erschienen, der dritte Band der Reihe mit DS George Cross, dem Ermittler mit der höchsten Aufklärungsrate der Major Crime Unit Bristol. Er ist penibel und beharrlich, im Umgang mit seinen Mitmenschen allerdings schwierig. Grundehrlich und unbeholfen, was vor allem seinem Autismus geschuldet ist. Ihm zur Seite steht DS Josie Ottey, seine Partnerin in Crime, die sich immer wieder bemüht, ihn für seine Unhöflichkeiten im Umgang mit den Mitmenschen zu sensibilisieren. Kein Wunder, dass er auch immer wieder Probleme mit seinen Vorgesetzten hat.

Im vorliegenden Fall sucht eine Mutter Hilfe bei ihm, die davon überzeugt ist, dass ihre Tochter, eine ehemalige Drogenabhängige, ermordet wurde. Cross‘ Kollegen und auch der Forensiker können dem nicht zustimmen, sind davon überzeugt, dass Selbstmord infolge einer Überdosis die Todesursache war. Allerdings handelt es sich um eine Droge, die üblicherweise nicht im Straßenverkauf erhältlich ist, was Cross hellhörig werden lässt. Natürlich verbeißt er sich in den Fall, will der Mutter Gewissheit verschaffen. Sehr zum Missfallen seines Vorgesetzten, der sogar so weit geht, eine Beschwerde gegen Cross einzureichen. Aber natürlich wird er auch diesen Fall trotz aller Widrigkeiten lösen.

Trotz leichter Längen im Mittelteil ist „Die Sprache der Beweise“ meiner Meinung nach der beste Band der Reihe, kann aber problemlos ohne Kenntnis der beiden Vorgänger gelesen werden. Eine Empfehlung für alle, die ein Faible für Ermittler haben, die aus dem Rahmen fallen.