In der Welt des Morgen
2048: Die Macht des SturmsCaitlin ist auf dem Weg zum Sommercamp als ein massiver Sturm den Zug anhalten lässt. Als sie, wie die anderen Insassen, gezwungen sind, die Abteile zu verlassen, trifft die Macht des Sturms sie voll ...
Caitlin ist auf dem Weg zum Sommercamp als ein massiver Sturm den Zug anhalten lässt. Als sie, wie die anderen Insassen, gezwungen sind, die Abteile zu verlassen, trifft die Macht des Sturms sie voll und sie verpasst, zusammen mit vier anderen, die Weiterfahrt. Caitlin weiß es noch nicht, doch an diesem Tag und in diesem Sturm verändert sich ihr Leben, und das der vier anderen Gestrandeten.
Endzeit, oder in diesem Fall eher eine dystropische Darstellung der Zukunft, ist etwas, was mich schon sehr lange fasziniert. Nicht umsonst war ich schnell dabei, als "Die Kinder der Bombe" ausgeschrieben wurden und "Die Expedition" (schamlose Eigenwerbung hier) schrieb sich beinahe von selbst. Ich war neugierig, wie andere ein solches Thema angehen, vor allem die nächste Generation der Schreibenden, also meldete ich mich auf dieses Buch.
Die Welt, wie Christ sie hier beschreibt, ist ... anders als ich es erwartet hatte. Nach den Beschreibungen dachte ich, es wäre sehr viel präsenter, wie sehr die Erde sich in diesen 23 Jahren geändert hat, vor allem auch mit den massiven nuklearen Katastrophen, die die Autorin gleich zu Anfang ihres Werkes stellt. Ich hatte erwartet, dass die Jugendlichen sich ... ja ... naturverbundener verhalten, vor allem, weil angedeutet wurde, dass Smartphones und Internet nicht mehr wirklich viel Bestand haben (oder ich habe das vollkommen falsch verstanden).
In dieser Zukunft ist der Energieverbrauch verstaatlicht worden und jeder bekommt soviel wie die Politik ihnen zugesteht - es sei denn, man gewinnt mittels (vor allem) Solarmodulen noch mehr Strom dazu. Wie geheizt wird, war mir nicht ersichtlich, nur dass man nicht über 19°C heizen darf im Winter. Feuer und Rauchen ist verboten, gefahren wird entweder mit Fahrrädern oder gemieteten selbstfahrenden eAutos, Bussen oder Zügen. Laptops, Tablets oder gar PCs scheint es gar nicht mehr zu geben, dafür aber verfügt jeder wohl über ein Handy in Form eines Smartphone-Nachentwicklung (wenn ich das recht verstanden habe). Aufgrund von massiven Preissteigerungen wird Kleidung vor allem in Second Hand gekauft und Lebensmittel sind nur nach jeweiliger Jahreszeit aus lokalem Anbau verfügbar. Um weitere Energie zu sparen ist zudem nur das Kalt-Duschen erlaubt (womit ich schonmal eindeutig auf Solarzellen für mich setzen würde, denn das habe ich einmal in meinem Leben versucht und bin nicht willens, diesen Versuch jemals zu wiederholen). Auch sind die staatlichen Stromnetze alles andere als stabil - oder werden so beschrieben.
Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht recht, was ich von dieser Welt halten soll. Auf der einen Seite soll soviel Energie wie möglich gespart werden, auf der anderen Seite gibt es Cafes, Restaurants, Shopping Mals und Supermärkte. Aufgrund einer hohen Zuwanderung wurden gewaltige Hochhäuser errichtet und der Wohnraum wird penibel zugeteilt, auf der anderen Seite dürfen keine Wälder mehr abgeholzt werden, aber es entstehen noch immer jede Menge Windparks und Solaranlagen und sogenannte CO2-Wälder (technische Stäbe, die das CO2 aus der Luft ziehen sollen). Ich sollte dazu noch erwähnen, die Handlung spielt in England, also auf einer Insel mit begrenztem Raum. Irgendwie will mir diese Welt nicht so ganz einleuchten.
Warum sollte jemand sein Heimatland hinter sich lassen, wenn die Bezahlung in der sogenannten Dritten Welt der in der Ersten angeglichen ist und es keinen Hunger mehr gibt. Warum gibt es Obdachlose, wenn jedem Wohnraum zur Verfügung steht? Wie kommt es, dass auf einer Insel mit massiver Überbevölkerung und dem staatlichen Verbot, weiter Wälder abzuholzen, aber weiterhin Stonehenge stehen kann und nicht umgeben ist von Häusern?
Nun gut, kommen wir zu den Charakteren. Caitlin ist die Hauptfigur, die durch deren Sicht der Hauptteil der Geschichte erzählt wird. Caitlin kommt einem sympatisch vor. Sie leidet unter ihrem cholerischen Vater (kann ich sehr gut nachvollziehen, meiner war auch cholerisch. Ich weiß, wie sehr das wehtut). Geboren ist sie in Japan, das aber aufgrund von nuklearer Zwischenfälle nun verlassen und verstrahlt ist. Caitlin entdeckt eines Tages während eines Streites mit ihrem Vater, dass ihre Haare sich in Metal verwandeln können, und sie verletzt ihren Vater dabei und flieht anschließend die Wohnung, nur um in Darren hineinzulaufen, einem anderen der Fünf, die gestrandet waren im Sturm. Auch Darren ist verändert. Seine Augen schießen elektrische Blitze und er kann sich schlecht kontrollieren.
Bald findet Caitlin heraus, dass alle fünf über spezielle Kräfte verfügen: die kleine Julia kann mit einem festen Aufstampfen die Erde erbeben lassen, die homosexuelle Ariana kann mit ihrem Arm Feuer schüren und der junge Connor kann seine Hand zum Leuchten bringen. Die fünf ziehen für die nächsten Tage in das Ferienhaus von Arianas Eltern, das nur einen Spaziergang von Stonehenge entfernt liegt.
Die Superkräfte der Fünf sind also alles Einzelheiten eines Blitzes: Licht, Elektrizität, das Plasma kann so hart wie Metall werden, ein Blitz kann die Erde zum Beben bringen und setzt Dinge in Brand. Die Gruppe nennt sich fortan "die strahlenden Fünf" auf Wunsch der kleinen Julia. Doch sie verbindet noch mehr: sie alle haben Schwierigkeiten, entweder mit sich selbst, ihrer Umgebung oder in der Schule. Sie sind Außenseiter.
Außenseiter, die zu Superhelden werden, sind beiweitem nichts neues. Schon Spiderman war nicht gerade der größte in der Klasse, soweit ich weiß, traf das eher auf Superman zu, der wohl allseits beliebt war aber als schüchtern galt. Die Charaktere sind gut gezeichnet, vor allem die beiden jüngeren Julia und Connor. Ariana bleibt leider bis zum Ende des Romans etwas blass, da die Handlung sich vor allem auf Caitlin und Darren konzentriert. Dass zumindest Darren an mehr als nur Freundschaft interessiert ist wird sehr schnell klar. So ganz allerdings verstehe ich die Beziehung der beiden am Ende aber nicht. Haben sie beschlossen, doch nur Freunde zu bleiben oder ist Caitlin hin- und hergerissen, denn ganz uninteressiert an Ariana scheint sie auch nicht zu sein.
Das Problem des Romans ist, dass er nicht der Welt treu bleibt, die beschrieben wird. Was Stromnetz bleibt stabil, auch wenn es immer wieder als überlastet und labil dargestellt wird, bis Christ einen Plottwist einsetzt - und plötzlich gibt es einen Stromausfall. Offenes Feuer ist aufgrund des CO2-Ausstoßes verboten, trotzdem grillen die Jugendlichen mehrfach am offenen Feuer. Internet und Smartphones werden nicht mehr weiter entwickelt, woraus unbedarfte Leser (ich) schlossen, dass sie nur noch selten auftauchen, trotzdem sitzt die Gruppe ganze Nachmittage an ihren Handys und trägt Informationen zusammen. Die Außenluft ist schlecht vertragbar, aber es gibt noch Eichhörnchen und Vögel und die Asthmakranke Ariana rennt einen ganzen Tag herum, ohne ihren Inhaler benutzen zu müssen. Dann aber, plötzlich, nach Tagen an der frischen Luft, verzieht die Gruppe sich plötzlich ins Haus und seine Luftfilter, weil sie die schlechte Luft draußen nicht vertragen. Caitlin und Darren gehen jeden Morgen joggen - ohne Atemgerät oder Maske.
Mit der Gefahr ist es ähnlich. Die Gruppe nimmt Kontakt zu einem Mann auf, der auch über außergewöhnliche Kräfte verfügen soll. Dieser warnt sie dann vor einer unheimlichen Gefahr, was die Kiddies verständlicherweise erst einmal in Panik versetzt. Tage vergehen, die Gefahr wird nicht greifbarer, während die Fünf versuchen sich vorzustellen, wie sie handeln würden, würden sie von dieser Gefahr überwältigt. Und als die Gefahr sich dann endlich zeigt ... sagen wir, ich habe schon kreativere Folter gelesen als diese hier. Sagen wir, da Wasser doch wohl ebenfalls zu den raren Ressourcen gehört, wäre Waterboarding umweltfreundlicher gewesen als jemand eimerweise zu übergießen. Zumal das Wasser offensichtlich noch erhitzt gewesen ist, was zusätzlich eine Umweltsünde mit sich bringt. Wir können uns jetzt über die Verletzungen streiten. Die alte Physikerin in mir ist mit dem Ergebnis des Romans nicht ganz zufrieden.
Mit einem hatte Christ mich quasi von Anfang an auf die falsche Spur geführt: dem Hintergrund dieser Klimakonferenz, auf die sich Connors Vater vorbereitet. Ich dachte wirklich den ganzen Roman hindurch, dass das die Aufgabe der Fünf werden würde und nicht, Connor zu helfen, nicht mehr gemobbt zu werden.
Was mich persönlich ebenfalls immer wieder aus dem Lesefluss riss war die kreative Worteinbindung der Autorin. Wie so oft, auch hier lege ich das gute alte Synonymlexikon (neben einem, das die Begriffe erklärt) nahe. Ich war in der Danksagung wirklich überrascht, dass es offensichtlich ein Lektorat gegeben hat, jedenfalls wurde sich bei einem Lektor bedankt. Wie auch immer, derjenige hat in meinen Augen sein Geld alles andere als verdient. Ich denke da nur an die zwei Schlafräume, die in eine Esszimmer führen. Im Haus gibt es offensichtlich keine Küche, trotzdem kocht Julia in einer - bei den Nachbarn vielleicht?
Alles in allem ein eher durchschnittlicher Roman. Sicherlich wird er seine Fans bekommen, die dann auch vermutlich auf Teil 2 harren. Ich gehöre leider nicht dazu.