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Veröffentlicht am 07.04.2025

Heimat ist der Ort, der einem nie egal wird

Russische Spezialitäten
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Dieser Roman sticht direkt mit seinem, in auffälligem Orange gehaltenen, Cover, das einen Fisch in Zeitungspapier gehüllt zeigt, ins Auge. Geschrieben wurde er von Dmitrij Kapitelman, der 1986 in Kiew ...

Dieser Roman sticht direkt mit seinem, in auffälligem Orange gehaltenen, Cover, das einen Fisch in Zeitungspapier gehüllt zeigt, ins Auge. Geschrieben wurde er von Dmitrij Kapitelman, der 1986 in Kiew geboren wurde und im Alter von acht Jahren als so genannter »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland kam. Daher weist die Geschichte sicher auch viele autobiographische Bezüge auf.

Der Ich-Erzähler lebt mit seiner Familie seit Jahrzehnten in Leipzig, ist aber in Kiew geboren, das er bereits in den 90er Jahren als Kind in Richtung Deutschland verlassen hat. Seine Muttersprache ist Russisch, da seine Mutter in Sibirien geboren ist, ihre Kindheit in Moldawien verbrachte und später erst in die Ukraine gezogen ist. Sein Vater ist jüdisch. Im ersten Teil der Geschichte geht es um den "Magasin" der Familie, einen russischen Spezialitätenladen, den sie Mitte der 90er Jahre in Leipzig eröffnet haben und der dann kurz nach Ende der Corona-Auflagen schließen musste. Man erfährt die ein oder andere Anektode aus dem Laden und lernt so die Familie des Ich-Erzählers und deren Umfeld in Leipzig besser kennen. Eine besondere Rolle spielt dabei natürlich seine Mutter, die ausschließlich russisches Fernsehen schaut und voll von der dort verbreiteten Propaganda den Krieg gegen die Ukraine betreffend überzeugt ist. Daher hat sie sich sogar mit den noch dort lebenden Verwandten zerstritten. Auch das Erstarken der AfD und auch des BSW in Sachsen macht dem Ich-Erzähler Sorge, wie immer wieder am Rande anklingt.

Im zweiten Teil reist der junge Mann dann schließlich nach Kiew. Er hofft dadurch im Anschluss auch seine Mutter davon überzeugen zu können, dass ihre Sicht auf den Krieg und die daran Schuldigen die falsche ist. Dadurch, dass er ausschließlich einen deutschen Pass hat, muss er zumindest nicht befürchten, von der ukrainischen Armee eingezogen zu werden. Da geht es den männlichen Verwandten und Bekannten dort anders. Es gibt auch abseits der vollständigen Zerstörung überall Spuren des Krieges. Eine App, die dazu auffordert, Schutz zu suchen, Werbeplakate für die Armee, junge Kriegsversehrte in den öffentlichen Verkehrsmitteln und auch die Menschen, die er dort trifft, werden in ihrem Alltag konsequent damit konfrontiert, dass ihr Land im Krieg ist. Seine Mutter in Deutschland redet die Lage aber trotzdem weiterhin schön und ist überzeugt davon, dass ihm als Zivilisten nichts passieren könne, da die Russen nur militärische Ziele angreifen würden. Trotzdem bleibt auch immer wieder Platz für Galgenhumor, z. B. wenn die Züge in der vom Krieg gegeutelten Ukraine zuverlässiger fahren als die im sächsischen Grimma.

Ich fand es sehr interessant, aus dieser Perspektive mehr über den Krieg in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf den Alltag der Menschen und darüber, wie unterschiedlich die Sicht darauf selbst innerhalb einer Familie sein kann, zu erfahren. Ich habe das Hörbuch gehört, das von Dmitrij Kapitelman selbst gesprochen wurde, was das Ganze noch authentischer macht. Trotz der ernsten Thematik bleibt dabei auch immer etwas Raum für Situationskomik, die alles auflockert, wobei diese nie zu plump ausfällt.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Letzte Dinge

Flusslinien
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Das Cover von Flusslinien hat mich aufgrund des Bildes, bei dem die Natur im Mittelpunkt steht, und natürlich auch wegen des Titels angesprochen.

Im Mittelpunkt der Handlung, die in Hamburg, nahe der ...

Das Cover von Flusslinien hat mich aufgrund des Bildes, bei dem die Natur im Mittelpunkt steht, und natürlich auch wegen des Titels angesprochen.

Im Mittelpunkt der Handlung, die in Hamburg, nahe der Elbe stattfindet, stehen Margrit, Luzie und Arthur, aus deren Perspektive auch erzählt wird, sodass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Margrit ist 102 und lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Luzie ist 18 und ihre Enkelin, die gerade, nach einem traumatischen Erlebnis, die Schule abgebrochen hat und nun daran arbeitet, Tätowiererin zu werden.
Arthur ist 24 und jobbt als Fahrer in der Seniorenresidenz. Auch er muss etwas verarbeiten, was ihn sehr belastet. Margrit fährt er täglich zum "Römischen Garten" oberhalb der Elbe. Zu diesem verbindet die alte Dame ein besonderes Verhältnis, da dessen Erschafferin Else Hoffa vor dem Erstarken der Nationalsozialisten die Geliebte ihrer Mutter war. Margrit schwelgt oft in Erinnerungen an die vielen, ereignisreichen Lebensjahre, die hinter ihr liegen. Sie ist aber auch geistig noch sehr fit und sehr modern und offen eingestellt. Außerdem hat sie auch die Zukunft im Blick, nicht ihre eigene, ihr ist bewusst, dass ihr Leben bald vorbei sein wird, aber die von Luzie und Arthur.

Mir hat der Roman gut gefallen. Insbesondere wegen seiner feinsinnigen Sprache und den vielen Wortspielen und Metaphern. Auch die Protagonist:innen fand ich interessant, insbesondere Margrit, wie sie mit dem Alter und den damit verbundenen Einschränkungen umgeht, und dabei innerlich jung geblieben ist. Teilweise waren mir etwas zu viele Nebenhandlungen vorhanden, indem es auch noch um die Geschichte von Nebenfiguren ging, die nicht so viel Bezug zur Gesamthandlung hatten. Hier wäre mir eine etwas straffere Erzählweise lieber gewesen.

Ich habe den Roman als Hörbuch angehört. Dieses war durch die verschiedenen Sprecher sehr abwechslungsreich erzählt. Das Sprechtempo war dabei angemessen, sodass man gut folgen konnte.

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Veröffentlicht am 24.03.2025

Das verlassene Kind

»Wenn Ende gut, dann alles«
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Der Verfasser dieses Krimis war mir nicht unbekannt, auch wenn der Verlag und die Covergestaltung deutlich machen, dass diese neue Krimireihe unabhängig von den Kluftinger-Krimis ist.

Der erfolglose Schriftsteller ...

Der Verfasser dieses Krimis war mir nicht unbekannt, auch wenn der Verlag und die Covergestaltung deutlich machen, dass diese neue Krimireihe unabhängig von den Kluftinger-Krimis ist.

Der erfolglose Schriftsteller Tommi lebt nach der Trennung von seiner Freundin im alten Wohnmobil seines Vaters, der nun auf seine alten Tage in einer Seniorenresidenz sesshaft geworden ist. Auch dessen ehemalige Reinigungskraft, die Ukrainerin Svetlana hat Tommi übernommen. Zusammen finden sie ein kleines Mädchen mit Down Syndrom und versuchen dann, dessen Mutter ausfindig zu machen, was nicht ganz ungefährlich ist.

Dieser Krimi passt wohl am ehesten ins Genre Cosy Crime. Gut fand ich, dass aktuelle Bezüge, wie der Ukraine-Krieg und die Situation der Geflüchteten in Deutschland eine Rolle spielten. Dass Svetlana teilweise ein recht abenteuerliches Deutsch spricht, war teilweise ganz witzig, manchmal aber auch etwas zu viel für meinen Geschmack. Der Kriminalfall selbst wurde recht schlüssig gelöst und die Auflösung war auch nicht zu vorhersehbar. Andere Punkte, die Familiengeschichte von Tommi betreffend oder seine Ex-Freundin, blieben offen, was aber wohl daran liegt, dass dies der erste Teil einer Reihe sein soll. Tommi als Protagonist war für mich greifbarer und ich konnte mich besser mit ihm identifizieren, wozu die Erzählperspektive wesentlich beitrug.

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Coming-of-Age mit tragischem Ende

Klapper
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Dieser Debüt-Roman handelt auf zwei Zeitebenen. Im Jahr 2011 und in der Gegenwart. 2011 ist Klapper, der diesen Spitznamen bekommen hat, weil sein Gelenke knacken, 16. Er verkörpert so ziemlich das Idealbild ...

Dieser Debüt-Roman handelt auf zwei Zeitebenen. Im Jahr 2011 und in der Gegenwart. 2011 ist Klapper, der diesen Spitznamen bekommen hat, weil sein Gelenke knacken, 16. Er verkörpert so ziemlich das Idealbild eines Nerds mit Metalshirts, Counter-Strike als einziges wirkliches Hobby und ohne wirkliche Freunde. Nach den Sommerferien kommt dann ein Mädchen, das Bär genannt werden möchte, neu in seine Klasse und setzt sich neben ihn. Sie ist groß, stark, selbstbewusst und unkonventionell und über ihr gemeinsames Interesse an Counter-Strike nähern sie sich langsam an. Irgendwann nimmt ihre Freundschaft dann aber ein abruptes Ende und so wirft es den erwachsenen, aber immer noch sehr einsamen IT-ler Klapper dann auch ziemlich aus der Bahn, als er plötzlich wieder Bärs altes Profil auf seinem Bildschirm sieht.

Der Roman punktet insbesondere durch die detaillreichen Schilderungen aus der Jugendzeit von Klapper und Bär mit Zitronenkrümel-Eistee, Raucherecken an Schulen, schrulligen Lehrern, den Anfängen von Bitcoins, Counter-Strike und nicht ganz einfachen Elternhäusern. So kommen beim Lesen fast nostalgische Momente auf. Neben einigen Skurrilitäten gibt es aber auch immer wieder ernste Momente und die Unsicherheit des Teenager-Alters ist sehr gut eingefangen. Der Sprachstil des Autors ist sehr wortgewandt und anschaulich, aber auch flüssig lesbar.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Wird am Ende alles gut?

Entscheidung in der Rosenholzvilla
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Dies ist nun schon der letzte Teil der Trilogie um die Rosenholzvilla. Auch diesmal ist die Covergestaltung wieder sehr gut zur Thematik und zum Schauplatz passend und zugleich im selben Stil wie die Vorgängerbände, ...

Dies ist nun schon der letzte Teil der Trilogie um die Rosenholzvilla. Auch diesmal ist die Covergestaltung wieder sehr gut zur Thematik und zum Schauplatz passend und zugleich im selben Stil wie die Vorgängerbände, sodass die Zusammengehörigkeit offensichtlich ist.

Auf jeden Fall ist es ratsam, zuvor den ersten und zweiten Teil der Reihe zu lesen, da doch viel aufeinander aufbaut. Dann kann man sich umso mehr am Wiedersehen mit Elisa und den anderen Menschen rund um die Rosenholzvilla erfreuen und erfährt nun, wie es mit ihr und Danilo weitergeht und auch, was aus dessen Bruder Fabio, seiner kleinen Familie und der Instrumentenmanufaktur wird. Und natürlich tauchen auch alle anderen, beteits bekannten, Nebenfiguren wieder auf und auch deren Geschichten finden einen Abschluss.

Die Autorin schreibt gewohnt anschaulich und gut lesbar. An die Orte der Handlung konnte ich mich so sehr gut versetzen und beim Lesen in die Atmosphäre im Tessin eintauchen. Auch blieb mir Elisa als Protagonistin weiterhin sehr sympathisch. Mit Danilo und seinem Bruder Fabio dagegen wurde ich bis zum Schluss nicht so richtig warm. Einen kleinen Abzug gibt es von mir auch, weil das Finale am Ende doch etwas zu unrealistisch, auch für dieses Genre, ausgefallen ist. Nichtsdestotrotz ist es schade, dass die Geschichte um die Rosenholzvilla als Rückzugsort für verletzte Künstler nun außerzählt ist. Auf die, bereits angekündigte, neue Reihe der Autorin freue ich mich daher schon.

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  • Atmosphäre