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Veröffentlicht am 03.01.2026

✎ Mikael Engström - Ihr kriegt mich nicht!

Ihr kriegt mich nicht!
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Miks Geschichte in „Ihr kriegt mich nicht!“ von Mikael Engström verlangt volle Aufmerksamkeit, weil sie keine leichte Unterhaltung ist und stattdessen harte Realität vermittelt. Zu Beginn war ich irritiert ...

Miks Geschichte in „Ihr kriegt mich nicht!“ von Mikael Engström verlangt volle Aufmerksamkeit, weil sie keine leichte Unterhaltung ist und stattdessen harte Realität vermittelt. Zu Beginn war ich irritiert und sogar wütend über Miks Verhalten, vor allem, weil er Gewalt gegen Obdachlose ausübt und mir das zunächst unerklärlich erschien. Erst im weiteren Verlauf wird klar, dass diese Wut tief verwurzelt ist in einem Leben mit einem alkoholkranken Vater und tauben Behörden, die nicht verstehen, was Mik wirklich braucht. Jugendamt und vergleichbare Strukturen im Buch erscheinen meist negativ, fast als Gegenspieler zu Miks Suche nach Zugehörigkeit.

Der Roman beginnt mit Mik in einer extremen familiären Notlage. Seine Mutter ist tot, sein Vater nicht fähig, für ihn zu sorgen, und sein älterer Bruder driftet ins Kriminelle ab. Diese Konstellation erzeugt beim Lesen sofort Mitgefühl, zugleich aber auch Unbehagen über das Ausmaß des Leidens, das der Junge durchlebt. Sentimentale Floskeln gibt es hier nicht.

Als Mik schließlich zu seiner Tante Lena kommt, eröffnet sich ein völlig anderes Leben: geordneter, mit echten Freundschaften und Zugehörigkeitsgefühl. Dieses Zwischenstück bietet den einzigen echten Hoffnungsschimmer im Buch und ist für mich der Grund, warum die Geschichte trotz allem funktioniert. Gerade die Darstellung dieser positiven Momente verleiht dem Roman Tiefe und unterscheidet ihn von bloßem Sozialdrama.

Die erneute Trennung von Lena und die Zuweisung in eine Pflegefamilie bildet den nächsten Wendepunkt. Dort erlebt Mik erneut Ablehnung und Härte, was seine Verzweiflung und seinen Kampfgeist weiter schärft. Die bedrückenden Schilderungen drücken und ziehen runter, machen den Roman schwer verdaulich und lassen kaum Raum für unbeschwerte Lesestunden.

Die dramatische Flucht Miks, in der er buchstäblich alles riskiert, ist ein Höhepunkt, der mich stark mitgenommen hat. Die letzten Kapitel sind emotional extrem belastend, teils sogar verstörend, und weniger ein klassischer Abschluss. Gleichzeitig ist gerade dieses rohe Ende authentisch und tief bewegend. Für mich bleibt es ein zentraler Moment, der zeigt, wie stark Mik sich gegen ein System wehrt, das ihn nicht verstehen will.

Das Buch setzt sich mit harten Themen auseinander: Alkoholsucht, Gewalt, Vernachlässigung und dem Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die einem nichts schenkt. Manchmal fühlte ich mich dadurch emotional zerstört, auf der anderen Seite empfand ich gerade darin die literarische Kraft des Romans. Die direkte, schonungslose Sprache finde ich notwendig, aber ich spüre gleichzeitig, wie viel Gewicht das auf einer Lesendenseele hinterlässt.

Zwei Kritikpunkte habe ich dennoch: Gegen Ende taucht mehrfach ein Wort auf, welches im Kontext unnötig und unpassend wirkt und ohne Mehrwert für die Handlung ist. Das fühlt sich wie ein Stilbruch an. Dieser Aspekt steht im Kontrast zu der ansonsten dichten, klaren Erzählweise.
Zudem kommt es zweimal zu sehr erniedrigenden Szenen: Einmal gegenüber Mik, als eine erwachsene Person ihn vor den Mitschülerinnen auf ein Körperteil denunziert. Einmal gegenüber eines Erwachsenen, als dieser vor Schülerinnen beleidigt und bloßgestellt wird.

„Ihr kriegt mich nicht!“ ist kein Lesestoff für nebenbei, sondern ein literarischer Schlag ins Bewusstsein. Die Mischung aus persönlichem Leidensweg und sozialkritischer Schärfe macht das Buch zu einem starken, aber auch schwer verdaulichen Stück Jugendliteratur. Ich persönlich fand es ergreifend und authentisch, andere wiederum könnten Schwierigkeiten haben, die emotionale Schwere zu tragen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 02.01.2026

✎ Katja Hemkentokrax - Felina Fingerhut 1 und das verhexte Schwarze Loch

Felina Fingerhut und das verhexte Schwarze Loch
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„Felina Fingerhut und das verhexte Schwarze Loch“ von Katja Hemkentokrax ist kurz nach Erscheinen durch eine Schenkung bei uns gelandet. Der Umfang von fast 300 Seiten wirkte zunächst wenig einladend für ...

„Felina Fingerhut und das verhexte Schwarze Loch“ von Katja Hemkentokrax ist kurz nach Erscheinen durch eine Schenkung bei uns gelandet. Der Umfang von fast 300 Seiten wirkte zunächst wenig einladend für die abendliche Leseroutine, weshalb das Buch eine Zeit liegen blieb. Der Zugang kam schließlich über das ungekürzte Hörbuch in der Onleihe, wodurch Text und Audio parallel genutzt wurden. Diese Kombination hat den Einstieg erleichtert und sich als sinnvoll erwiesen.

Die Geschichte entfaltet schnell eine Sogwirkung. Die Handlung ist klar strukturiert, ohne simpel zu sein, und trägt über weite Strecken. Besonders gelungen ist die Entwicklung der Hauptfigur. Felina ist elf Jahre alt, verhält sich altersgerecht, bleibt Kind und wächst dennoch an den Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert wird. Ihre Vorstellungskraft nimmt dabei einen zentralen Raum ein. Digitale Dauerpräsenz oder soziale Medien spielen keine Rolle, was angenehm auffällt und bewusst einen Kontrast zur Lebensrealität vieler Kinder setzt.

Im Kern vermittelt das Buch, dass innere Stärke wichtiger ist als äußere Mittel. Magie dient eher als erzählerisches Vehikel denn als Lösung für alles. Felinas Weg zeigt, dass Durchhaltevermögen, Mut und Eigenvertrauen entscheidend sind. Diese Botschaft wird nicht belehrend transportiert, sondern ergibt sich organisch aus der Handlung. Genau darin liegt eine der Stärken des Romans.

Auch der Humor funktioniert auf mehreren Ebenen. Viele sprachliche Feinheiten, Redewendungen und ironische Spitzen erschließen sich Erwachsenen deutlicher als Kindern, was jedoch kein Nachteil ist. Im Gegenteil: Daraus ergeben sich Gesprächsanlässe, die das gemeinsame Lesen oder Hören bereichern.

Die im Buch enthaltenen Illustrationen unterstützen den Text sinnvoll. Sie sind detailreich, ohne überladen zu wirken, und greifen zentrale Szenen sowie Stimmungen auf. Gerade für jüngere Lesende bieten sie visuelle Ankerpunkte, die das Verständnis fördern und die Fantasiewelt erweitern, statt sie einzuengen.

Einzig die Nebenfiguren hätte ich gerne noch ein wenig besser kennengelernt. Sie bleiben stellenweise blass und Konflikte werden manchmal zu glatt aufgelöst.

Am Ende wartet das Buch mit zusätzlichen Inhalten auf. Ein Nudelorakel, ein Muffinrezept und eine Bastelanleitung für einen Kürbis verlängern das Leseerlebnis und laden zum Mitmachen ein.

Trotz kleiner Schwächen bleibt der Wunsch, Felina auch im nächsten Abenteuer zu begleiten. Das Buch eignet sich für Kinder, die gern in fantastische Rollen schlüpfen und dabei Figuren begegnen möchten, die nicht perfekt sind, aber ihren eigenen Weg finden.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 01.01.2026

✎ Heidi Trpak & Laura Momo Aufderhaar - Gerda Gelse

Gerda Gelse
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Mücken sind in unserem Garten die Plagegeister schlechthin! Man kann ab Ende März, wenn es endlich die ersten warmen Tage bei uns hat, nicht mehr draußen sitzen, weil es sofort welche gibt, die sich auf ...

Mücken sind in unserem Garten die Plagegeister schlechthin! Man kann ab Ende März, wenn es endlich die ersten warmen Tage bei uns hat, nicht mehr draußen sitzen, weil es sofort welche gibt, die sich auf einen stürzen. Mittlerweile halten sie sich aufgrund des Klimawandels bis in den November hinein bei uns auf. Das ist nicht nur lästig, sondern echt schmerzhaft, wenn man Gemüse anbaut und am Ende des Tages mit mehr als 50 Mückenstichen rein geht. Die üblichen Sprays halten schon lange nicht mehr ihre Versprechen …

Als meine Siebenjährige und ich zufällig eine kurze Doku darüber gesehen haben, warum Mücken Blut brauchen und wie sie ihre Eier legen, fanden wir das faszinierend. Dann fiel mir „Gerda Gelse“ von Heidi Trpak & Laura Momo Aufderhaar in die Hände und ich war gespannt, wie dieses Kindersachbuch das Thema umsetzt.

Das Buch hat seinen Charme darin, dass es aus Sicht der titelgebenden Mücke erzählt wird, kombiniert mit sachlichen Informationen über das Insekt. Die Sprache ist kindgerecht und der ungewöhnliche Aufbau mit Pflanzendrucken als Illustrationsbasis ist kunstvoll umgesetzt.

Auf den Umschlaginnenseiten ist das Wort „Mücke“ in 35 Sprachen übersetzt, was wir interessant fanden und unsere eigene Zweitsprache dort wiederfanden - ein netter kleiner Zusatz für neugierige Kinder.

Trotz der kreativen Gestaltung wirkt der Informationsgehalt im Vergleich zu dem, was wir zuvor gesehen hatten, eher knapp. Lesende, die bereits Dokus oder andere Sachbücher über diese Tiere kennen, werden merken, dass manche Erklärungen oberflächlich bleiben. Details etwa darüber, warum Blut exakt notwendig für die Eientwicklung ist, fehlen.

Positiv ist, dass das Buch darauf eingeht, welche Rolle Mücken im Ökosystem spielen und sie nicht nur als nervige Plage darstellt. Diese Perspektive hilft, die Tiere als Teil der Nahrungskette zu sehen, statt ausschließlich mit dem Stich zu assoziieren. Jedoch fehlen Gegenmaßnahmen gegen Mücken und ein Hinweis auf ihre Bedeutung als Krankheitsüberträger, was das Bild der Tiere unvollständig lässt.

Mein Kind fand vor allem die Zeichnungen oft lustig. Für mich war es ein solider Einstieg in ein Thema, das ich grundsätzlich spannend finde, aber ich denke, das Buch könnte in einer Neuauflage mehr Tiefe vertragen und aktuelle Veränderungen wie neue Mückenarten durch den Klimawandel stärker einbeziehen.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 29.12.2025

✎ Milena Baisch - Anton 1 Anton taucht ab

Anton taucht ab
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Ein mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Kinderbuch weckt Erwartungen, auch bei erwachsenen Lesenden. Genau mit diesem Anspruch bin ich an „Anton taucht ab“ von Milena Baisch herangegangen ...

Ein mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Kinderbuch weckt Erwartungen, auch bei erwachsenen Lesenden. Genau mit diesem Anspruch bin ich an „Anton taucht ab“ von Milena Baisch herangegangen - und wurde enttäuscht.

Anton bleibt mir bis zur letzten Seite unsympathisch. Seine Schlagfertigkeit kippt regelmäßig ins Beleidigende, während er sich gleichzeitig als konsequenter Gegner körperlicher Gewalt inszeniert. Verbale Verletzungen scheinen für ihn nicht zu zählen. Dass ein Kind in diesem Alter die Wirkung von Worten unterschätzt, mag realistisch sein, wirkt hier aber weder reflektiert noch gebrochen. Antons Verhalten empfand ich häufig als respektlos und anstrengend.

Stark ausgeprägt ist seine Flucht in eine digitale Parallelwelt, in der er Kontrolle, Stärke und Anerkennung erlebt. In der Realität dagegen fehlt es ihm sichtbar an sozialem Gespür. Diese Diskrepanz ist nachvollziehbar und sicher für viele junge Menschen anschlussfähig. Doch die Thematik wird nur angerissen, aber nicht vertieft, sodass kaum Orientierung oder Entwicklung erkennbar ist.

Besonders störend empfinde ich Antons Haltung gegenüber seinen Großeltern und den Ferien mit ihnen. Der Ton ist durchgehend abwertend, ohne dass der Text dem etwas entgegensetzt. Doch gerade Kinder in diesem Alter benötigen manchmal einen Spiegel, der ihnen vorgesetzt wird und dann jemand, der ihnen eine Lösung anbietet, um ausbrechen zu können. Da es im echten Leben oft nicht getan wird, würde ich mir wünschen, dass Bücher hier mehr Verantwortung übernehmen. Manche Kinder wünschen sich das innerlich vielleicht sogar.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Sprache gegenüber anderen Kindern. Das mag als authentisch gemeint sein, hinterlässt jedoch ein schales Gefühl, weil Reflexion oder Konsequenzen weitgehend ausbleiben.

Dass Anton seine Großeltern belügt, ordne ich als altersbedingt und situativ sogar als Selbstschutz ein. Schwerer wiegt für mich der Umgang mit dem Fisch, der über Tage in einem Gurkenglas gehalten wird. Der Text problematisiert dieses Verhalten kaum, obwohl Tierethik gerade im Kinderbuch eine Rolle spielen sollte.

Am Ende bleibt für mich kein erkennbarer Mehrwert. Warum dieser Roman stellenweise als Schullektüre eingesetzt wird und welche Erkenntnisse Kinder daraus ziehen sollen, erschließt sich mir nicht. Die Figur entwickelt sich kaum, problematische Handlungen werden selten eingeordnet, und die angesprochenen Themen bleiben ohne tragfähige Tiefe. Insgesamt stelle ich den pädagogischen Gehalt infrage.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 28.12.2025

✎ Rolf Lappert - Pampa Blues

Pampa Blues
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„Pampa Blues“ von Rolf Lappert landete eher zufällig bei mir. Eine Freundin gab mir das Buch weiter, weil ihr Kind es als Schullektüre lesen musste und auch mein eigenes Kind dieselbe Schule besuchen wird. ...

„Pampa Blues“ von Rolf Lappert landete eher zufällig bei mir. Eine Freundin gab mir das Buch weiter, weil ihr Kind es als Schullektüre lesen musste und auch mein eigenes Kind dieselbe Schule besuchen wird. Bis es dort so weit ist, vergehen zwar noch einige Jahre und Lehrpläne ändern sich, dennoch wollte ich wissen, was Jugendliche hier erwartet.

Der Roman erzählt vom 16-jährigen Ben, der in einem nahezu ausgestorbenen Dorf lebt und seinen an Demenz erkrankten Großvater pflegt, während die Mutter unterwegs durch Europa ist. Diese Ausgangslage verspricht zunächst Tiefe und Konflikt, bleibt für mich jedoch ohne nachhaltige Wirkung. Bens ständige Unzufriedenheit, sein resignierter Blick auf die Welt und insbesondere die abwertende Art, mit der er über seinen Großvater spricht, erzeugten bei mir Distanz statt Empathie.

Die Coming-of-Age-Story mit skurrilen Figuren und einer Mischung aus Ernst und Ironie, konnte mich zu keiner Zeit abholen, da ich die Ruhe und Monotonie im Setting und die ersten Kapitel als zu lang und ereignisarm empfand. Statt Atmosphäre entstand Leerlauf.

Thematisch wird viel angerissen: erste Liebe, Dorfgerüchte, angebliche UFO-Sichtungen, dazu Selbstverletzung und Depressionen. In meinen Augen bleibt vieles im Raum stehen und wirkt dadurch eher überladen statt tiefgründig.

Die Idee, jugendliche Enge und Perspektivlosigkeit auf dem Land darzustellen, funktioniert grundsätzlich. Hier jedoch dominieren Nörgelei und ein dauerhaft depressiver Unterton, der eher ermüdet als zum Nachdenken anregt. Ich empfand die Figuren überwiegend als anstrengend. Bens Verhalten gegenüber seinem Umfeld, insbesondere gegenüber seinem Großvater, erschien mir häufig respektlos und wenig reflektiert. An emotionaler Entwicklung mangelt es ihm.

Problematisch ist zudem die Normalisierung von Alkoholkonsum. Ben trinkt regelmäßig Bier, bereits mit 15 Jahren, und dies wird im Text nicht hinterfragt. Für ein Jugendbuch halte ich diese Darstellung für gefährlich und unverantwortlich, da sie ohne kritische Einordnung stehen bleibt.

Unterm Strich konnte ich aus dieser Lektüre keinen persönlichen Gewinn ziehen. Weder inhaltlich noch emotional bot mir „Pampa Blues“ einen Mehrwert.

©2025 Mademoiselle Cake