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Veröffentlicht am 20.12.2020

Zwischen Prunk, Protz und Prahlerei

Die Gabe der Sattlerin
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Charlotte steht neben ihrem Kaltblut Hengst Wälderwind und blickt gedankenversunken in die Ferne, während sie ihm sanft über die Nüstern streicht. Der Hengst wiehert leicht, beruhigend, denn Charlotte ...

Charlotte steht neben ihrem Kaltblut Hengst Wälderwind und blickt gedankenversunken in die Ferne, während sie ihm sanft über die Nüstern streicht. Der Hengst wiehert leicht, beruhigend, denn Charlotte ist die Einzige, die auf ihn diese Wirkung hat. Eine Gabe, die auch ihrem Vater zuteilwird, aber wenn sie an ihn denkt, wird sie sich der Konsequenzen bewusst, die ihr Handeln haben wird. Den Vater zurücklassen, ihre Geschwister, an denen auch ihr Herz hängt und die Mutter in einem Tobsuchtsanfall, wenn sie realisiert, dass Charlotte einfach so verschwunden ist. Schnell wischt sie sich über die Augenlider, denn noch kann sie sich ein anderes Leben nicht vorstellen. Bald jedoch wird genau dieses andere Leben ihre Entscheidungen vorantreiben und sie auf eine Reise führen, dessen Ausmaß sie sich in den kühnsten Träumen nicht vorzustellen vermag.

"Die Gabe der Sattlerin" von Ralf H. Dorweiler ist ein leichter, verträumter historischer Roman mit einigen, realen Figuren, der vor allem durch die Visualität der Worte punktet. Charlotte ist hierbei die Hauptprotagonistin, die sich dazu entscheidet, der zukünftigen Ehe mit dem ungeliebten Amtmann zu entfliehen und stattdessen in die Fremde zu flüchten, auf der Suche nach dem Glück. Nahezu jedes Szenario spielte sich vor meinem inneren Auge ab, in allen möglichen Farben und Formen. Der Stil ist einfach und die Seiten sind schnell zu lesen, eigentlich eher untypisch bei einem Roman dieses Genres. Die Charaktere sind in ihrem groben Rahmen schön skizziert, jedoch fehlte mir persönlich die Tiefe, die Ecken und Kanten, stellenweise die Reflektion. Die Handlung habe ich als recht spannend empfunden, jedoch plätscherte der Plot stellenweise etwas vor sich hin und war für mich eher realitätsfremd als realitätsnah. Das hat mich leider auf Distanz zur Geschichte gehalten, sodass ich nicht so tief eintauchen konnte, wie ich es mir gewünscht hatte. Das Thema rund um Pferde, Sattlerei und historischen Verknüpfungspunkten empfinde ich jedoch nach wie vor als perfekte Grundlage für einen guten Roman, den Schwerpunkt etwas mehr auf den Pferden und dem Handwerk. Eine Empfehlung für alle, die gerne leichte Romane lesen, die zwischen Prunk und Protz der Fürsten und Herrscher flanieren und dem proletenhaften Verhalten einer Räuberbande am Lagerfeuer lauschen möchten.

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Veröffentlicht am 20.12.2020

Harald & Maude meets Kleinstadt Eskapaden

Die Wahrheit über Metting
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Der Tod, alte Menschen und die Liebe- in dieser Kombination nicht unbedingt ein typisches Szenario, mit dem sich ein heranwachsender, junger Mensch konfrontiert sieht. Normalerweise sind die einzigen alten ...

Der Tod, alte Menschen und die Liebe- in dieser Kombination nicht unbedingt ein typisches Szenario, mit dem sich ein heranwachsender, junger Mensch konfrontiert sieht. Normalerweise sind die einzigen alten Menschen die eigenen Großeltern, der Tod ein eher unregelmäßiger Besucher und die Liebe da schon ganz fehl am Platz. Anders im Fall von Tomás, denn wenn deine Eltern schon ein wunderschönes Altenheim in Metting mit Namen "Horizont" betreiben, dann bleiben manche Berührungspunkte wohl nicht aus. Alte Menschen kommen per Krankentransport hinein und werden in Leichensäcken hinaus transportiert- das kann in diesem Fall wohl als gängiger Ablauf beschrieben werden, Endstation Tod. Wäre da nicht Marieluise, die adrette 82-Jährige, die neu ins „Horizont“ einzieht und bei deren Anblick Tomás Herz direkt höherschlägt. Auf einmal gewinnt sein Leben eine andere Dynamik und er wird langsam erwachsen mit allen Ecken und Kanten, die das Leben zu bieten hat.

"Die Wahrheit über Metting" von Tom Liehr ist ein eindrücklicher Roman mit vielen wichtigen thematischen Schwerpunkten aus der Sicht des heranwachsenden Tomás, der durch die Begegnung mit der 82-Jährigen Marieluise immer mehr in der Lage ist, über seinen bisher kleinen Tellerrand hinauszublicken. Es ist eine vielschichtige Handlung, die den Leser erwartet, die auf Themen wie Freundschaft, erste Liebe, Loyalität und Wahrheit zurückgreift, aber eben auch wichtige politische, sowie gesellschaftliche Schwerpunkte umreißt immer gepaart mit einem Augenzwinkern, einem Lächeln und skurrilen Momenten, sowie Details. Der Stil ist leicht, fließend und authentisch aus der Sicht des Jungen geschrieben, der im Laufe der Geschichte immer mehr reflektiert und den der Leser schließlich als Erwachsenen begleiten darf. Es gibt viele schöne, visuell einnehmende Szenen, Momente des Innehaltens und des Wunderns und das ist wohl der größte Reiz, dass der Roman eben so vielseitig aufgestellt ist. Mir persönlich fehlte etwas die Zeit für den zweiten Teil, der für mich im Umfang des ersten Teils hätte stattfinden können. Eine Empfehlung für alle, die bunte Geschichten lieben, Harald und Maude immer schon bewundert haben und gerne eintauchen in ein Kleinstadt Szenario der 70er, in dem nicht alles Gold ist, was glänzt.

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Veröffentlicht am 13.12.2020

Die Last der Schuld begleitet dich ein Leben lang

Der letzte Papierkranich - Eine Geschichte aus Hiroshima
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Ein kleiner, feiner Papierkranich- das ist alles, was Ichiro bei Keiko lässt, ein Hinweis, ein Zeichen, ein Versprechen. Bis heute verfolgt Ichiro dieses Ereignis, als die Atombombe unvorhergesehen Hiroshima ...

Ein kleiner, feiner Papierkranich- das ist alles, was Ichiro bei Keiko lässt, ein Hinweis, ein Zeichen, ein Versprechen. Bis heute verfolgt Ichiro dieses Ereignis, als die Atombombe unvorhergesehen Hiroshima zerstörte und somit das bisher bekannte Leben. Alles, was bleibt ist eine Geschichte, die ihn bis heute begleitet und das Gefühl der Schuld, das unsagbar auf seinen Schultern lastet.

Mit einem unglaublichen Feingefühl und einer Mischung aus Prosa und Romantext nähert sich Kerry Drewery mit "Der letzte Papierkranich" dieser unvergesslichen Stunde, als ein Großteil der Stadt Hiroshima dem Erdboden gleich gemacht wurde. Fein recherchiert, voller bildlicher Details und mit einer erschreckenden Nähe zu den Ereignissen skizziert die Autorin die Geschichte von Ichiro und eben auch das Hier und Jetzt. Ein Wechselbad der Gefühle, zwischen Hoffen und Bangen, dabei immer nah an den Charakteren und dem Weg, den diese zurücklegen durchs Leben. Zwischendurch hat mich die schonungslose Brutalität der Schilderungen aus dem Moment gerissen und dazu geführt, dass ich innehalten musste, um dem Gelesenen seinen Raum zu geben. Dieser Roman hat mich wahrlich überrascht und meine Erwartungshaltung übertroffen. Eine Empfehlung für alle, die historisch orientierte Romane lieben, emotionale Prosatexte und sich entführen lassen wollen in eine Welt, in der Papierkraniche den letzten Halt geben

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Veröffentlicht am 08.12.2020

Clash der Kulinarik

Dreck
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Was bedeutet eigentlich Haute Cuisine? Und wo liegt der Ursprung der französischen Küche? Was braucht es, um zu den Spitzenköchen der Welt zu zählen? Definitiv ein Ausflug nach Lyon, die Chance eine Kochlehre ...

Was bedeutet eigentlich Haute Cuisine? Und wo liegt der Ursprung der französischen Küche? Was braucht es, um zu den Spitzenköchen der Welt zu zählen? Definitiv ein Ausflug nach Lyon, die Chance eine Kochlehre anzustreben und somit die Geschichte der Kulinarik neu zu erfinden.

Und diesen Mut besitzt Bill Buford, Autor von "Dreck" und tendenziell Alleskönner, Alles Tester und ein Mann, der Herausforderungen sucht. New Yorker Starautor, Liebhaber diverser Küchen und Familienvater. Er stellt sich der Herausforderung in der Spitzenklasse der französischen Küche Fuß zu fassen und packt dafür kurzerhand Kind und Kegel zusammen, verlässt New York und ohne weitere Planung begibt er sich nach Lyon, ein zuerst kleiner Ausflug des Genuss der zu einem jahrelangen Abenteuer in der Ferne wird. Zwischen Baguette und Hummertürmchen arbeitet sich Bill Buford durch diverse Küchen, Gänge und Spezialitäten, vom Kartoffel schälen über Filetieren- er stellt sich jeder Herausforderung. Nahbar und amüsant erfährt der Leser nicht nur mehr über die Tiefen und zugleich Abgründe der französischen Küche, bekommt hautnah und visuell die Zubereitung diverser Gerichte vorgeführt, sondern erfährt zugleich mehr über das Leben von Bill Buford, gefühlt ohne Distanz, denn ich konnte mittendrin mitfiebern, bei allen Hochs und Tiefs, die die kleine Familie durchläuft.

Mich hat vor allem der Erzählstil gefesselt, einnehmend wie ein guter Freund, der eine wirklich interessante, vielschichtige Geschichte erzählt voller Emotionen und Inbrunst und du dabei schlichtweg mitfiebern musst. Es ist eine Geschichte voller Mut, dem Gefühl, dass sich dranbleiben immer lohnt und dass manchmal alles aufgegeben werden muss, um sich komplett neu zu entdecken. Streckenweise etwas langatmig, aber wie ein guter Wein, der über die Zeit reift. Eine Empfehlung alle, die schon einmal einen Einblick in das Leben hinter den Mauern einer Küche werfen wollten, die kulinarische Reportagen zu schätzen wissen, gepaart mit Aspekten eines Romans in Hinblick auf die Protagonisten und die Lyon bis dato vollkommen unterschätz haben.

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Veröffentlicht am 06.12.2020

Willkommen bei der Bank Ihres Vertrauens

Die Liebe Geld
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Hatten Sie schon einmal eine unangenehme Begegnung mit einem Vertreter der Bank Ihrer Wahl? Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie nicht das bekommen am Automaten, was Sie eigentlich wollten? War ...

Hatten Sie schon einmal eine unangenehme Begegnung mit einem Vertreter der Bank Ihrer Wahl? Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Sie nicht das bekommen am Automaten, was Sie eigentlich wollten? War Ihre Bank Ihnen gegenüber schon einmal übergriffig und haben Sie sich nicht schon einmal gefragt, was die Bank eigentlich alles so über Sie und Ihr privates Leben weiß, sowie welchen Mehrwert das System daraus schöpfen kann?

Wenn alle diese Fragen getrost mit "Nein" beantwortet werden können, dann kommt Ihnen "Die Liebe Geld" von Daniel Glattauer tatsächlich wie eine süffisante Komödie vor, die eine utopische Welt beschreibt, von der wir meilenweit, nein Lichtjahre entfernt zu sein scheinen. Wenn jedoch die oberen Fragen eher ein "Ja" hervorlocken und die eine oder andere Begegnung tatsächlich bereits zum Nachdenken angeregt hat, dann ist der Roman eine bitterböse Skizzierung einer erstaunlichen realen, zukunftsorientierten Welt und für eben diese kurze, aber nachdrückliche, literarische Ohrfeige in das Gesicht unser freiheitsorientierten, selbstständigen Gesellschaft kann ich Daniel Glattauer gegenüber nur meinen Hut ziehen.

In eben diesem Manifest sieht sich Alfred mit der Situation des nahenden Hochzeitstages konfrontiert und möchte dafür entsprechend Geld aus seinen Ersparnissen abheben. Was als kleines Missverständnis beginnt endet in einer weitaus größeren Skizzierung dessen, was die Bank unseres Vertrauens in der Zukunft für uns in petto haben könnte und das ist weit mehr als nur eine Bereitstellung des Geldes.

Bitterböse, scharf gezeichnet und raffiniert gestrickt führt Daniel Glattauer den Leser in die neue Welt der Banken, gefüllt mit, für mich, vielen realen Stricken, die er fulminant utopisch zu Ende strickt, die somit ein so faszinierendes und zugleich erschreckendes Bild ergeben, dass ich immer noch hinterfrage, ob ich gerade bei der richtigen Bank bin und was "richtig" in diesem Zusammenhang überhaupt noch bedeuten kann. Eine Empfehlung für alle, die bereits den einen oder anderen Zweifel am Bankensystem hegen, die bitterbösen Humor lieben und scharfe Dialoge gepaart mit skurrilen Inhalten zu schätzen wissen.

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