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Veröffentlicht am 27.03.2026

Summe aller Teile

Elbland
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Genau das sind wir, die Summe aller Teile, wie bei einem Puzzle setzen sie uns zusammen. Die Vergangenheitsteile, die Gegenwart und die Zukunft. Die Gegenwart ist leicht, im Hier und Jetzt bestimmen wir ...

Genau das sind wir, die Summe aller Teile, wie bei einem Puzzle setzen sie uns zusammen. Die Vergangenheitsteile, die Gegenwart und die Zukunft. Die Gegenwart ist leicht, im Hier und Jetzt bestimmen wir selbst, wie wir unsere Wege wählen, welche Türen wir öffnen und welche Entscheidungen zu uns gehören. Die Zukunft bleibt abstrakt, aber auch hier stellen wir die Weichen selbst. Doch die Vergangenheit ist oft verklärt, Erinnerungen verschwimmen und vieles ist uns schlichtweg nicht bewusst. Sie ist komplex, weil sie durch einschneidende Figuren wie Eltern und Großeltern geprägt wurde und oft müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht alles wissen, nicht alle Fragen gestellt haben.

So geht es auch Nina, die eines Nachts von einem Anruf geweckt wird, dass ihre Mutter plötzlich verstorben ist. Im Krankenhaus trifft sie auf ihren Vater, sowie ihre Schwester Katja, von denen sie sich aber bei der Pflege der Mutter im Stich gelassen fühlt. Die Frage der Schuld wiegt schwer und was eigentlich genau beim letzen Familienurlaub 1987 passiert ist, dass dazu geführt hat, dass nur Nina sich für ihre komplizierte Mutter zuständig fühlte. Doch das ist nur der Anfang einer Geschichte, die bis in den zweiten Weltkrieg reicht und weitreichende Folgen für die ganze Familie hat.

„Elbland“ ist ein spannender, generationsübergreifender Roman mit der großen Frage, warum wir nicht wissen, wer wir sind und warum wir zulassen, dass Fragen nie beantwortet werden, außer es ist schlichtweg zu spät. Die Figuren sind stark, nachvollziehbar emotional und die Geschichte und alles, was die Charaktere im Hier und Jetzt sind, fügt sich nahtlos wie bei einem Puzzle. Zurück bleibt eine große Zufriedenheit und der Wunsch mehr über die eigene Familie zu wissen, denn wie sagt man so schön? Nach drei Generationen ist alles davor vergessen, kann nicht mehr erzählt werden, obwohl es sehr wohl eine Rolle spielt im Hier und Jetzt.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Entgleist

Solange ein Streichholz brennt
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Was wäre, wenn dir das Leben entgleist? Einfach durch die Finger gleitet wie Wasser, unaufhaltsam und in einem Rutsch? Die Vergangenheit verdrängt, die Gegenwart nur gültig für den Moment und die Zukunft ...

Was wäre, wenn dir das Leben entgleist? Einfach durch die Finger gleitet wie Wasser, unaufhaltsam und in einem Rutsch? Die Vergangenheit verdrängt, die Gegenwart nur gültig für den Moment und die Zukunft eine Frage, die sich besser nicht stellt? Was wäre, wenn alles, was dir bleibt, die eigene Kleidung am Leib ist, ohne Wohnung, Geld, Essen und einer Idee, wie es weitergehen könnte?

So ergeht es Bohm im neuesten Werk von Christian Huber „Solange ein Streichholz brennt“. Mitte dreißig, auf der Straße gelandet, das Warum bleibt sein Geheimnis, wie vieles andere auch. Mit seinem Hund Fox schlägt er sich durch auf den Straßen von Köln. Bis er eines Tages Alina Alev trifft, die auf der Suche nach einem Protagonisten für eine Reportage bei Bohm hängen bleibt. Beide spüren, dass diese Begegnung anders ist, aber zugleich weiß Alina, dass Bohm ihr nicht alles erzählt, bis alles an die Oberfläche bricht.

Christian Huber hat hier wiederum nach seinem ersten Erfolg eine schwere Thematik leicht verpackt, der Roman wurde von mir in nahezu einem Rutsch verschlungen. Mir gefallen die Figuren, die visuelle Darstellung und auch, dass er sich gezielt jemanden von der Straße nimmt als Protagonisten, wo wir alle unsere Distanz spüren und wahren. Alina ist wie eine Brücke und überrascht mit ihrem Verhalten, ihrer Entwicklung. Und Bohm ist wirklich gut gezeichnet, die Klischees werden überwunden, weil die Fragen hinter dem Menschen dominieren. Wer bist du eigentlich und wie konnte es soweit kommen? Dabei bewahrt Huber die Leichtigkeit und schafft so für mich bereits eins der besten Bücher des kommenden Sommers, bei dem ich auf eine wunderschöne Verfilmung hoffe. Eine Empfehlung für alle Fans, aber auch für Freunde der Mischung aus tragischen Figuren und doch leichter Lektüre, die sich selbst oft nicht zu ernst nimmt.

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Veröffentlicht am 10.04.2023

Doppelmoral

Die spürst du nicht
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Wir wollen alle Gutmenschen sein, den Armen helfen, die Schwachen unterstützen, quasi die neuzeitlichen Ritter auf dem weißen Pferd mit weißer Weste, die sich den Tyranneien der Gegenwart stellen, die ...

Wir wollen alle Gutmenschen sein, den Armen helfen, die Schwachen unterstützen, quasi die neuzeitlichen Ritter auf dem weißen Pferd mit weißer Weste, die sich den Tyranneien der Gegenwart stellen, die selbsterkorenen Robin Hoods, die für Gerechtigkeit sorgen. Aber sind wir das wirklich oder sehen wir uns nur gerne in diesem Licht, sobald wir ein Spendenkonto für Kinder in Afrika eingerichtet haben?

Dieser und weiteren Fragen bezüglich unserer scheinheiligen Doppelmoral geht Daniel Glattauer in seinem neuesten Roman "Die spürst du nicht" wortwörtlich auf den Grund, rüttelt auf, regt zu Gesprächen an und hinterlässt einen Leser, der zwischen all den Worten und Seiten wahrscheinlich wieder das Wesentliche aus dem Blick verloren hat, wie es uns im Alltag immer wieder passiert.

Die Familien Binder und Strobl- Marinek genießen ihre wohlverdiente Auszeit in der Toskana und lassen es sich gut gehen. Auf Wunsch von Tocher Sophie Luise darf auch das Flüchtlingskind aus ihrer Klasse mit dabei sein, Aayana. Es scheint ein wunderschöner Urlaub zu werden, bis eine Katastrophe alles in den Abgrund reißt.

Der Stil ist einnehmend, die Wendungen überraschend, die diversen Meinungen und Reflektionen erfrischend ehrlich. Das Thema ist tiefgründig, wachrüttelnd und ein Spiegel unserer Gesellschaft. Daniel Glattauer scheut sich nicht davor uns unsere Schwächen aufzuzeigen, uns durch diverse Stilmittel direkt ins Rampenlicht zu schieben und Licht auf unsere blinden Flecken zu werfen. Es fängt mit den kleinen alltäglichen Dingen an, dem Schubladendenken und dem Glauben, dass es uns ja nicht betrifft. Dabei sind Vorurteile schon gefällt, Überlegenheit schneller ausgespielt als wir den Kopf schütteln können und zurück bleibt das Bewusstsein, dass wir nicht perfekt sind. Dialog und Austausch sind immer wieder die Lösung des Problems, Zuhören immer noch Gold und Zurückhaltung eine Tugend.

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Veröffentlicht am 08.04.2023

Zwischentöne

In blaukalter Tiefe
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Das Unausgesprochene wiegt schwer, schwerer als das gesprochene Wort. Es klebt an uns wie ein durchgeschwitztes T-Shirt, unangenehm, kalt, aber nicht zu vermeiden. Ein Schatten, der uns folgt, wir winken ...

Das Unausgesprochene wiegt schwer, schwerer als das gesprochene Wort. Es klebt an uns wie ein durchgeschwitztes T-Shirt, unangenehm, kalt, aber nicht zu vermeiden. Ein Schatten, der uns folgt, wir winken ihm zu, wissend, dass wir nicht ewig weichen können, denn irgendwann holt er uns ein und die Konsequenzen sind für uns nicht greifbar.

Das ist es auch, was Caroline empfindet, als ihr Mann Andreas mit ihr, seinem Arbeitskollegen Daniel und dessen Freundin Tanja zu einem Segeltörn in die Schären aufbricht. Der romantische Start der Reise entwickelt sich schnell zu zu einem dunklen Sturm, der alle in Gefahr bringt, denn nicht nur zwischen Caroline und ihrem Mann steht das Unausgesprochene wie eine Barriere.

Kristina Hauffs neuester Roman "In blaukalter Tiefe" spielt wie ihr Debüt mit den Elementen der Natur, eine Hommage an die Gezeiten und mittendrin menschliche Irrungen und Wirrungen. Das beklemmende Gefühl begleitet den Leser, lässt ihn nicht los. Unangenehm und dabei so authentisch schildert sie die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen und kombiniert diese mit herausragenden Schilderungen der kontrastreichen Naturidylle. Das intensive Leseerlebnis hat mich bereits bei ihrem Debüt begeistert und auch ihr Mut sich diesen Themen zu stellen, die einen Spiegel auf uns und unsere Gesellschaft werfen, nachdenklich stimmen und somit lange nachhallen. Eine Empfehlung für alle, die sich einen Segeltörn zu romantisch vorstellen und kontrastreiche Beziehungen faszinierend finden und gerne zwischen den Zeilen lesen.

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Veröffentlicht am 13.11.2022

Der Mensch und die Trauer

Schlangen im Garten
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Man sagt, sie kommt in Wogen, Wellen, sie verhält sich wie Ebbe und Flut, wie die Gezeiten. Sie kommt und geht, wie es ihr passt. Sie ist wie der reinste April, von strahlendem Sonnenschein wechselt sie ...

Man sagt, sie kommt in Wogen, Wellen, sie verhält sich wie Ebbe und Flut, wie die Gezeiten. Sie kommt und geht, wie es ihr passt. Sie ist wie der reinste April, von strahlendem Sonnenschein wechselt sie von jetzt auf gleich in einen prasselnden Regenschauer und einen grauen, wolkenverhangenen Novembertag. Aber manchmal ist sie einfach nur innere Leere, dunkle Gedanken und verdrängt alles Licht. Manchmal ist sie das allumfassende Nichts, die unsichtbare Konstante im Bunde, die niemand eingeladen hat. So empfindet das auch Familie Mohn nach dem Verlust von Mutter Johanne.

Nach dem tragischen Verlust kämpft jeder in der Familie Mohn mit den Begleiterscheinungen. Es findet jedoch keine richtige Trauerarbeit statt, weshalb sich Ginster vom Traueramt nun dieser Familie annimmt. Schnell merkt auch er, dass er es mit einem besonderen Fall zu tun hat und das es ihm immer schwerer fällt, professionelle Distanz zu wahren.

Ich war bereits ein Fan von Stefanie vor Schultes Debütroman und habe mit Spannung diesem neuen Roman entgegengefiebert. Mag die Geschichte eine komplett andere sein, ist sie wiederum erfrischend anders, skurril und watet mit märchengleichen, teilweise absurden Elementen auf, die die Visualisierung so interessant zeichnen. Herausragend ist wiederum ihre Begabung für Sprache und die Tiefe zwischen den Worten, die eine realistische Geschichte in andere Sphären katapultiert, dabei immer den Kern der Botschaft bewahrt, den ich auch in diesem Fall als besonders lehrreich empfinde. Die Figuren sind bunt, vielseitig und dabei vielschichtig gezeichnet, die Handlung hat ihren eigenen Twist und die Thematik ist mir persönlich sehr nahe. Trauer und Tod sind die ungefragten Begleiter, denen wir von Beginn an unbewusst zugesagt haben. Wir können einen Bogen um sie schlagen und sie meiden, aber es ändert nichts daran, dass ein jeder sie ins Leben lassen muss. Wichtiger als die Fokussierung auf den Tod, Trauer und Tränen ist jedoch alles, was bleibt. Denn so funktioniert das Spiel auf diesem Schachbrett des Lebens und wir ziehen weiter, weil wir uns dem Fluss der Gezeiten nicht entziehen können.

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