Familienverstrickungen und vererbte Schuld
Als Ninas Mutter plötzlich stirbt, bricht dadurch nicht die Familie auseinander. Nein, denn das ist sie schon vor vielen Jahren und über einen ein Leben lang reichenden Zeitraum hinweg. Zerbrochen und ...
Als Ninas Mutter plötzlich stirbt, bricht dadurch nicht die Familie auseinander. Nein, denn das ist sie schon vor vielen Jahren und über einen ein Leben lang reichenden Zeitraum hinweg. Zerbrochen und auseinandergefallen in lauter Einzelteile: Nina als einzige noch verhaftet bei der Mutter, der Vater längst mit neuer Familie, die Lieblingstochter und jüngere Schwester Katja meilenweit entfernt – vor allem gefühlsmäßig. Und obwohl Nina erwachsen ist, hat sie nie den Grund dafür verstanden. Eine Reise in die verlorene Heimat ihrer Mutter soll Licht ins Dunkel verborgener Konflikte bringen.
Der Roman beginnt am Wendepunkt von Mutter Irmas Tod und Beerdigung und mit einer Nina, die in Verbitterung festgefahren ist. Nach und nach breiten sich vor uns beim Lesen die Spannungen zwischen den Beteiligten aus. Denn Nina hat nicht nur ein belastetes Verhältnis zu Vater und Schwester, auch die Beziehung zu ihrem Partner ist äußerst fragil. Schmerzhaft ist es beim Lesen, wie Nina als Charakter leidet, aneckt und immer wieder an Grenzen stößt, deren Regeln sie nicht versteht. Beinahe krampfig klammert sich Nina an ihrer gebrochenen Mutter fest, so dass der Vater schließlich fordert: „Lass sie gehen, Nina. Lass Mutti los, es wird Zeit.“ Doch auf das Loslassen folgt Leere.
Die Reise in die böhmische Heimat ihrer Mutter bringt noch mehr Schmerz, aber auch Erkenntnisse. Die Vergangenheit von Mutter Irma ist äußerst einfühlsam erzählt und reißt am Ende nicht nur an Ninas Herz, sondern auch an meinem.
Die wahre Stärke des Romans liegt für mich persönlich jedoch gar nicht im historisch absolut beklemmenden Kontext, sondern es ist die Filetierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, das Offenlegen dieses zerbrechlichen Geflechts und der darunter liegenden Gefühle, das Thema weitergegebener Schuldgefühle, die noch die nächste Generation vergiften, die mich beim Lesen gepackt und zum Nachdenken angeregt haben.
Ein Buch, das noch nachhallt, wenn man die Buchdeckel schließt.