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Veröffentlicht am 26.02.2026

Bear oder Julian oder Gordon?

Die Namen
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Habt ihr schon einmal einen Roman unter einer völlig falschen Prämisse gelesen und wart dann doch vollauf begeistert?

So erging es mir mit „Die Namen“. Ich fand die im Klappentext aufgeworfene Fragestellung ...

Habt ihr schon einmal einen Roman unter einer völlig falschen Prämisse gelesen und wart dann doch vollauf begeistert?

So erging es mir mit „Die Namen“. Ich fand die im Klappentext aufgeworfene Fragestellung faszinierend, ob der Name, der für ein Kind gewählt wird, sich auf dessen Persönlichkeitsbildung auswirkt. Der Vater wünscht sich, dass der Kleine Gordon nach ihm benannt wird, Mutter Cora fände Julian schön und die große Schwester Maia würde ihren Bruder am liebsten Bear nennen.

Beim Lesen nur weniger Seiten wurde mir jedoch schlagartig klar, dass dieser Roman außer dieser Frage noch ein ganz zentrales Thema behandelt, nämlich häusliche Gewalt. Und zwar in massiver, expliziter und alles beherrschender Form. Ich muss ehrlich gestehen, dass dies aus dem Klappentext einfach nicht ersichtlich war und ich damit im ersten Moment der unerwarteten Konfrontation doch einigermaßen schockiert war. Eine Triggerwarnung wäre hier dringend angebracht gewesen.

Hat dies jedoch dem Lesegenuss geschadet? Nein, sogar eher im Gegenteil. Denn dadurch gewinnt die Geschichte mächtig an Tiefe. In drei Handlungssträngen verfolgen wir das Leben des zu Beginn noch namenlosen Jungen. Aufgrund der ernsten und durchaus bedrohlichen Ausgangslage verläuft dieses als Bear, als Julian oder als Gordon extrem unterschiedlich, die Weichen werden dramatisch anders gestellt.

Die Autorin spart dabei keineswegs mit Tragik und Schockmomenten und beim Lesen drängt sich das unschöne Gefühl auf, letzten Endes doch einem rätselhaften Schicksal unterworfen zu sein. Ein Fazit habe ich daher nach dem Zuklappen der Buchdeckel nicht gefunden, aber einen geschärften Blick auf das, was die Gesellschaft aus einem kleinen Menschen macht.

Für einen besonderen, erhellenden Lesemoment sorgte eine Szene ganz am Ende des Romans im Zusammenhang mit den Pinturas negras von Goya und einer wirklich starken Symbolik.

Eine eindringliche Lektüre, über die ich noch lange nachdenken werde.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Was in der Tiefe liegt

Sommer auf Perigo Island
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Der Sommer 1991 auf einer kleinen Insel in Neufundland verspricht für den zwölfjährigen Pierce und seine beiden besten Freunde Thomas und Bennie wenig Überraschungen. Die Tage sind gefüllt mit Herumlungern ...

Der Sommer 1991 auf einer kleinen Insel in Neufundland verspricht für den zwölfjährigen Pierce und seine beiden besten Freunde Thomas und Bennie wenig Überraschungen. Die Tage sind gefüllt mit Herumlungern und kleinen Jobs am Hafen. Der Ort ist geprägt von der Fischfabrik. Doch dann wird Perigo Island vom Verschwinden der nur wenig älteren Anna erschüttert. Pierce, Thomas, Bennie und dessen Cousine Emily stellen Nachforschungen an und stoßen auf den sonderbaren Solomon Vickers, der in einem unheimlichen, verlassenen Sanatorium haust.

Was für ein wunderbarer Abenteuerroman mit Coming-of-Age-Story! Allein das Setting auf der rauen Insel in Neufundland packte mich und riss mich mitten in die Geschichte. Diese enthält alle bewährten Elemente wie den geheimnisvollen Einsiedler, die verfeindete, üble Jungs-Gang, eine ganz zarte Liebesgeschichte und vor allem wahre Freundschaft. Nicht neu, aber absolut zauberhaft und fesselnd erzählt. Dazu schenkt uns der Autor fantastische Bilder mit den Eisbergen, die vor Neufundland treiben.

Pierce als jugendlicher Held taugt perfekt, um auch die Tiefen der Erzählung zu tragen. Er kämpft noch immer mit dem Verlust seines Vaters, der auf dem Meer verschollen ist. Das Verschwinden von Anna rüttelt an seinen tiefsten Ängsten, entfesselt in ihm aber auch unglaublichen Mut.

Eine wirklich wunderbare Geschichte, für die ich gerne eine Leseempfehlung ausspreche.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Viel Botanik, wenig Bibliothek

Botanic Hearts
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Ein Hurrikan zerstört in Houston nicht nur unzählige Wohnhäuser, sondern setzt auch die Grant Gellman Library unter Wasser. Deren Zukunft stand vorher schon auf dem Spiel.

Bibliotheksleiterin Tansy bekommt ...

Ein Hurrikan zerstört in Houston nicht nur unzählige Wohnhäuser, sondern setzt auch die Grant Gellman Library unter Wasser. Deren Zukunft stand vorher schon auf dem Spiel.

Bibliotheksleiterin Tansy bekommt eine letzte Chance: Übergangsweise zieht die Bibliothek in den Botanischen Garten. Doch das gefällt nicht allen dort. Besonders Jack, dessen zukünftiger Leiter, sind Tansy und ihre Ideen ein Dorn im Auge.

Was für eine niedliche Idee, die Bibliothek in den Botanischen Garten zu verlegen, wo sie ganz goldig zur Little Green Library wird. Auch das Aufeinandertreffen von grumpy Jack und Sunshine Tansy versprach witzige Wortgefechte, Humor und prickelnde Momente.
Ich muss allerdings gestehen, dass mir der Einstieg in die Geschichte nicht so leichtfiel, was an der Erzählperspektive lag. Wir haben zwar 2 POV, aber nicht in der Ich-Perspektive, sondern vermittelt durch einen personalen Erzähler. Das fand ich holprig zu lesen und brauchte einige Kapitel, um mich in den Klang hineinzufinden.

Die Figur des grummeligen Jack und seine grenzenlose Pflanzenliebe fand ich hervorragend erzählt. Tansy als Person überzeugte ebenfalls. Was ich jedoch nicht spüren konnte, war die vielbeschworene Bibliotheksenergie. Die bestand zum größten Teil aus hingebungsvollen Veranstaltungen und Vorlesestunden für Kleinkinder, aber die eigentliche Bücherliebe, die wir Bookies uns in solch einem Roman wünschen, fand nicht statt. Es hätte auch einfach eine KiTa sein können, die da in den Botanischen Garten zieht.

Da ich aber das Thema der Folgen des Hurrikans – auch was das mit den Menschen dort macht - äußerst spannend und aufschlussreich geschildert fand, war ich am Ende mit dem Leseerlebnis durchaus zufrieden.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Jahresbegleiter

Ein Jahr des Staunens
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365 Wissenswunder für Neugierige verspricht der Untertitel dieser Sammlung von kleinen Wissenshäppchen.

Seit dieses Buch bei mir eingezogen ist, genieße ich diese informativen Häppchen jeden Abend zum ...

365 Wissenswunder für Neugierige verspricht der Untertitel dieser Sammlung von kleinen Wissenshäppchen.

Seit dieses Buch bei mir eingezogen ist, genieße ich diese informativen Häppchen jeden Abend zum Abschluss eines jeden Tages. Vor allem staune ich über die geradezu riesige Themenvielfalt. Da ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei, wie ich euch am Beispiel des aktuellen Monats Februar zeigen darf:

Außerordentlich faszinierend fand ich am 7. Februar die Erläuterung sprechender Figurennamen bei Charles Dickens, während mich nur wenige Tage später am 12. Februar die Erklärung des Begriffes „Inbrunst“ faszinierte. Wenige Tage später am 18. Februar durfte ich einiges über die Geschichte der Ananas erfahren.

Es sind tatsächlich vielfältige Themen und Beiträge, die jeden Tag einen kleinen Wissensfunken zünden. Ein vorsichtiger, neugieriger Blick auf kommende Monate hat die Vorfreude ansteigen lassen auf Rezepte, Fun Facts und Schlaumeiereien.
Ich freue mich auf weitere Monate bester Wissensunterhaltung!

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Eher Erlebnis als Erfüllung

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Dass Vea Kaiser die Meisterin der Fabulierkunst ist, möchte ich keine Sekunde bestreiten. Also habe ich mich voller Enthusiasmus an das 550 Seiten starke Werk gesetzt, um im ersten Moment kläglich zu scheitern. ...

Dass Vea Kaiser die Meisterin der Fabulierkunst ist, möchte ich keine Sekunde bestreiten. Also habe ich mich voller Enthusiasmus an das 550 Seiten starke Werk gesetzt, um im ersten Moment kläglich zu scheitern. Ich bin einfach nicht in die Geschichte hineingekommen. Daher habe ich sie ein wenig reifen lassen, um dann einen weiteren Anlauf zu starten, doch wieder hat sich mir der Sound der Erzählung nicht erschlossen.

Schließlich habe ich mir das Hörbuch heruntergeladen, und siehe da, plötzlich war ich im Klang drin und konnte der Erzählung folgen.

Reibungslos blieb es leider dennoch nicht, denn was den besonderen Charme des Romans ausmacht, entpuppte sich für mich als Stolperfalle: Andauernd stieß ich auf mir unbekannte Formulierungen oder Wörter. Einiges war wahnsinnig derb und zugleich amüsant. Ich hätte nie gedacht, wie inbrünstig in Wien geflucht wird! Anderes musste ich erst im Glossar nachschlagen, was natürlich zeitverzögert und unpraktisch ist, wenn man das Hörbuch unterwegs anhört.

Am Ende bin ich dann zwischen Print und Hörbuch hin und her gehüpft und irgendwo dazwischen verloren gegangen.

Was ich mitnehme? Die Erzählkunst und vor allem die unbändige Erzählfreude von Vea Kaiser springen einem förmlich entgegen, und der Roman ist gespickt mit ganz unglaublichen Begebenheiten und Situationen. Dazu mit Angelika Moser eine wahnsinnig spannende und schillernde Hauptfigur.

Für mich persönlich wollte kein ungestörter Lese-/ Hörfluss zustande kommen, so sehr ich die Geschichte auch mögen wollte. Ich bin aber sicher, dass der schillernde Glanz des Grand Hotels auf begeisterte Leseherzen überspringen wird, die besser in die Erzählung hineinfinden.

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