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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.11.2021

Drei verschiedene Welten

Die Enkelin
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Wir glauben, die engsten Menschen in unserem Leben zu kennen, ihre Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft- alles ist manifestiert, gar asphaltiert, bis ein Schicksalsschlag diesen Pfad aufreißt, ...

Wir glauben, die engsten Menschen in unserem Leben zu kennen, ihre Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft- alles ist manifestiert, gar asphaltiert, bis ein Schicksalsschlag diesen Pfad aufreißt, neue Wege formt und dich auf eine Reise voller Ungereimtheiten und Widersprüche schickt, die damit endet, dass du für dich Familie und Verbundenheit ganz neu interpretieren musst. Bernhard Schlink schafft mit seinem neuesten Roman "Die Enkelin" ein emotionales Epos, eine Achterbahnfahrt der Gefühle und ein Werk voller Konfrontation zwischen alt und jung, neuem und altem Gedankentum auf verquere Weise verdreht.

Birgit und Kasper verbindet eine Liebesgeschichte seit 1965. Durch ihren plötzlichen Tod stößt Kaspar auf ein Manuskript, dass mehr Fragen aufwirft, als Antworten zu geben. Kaspar begibt sich auf eine Reise in Birgits Vergangenheit und findet Menschen und Familie. Doch was so leicht sein könnte, um den Kreis der Verbundenheit zu schließen, stellt sich als das größte Hindernis heraus.


Der Stil ist angenehm, wenn auch die ersten Seiten den Leser direkt ins Geschehen stoßen, in den Moment des plötzlichen Abschiednehmens, aber auch in eine Möglichkeit, das Ganze anders zu begreifen und einen Menschen neu zu verstehen in seiner Komplexität. Birgit bleibt dabei geheimnisvoll wie eine Stimme aus dem Offside. Kaspar hingegen erstaunt und fasziniert durch seine so authentische Darstellung, was es dem Leser so leicht gestaltet, ganz bei ihm zu bleiben. Sigrun ist das beste Beispiel dafür, dass Geschichte dich prägt und auch deine Eltern. Selbst wenn die Gedanken noch so frei sein dürfen, sind wir doch in unseren Mustern gefangen, solange wir die Ketten nicht durchzubrechen vermögen. Ein anspruchsvoller Roman voller Facetten, voller Tiefgang und eine Empfehlung für alle, die bereit sind für eine emotionale Reise durch die deutsche Geschichte.

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Veröffentlicht am 13.11.2021

Wenn ich fort bin, wird alles besser

Wenn ich wiederkomme
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Als ich die ersten Zeilen von Marco Balzanos Familiendrama "Wenn ich wiederkomme" gelesen habe, kamen meine Gedanken bereits ins Stocken. "Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen". Der Satz, ...

Als ich die ersten Zeilen von Marco Balzanos Familiendrama "Wenn ich wiederkomme" gelesen habe, kamen meine Gedanken bereits ins Stocken. "Du hättest eigentlich gar nicht geboren werden dürfen". Der Satz, den eine Mutter vielleicht manchmal denkt, zu schwierigen Zeiten, wenn das ganze Alltagsgerüst über einem zusammenbricht und man am liebsten den Tag unter eine Decke verkrochen verbringen will. Dieser Satz ausgesprochen jedoch, in das Gesicht eben jener Kinder, der ist unwiderruflich und so mächtig in seinen Folgen, wie der Schmetterlingsflügelschlag, der einen Orkan auslöst. Unabsehbare Konsequenzen der Macht unserer Worte, die wir in Momenten, in denen wir nicht bei uns selbst sind, hinaus in die Welt schicken und nicht mehr einzufangen vermögen.

Daniela lebt in einer rumänischen Stadt am Existenzminimum zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Wie viele träumt sie von einem besseren Leben für ihre Kinder und schlussendlich auch sich selbst, also sucht sie das Glück in Mailand. Die Arbeit ist beschwerlich und sie vermisst ihr Leben und vor allem ihre Kinder. Als ihr Sohn einen schwerwiegenden Unfall erleidet, sieht sie sich gezwungen, der Wahrheit ins Auge zu blicken, denn Glück bedeutet nicht nur ein gewisser Wohlstand, sondern Glück bedeutet auch Zeit.

Der Stil ist nahezu erschreckend leicht, was in Kontrast zur schweren Thematik steht. Das erzeugt jedoch eine gewisse objektive Gleichgültigkeit auf die subjektive Sicht auf die Dinge, die dem Leser aus allen Perspektiven entgegenschallt. Egal, wie intensiv die Gedanken sind, der Leser kratzt durch die Wechsel immer nur an der Oberfläche und so fühlte ich mich über weite Strecken versunken im Sumpf der ungehörten Gedanken und verborgenen Emotionen. Vor allem die Wechsel der Protagonisten hat mir sehr gut gefallen, dabei bleibt die Erzählsicht spannend und fesselnd. Viele wunderbare Metaphern und visuelle Momente erzeugen nahezu einen Klang in meinem Kopf, wie eine Sinfonie der Sinnlosigkeit der Situation. Die Protagonisten sind dabei gut skizziert, nicht zu komplex dargestellt und bleiben doch mysteriös. Es fühlt sich an wie eine Begegnung auf der Straße, die auf einen Kaffee reicht, einige Gespräche und die dich dann auf unbestimmte Zeit in die Nacht entlässt. Eine Empfehlung für alle, die vielschichtige Romane schätzen, die mehr über die "Italienkrankheit" erfahren möchten und die viel aus einer Geschichte mitnehmen können, die dich mit Fragezeichen im Kopf in den Alltag entlässt.

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Veröffentlicht am 04.09.2021

Es liegt in der Luft

Tote schweigen nie
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Eine Mischung aus Formaldehyd, Desinfektionsmittel und Süße der Verwesung liegt in der Luft, unverkennbar und doch so unbekannt. Direkt zu Beginn und immer wieder zwischen den Zeilen der Worte dieses Thrillers. ...

Eine Mischung aus Formaldehyd, Desinfektionsmittel und Süße der Verwesung liegt in der Luft, unverkennbar und doch so unbekannt. Direkt zu Beginn und immer wieder zwischen den Zeilen der Worte dieses Thrillers. Kleine Nuancen, die zur besonderen Atmosphäre dieses Thrillers beitragen. Der Geruch des Todes, in seiner gänzlichen Blüte, auf normalem Wege oder herbeigeführt durch die Hand anderer. Und doch ist in der Leichenhalle diese unglaubliche Ruhe, durchbrochen von Zeit zu Zeit durch die wenigen Worte, die die Verstorbenen an Cassie Raven richten, Assistentin der Gerichtsmedizin. Vielleicht ist es Aberglaube, vielleicht ist es eine spirituelle Kraft, oder auch einfach nur ihr Auge für die Details, die ihren ersten großen Fall ins Rollen bringen.

Cassie Raven liebt ihren Job- das mögen andere absonderlich finden, denn den Großteil verbringt sie in der Leichenhalle-, doch ihr Talent gibt ihr Recht. Äußerlich Gothic Punk und eher distanziert, schafft sie es, durch ihre empathischen Fähigkeiten und Genauigkeit in ihrer Analyse Verborgenes zutage zu bringen und selbst klare Todesfälle zu hinterfragen. Eines Tages erblickt sie ihre Mentorin auf dem Seziertisch, ein Badewannenunfall, wie er gelegentlich passieren kann, nicht unbedingt außergewöhnlich. Doch Cassie lässt dieser Fall nicht mehr los und schnell findet sie sich in einem Strudel der Ereignisse wieder.

Der Stil ist leicht, die Satzung etwas gewöhnungsbedürftig, dann aber stößt sich der Leser nicht mehr an dieser. Besonders Cassie Raven ist für mich wirklich gut gezeichnet, wirkt mehrdimensional und dadurch vielschichtig, interessant, glaubwürdig, angenehm verrückt und auf ihre Art und Weise sympathisch. Der Fall beinhaltet alles, was sich Thriller Fans nur wünschen können: Angst, Trauer, Melancholie, dazu Spannung und eng verwobene Handlungsstränge, falsche Richtungen, alte Geschichten, Erinnerungen und neue Wendungen. DS Phyllida Flyte, die als Kommissarin ebenfalls eine Rolle spielt, konnte mich nicht auf ganzer Linie überzeugen, ihre Gedankengänge und Wesenszüge wirkten auf mich manchmal zu sprunghaft und konstruiert. Trotzdem ein würdiger Auftakt einer sicherlich spannenden Serie, der ich mit freudiger Erwartung entgegenblicke.

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Veröffentlicht am 13.06.2021

Das Palais im politischen Kreuzfeuer

Palais Heiligendamm - Stürmische Zeiten
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Die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs stecken allen noch in den Knochen, als sich Deutschland wiederum als machthungrige Nation begreift mit dem absurden Ziel der Weltherrschaft. Mittendrin das Palais ...

Die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs stecken allen noch in den Knochen, als sich Deutschland wiederum als machthungrige Nation begreift mit dem absurden Ziel der Weltherrschaft. Mittendrin das Palais und die Familie Kuhlmann in der zweiten und dritten Generation, getrieben von der Armut vergangener Zeiten mit dem Glauben an eine bessere Zeit, welches sich schnell als Irrtum entpuppt.

1922- Das Palais erstrahlt in neuem Glanz, doch Gäste bleiben fern, bis sich die Möglichkeit ergibt, dass das wunderschöne Hotel in Bad Doberan als Kulisse für einen Blockbuster dient. So kommen sich auch Julius und Elisabeth wieder näher, wäre da nicht das Misstrauen, das sich zwischen sie gesellt. Paul hingegen zweifelt immer mehr an der Entscheidung für eine Ehe mit Helene und lässt sich in den Strudel der NSDAP ziehen in Form von Carl, der in von der neuen Ordnung der Welt überzeugt und so das Palais und seine ganze Familie in den politischen Strudel der Zeit zieht.

Der Stil ist leicht wie eh und je, die Handlung authentisch, der Beginn in Anknüpfung an Band 1 nachvollziehbar gezeichnet und somit nahezu nahtlos. Die Figuren sind gekennzeichnet durch die traumatischen Ereignisse des ersten Teils und wirken nicht mehr so sehr konzentriert auf lapidare Ereignisse. Elisabeth ist der jugendlichen Wildheit entwachsen und leitet nun das Palais mit großem Geschick und Selbstbewusstsein. Die Beziehung zu Julius ist angespannt und Elisabeth sowie er selbst stehen ihrem Glück wieder selbst im Weg. Paul kann seine wahre Gesinnung nicht weiter verheimlichen und sieht in Carl seine Möglichkeit auf ein glückliches Leben. Die politische Maschinerie ist der dominante Part der Erzählung und dadurch rückt das Palais und der Hotellerie Charme in den Hintergrund. Leider ist auch das Tempo der Geschichte sehr rasant, wo ich mir gerne noch Zeit gelassen hätte. Mir gefällt jedoch der bekannte Charme des ersten Teils und die weitere Integration geliebter Charaktere. Eine Empfehlung für Fans von leichten Erzählungen, familiären als auch politischen Verstrickungen und herzerwärmender Liebesgeschichten.

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Veröffentlicht am 21.03.2021

Thriller mit Start/Stopp Funktion

Die Stimme der Rache
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Nach den ersten Zeilen war ich gefangen- in der Geschichte, in dem Moment, inmitten erstarrter Angst, Bewegungslosigkeit und der Hoffnung, dass es noch einen Ausweg gibt. So intensiv startet "Die Stimme ...

Nach den ersten Zeilen war ich gefangen- in der Geschichte, in dem Moment, inmitten erstarrter Angst, Bewegungslosigkeit und der Hoffnung, dass es noch einen Ausweg gibt. So intensiv startet "Die Stimme der Rache" von Ethan Cross, der zweite Band rund um Francis Ackerman Jr. und Nadia Shirazi, seine Partnerin des FBI.
Mitten im Nirgendwo von Virginia versucht November McAllister wiederum den Fängen des Black Rose Killers zu entwischen. Sie ist sein bisher letztes Opfer, jedoch das einzige, dass bisher entkommen konnte. In diesem Farmhaus sollte sie unter Polizeischutz gesichert in ein neues Leben starten, doch der Black Rose Killer hat sie aufgespürt und alle Polizisten getötet. Bevor Francis Ackerman Jr. und seine Partnerin Nadia am Tatort ankommen, ist er bereits verschwunden, mit November in seinen Fängen. Ein Katz und Maus Spiel beginnt mit einem Gegner, der Francis Ackerman würdig erscheint- grausam, skrupellos und kaum vorhersehbar.
Der Stil ist fesselnd und spannened, der Einstieg hat mich nicht mehr losgelassen. Die Sprache ist dabei leicht, einfach zu verfolgen und so entpuppt sich der Thriller schnell als Pageturner. Die Charaktere zeigen Tiefgang, vor allem Francis Ackerman mit seiner dunklen Vergangenheit lüftet immer wieder Geheimnisse und Geschichten, die ihn geformt haben und sein Wesen erklären. Nadia wird ebenfalls tiefergehend beleuchtet und wirkt dadurch nahbarer. Die Geschichte an sich hat für mich klare Höhen und Tiefen. Der fulminante Start mit dem intensiven Tempo und der schauderhaften Atmosphäre wird stellenweise pausiert und führte für mich sehr oft in Passagen, die Francis Ackerman in ein Licht stellen, dass zwischen Selbstbeweihräucherung und der Ergatterung von etlichen Sympathiepunkten schwankte. Zudem war für mich die Aufklärung zu früh und ich präferiere Thriller mit etlichen Wendepunkten, die mich zu überraschen vermögen. Der Einsatz von Gewalt ist sehr explizit und leider zu wenig mit dem Black Rose Killer verbunden. So erinnerte mich der Roman an die Start/Stopp Funktion eines Autos, hat mich somit zwischendurch immer wieder gewonnen, jedoch auch verloren, was in einer inkonsequenten Leseerfahrung mündete. Eine Empfehlung für Fans der Reihen von Ethan Cross, die sich bereits im Bann befinden.

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