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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.10.2020

"Richtig" oder "falsch" ist meistens eine Frage der Perspektive

Leben ist ein unregelmäßiges Verb
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Ich sehe sie vor meinem visuellen Auge: Ringo, Leander, Linus und Frida. Sie schleichen sich des Nachts aus der Scheune zum Teich und halten ein Krötengericht ab, wobei das eigentlich keinem wirklichen ...

Ich sehe sie vor meinem visuellen Auge: Ringo, Leander, Linus und Frida. Sie schleichen sich des Nachts aus der Scheune zum Teich und halten ein Krötengericht ab, wobei das eigentlich keinem wirklichen Prozesse gleicht, sondern mehr einer Farce. Im Hintergrund schnaubt Noah auf der Wiese und sonst zirpen nur die Grillen. Der Morgen bricht heran in dieser kleinen, heilen Welt, die nur die Scheune und die Felder umfasst, diese kleine Kommune fernab von allen weltlichen Einflüssen.

Diesem Szenario entspringt der Roman "Leben ist ein unregelmäßiges Verb" von Rolf Lappert und entführt den Leser in eine Kommune der 80er Jahre, die sich fernab der Zivilisation verborgen hält, bis sie eines Tages von den Behörden entdeckt und aufgelöst wird. Ringo, Leander, Linus und Frida, die einzigen Kinder in der Gemeinschaft, müssen sich nun einer neuen Welt stellen, einer Gesellschaft, die ihre Kommune für schlecht gehalten hat und die sie empfängt wie ein Sprung in eiskaltes Wasser, unvorbereitet von hinten geschubst. Nichts ist, wie es scheint und alles anders als gedacht und gewollt. Vier Kinder auf der Suche nach dem Glück, nach Wurzeln, nach Heimat und einem Sinn in einer Gesellschaft, die starr an dem Schubladendenken bezüglich "richtig" und "falsch" festhält, an Vorurteilen und vorgefertigten Meinungen. Aber was bedeutet das eigentlich und ist im Grunde genommen nicht alles relativ, weil das Leben nach seinen eigenen Regeln spielt, die manchmal komplexer sind, als wir es zu erfassen vermögen?

Eben diesen Fragen gehen die Hauptprotagonisten in Rolf Lapperts Werk auf den Grund, erforschen ihre eigene Vergangenheit, sammeln die Erfahrung im Hier und Jetzt und bahnen sich einen Weg in eine unbekannte Zukunft. Der Stil ist leichtfüßig, aber die Zeilen bepackt mit unglaublich viel Liebe zum Detail. Jeder Moment, jede Begegnung und jeder neuer Charakter wird entsprechend gewürdigt und so nahbar beschrieben, als wäre es kein Roman, sondern wahrhaftige Memoiren von vier erstaunlichen Kindern. Die Handlung ließ mich immer wieder erstaunt zurück, weil sie so intensiv und in Slow Motion den Weg durchs Leben aufzeigt, der gespickt ist von Stolpersteinen und verwirrenden Abzweigungen für diese Kinder, die sich von dem Laster der Kommunenvergangenheit nicht wirklich lösen können. Der größte Reiz liegt darin, jeden Einzelnen auf so vielen Seiten beim Erwachsenwerden zusehen zu können und für sich selbst zu hinterfragen, ob die gesellschaftlichen Normen, die wir als richtig erachten der Definition überhaupt gerecht werden. Was ist richtig und was ist falsch? Was bedeutet Heimat und Ankommen? Was sind Wurzeln? Ein Gefühl der Beklommenheit, der Anteilnahme bei allen Entwicklungen hat mich durch das gesamte Werk begleitet immer mit dem Wunsch im Hintergrund, dass diese Kinder ein Happy End verdient haben. Der einzige Kritikpunkt ist für mich die Länge. Für mich hätte der Roman auch in komprimierterer Fassung gereicht. Eine klare Empfehlung für alle, die empathisch mit Charakteren mitfiebern wollen, Perspektivwechsel lieben und Geschichten, die dich über das Ende des Buches hinausbegleiten und ein Stück weit deine Sicht auf unsere Gesellschaft verändert.

  • Cover
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 14.10.2020

Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche

Irre! - Wir behandeln die Falschen
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Mit "Neue Irre! Wir behandeln die Flaschen" hat Manfred Lütz ein unterhaltsames und zugleich lehrreiches Werk geschaffen, dass Aufklärung bezüglich psychologischer Themen betreibt, dabei aber auch immer ...

Mit "Neue Irre! Wir behandeln die Flaschen" hat Manfred Lütz ein unterhaltsames und zugleich lehrreiches Werk geschaffen, dass Aufklärung bezüglich psychologischer Themen betreibt, dabei aber auch immer mit einem Augenzwinkern zu lesen ist.

Der Lesefluss gleicht einem guten Gespräch bei Rotwein und einer erlesenen Käseplatte mit einem Experten auf dem Gebiet der Psychologie. Der Start ist recht aufbrausend, provokant und polarisierend, jedoch ganz klar humoristisch angehaucht und soll eben genau das bezwecken: zum Nachdenken anregen mit ambivalenten Thesen und stichelnden Aussagen. Der Rest widmet sich der wichtigen Definition von "Normal" und der Aufklärung wichtiger Themen wie Demenz, Sucht und Depression, Manie und Traumata. Es liest sich sehr leicht trotz der Schwere der Themen, gespickt mit realen Fällen, geschichtlichen Meilensteinen und wertvollen Perspektiven, die sowohl einen Einstieg in die diversen Themenfelder bieten, jedoch auch eine gute Positionierung bieten. Ich habe mich selbst über die verschiedenen Aspekte hinweg unterhalten gefühlt, sowie klar abgeholt und nehme den einen oder anderen neuen Blickwinkel mit. Aufklärungsbücher wie das folgende sollten zur standardisierten Pflichtlektüre werden, um zu gewährleisten, dass psychische Erkrankungen in ihrer Basis richtig verstanden werden. Der einzige Kritikpunkt betrifft den Klappentext und den dortigen Bezug zur Politik, der für mich nur einen kleinen Teil des gesamten Sachbuchs ausmacht. Das habe ich als irreführend empfunden. Eine klare Empfehlung für alle, die einen Schnelldurchlauf durch die menschliche Psyche herbeisehnen, gerne klare Beispiele lesen und empathisch in diese Welt eintauchen wollen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.10.2020

Im Strudel der Heimatlosigkeit und getrieben von der Suche nach der wahren Identität

Die zitternde Welt
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"Die zitternde Welt", ein wahrhaft passender Titel für den Roman von Tanja Paar, der den Leser zurücklässt mit einem Gefühl der Rast- und auch Ratlosigkeit angesichts dieser Generationengeschichte, die ...

"Die zitternde Welt", ein wahrhaft passender Titel für den Roman von Tanja Paar, der den Leser zurücklässt mit einem Gefühl der Rast- und auch Ratlosigkeit angesichts dieser Generationengeschichte, die die Weltkriege überdauert. Getrieben von der Frage nach den Wurzeln, dem Sinn des Lebens und der eigenen Identität versuchen alle Familienmitglieder auf ihrer Reise zu ergründen, inwieweit das Schicksal bestimmend ist oder wir selbst vieles in Hand haben.

Maria wagt sich 1896 hochschwanger ins unbekannte Anatolien, denn der Vater ihres ungeborenen Kindes, Wilhelm, hat sich heimlich davongemacht, um als Ingenieur bei der Bagdadbahn mitzuwirken. Ein monumentales Bauwerk mit epochalen Ausmaßen, das Wilhelm durch seine Faszination flüchten ließ. Maria findet eine Heimat in Bünyan für ihre Familie und schon bald leben sie ein wunderbares Leben, ohne Trauschein, ohne Konventionen. Aber wie lange wird diese Idylle erhalten bleiben im Angesicht der stürmischen Zeiten, die bevorstehen?

Der Schreibstil ist einnehmend, fließend und der Leser wird direkt entführt in eine eher unbekannte Welt, das Anatolien des 20 Jahrhunderts und für mich bis dato eine Epoche in Kombination mit der Bagdadbahn, die mir nicht geschichtlich geläufig war. Die Geschichte an sich ist sehr facettenreich, zu Beginn gar blumig und romantisch, an manchen Stellen begegnet dem Leser das vollkommene Glück, Momente, in denen die Handlung in sich ruht und wie eine Blase erscheint, erhaben und fernab der Realität. Aber es gibt auch die zweite Seite der Medaille, die Zerrissenheit zwischen Heimat und Vernunft, die eigene Suche nach der Identität und die Frage, welche Entscheidungen gut und welche schlecht sind und ob das überhaupt eine Rolle spielt. Sehr intensiv, teilweise brutal, sowie unverblümt, schockierend und stilistisch wertvoll schildert Tanja Paar diese Mehrgenerationen Wanderung durchs Leben, die wie eine Reise auf dem Rad der Fortuna erscheint, mal auf dem höchsten Punkt mit wunderbarer Aussicht, mal auf der Talfahrt, umgeben von Nebelschwaden, die nichts mehr klar erscheinen lassen, den Weg verdunkeln und die Gabelungen unkenntlich zeichnen. Die Charaktere sind markant gezeichnet, für mich jedoch stellenweise nicht nahbar, emotional genug, sodass dies mein einziger Kritikpunkt bleibt. Insgesamt ein fesselnder Roman, der gekonnt zwischen Perspektiven und Zeitverläufen wechselt, stilistisch sich immer wieder neu erfindet, sich aber doch selbst treu bleibt. Eine Empfehlung für alle, die Romane mit geschichtlichem Hintergrund bevorzugen, spannende Geschichten über Generationen hinweg verfolgen wollen und sich der ehrlichen Realität der Folgen der Weltkriege stellen möchten.

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Veröffentlicht am 28.09.2020

Spannend inszenierter Thriller, der jedoch nicht ganzheitlich überzeugt

Der Todesspieler
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Der Thriller "Der Todespieler" von Jeffery Deaver bildet den Auftakt um eine neue Thriller Reihe rund um Colter Shaw, Privatermittler und knallharter Spurenleser, der seine Fälle nach der Höhe der Belohnung ...

Der Thriller "Der Todespieler" von Jeffery Deaver bildet den Auftakt um eine neue Thriller Reihe rund um Colter Shaw, Privatermittler und knallharter Spurenleser, der seine Fälle nach der Höhe der Belohnung ausrichtet. Kompromisslos, erfahren und mit logischer Kompetenz bricht er jeden Fall in Wahrscheinlichkeiten herunter und überzeugt sowohl strategisch als auch handwerklich.

In seinem ersten Fall verschwindet eine junge Studentin spurlos und Colter Shaw wittert sehr schnell, dass das Mädchen nicht einfach davongelaufen ist, wie die Polizei es vermutet, sondern das mehr dahintersteckt. Schnell findet er die entsprechenden Puzzleteile, setzt sie zusammen und sieht sich inmitten eines gigantischen Netzes, dass bis in die hoch dotierte Spielindustrie reicht.

Der Einstieg des Thrillers ist sehr fesselnd, der Leser sieht sich direkt mit einem Spannungsmoment konfrontiert, der sich zunächst nicht deuten lässt und insgesamt hat mir der erste Passus am besten gefallen aufgrund der Dramatik, Charaktere und Spannungsmomenten. In Colter Shaw findet der Leser einen passionierten Ermittler, strukturiert und mit unglaublich viel Weitblick, sowie dem Blick für die Details. Er hat eine harte Schule in der Kindheit genossen und dahin wechselt auch immer wieder die Perspektive, was dem Protagonisten Tiefgang verleiht, Mehrdimensionalität. Besonders erwähnenswert sind die liebevoll integrierten Skizzen, die sich Shaw anfertigt, um Ereignisse Revue passieren zu lassen und dem Leser die Visualisierung leichter gestaltet. Leider hat mich die Geschichte als Ganzes jedoch nicht überzeugt. Die Inhaltsbeschreibung verrät leider schon viel zu viel von der Geschichte, was ich als sehr schade empfinde und in diesem Fall auch störend. Der gute Spannungsaufbau vom Anfang ist leider für mich nicht konsequent bis zum Ende gedacht worden, weshalb es mir hier definitiv an Wendungen, Überraschungsmomenten und der großen Fragen, nach dem "Wer" und "Warum" gefehlt hat. Es bleibt alles etwas durchschaubar, klischeebehaftet und nicht komplett fesselnd, was ich jedoch von Jeffery Deaver definitiv erwartet hätte. Eine Empfehlung für Computerspiele Nerds und Freunde von guten, wenig komplexen Kriminalgeschichten.

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Veröffentlicht am 27.09.2020

Der charmante Sheriff von Raufarhöfn wickelt jeden Leser um den Finger

Kalmann
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"Kalmann" wie er leibt und lebt, mit Cowboyhut und Sheriffstern, Mauser im Holster ist er der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn in den weiten Islands. Joachim B. Schmidt beschreibt einen unglaublich ...

"Kalmann" wie er leibt und lebt, mit Cowboyhut und Sheriffstern, Mauser im Holster ist er der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn in den weiten Islands. Joachim B. Schmidt beschreibt einen unglaublich herzlichen, charmanten, etwas naiven, aber stets mit einem Augenzwinkern versehenden Charakter, der Haifischjäger ist, von seinem Großvater die Welt erklärt bekommen hat, die manchmal einfach so unglaublich kompliziert ist und sich unversehens mit einer großen Blutlache konfrontiert sieht. Von da an wird alles noch viel komplizierter, aber Kalmann setzt seinen Rucksack auf, rückt den Hut zurecht und kümmert sich, denn das ist sein Job.

Mit Kalmann wurde ein sehr skurriler, jedoch herzlicher Charakter geschaffen, der den Leser in die wunderschönen Weiten Islands entführt, ihm alles über das Haifischen und die Kunst der Gammelhaiherstellung beibringt, ihn staunen lässt über sein Geschick mit Petra und immer wieder herzlich zum Lachen und schmunzeln bringt. Er sieht die Welt so einfach und klar, wie es uns manchmal nicht möglich ist. Kalmann mag seine Defizite haben, aber mit dem Herz am rechten Fleck und dem richtigen Gespür löst er alle Probleme. Es ist so charmant und sympathisch geschrieben, dass der Leser sich gar nicht lösen kann von der Geschichte und seinen Charakteren, die Tiefgang aufweisen und mit schönen Anekdoten aufwarten. Dabei ist die Handlung überraschend, birgt einige Wendungen und hat mich zum Schluss verblüfft. Eine Empfehlung für alle, die gerne beim Lesen schmunzeln, besondere Charaktere schätzen und Krimis mit Wendungen favorisieren.

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