Coming-of-Age in den 1910ern, spannend, informativ, mit offenem Ende
Schatten der WeltDieser historische Roman beleuchtet drei Jugendliche von 1909 bis 1918 und spielt hauptsächlich in Westpreußen. Es geht um Erwachsenwerden, Freundschaft, Solidarität, Mut, Fortschritt, Ungerechtigkeit, ...
Dieser historische Roman beleuchtet drei Jugendliche von 1909 bis 1918 und spielt hauptsächlich in Westpreußen. Es geht um Erwachsenwerden, Freundschaft, Solidarität, Mut, Fortschritt, Ungerechtigkeit, Rebellion, Krieg und Rache. Wer eine Handlung ohne Liebeleien und Kitsch sucht, wird hier fündig.
Der Roman ist leicht verständlich und flüssig geschrieben, für Einsteiger im Genre und jugendliche Leser geeignet, weil er sich auf wenige Figuren und Schauplätze konzentriert. Überwiegend chronologisch, mit wenigen eingeschobenen Rückblenden.
Der jüdische Carl, den man als einzigen in der Ich-Erzählung und nicht im allwissenden Erzählstil begleitet, ist fleißig, schwächlich und schüchtern. Sein Freund Artur ist stark, selbstbewusst und bauernschlau. Das Mädchen Isi kann charmant und gerissen sein und übertrifft Artur noch in Dreistigkeit.
Sie wachsen in Elternhäusern auf, bei denen die Lebensläufe vorgezeichnet scheinen. Werden sie ausbrechen können? Und was wird mit ihnen im Krieg?
Mein Favorit war zunächst Carl, später Artur. Mit Isi konnte ich mich aufgrund ihrer radikalen, provokanten Art schwer identifizieren.
Autor Andreas Izquierdo stellt anschaulich dar, wie Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Macht damals in einer rückständigen Kleinstadt funktionierten. „Großbürgertum, Adel und Militär bildeten undurchdringliche Kasten, und das Dreiklassenwahlrecht sorgte dafür, dass sich das niemals ändern würde.“
Ähnlich wie beim Autor Luca Di Fulvio wechseln sich bedrückende Darstellungen mit gutmütigen, einfühlsamen, wohltuenden (Zusammenhalt, Würde) sowie mit Humor und Wortwitz ab. Ich mag die Streiche, Wassili und die Eheleute Hopp.
Genau in der Mitte des Buches beginnt der 1. Weltkrieg, schlagartig wechselt die Stimmung. Beeindruckend wird bis 57 % die Rekrutenausbildung geschildert. Die Schrecken der Schlachten werden beleuchtet, nicht seitenlang und doch intensiv. Der Wechsel in die Gegenwartsform unterstreicht die Dramatik sehr gut. Die „Schönfärberei“ durch Film und Fotografie nimmt einen großen Stellenwert in diesem Buch ein. Parallel erfährt man, wie es Daheimgebliebenen (insbesondere den Frauen) ergeht.
Meine Emotionen kochten hoch. Ich habe mich mitgefreut, gelacht, gehofft und mitgelitten.
Alles wirkt gut recherchiert, sodass sich ein wertvoller Wissenszuwachs mitnehmen lässt.
Trotz meiner Begeisterung möchte ich einige Kritikpunkte anführen:
Ich hätte gern zwecks Glaubwürdigkeit mehr beleuchtet gehabt, was das charakterlich sehr unterschiedliche Dreiergespann verbindet.
Die „Bösen“ sind schnell identifiziert, es tauchen immer wieder die selben auf und sie werden in ihren Motiven nicht gewürdigt. Das war mir zu viel Schwarz-Weiß.
Es gibt spoilernde Vorausblicke, wie sich Entscheidungen auswirken. Ich bevorzuge es, zu spekulieren und alles hautnah mitzuerleben.
Zum Ende hin ist die Handlung von Beweggründen geprägt, die ich nicht gutheiße.
Es wäre fair, wenn der Verlag vorab kennzeichnen würde, dass der Roman viele Fragen offenlässt, weil eine Fortsetzung folgt, die wohl aber erst im 2. Halbjahr 2021 erscheint. Viele Menschen mögen keine Reihen oder möchten diese erst lesen, wenn alle Teile erhältlich sind.
Herzlichen Dank für die packende und informative Lektüre. Ich möchte erfahren, wie es weitergeht.