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Veröffentlicht am 19.11.2025

Besser zwei Mütter als keine

Königin Esther
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John Irving, mein Lieblingsschriftsteller über mehr als 40 Jahre, hat nach „Der letzte Sessellift“ (ein Buch, das mir leider nicht gefallen hatte) wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich hatte schon ...

John Irving, mein Lieblingsschriftsteller über mehr als 40 Jahre, hat nach „Der letzte Sessellift“ (ein Buch, das mir leider nicht gefallen hatte) wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich hatte schon große Befürchtungen, dass Irving keine Romane mehr schreiben würde, immerhin ist er unterdessen 83 Jahre alt, aber mit diesen weit über 500 Seiten bewies er das Gegenteil. Und so hat man mit „Königin Esther“ noch einmal mit allen Lieblingsthemen dieses erzählfreudigen Autors zu kämpfen, denn leicht liest sich dieses Buch nicht.
In die Familiengeschichte von Thomas und Constance Winslow hinein gerät Esther, „die Jüdin“, die in einem Waisenhaus groß wird, groß auch im wahrsten Sinne des Wortes, das von einem Arzt namens Dr. Wilbur Larch geführt wird. Spätestens hier klingeln bei jedem Irving-Fan die Ohren, denn dieser Dr. Wilbur Larch war schon vor vielen Jahren in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ eine Hauptfigur. Womit ich wieder bei den Lieblingsthemen von Irving bin, die da sind: Familien, möglich groß und weitläufig, verrückt und innig, aber auch Waisenhäuser bzw. Waisen per se, hinzu kommen feministische Kampfgeister, Abtreibungsgegner und -befürworter, lesbische oder homosexuelle Personen, gern auch bisexuell veranlagt, und nicht zu vergessen die Ringer, ihre Blumenkohlohren und ihre eigenartigsten Herkünfte und Charaktereigenschaften. Seine Lieblingsorte sind New Hampshire und Maine bis rauf nach Kanada, aber auch Wien und Amsterdam, dortige Unterkünfte, Prostituierte, Kinder mit Gewaltfantasien, immer wieder auch Hunde oder andere Tiere, Kneipen und Nachtlokale, diverse Studenten und unsympathische Vermieterinnen. All dem wird man nun noch einmal nachspüren können, Irving breitet sein ganzes Repertoire an Figuren und Szenen noch einmal wollüstig aus.
Jene oben erwähnte Esther, die auch die Titelfigur und als Kind auf dem Cover verewigt ist, nimmt aber nur einen Teil des Buches für sich in Anspruch. Die andere Hälfte belegt James Winslow, gezeugt von Esther mit einem jüdischen kleinen Ringer nur zum Zwecke der Mutterschaft von Honor Winslow, der Tochter der oben genannten Eheleute. Denn Honor möchte zwar ein Kind, aber möglichst ohne alles Unangenehme drum herum. Und Esther, die jahrelang Honors Kindermädchen war, aber trotzdem gut ausgebildet wurde und die höhere Schule besuchte, Krankenschwester aus Passion wird, gibt sich gern als Gebärmaschine her, möchte aber keine Mutterpflichten aufgenötigt bekommen. Und so kriegt erst einmal jeder, was er möchte. Der kleine James wächst heran in den amerikanischen 1940er- und 1950er-Jahren, wird natürlich auch Ringer und geht dann ins weltläufige Wien zum Studium, weil dort auch seine Zweitmutter Esther sein soll und er zudem nun richtig Deutsch lernen soll und will. Was Jimmy – Alter Ego seines Erfinders – aber über alles will, ist Schriftsteller zu werden. Und so kämpft er sich durchs Studium, schreibt und ringt, was das Zeug hält, verliebt sich auch noch in seine Deutschlehrerin und wird irgendwann (nicht von ihr) entjungfert. Hier will ich stoppen, die kuriosen Erlebnisse, die sich durchs ganze Buch ziehen, kann man auf die Schnelle nicht erzählen und die Überraschungsmomente nehme ich nicht vorweg. Davon gibt es aber wirklich ausreichend. Sie werden sich wundern…
Wie es die Art von John Irving ist, wird all das nicht in knapper Form und kurzen Sätzen erzählt, sondern manchmal recht ausufernd und weitschweifig. Auch wenn ich seine Formulierungskünste mag – besonders im englischen Original sind seine Bücher eine Freude – empfand ich vieles als überflüssig. Aber die Neugierde hielt mich bei der Stange, die Geschichte von Esther wollte ich zu Ende erzählt haben. Und auf jeder Seite blitzen die vielen Romane von Irving auf, aus denen er das eine oder andere Stückchen entleiht. Wie immer frage ich mich am Schluss, ob das das letzte Werk des großen amerikanischen Schriftstellers ist. Ich hoffe nicht!

Fazit: John Irvings neues Alterswerk, ein wenig lang, aber doch sehr unterhaltsam, wer seine früheren Bücher kennt, wird es lieben.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Kein Strom, kein Netz, jede Menge Knochen

Knochenkälte
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Wieder habe ich mit Vorfreude auf Simon Beckett und Dr. David Hunter gewartet, es ist jedes Mal wieder sehr ungewiss, was der forensische Anthropologe erleben und erforschen wird. Wie immer liest der Sprechen ...

Wieder habe ich mit Vorfreude auf Simon Beckett und Dr. David Hunter gewartet, es ist jedes Mal wieder sehr ungewiss, was der forensische Anthropologe erleben und erforschen wird. Wie immer liest der Sprechen Johannes Steck mit unnachahmlichem Timbre, düster, düsterer geht es nicht. Kein Wunder, dass es von den ersten sechs Hörbüchern eine Platinbox zum Dauergruseln gibt. In Knochenkälte ist es wahrlich kalt und Knochen werden so viele gefunden in dem abgelegenen Edendale in den Cumbrian Mountains, das würde direkt für drei weitere Bücher reichen. Trotzdem begann die Story recht langatmig, bis Hunter sich auf dem Weg zu einem Auftrag dann endgültig verfahren hatte und in einem regelrechten Sackgassendorf gelandet ist. Hunter kommt für die Nacht in einem ehemaligen Hotel unter, Dummerweise wird ihm von einem der mehr als unfreundlichen Bewohner der Rückweg abgeschnitten und ihm und allen anderen in dieser Sackgasse gleich der Strom und das Netz mit. Dass er sich mitten in einem regelrechten Verbrechensnest befindet, das bemerkt er erst später. Skelettfunde und Tote machen ihm das Leben schwer, manch unausstehlicher Edendale-Bewohner noch mehr. Da erfreut er sich zwischendurch an einem Baby und einem jungen Labrador. Und landet irgendwann in einer Grube. Ob er da lebend wieder heraus kommt aus diesem Elend? Der Titel lässt auf Ungemütliches schließen, die Kälte und das Unwetter in den Bergen kommen obendrauf.
Die Story ist sehr verworren und aus jetziger Sicht wäre es wohl besser gewesen, angesichts dieser Ausgangslage besser das Buch zu lesen, da kann man einfacher zurückblättern, wenn einem ein Zusammenhang entfallen ist. Das ist beim Hörbuch schwieriger. Dafür hat man aber einen regelrechten Film für den Kopf gehört. Steck macht das perfekt.
Fazit: Nach anfänglichem Zögern geht Beckett in die Vollen und facht die Spannung immer wieder an. Mir hat es gefallen und wer auf Beckett und Hunter steht, kommt wieder voll auf seine Kosten.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Die Herberge der verlorenen Herzen

In den Scherben das Licht
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Obwohl ich noch nie ein Buch von Carmen Korn gelesen habe, griff ich nach dem Lesen des Klappentextes sofort zu. Ich habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, bin geboren, als das Schlimmste überstanden ...

Obwohl ich noch nie ein Buch von Carmen Korn gelesen habe, griff ich nach dem Lesen des Klappentextes sofort zu. Ich habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, bin geboren, als das Schlimmste überstanden war in den deutschen zerbombten Großstädten, aber ich habe noch Ruinen, Lebensmittelmarken und Mangel kennengelernt. Ich habe mich in den letzten Jahren vielen Büchern über den Nationalsozialismus und den Holocaust, Krieg, Flucht und Vertreibung gewidmet. Die Nachkriegszeit ist etwas zu kurz gekommen. Mit diesem Roman habe ich für mich diese Lücke etwas schließen können.
Die Geschichte, die Protagonisten, deren Lebenswege haben mich sehr bewegt. Hamburg, in dessen Speckgürtel ich lebe, ist mir ein wenig nähergekommen, manches betrachte ich beim nächsten Besuch vielleicht mit anderen Augen. Carmen Korn hat ein lebendiges, authentisches Kaleidoskop erschaffen, mit ihrem Roman schaut man als Leser in die Abgründe, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg hinterlassen haben. Bombentrichter in den Städten und in den Seelen der Deutschen, die Täter und Opfer, Mitläufer oder Wegschauer waren. „Wir sind noch einmal davongekommen.“, hört man allenthalben.
Carmen Korn stellt uns, den Lesern, einige dieser Deutschen vor: im Mittelpunkt des Romangeschehens steht Friede Wahrlich, die ehemalige Volksschauspielerin, die zu Kriegsende kaum mehr besitzt als ihr halbzerbombtes Haus, die nicht verbrannten Wintersachen und ein sehr schlechtes Gewissen. Ihr Leben vor dem Hamburger Feuersturm war gut und manchmal etwas ausschweifend, sie hatte Chancen bei den Männern, allen voran Viktor Franke, der jüdische Theaterkritiker, aber auch Palutke, der sich vom Rivalen auf schäbige Weise befreite. Friede wähnt Franke unter den Ermordeten des Ghettos Litzmannstadt. Den Palutke gibt es auch nach Kriegsende noch, einer von denen, der immer auf die Füße fällt. Nur bei Friede kann er nicht mehr landen. Dafür landen bei ihr andere, der 16-jährige Gert, Kriegsteilnehmer der letzten Stunde, nun Kriegswaise und obdachlos. Er kann bei Friede im Keller wohnen, in den ihm nach einem halben Jahr das Mädchen Gisela durchs Fenster hereinfällt. Und bleibt. Wie hart diese ersten Nachkriegsjahre, besonders die Winter, waren, erfährt man hier bei Carmen Korn sehr eindrücklich. Immer wieder frage ich mich, wie würde ich das heute aushalten? Würde ich das überhaupt aushalten? Heutige Berichte über Frauen und Kinder in der bombardierten Ukraine stehen mir vor Augen. Woher kommt immer wieder die Hoffnung, damals wie heute?
Zu Friedes Kreis gehörte und gehört auch Marta, noch nicht ganz 60, also ein paar Jahre jünger als Friede, aber ausgebufft genug, sind bei dieser immer wieder lieb Kind zu machen, sie ist vom „Stamme Nimm“, wie Friede passend sagt. Und sät Zwietracht, wo es nur geht. Zwischenzeitlich bewohnt Marta dann eines der, man glaubt es kaum, im oberen Stock von Friedes Haus neu hergerichteten Zimmer. Ein Künstlerpension sollte es werden, aber es wird eher ein Mehrgenerationenhaus, wie man das heute nennen würde, und die Herz- und Schmerzgeschichten der Bewohner können einen tatsächlich zu Tränen rühren.
Gisela und Gert, die mittlerweile von Freunden zum Liebespaar geworden sind, finden Arbeit und es geht ein bisschen aufwärts. Wenn da nicht die schwelenden Gedanken um das Schicksal der Angehörigen wäre. Dass die Mütter der beiden tot sind, damit finden sie sich ab, aber Gisela sucht ihren Vater, der als Fotograf einer Propagandakompanie an der Front war und Gert hofft noch immer darauf, seine kleine Schwester wiederzufinden. Gisela arbeitet für einen Professor Nast, recherchiert für dessen neues Buch und dieser erweist sich als ein neuer guter Freund der beiden. Dass er sich zufällig auch mit Viktor Franke befreundet, bringt eine besondere Ebene ins Geschehen.
Viktor Franke wiederum hat eine rothaarige Freundin, Marianne, die jahrelang fern von Hamburg an den Münchener Kammerspielen schauspielert. Sie ist nach Friede sein neues „Leitlicht“, aber er wird lange brauchen, um sein angeschlagenes Selbstbewusstsein dieser Frau entgegenstellen zu können. Nast ist ihm auch dabei eine moralische Stütze.
Das Kaleidoskop ist hier noch längst nicht ausgeschöpft, aber ich möchte niemandem durch zu viele Spoiler die Lust am Lesen nehmen. Es lohnt sich wirklich jede Seite bis zum Schluss. Es geschieht Trauriges und Lustiges und Unerwartetes, die Rollen sind gut verteilt.
Carmen Korn wird für diesen Roman viele Recherchen unternommen haben, mir fehlte nach dem Ende des Romans aber doch ein Nachwort der Autorin. Mich würde sehr interessieren, was sie zu diesem Thema Nachkriegszeit geführt hat, ob es vielleicht Tagebücher oder Berichte von Menschen gegeben hat, die dann für den Roman fiktionalisiert wurden. Ich bin gespannt, ob und wie dieser Roman im Feuilleton besprochen oder ob es irgendwo ein Interview mit der Autorin geben wird.
Die Detailgenauigkeit und die emphatische Charakterisierung jedes Protagonisten haben dazu beigetragen, dass ich zeitweise völlig aus meinem wohl behüteten Alltag hinauskatapultiert wurde, mit Gert und Gisela im Keller stand oder am Familienküchentisch bei Frieda saß. Jeder findet ja beim Lesen auch eine Lieblingsfigur, deren Schicksal besonders nahe geht. Für mich ist das Victor Franke, der entrechtete und deportierte Jude, totgeglaubt, in den Gedanken von Friede aber immer wieder auftauchend. Dass er sich nach dem Krieg in Hamburg doch wieder einlebte, arbeitete, verliebt war, nie rachsüchtig, nie auftrumpfend, manchmal melancholisch, fast depressiv, immer am Ende standhaft, das hat mir sehr gefallen. Es erinnert mich sehr an meine Eltern, die zwar vollkommen andere Schicksale erlitten hatten, aber gerade in der Nachkriegszeit die Nazizeit nur mit der gleichen Stärke überstehen konnten.
Fazit: Dieses Buch empfehle ich gern weiter, es liest sich gut, auch wenn es sich vielleicht nicht zur hohen Literatur aufschwingt und keine „Gespräche wie die von Naphta und Settembrini“ (Zitat) hervorbringt, so hat es mich doch von der ersten bis zur letzten Seite begeistert und tief berührt.

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Veröffentlicht am 10.11.2025

Manchmal tun gute Menschen Böses, und manchmal tun böse Menschen Gutes.

Familia
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Lauren E. Rico hat einen Familienroman geschrieben, der nicht nur Familienromantik beschreibt, sondern zugleich auch ein Krimi der besonderen Art ist. DNA-Analysen sind dafür bekannt, dass sie auch unerwartete ...

Lauren E. Rico hat einen Familienroman geschrieben, der nicht nur Familienromantik beschreibt, sondern zugleich auch ein Krimi der besonderen Art ist. DNA-Analysen sind dafür bekannt, dass sie auch unerwartete Verwandtschaften freilegen und Erkenntnisse bringen, die eine ganze Familie ins Herz treffen können. Deshalb war dieser Roman für mich ein Muss: Ich interessiere mich seit Jahren für die Ahnenforschung, DNA-Ergebnisse bestätigten bei mir eine Verbindung zu Vorfahren, die bis dahin theoretisch vorhanden, aber nicht bestätigt war.
Für die zentrale Figur der Gabby in diesem Roman und ihre auf diese Weise gefundene Schwester Isabella beginnt mit dem DNA-Treffer jedoch eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die auch den Leser unerwartet mit sich reißt. Gabby, die Faktencheckerin bei einem New Yorker Magazin ist und sich zu Höherem, das heißt zum Journalismus berufen sieht, erfährt von einer Schwester in Puerto Rico. Ihre einzige Reaktion: das kann nicht sein, die Auswertung der DNA ist falsch. Um das zu beweisen, will sie nach Puerto Rico fahren, womit sie ihre potenzielle Schwester Isabella vollends überrascht. Denn Isabella sucht seit 20 Jahren ihre mit sieben Monaten spurlos verschwundene Schwester Marianna. Nun ist sie überzeugt, sie gefunden zu haben. Obwohl Isabellas Ehemann schnell einige Ähnlichkeiten besonders der Charaktere feststellt, weigert sich Gabby standhaft, an eine Verwandtschaft zu glauben. Also wird ein neuer DNA-Test gemacht, der Gewissheit bringen soll. Solange das Ergebnis offen über ihnen schwebt, sind die beiden Frauen bestrebt, sich kennenzulernen und vor allem das große Rätsel um das Verschwinden von Marianna zu lösen. Je mehr sie suchen, umso mehr geraten sie in den Sog der 20 Jahre alten teilweise tragischen, teilweise kriminellen Ereignisse. Isabella hatte jahrelang die Hilfe des nun pensionierten Detectives Miguel Álvarez in Anspruch genommen, der sich mehr als jeder andere, insbesondere mehr als ihr alkohol- und drogenabhängiger Vater um ihr Wohlergehen kümmerte. Der Fall aber nie aufklärte. Nun hat er seinen Platz dem jüngeren Raña überlassen, der sich teilweise als etwas spröde und unzugänglich herausstellt, an entscheidender Stelle jedoch auch als äußerst hilfreich.
Die Autorin, die selbst Wurzeln bis zur 65. Generation in Puerto Rico hat, wie sie im Nachwort verrät, ist von einer tiefen Liebe und Einfühlsamkeit geprägt, wenn es um die Menschen auf dieser kleinen Insel geht. Sie beschreibt all ihre Protagonisten sehr lebensecht und macht sie so dem Leser zugänglich. Wenn ich mich als Leser dieses Buches sehe, weiß ich, wie weit das Leben in Puerto Rico von dem in Mitteleuropa, also auch von Deutschland entfernt ist. Bandenkriminalität gibt es natürlich auch in hier, aber die Selbstverständlichkeit, mit der sie in Puerto Rico als Teil des täglichen Lebens existiert, gibt es hier wohl nicht oder nur im begrenzten Rahmen. Die gewalttätigen und kriminellen Handlungen im Roman sind deshalb um so erschütternder, wenn man die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche betrachtet. Isabella hat ihre kleine Schwester verloren, als sie selbst fünf Jahre alt und vollkommen wehrlos war; dessen ungeachtet hat sie über 20 Jahre Schuldgefühle für das, was geschehen ist und was sie nicht deuten kann. Ihre Kratzbürstigkeit und ihre Zornesausbrüche zeichnen das Bild einer jungen Frau, die das gewalttätige Leben in Puerto Rico nur mit Mühe erträgt. Dass sie außerdem mit fünfzehn Opfer einer Vergewaltigung durch zwei Touristen wurde, macht ihr Leben nicht leichter. Sehr anschaulich beschrieben werden ihre Streetart-Kunstwerke, die sie auch als Kompensation ihrer inneren Zerrissenheit schafft.
Teilweise erzählt die Autorin etwas ausufernd von den Erlebnissen und Begegnungen der zwei unterschiedlichen Frauen, auch was sie bei ihrer Suche quer über die Insel erleben. Etwa ab der Mitte des Romans ahnt man, was sich ereignet haben könnte, das mindert aber die Spannung nicht. Eine Lieblingsfigur habe ich ehrlich gesagt nicht gefunden, mal ist es Gabby, die mir gefällt, mal ist es Isabella. Meine Sympathie teile ich vor allem unter den Detectives Miguel Álvarez und David Raña auf, auch der junge Coquí bekommt sie.
Fazit: ein Familienroman, angereichert mit einem Krimi, der in eine ungewohnte Region blicken lässt, und der zeigt, dass DNA wirklich nicht alles ist in einer vertrauensvollen Familie. Gut lesbar, spannend und empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 04.11.2025

EvilGrandma65 wehrt sich

Evil Grandma
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Ich habe das Hörbuch gehört: Die norwegische Schriftstellerin Line Baugstø hat mich mit diesem Hörbuch bestens unterhalten. Ihr Roman wird von der Schauspielerin und Sprecherin Silke Buchholz perfekt und ...

Ich habe das Hörbuch gehört: Die norwegische Schriftstellerin Line Baugstø hat mich mit diesem Hörbuch bestens unterhalten. Ihr Roman wird von der Schauspielerin und Sprecherin Silke Buchholz perfekt und humorvoll vorgelesen. Mona, 65, noch berufstätig, die von der Nachricht, dass sie Oma wird, nicht gerade entzückt ist, hat schwer mit den Tücken des Alltags zu kämpfen. Die zwischenzeitliche Beherbergung ihres Sohnes und dessen schwangerer Freundin birgt mehr Konfliktpotenzial, als es gut ist für Mona. Deren kleine Dreizimmerwohnung und ihre Ansprüche an einen normalen Alltag erweisen sich als zu klein. Als sie sich dann auch noch einen Verehrer einfängt, hat sie erst richtig Probleme. Aber sie weiß sich zu behaupten und auf Instagram unter dem Pseudonym EvilGrandma65 wehrt sich sich boshaft und erfolgreich zugleich. Dass Mona nicht auf Enkelkinder steht, auch nicht auf fremde, sei ihr verziehen. Ihre Freundin Annemor hat sozusagen gegenteilige Probleme, sie möchte gerne Enkelkinder, aber wohl keine Chance bei ihrer weltrettenden Tochter. So geht es hin und her in der Geschichte und es wird nicht langweilig. Keine Hochliteratur, aber kurzweilige Unterhaltung. Nicht nur für Ü65.

Fazit: 6 Stunden und 45 Minuten vergehen wie im Fluge, man wünscht Mona alles Gute für die Zukunft. Vielleicht kommt da noch ein zweiter Teil???

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