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Veröffentlicht am 22.08.2025

Mythologie und Wahnsinn

Schwüre, die wir brechen
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Das Schriftstellerduo Roman Voosen & Kerstin Signe Danielsson legt mit „Schwüre, die wir brechen“ einen zweiten spektakulären Fall und Kriminalroman vor, der den Leser gehörig durchschüttelt. Der erste ...

Das Schriftstellerduo Roman Voosen & Kerstin Signe Danielsson legt mit „Schwüre, die wir brechen“ einen zweiten spektakulären Fall und Kriminalroman vor, der den Leser gehörig durchschüttelt. Der erste Teil „Tode, die wir sterben“ stellte dem Lesepublikum die strafversetzte Kommissarin Svea Karhuu und den psychisch angeschlagenen Kommissar Jon Nordh als neues Ermittlerteam in Malmö vor. Von diesem Einstieg setzt sich der neue Roman in jeder Hinsicht positiv ab. Ungewöhnliches geht vor sich, Schweden stöhnt unter einem ungekannten Hitzesommer und es taucht im wahrsten Sinne des Wortes eine Leiche auf. Das passiert zuweilen, dass sie aber einen neuen Kopf angenäht bekam, den eine Nilkrokodils und ihr bei lebendigem Leibe das Herz herausgerissen wurde, das verstehe ich unter ungewöhnlich.
Jon Nordh sitzt derweil noch immer den Tod seiner Frau im Nacken und er sucht nach einem möglichen Schuldigen. So macht er sich erpressbar und geht seiner Vorgesetzten prompt auf den Leim. Gegen jede inne Überzeugung übernimmt er als leitender Ermittler den grausigen Fall, an seiner Seite Svea, die für den Fall brennt. Nordhs Inneres und Äußeres sind jedoch derart derangiert, dass man als Außenstehender schon Zweifel an seiner Einsatzfähigkeit haben kann. Das Ermittlerteam und die Spurensicherung haben jede Menge zu tun, aber vom Mörder und dem Motiv keine Spur. Als wäre das nicht genug, findet man erst den Kopf des Toten und dann noch einen zweiten. Die Umstände nicht weniger makaber, aber wesentlich blutiger und brutaler. Das Team kommt an seine Grenzen. Es taucht wieder ein Tierkopf auf der zweiten Leiche auf, diesmal ein Vogelkopf. Hinzu kommen unzähliger Zeichnungen auf seinem Körper, die nach Hieroglyphen aussehen. Von einem Ägyptologen lässt man sich bei der Polizei einiges Grundlegendes beibringen, aber eine Lösung ist längst nicht in Sicht. Das Umfeld der beiden Opfer wird durchleuchtet, noch ohne Erfolg.
Eingeblendet in die Ermittlungsarbeit der Polizei sind Erinnerungen eines ehemaligen Opfers der Colonia Dignidad aus den 1970er Jahren. Peter kann nach Jahren der Qual und Unterdrückung entkommen, aber offensichtlich ist er schwer geschädigt, nicht nur körperlich, auch geistig. Was diese Berichte mit den Morden in Schweden heute verbindet, das werde ich nun auf keinen Fall preisgeben, auch nicht, ob es noch mehrere Opfer gibt oder wie die Aufklärung gelingt. Nur so viel, es bleibt spannend bis zur letzten Zeile. Und dann schließt sich auch der Kreis, der im Prolog seinen Beginn hat.
Das Cover ist genauso, wie ich mir einen Schwedenkrimi vorstelle, auf dem Ladentisch würde ich ihn sofort an mich reißen! Gerne mehr davon. Vom Autorenteam, wie auch vom Ermittlerteam. Bis 2026 muss ich nun leider warten auf „Opfer, die wir bringen“.
Der Schreibstil der beiden Autoren gefällt mir sehr, offensichtlich benötigen Sie auch keinen Übersetzer, da beide u. a. Germanistik studiert haben. Ich habe selten einen so blutigen und grausamen Kriminalroman so gern gelesen. Ich empfehle das Buch uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 22.08.2025

Möbel lassen sich leichter restaurieren als Lebensgeschichten

Die Holunderschwestern
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Es ist erst wenige Monate her, dass ich die Autorin Teresa Simon durch ihr Buch Zypressensommer kennengelernt habe. Als ich nun die Kurzbeschreibung vom neuen Buch las, das ja so neu nicht ist, die erste ...

Es ist erst wenige Monate her, dass ich die Autorin Teresa Simon durch ihr Buch Zypressensommer kennengelernt habe. Als ich nun die Kurzbeschreibung vom neuen Buch las, das ja so neu nicht ist, die erste Auflage erschien 2016, war ich sofort interessiert. Wenn Geschichte und Familiengeschichte zu einem Roman vereint werden, hat das für mich einen ganz besonderen Reiz. Hier im Roman ist es die Zwischenkriegszeit, der Erste Weltkrieg ist zu Ende und die Weimarer Republik steckt in den Kinderschuhen und wird durch Hitlers Machtergreifung sehr bald beendet, die folgenden Jahre sind geprägt von Aufbruchsstimmung und Judenhass, der nur einmal kurz an die Leine genommen wird für die Olympischen Spiele 1936. Meine Großmutter, 1899 geboren, hat all das auch erlebt, schon deshalb entschied ich mich für dieses Buch.
Das Buch beginnt als Prolog mit einem geheimnisvollen, traurigen Brief, geschrieben von F. Wer ist F.? Was haben all die Andeutungen zu bedeuten? Viele Fragen gleich am Anfang. — Mit dem ein ganzes Jahrhundert übergreifenden Trick der 2015 auftauchenden Tagebücher ihrer Ururgroßmutter Fanny kommt Katharina ins Spiel. Sie ist eine junge Restauratorin, die mit Isa, ihrer antikverliebten Freundin eine kleine Firma aufgebaut hat. Dass sich bei ihren Funden in und um München so einiges an verborgenen Werten und Überraschungen zeigt, gibt dem Roman eine besondere Note. Und über Möbelrestaurationen erfährt man en passant auch eine ganze Menge.
Katharina nimmt sich der Tagebücher an und verliebt sich auch gleich noch in den Überbringer, Alex Bluebird, Engländer, kunstsinnig, leider verheiratet. Diese von Fanny geschriebenen zwei Kladden erzählen von ihrem alltäglichen Leben, von ihrer Zwillingsschwester Fritzi, die besitzergreifend und maßlos ist. Fanny flüchtet aus der Enge ihres Elternhauses in Weiden und geht in die große Stadt München. Auch hier hält ihr das Leben kein Rosenbett bereit, schon bald hält sie es auch bei ihrem Bruder nicht mehr aus. Um nicht mit allzu vielen Spoilern die Leselust zu dämpfen, will ich über das Folgende nur noch so viel schreiben: Fanny hat kein einfaches Leben, aber sie findet eine jüdische Freundin, Alina, und diese Freundschaft allein ist es wert, den Roman zu lesen. So war es für mich jedenfalls. Hinzu kommen Erlebnisse mit verschiedenen, noch heute bekannten Künstlern, Paul Klee wird im Roman eine ganz besondere Rolle zukommen.
Teresa Simon verbindet auf besondere Weise gerade die aufkommende Nazizeit und die ersten Jahre der Hitlerdiktatur mit den ganz persönlichen Erfahrungen ihrer Protagonisten. Die Zwillingsschwestern entzweien sich so auch in ihren politischen Anschauungen. Aber erst ganz am Ende des Buches wird Katharina aufklären können, weshalb die Tagebücher 1936 abrupt endeten und wie sie in den Besitz einer englischen Familie gekommen sind. Bis man als Leser dort angekommen ist, ist jedoch auch Geduld gefragt, besonders bei den ausführlichen Schilderungen von Möbelrestaurationen, was mich manchmal vom Hauptthema zu sehr ablenkte.
Die Autorin hat so gut recherchiert und so viele Details auch aus der eigenen Familiengeschichte zusammengetragen, dass es über 500 Seiten geworden sind. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass die Texte der Tagebuchaufzeichnungen in einer größeren Schrift wiedergegeben worden wären. Mir fiel das Lesen dieser Textteile trotz Brille schwer. Hier wäre für mich tatsächlich ein E-Book hilfreich gewesen.
Das Cover macht einen recht romantischen Eindruck, der im Roman nur durchdringt, wenn z. B. über den Holunderstrauch erzählt wird, dessen Blüte hier über allem schwebt. Die Handlung mit ihren so unterschiedlichen, teilweise schon sehr bösen und brutalen Charakteren, mit der bedrückenden Lage der Juden nach 1933 und auch mit der verachtenden Sicht auf Frauen hingegen ist alles andere als romantisch.
Dieses Buch bietet gute Unterhaltung, wobei es keine seichte Liebesgeschichte wurde, sondern ein sehr bewegender Roman. Ich habe das Buch gern gelesen, auch wenn es phasenweise schwer zu verkraften war. Ich empfehle es gern!

Fazit: ein bewegender Familienroman, der mit geschichtlichen Details ebenso besticht, wie mit den beigefügten Rezepten für bayerische Köstlichkeiten.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Die Unzulänglichkeiten der Welt

Botanik des Wahnsinns
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Leon Engler nimmt den Leser mit auf seinen Weg durch die Botanik des Wahnsinns, der nicht erst beginnt, als er feststellt, dass alle wichtigen Erinnerungen an seine Mutter, seine Kindheit geschreddert ...

Leon Engler nimmt den Leser mit auf seinen Weg durch die Botanik des Wahnsinns, der nicht erst beginnt, als er feststellt, dass alle wichtigen Erinnerungen an seine Mutter, seine Kindheit geschreddert auf der Müllhalde gelandet sind. Er beginnt diesen Wahnsinnsweg schon als Kind, so erinnert er sich an die Merkwürdigkeiten seiner Mutter und seines Vaters. Nur langsam filtert er aus diesem Wahnsinn, der sich oftmals schier versteckt, die Tatsachen und Wirklichkeiten heraus. "Die Mutter bipolar und psychotisch, der Vater todkrank." So erzählt Engler eine Erkenntnis- und Erweckungsgeschichte, der ich oftmals nicht gern folgte. Sie ist bedrückend, auch wenn er die Ironie seiner Erkenntnisse durchscheinen lässt. Der "Hauptdarsteller" ist ein Zweifler an sich, an seinen Eltern, seiner Umwelt, seinen Freunden und er wundert sich manchmal über sich selbst. Nur die Erzählungen über den alten Nachbarn haben mir gut gefallen, als wären sie einer Extra-Story in der Story, warmherzig und liebevoll geschrieben.
Eingewebt in seine Geschichte findet man Zitate von Schriftsellern und Psychiatern und kann sich seinen Reim auf die Unzulänglichkeiten der Welt selbst machen.
Fazit: Vielleicht ein Buch für angehende Psychiater, ich werde es meinem Enkel empfehlen, der studiert noch. Für mich war es eher ungeeignet.

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Veröffentlicht am 15.08.2025

Fernes Japan trifft auf fremdes Deutschland - Ein Familienpuzzle

Onigiri
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Yuko Kuhn hat mit "Onigiri" ihren ersten Roman vorgelegt, der mir sehr gut gefallen hat. Hauptperson und Ich-Erzählerin ist Aki, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, die in Deutschland aufwächst ...

Yuko Kuhn hat mit "Onigiri" ihren ersten Roman vorgelegt, der mir sehr gut gefallen hat. Hauptperson und Ich-Erzählerin ist Aki, Tochter einer Japanerin und eines Deutschen, die in Deutschland aufwächst und nun am Ende des Lebens ihrer Mutter Keiko versucht, die Familiengeheimnisse zu lüften. Was nicht so einfach ist, denn ihre Mutter ist an Demenz erkrankt. Aki versucht, es möglichst allen recht zu machen, aber auch ihre Geduld kommt manchmal an ihre Grenzen. Trotzdem hat sie sich in den Kopf gesetzt, mit ihrer Mutter noch ein einziges Mal nach Japan zur Familie zu reisen, letztlich ist es der Tod der japanischen Großmutter mit über 100 Jahren, der sie aufrüttelt. Auch wenn sie versucht ihrer Mutter, alles zu erklären und zu erzählen, diese vergisst es im Handumdrehen und Aki ist alarmiert. Die Reise nach Japan gestaltet sich trotzdem nicht schwierig, das mag auch mit dem geduldigen Temperament der Japaner an sich zu tun haben. Sei es der fröhliche Onkel oder die alte Freundin der Mutter, die es erträgt, dass Keiko sie nicht mehr erkennt. Die Autorin charakterisiert jede ihrer Figuren sehr einfühlsam, auch wenn sie kritisch ist, bleibt die Liebe immer vordergründig.
Das Buch ist mit rund 200 Seiten nicht sehr umfangreich, aber sehr anrührend und gut zu lesen. Die japanische Kultur, das fremde Essen, die unbekannten Worte, das alles erzeugt eine vertrauliche und empathische Atmosphäre für den Leser. Sehr gefallen hat mir das Glossar. Am Anfang gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis mit den japanischen Kapitelüberschriften und deren Übersetzung. Warum die deutsche Übersetzung bei den Kapitelanfängen weggelassen wurde, weiß ich nicht. Ich musste jedenfalls doch immer wieder vorn nachschauen.
Der liebevolle Umgang von Felix, Akis Ehemann, mit seiner dementen Schwiegermutter hat mich tief berührt und ließ mich an meinen Mann und meine Mutter denken, die ein ähnliches Verhältnis hatten. Ebenso gut gefielen mir die Szenen in Japan im Hause des Onkels. Aki erzählt ihre und die Geschichte ihrer Mutter, ihrer Familie in einem ständigen Wechsel der Zeiten und Orte, ein bisschen gewöhnungsbedürftig war dieser ständige Wechsel teilweise. Aber immer noch leichter zu verfolgen als im Hörbuch, das für mich den Anlass gab, dieses Buch in seiner gedruckten Version zu lesen. Als Zuhörer musste man versuchen, die japanischen Worte im Kopf zu behalten, im Buch vor- und zurückzublättern ist leichter. Was Onigiri tatsächlich bedeutet, gibt auch das Buch nicht sofort preis, man kann es natürlich googeln.
Fazit: Ich empfehle das Buch sehr gern, es lässt einen Blick zu auf ein Japan, wie wir Europäer es nicht so gut kennen.

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Veröffentlicht am 15.08.2025

In Wien gehen die Uhren eben anders

Miss Vergnügen
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Martina Parker hat mit "Miss Vergnügen" tatsächlich einen vergnüglichen Krimi geschrieben, der trotz des poppigen Covers und des netten Titels einiges an Blut und Tod auf Lager hat. Ich habe mich von Anfang ...

Martina Parker hat mit "Miss Vergnügen" tatsächlich einen vergnüglichen Krimi geschrieben, der trotz des poppigen Covers und des netten Titels einiges an Blut und Tod auf Lager hat. Ich habe mich von Anfang an gut amüsiert und unterhalten gefühlt, aber zur Mitte hin fesselte mich das Buch plötzlich nicht mehr so sehr. Das dritte Drittel holte dann in Sachen Spannung und Unterhaltung wieder gehörig auf!
Die Protagonisten machten einfach Spaß, jeder mit eigener Macke und eigenem Talent. Miss Brooks ermittelt in diesem ersten Teil einer geplanten Serie auf ganz spezielle Art. Zu Beginn wird ein Herr bei lebendigem Leibe in einem Porzellanbrennofen kremiert, der eigentlich noch ein bisschen hätte leben wollen. Der Konzern, in dem Franzose Jacques Bernard seine Brötchen verdiente, ist die bekannte Kosmetikfirma Très Loué, was man auch mit "sehr beliebt" übersetzen kann. Offensichtlich traf das nicht auf Bernard zu, denn der ist nun tot. Während Miss Brooks - "Zustechen, Faden packen, Schlinge zuziehen." - noch Wollpüppchen häkelt, geht die Ermittlungsarbeit der Wiener Polizei in der Porzellanmanufaktur Augarten schon los. Denn in deren Räumen stand der besagte Brennofen, am Vorabend hatte ein Barockball stattgefunden.
Wie sich kurze Zeit später Miss Brooks in die tödlichen Angelegenheiten mischt, gebe ich nicht preis. Nur soviel, am Ende ist man wirklich überrascht, wie Klarheit in den (w)irren Fall kommt. Zitat: "In Wien mit seiner Gemütlichkeit hatte sie erkannt, dass es okay war, manchmal einfach nur dazusitzen und zu schauen, was als Nächstes passierte." Denn: "In Wien gehen die Uhren eben anders."

Fazit: gute Sommerunterhaltung mit Wiener Schmäh.

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