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Veröffentlicht am 21.07.2025

Hoffnungsschimmer über Potsdam

Schwestern des brennenden Himmels
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Hanna Caspian hat sich intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund dieses Romans auseinandergesetzt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Potsdamer Konferenz, nicht zuletzt der Atombombenabwurf in Hiroshima. ...

Hanna Caspian hat sich intensiv mit dem geschichtlichen Hintergrund dieses Romans auseinandergesetzt: Das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Potsdamer Konferenz, nicht zuletzt der Atombombenabwurf in Hiroshima. Heute denken die Menschen seltener an diese weltbewegenden Ereignisse, das Hier und Heute beschäftigt gar zu sehr. Aber das Wissen um die Geschichte sollte Mahnung, Erinnerung und Erkenntnis sein, auch für die Einordnung heutiger und zukünftiger Ereignisse.
Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Ann, die mit den Eltern als Kind ins Exil ging, über Umwege in Großbritannien eine neue Heimat fand. Ihr hervorragendes English macht sie als Deutsche fast unkenntlich, sie lernt mit englischen Kindern in der Schule und steht mit englischen jungen Leuten auf den Dächern von London, um den „Blitz“ abzuwehren. Nachdem sie verschüttet wird, leistet sie einige Zeit Dienst im Büro und übersetzt Briefe deutscher Wehrmachtsangehöriger. Dann wird sie für die Betreuung der Mitglieder der britischen Abordnung zu Potsdamer (zuerst hieß sie Berliner) Konferenz eingesetzt. Ihr Traum wird wahr, sie kann in die Heimatstadt reisen, in der sie vor 10 Jahren ihre Cousine Charlie und die restliche Familie zurücklassen musste. Ob die Verwandten noch leben, ist die erste Frage. Ann, die ja eigentlich Annegret hieß, versucht in Potsdam alles, um Familienmitglieder zu finden. Sie spannt dafür ihren neuen Bekannten Jackson, einen amerikanischen GI, ein, aber ihre wahre Identität will sie weder ihm noch anderen erklären.
Der Roman beschreibt sehr anschaulich die Tage der Potsdamer Konferenz, die Eitelkeiten der Großen Drei, die Diskussionen und das Machtgeschacher. Hanna Caspian gelingt es gut, diese geschichtlichen und politischen Abläufe in das private Leben ihrer Protagonisten einzufügen (bzw. umgekehrt). Sehr anschaulich schildert sie die dramatischen Zustände in Potsdam, wo Hunger und Angst umgehen. Besonders die Angst vor der sowjetischen Besatzungsmacht, die allzu oft durch tödliche Schikanen, Vergewaltigungen, Verhaftungen und Morde das Leben der Menschen zur Hölle macht. Liesel, das Mädchen, das für den Roman als deutsche Schlüsselfigur erfunden wurde, vereint das alles in sich. Sie wuchs mir von Kapitel zu Kapitel mehr ans Herz. Eine so starke Empfindung hatte ich für Ann nicht, vielleicht lag das an ihrer Art, permanent über ihren Verrat nachzudenken und wie sie diesen wiedergutmachen könnte.
Da Ann im Gästehaus des Premierministers Churchill arbeitete, waren diese Szenen eine wohltuende Abwechslung zu den dramatischen Ereignissen in Potsdam. Mir hat das gefallen, wie für alles improvisiert werden musste und Churchill am Ende sogar recht zufrieden wirkte. Leider hat sein englisches Wahlvolk seine Kriegserfolge nicht gewürdigt und ihn kurzerhand abgewählt. Einer der Punkte, an denen die Weltgeschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können.
Ich will hier über die weitere Handlung im Buch nicht zu viel preisgeben, meine Überschrift der Rezension sollte reichen. Das Taschenbuchcover ist sehr ansprechend gestaltet, die innen gedruckte Karte von Potsdam erleichtert Ortsunkundigen die Orientierung. (Zu Fuß sind einige Strecken wirklich recht lang, das kann ich aus eigener Erfahrung schreiben. Wie schön die damals zerstörte Innenstadt unterdessen wieder geworden ist, erfreut mich übrigens bei jedem Besuch aufs Neue.)
Fazit: Mir hat der Roman gefallen und ich kann ihn guten Gewissens empfehlen. Er ist eindringlich geschrieben und vermittelt jede Menge Geschichtswissen, auch noch das Nachwort ist lesenswert.

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Der Kreis schließt sich

Wir sehen uns wieder am Meer
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Die Trilogie, in der Junis das Leben ihrer Großeltern erforscht und gleichzeitig die lebenslange Freundschaft dreier norwegischer Frauen verfolgt, geht mit diesem Buch zu Ende. Der wunderbare erste Teil ...

Die Trilogie, in der Junis das Leben ihrer Großeltern erforscht und gleichzeitig die lebenslange Freundschaft dreier norwegischer Frauen verfolgt, geht mit diesem Buch zu Ende. Der wunderbare erste Teil „Als Großmutter im Regen tanzte“ wird mit der bewegenden Geschichte der Freundin Birgit, die im ersten Teil die entscheidenden Hinweise auf das Geheimnis der Großmutter Tekla und auf den leiblichen Großvater Otto gab, zusammengeführt. Ich habe noch einmal einige Stellen des ersten Teils nachgelesen, z. B. den Besuch von Juni bei der 90jährigen Birgit im Pflegeheim, als diese ihr unbekannte Familiengeheimnisse offenbarte. Es heißt zwar im Nachwort des dritten Bandes, dass man die Teile auch einzeln lesen könnte, aber um den dritten Teil zu verstehen, wäre das Lesen des ersten aus meiner Sicht schon wichtig.
In „Wir sehen uns wieder am Meer“ befindet man sich mitten im Zweiten Weltkrieg, Norwegen ist von den Deutschen besetzt, aber es gibt auch in Norwegen Kollaborateure und Hitlerverehrer, die es den friedlichen Menschen noch schwerer machen, das Los der Besatzung zu ertragen. Birgit Johansen beschließt, ihren Anteil an der Hilfe für die unterdrückten Menschen in einem Krankenhaus weit im Norden des Landes, in Bodø, zu erbringen. Sie will dort, zur Verwunderung ihrer Freundinnen und Familie als Krankenschwester arbeiten. Für sie ist es die Flucht aus einer Einsamkeit, die diese nicht lindern können, denn ihr russischer Freund Ilja ist verstorben. Sie kann schon recht gut Russisch sprechen und sie liebt vor allem die russische Musik. Als sie im Krankenhaus mit sowjetischen Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen konfrontiert wird, erweist sich ihr Sprachwissen als sehr hilfreich. Mit der ukrainischen Fremdarbeiterin Nadja freundet sie sich an und später wird sie sich unsterblich in den Kriegsgefangenen Sascha verlieben. Ohne Zögern beginnt sie die lebensgefährliche Mitarbeit in einer norwegischen Widerstandsgruppe. Vieles Erlernte aus dieser Untergrundarbeit wird ihr nach dem Krieg hilfreich sein bei ihrer Arbeit für den norwegischen Geheimdienst. Aber nicht nur der Geheimdienst hat dann ein Auge auf sie geworfen, auch der CIA und der spätere KGB suchen die Zusammenarbeit. Sie stürzt sich in ein sehr aufregendes und gefährliches Leben, aber sie nimmt das in Kauf, auch um die kurz vor Kriegsende erlebten Misshandlungen durch die Gestapo und norwegische Helfershelfer zu vergessen.
Die Informationen über das Leben und Leiden der sowjetischen Gefangenen in Norwegen sind sehr bedrückend, die Lebensbedingungen erinnern an Berichte aus den KZs in Deutschland, Ravensbrück wäre ein Beispiel für die Ausbeutung der inhaftierten Frauen. Ähnlich erging es den Frauen in Norwegen, beispielsweise in der Fischfabrik in Bodø ähnlich, aber hinzu kam die eisige Kälte am Polarkreis. Was Nadja und die anderen Frauen erleiden mussten, ist schrecklich, den Männern ging es um nichts besser. Erschreckend der Gedanke, dass unter diesen Umständen Kinder geboren wurden, aufwuchsen und so viel Leid erdulden mussten.
Das Buch zeigt vor allem die Freundschaft und Solidarität der Betroffenen, aber auch die Boshaftigkeit der Kollaborateure, die in ihrer Menschenverachtung den Deutschen in nichts nachstanden. Auch in Norwegen sind viele der gerechten Bestrafung entgangen, aber es gab auch Verurteilungen von Tätern.
Die Opfer, Menschen wie Birgit oder Nadja, quälen sich ein Leben lang mit den grausamen Erinnerungen, mit Alpträumen und Depressionen. Gelegentlich gibt es psychologische und psychiatrische Hilfe, aber nicht von allen wird sie angenommen und nicht bei allen ist sie erfolgreich. Die dritte Freundin von Tekla und Birgit, Anneliese, gehört dazu.
Das Buch von Trude Teige liest sich insgesamt gut, sie hat einen angenehm unaufgeregten Stil, beschreibt auch das Grausame lesbar. Nicht so gut hat mir die Geheimdienstaffäre von Birgit gefallen, es ist für heutige, gerade jüngere Leser sicher nicht so leicht nachzuvollziehen, wie sich der KGB wie eine unheilbare Krankheit in das Leben der Menschen gefressen hat. Ich habe zu der Thematik lange und ausführlich geforscht und weiß die Berichte im Buch einzuordnen. Für andere ist das vielleicht schwieriger. Und dieser Teil des Buches las sich für mich auch nicht so flüssig.
Sehr interessant ist das Nachwort, das die Autorin nutzt, um dem Leser einen Einblick zu geben in ihre Arbeit, die Recherchen, die tatsächlich existierenden Personen, die ihren fiktiven Protagonisten als Vorbild dienten. Es rundet die Trilogie im wahrsten Sinne des Wortes ab. Hier am Ende schließt sich im Roman und mit den Erklärungen von Trude Teige der Kreis der Trilogie.
Ich habe versucht, keine Spoiler einzubauen in meine Rezension, das ist aber auch schwierig. Der Klappentext nimmt schon einiges vorweg.
Fazit: wer die ersten beiden Bände der Trilogie kennt, wird mit dem Erzählten gut zurechtkommen. Mir hat es gefallen, es ist ein eindringliches Buch, das ich mit gutem Gewissen empfehlen kann. Gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Wien 1896 - Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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Oliver Pötzsch legt nun schon den vierten Teil seiner "Totengräber"-Krimiserie vor. Der Roman spielt im Jahr 1896, nicht nur die Technik macht riesengroße Sprünge, die der Kriminalpolizei weiterhelfen, ...

Oliver Pötzsch legt nun schon den vierten Teil seiner "Totengräber"-Krimiserie vor. Der Roman spielt im Jahr 1896, nicht nur die Technik macht riesengroße Sprünge, die der Kriminalpolizei weiterhelfen, auch die Kriminellen nutzen den technischen Fortschritt. Im Wiener Prater werden erste Filme gezeigt, erste Filme gedreht. Dass sich die Filmemacher auch den Vorlieben einzelner Kunden zuwenden, ist nicht ungewöhnlich, denn diese zahlen gut.
Zu Beginn des Krimis stirbt zuerst eine Frau bei einem missglückten Zaubertrick und wird zersägt, dann findet die Polizei diverse tote Frauen nahe des Rothschild-Anwesens. In bewährter Manier setzen sich die schon aus den ersten drei Folgen gut bekannten Hauptakteure Inspektor Leopold von Herzfeldt und Reporterin Julia Wolf auf die Fährten der Mörder. Unvermeidlich, dass auch der titelgebende Totengräber Augustin Rothmayer hineingezogen wird in die kriminelle Spirale, die sich immer schneller dreht. Die Hinweise auf antisemitische Ausfälle von Leos Kollegen sind mir manchmal etwas zu vordergründig, aber das stört den Gesamteindruck nicht.
Das Verhältnis von Leo und Julia war ja im dritten Band recht abgekühlt, nun erholt sich die Liebesbeziehung langsam wieder. Im letzten Drittel des recht langen Hörbuchs wird es dann doch noch spannend und die Auflösung erstaunt nicht nur den Hörer bzw. Leser des Krimis, sondern auch auf Kriminalistenseite hat man nicht damit gerechnet.

Fazit: Mit wunderbarem Lokalkolorit, einem Sprecher, der einen im Österreich der K.u.K.-Zeit versinken lässt, charakterlich gut beschriebenen Protagonisten und so mancher unerwarteten Wendung wird man für seine Geduld belohnt. Sehr lang - sehr wienerisch ist dieses Hörbuch, aber auch sehr unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 11.07.2025

„Wir können von Glück sagen.“

Irina
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Dieser Satz „Wir können von Glück sagen.“ rahmt für mich dieses wunderbare Buch ein, umfasst die unfassbaren Schicksalsschläge und Tragödien wie ein leichter, schöner Seidenschal. Es sind oft wiederholte ...

Dieser Satz „Wir können von Glück sagen.“ rahmt für mich dieses wunderbare Buch ein, umfasst die unfassbaren Schicksalsschläge und Tragödien wie ein leichter, schöner Seidenschal. Es sind oft wiederholte Worte von Sasha Colbys Großmutter Irina, die jedes Unglück vergessen machen möchten. Aber der Mensch vergisst nicht.
Sasha Colby ist die Enkelin von Irina, einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die während des Zweiten Weltkriegs in Wetzlar für die sehr reiche und bekannte Familie Leitz arbeitete. Zuerst in der Verpackungsabteilung für Leica-Kameras, die berühmteste Kleinbildkamera jener Jahre und noch heute teuer und begehrt. Irina spricht Deutsch und hat das unfassbare Glück, im Herrenhaus der Familie eine Anstellung und auch Unterkunft zu bekommen. Unter der Anleitung von Elsie Kühn-Leitz sind hier mehrere Hausangestellte beschäftigt, es herrscht eine angenehme Atmosphäre, die Zwangsarbeiter werden so menschlich behandelt, dass das bereits auffällig ist für die Gestapo und ihre Spitzel. Irina aber kann ihr Glück kaum fassen und auch nur der Gedanke, zurück ins Lager zu müssen, macht ihr Angst.
Sasha Colby hat sich an dieser Lebensgeschichte, die noch weitaus umfangreicher und tragischer wird, als es die ersten Kapitel vermuten lassen, so festgebissen, dass sie nicht mehr davon lassen kann. Recherchen und vorsichtige Befragungen der Großmutter bringen sie auch auf die Spuren der Familie Leitz, insbesondere von Elsie. Diese ist nicht nur eine kluge und weltgewandte Hausdame und studierte Juristin, sie engagiert sich aktiv im Widerstand gegen die Nazis, vor allem durch die unermüdliche Hilfe, die sie den Zwangsarbeitern zukommen lässt. Ihre Verhaftung und Untersuchungshaft hat die Autorin nicht nur bis ins Detail erforscht, sie hat aus Elsies Erinnerungen und ihrer eigenen Phantasie eine romanhafte Lebensgeschichte gemacht. Fern von jedem trockenen Sachbuchstil kann der Leser die Not, die Angst und das zeitweise Verzweifeln unsagbar nah und authentisch fühlen. Die Kapitel über Elsies Haft sind die poetischsten im ganzen Buch. Auch Ernst Leitz II, ihr Vater, nutzt seine Stellung und sein Geld, um Juden und anderen Verfolgten zu helfen, Deutschland zu verlassen und im Ausland, bevorzugt in Orten mit einer Leitz-Niederlassung, Arbeit und Unterkunft zu finden. Dass er damit auch seine Tochter retten kann, ist ein positiver Nebeneffekt.
Die Autorin verfolgt in ihrem Buch die verschiedenen Erzählstränge mit Vehemenz, so kennt der Leser bald nicht nur ihre Großmutter Irina, sondern auch ihren Opa Sergei – mit einer ganz eigenen Geschichte –, folgt dem schweren Start des Onkels Alexandre ins Leben, ihrer wilden, fröhlichen Mutter Lucy und ihrem Vater in die 1970er. Colbys Großeltern gelingt nach Kriegsende – das ist zwar ein Spoiler, aber sicher verzeihlich – die mehrfache Flucht vor den Russen, nicht zuletzt wieder auch mit Hilfe von Elsie bzw. Ernst Leitz II. Die Aussicht, als Vaterlandsverräter in einem russischen Gulag zu enden, hat Colbys Großeltern zu wahren Husarenstücken gebracht, um dieses Schicksal abzuwenden. In Kanada finden beide endgültig eine neue Heimat.
Trotz der tragischen und traurigen Begebenheiten hat dieses Buch etwas Leichtes und die Sprache der Großmutter trägt eindeutig dazu bei, etwas Ironie und Witz zu verbreiten. Ihr nach wie vor gebrochenes Englisch (in der Übersetzung natürlich Deutsch) ist köstlich, der Supermarktbesuch unvergesslich und brachte mich tatsächlich zum Lachen. Es ist anrührend zu lesen, wie sie Stück für Stück ein „bisselchen“ von ihren Erinnerungen an Tochter und Enkeltochter weitergibt. Ich zitiere hier eine passende Textstelle, die gleichzeitig auch von einer perfekten Übersetzung zeugt: „Ich weiß, dass meine Großmutter hart an ihren Geschichten gearbeitet hat. Ich weiß genau, dass ihre Versionen vor allem ein Akt der Bewahrung sind – Wiederholungen, die es ihr ermöglichen, ihre Albträume in Schach zu halten, sorgfältig bearbeitete Sequenzen, die uns schonen und es ihr ersparen, sie uns erzählen zu müssen. In anderen Jahren haben diese redigierten Versionen ausgereicht. Aber jetzt haben die Risse in ihren Geschichten die Gewissheit erzeugt, dass es da mehr gibt.“ (S. 114)
All die Erinnerungen, die recherchierten Details und eigenen Erfahrungen zusammenzusetzen ist für Colby „ein radikaler Akt der Collage“, den sie hervorragend meistert. Die Zeiten werden auf geheimnisvolle Weise vermischt und verknüpft, nichts ist unsicher oder an der falschen Stelle. Die Jahre 1942 bis 1945 mit Irina und Elsie, die Nachkriegszeit mit Irina und Sergei, die 1950er bis 1970er mit Colbys Eltern, die Jahre 2011 bis 2014, die Entstehung des Buches, die Besuche bei der Großmutter und vor allem die Geburt von Tatianna, Colbys kleiner Tochter, damit schließt sich der Kreis.
Und überall im Buch erscheinen auch Nebenfiguren, die mit gelungenen Porträts und Beschreibungen verschiedener Ereignisse in den Ablauf der Geschichte eingewoben sind. Es sind Freunde, die geholfen haben, in allen Lebenslagen Wie sehr das verbindet, kann man hier nachlesen. Besonders berührend fand ich die Szene im DP-Lager, als Milka die unglücklich nach einem Platz suchende kleine Familie samt Kinderwagen in ihr winziges Zimmer einlädt und sie dort zwei Monate wohnen können, zusammen mit ihrem Mann Panas und den beiden Kindern Valja und Laura. Aus Laura wird später Laurie und die Großmutter Irina erzählt noch 2011 begeistert, dass sie sie kennt, seit sie 5 Jahre alt war. Noch immer treffen sie sich alle bei Irinas Familienfesten.
Als ich dieses Buch las, drang im Hintergrund immer wieder der Gedanke an den Ukrainekrieg bei mir durch, wenn ich über die Angst von Irina und besonders von Sergei vor einer Verhaftung durch die Russen und einer Deportation nach Sibirien las, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Für mich ist die Frage, warum die Ukraine niemals aufgeben will und darf, mit diesem Buch klar und deutlich beantwortet. Wer an der heutigen Hilfe zweifelt, sollte sich klarmachen, dass Hass und Abneigung der Russen gegen die Ukraine nicht geringer geworden sind, eher noch stärker. Stalin wollte die Ukraine unterwerfen, Putin will das auch.
Im Englischen ist der Titel des Buches „The Matryoshka Memoirs“ fast noch zutreffender als nur der einfache deutsche Titel „Irina“. Der ursprüngliche Titel zeugt wesentlich stärker von den vielen ineinander verschachtelten Lebensgeschichten, auch wenn Irina im Buch als Hauptfigur angelegt ist, Sasha Colby macht als Erzählerin aus dieser Familiengeschichte ein echte Matroschka-Geschichte. Trotzdem bin ich von der gesamten Übersetzung durch Dieter Fuchs rundum begeistert.

Fazit: Eine viele Generationen und verschiedene Menschen umfassende biografische und (autfiktionale Erzählung, die einmal mehr die Schrecken des Krieges und der Machtausübung beschreibt. Aber auch von Überlebenswillen und viel Liebe zeugt. Sehr lesenswert und informativ zugleich. 100 Prozent Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 08.07.2025

Schwere Kost, mit leichten Einlagen

Berlin im Nationalsozialismus
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Dieses Buch will alles auf einmal, es will die Stadtgeschichte, die politische Entwicklung, das Privatleben im Nationalsozialismus für den Leser zu einem Ganzen machen. Aber bereits im Vorwort, das hier ...

Dieses Buch will alles auf einmal, es will die Stadtgeschichte, die politische Entwicklung, das Privatleben im Nationalsozialismus für den Leser zu einem Ganzen machen. Aber bereits im Vorwort, das hier VORSICHT heißt, wird deutlich, wie schwierig das ist. Dass Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel in einem Buch, das die Berlin-Geschichte von 1933 bis 1945 beschreiben wird, bereits in diesem Vorwort ohne zu zögern gendern, hat mich und mein deutsches Sprachgefühl schon sehr beeinträchtigt. Was soll ich als Geschichtsinteressierter mit "Arbeiter*innenschaft" anfangen? So sprach man selbst im Nationalsozialismus nicht.
Trotz dieses anfänglichen Ärgers habe ich mich lange mit dem Buch auseinandergesetzt, musste aber feststellen, dass es sich eher um wissenschaftliche Aufarbeitung von unzähligen Quellen als um ein gut lesbares populärwissenschaftliches Werk handelt. Die Anmerkungen, die mit kleinen Nummern im Text kenntlich gemacht sind, sind in so winziger Schrift gedruckt, dass ich diese nur mit großer Mühe entziffern konnte, ebenso die Sach-, Orts- und Personenregister und das Literaturverzeichnis. Der Anhang hat mir demzufolge auch nicht weitergeholfen. Die Autoren haben die Unterteilung in Themengebiete aus meiner Sicht gut angelegt. Flüssig lesbar fand ich das Ganze nicht, interessante Details aber gibt es zu Genüge. Auch wer sich mit der Thematik schon recht ausführlich beschäftigt hat, wird Neues entdecken.
Fazit: Ein schwieriges Buch, das den "Abriss" der Stadtgeschichte Berlins im Nationalsozialismus gänzlich umfassen will, aber mit dem ich leider nicht warm wurde.

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