Profilbild von Klusi

Klusi

Lesejury Star
offline

Klusi ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Klusi über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2021

Schuld ist nicht vererbbar, Schuldgefühle aber schon

Amon
0

Der Titel ist verstörend, aber wenn man Jennifer Teeges Geschichte und die ihrer Vorfahren erfährt, wird der Satz nachvollziehbar.
Die Autorin schreibt hier über ihr eigenes Schicksal. Im Alter von vier ...

Der Titel ist verstörend, aber wenn man Jennifer Teeges Geschichte und die ihrer Vorfahren erfährt, wird der Satz nachvollziehbar.
Die Autorin schreibt hier über ihr eigenes Schicksal. Im Alter von vier Wochen wurde sie von ihrer Mutter ins Kinderheim gebracht und kam mit drei Jahren zu einer Pflegefamilie, die sie einige Jahre später adoptierte. Obwohl ihre Adoptiveltern und deren leibliche Söhne das Mädchen liebevoll bei sich aufnahmen und sie so eine glückliche Kindheit verbringen konnte, hatte sie immer das Gefühl, ihr würde etwas fehlen, denn die Vergangenheit, ihre Wurzeln, lagen im Dunkeln. Sie ist schon 38, hat mittlerweile selbst eine Familie gegründet, als ihr durch Zufall ein Buch in die Hände fällt. Bestürzt stellt sie fest, dass dieses Buch von ihrer leiblichen Mutter geschrieben wurde, zu der sie seit ihrer frühen Kindheit keinen Kontakt mehr hatte.
Als sie dieses Buch liest, fällt mir einem Schlag ihre Welt in Scherben, denn sie erfährt, dass ihr Großvater Amon Göth, der „Schlächter von Płaszów“, der Kommandant des gleichnamigen Konzentrationslagers war. Für Jennifer Teege beginnt ein schmerzhafter Verarbeitungsprozess. Nie und nimmer kann sie sich und ihr eigenes Leben, ihre Werte und Vorstellungen, mit der Person Amon Göth zusammenbringen. Es fällt ihr auch schwer, sich anderen Menschen in ihrer Umgebung zu öffnen, denn sie befürchtet, die Taten ihres Großvaters fallen auf sie selbst zurück. Schuld ist nicht vererbbar, Schuldgefühle aber sehr wohl. Vermutlich kann man nicht annähernd nachempfinden, was in Jennifer Teege vorging, wie sie sich gefühlt hat. Ganz besonders belastend empfindet es die Autorin, dass ihre Großmutter, die sie noch gekannt und geliebt hat, von den Taten wusste, denn sie lebte damals mit Amon Göth in der Villa gleich neben dem Lager in Plaszów.
Wie sie mit diesem furchtbaren Wissen fertig wird, wie es ihr weiteres Leben verändert und wie ihre Adoptivfamilie und ihre Freunde damit umgehen, das alles erzählt Jennifer Teege in diesem Buch, das erschüttert und berührt zugleich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2021

Ein Pageturner!

Finstere Havel
0

Der Prolog zeichnet ein düsteres, beklemmendes Bild, und man ist sofort mittendrin im Geschehen. Was steckt hinter dem Tod einer jungen Frau, die nachts mit ihrem Auto in die Havel gerollt ist? War es ...

Der Prolog zeichnet ein düsteres, beklemmendes Bild, und man ist sofort mittendrin im Geschehen. Was steckt hinter dem Tod einer jungen Frau, die nachts mit ihrem Auto in die Havel gerollt ist? War es ein Unfall? Wieso tat Melanie Berndt nichts zu ihrer eigenen Rettung? War sie vielleicht zum Zeitpunkt, als sie mit ihrem Auto unterging, bereits tot oder beging sie Selbstmord? Fragen über Fragen stürzen auf Toni Sanftleben ein, als er morgens zum Fähranleger an die Havel gerufen wird, wo Einsatzkräfte bereits das Fahrzeug und die Tote geborgen haben. Mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und mit Scharfsinn macht er sich an die Ermittlungen. Aber er kann nicht immer die Ruhe bewahren, denn es hat den Anschein, als würde ihn die Vergangenheit einholen, und es geschehen Dinge, die ihm persönlich nahe gehen und durch die er sich fast zu unbedachten Reaktionen hinreißen lässt.
Dies ist bereits der fünfte Fall für Toni Sanftleben und seine Kollegen. Auch diesmal hat mich wieder die tolle Zusammenarbeit und Professionalität fasziniert, mit der das gut eingespielte Team zu Werke geht. Allerdings ist der Teamgeist nicht durchwegs ungebrochen, denn persönliche Befindlichkeiten der Kollegen und Zwischenmenschliches aus Tonis direktem Umfeld bringen zwar einige Turbulenzen, dabei aber weitere, interessante Aspekte in die Handlung.
Realistisch dargestellte Charaktere, plastisch beschriebene Schauplätze und gut durchdachte Ermittlungen haben mir wieder ein tolles Lesevergnügen bereitet. Schnelle Einsätze und überraschende Wendungen sowie ein hoher Spannungsbogen machen diese Story zum Pageturner.
Wer die Krimis von Tim Pieper, die alle im malerischen Havelland spielen, noch nicht kennt, der könnte jederzeit auch bei diesem fünften Band einsteigen, denn die wichtigsten Punkte der Vorgeschichte werden zwischendurch erwähnt. Ich empfehle jedoch, alle fünf Bücher in der chronologischen Reihenfolge zu lesen, denn das erhöht die Spannung und den Lesespaß ungemein. Von mir gibt es für diesen brillanten Krimi eine klare Leseempfehlung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.03.2021

Balkongärtnern schön und praxisnah beschrieben

Grüner geht's nicht
0

Nicht jedem ist ein eigener Garten vergönnt, aber die Sehnsucht, sich mit Pflanzen zu umgeben wird immer stärker, gerade bei Stadtbewohnern. Einen Balkon haben viele, eine Fensterbank hat jeder, und wie ...

Nicht jedem ist ein eigener Garten vergönnt, aber die Sehnsucht, sich mit Pflanzen zu umgeben wird immer stärker, gerade bei Stadtbewohnern. Einen Balkon haben viele, eine Fensterbank hat jeder, und wie dieses Buch zeigt, gibt es viele Möglichkeiten, auf kleinem Raum zu gärtnern, schöne Pflanzen zu ziehen und vielleicht sogar eigenes Obst oder Gemüse zu ernten.

Das vorliegende Buch widmet sich eben diesen kleinen Möglichkeiten. Urban Gardening wird immer beliebter, und hier erhält man die nötigen Informationen. In diesem Kosmos-Ratgeber findet man zahlreiche Steckbriefe für Kräuter, Blumen und Gemüsepflanzen. Man erkennt auf einen Blick, welche Wachstumsbedingungen die jeweilige Pflanze benötigt sowie alles von der Aussaat bzw. dem Pflanztermin über die Pflege bis zur Ernte. Auch zur Möglichkeit, Beerensträucher oder gar einen kleinen Obstbaum auf dem Balkon zu kultivieren, findet man hier wertvolle Informationen.

Aber zuerst benötigt man geeignete Gefäße und die richtige Erde. Über eine nachhaltige Ausrüstung, mit vielen DIY-Ideen, beispielsweise wie man sich Pflanzkästen, Pflanzenregale oder Bewässerungssysteme selbst basteln kann, hat die Autorin ein eigenes Kapitel zusammengestellt. Ob es um den Schutz vor Schädlingen oder um die richtige Düngung geht, auch hierzu gibt das Buch sinnvolle und praktische Ratschläge. Die richtige Sortenwahl bei den Pflanzen ist schon der halbe Erfolg, denn nicht jedes Gemüse wächst im Topf oder Blumenkasten gleich gut, aber es gibt viele Pflanzen, die nicht viel Platz benötigen, und man findet immer mehr kleinwüchsige Züchtungen.

Auch an die kleinen Tiere wurde gedacht, und so sind im Buch auch Anregungen zum Anlegen eines Mini-Teichs, zum Basteln eines Insektenhotels, einer Vogel- bzw. Insektentränke und zum Selbermachen von Futterglocken, um die gefiederten Freunde zu unterstützen.

Auf ihrem Blog „Kistengrün“ veröffentlicht die Autorin immer wieder weitere interessante Ideen und Tipps. Es lohnt sich, dort einmal vorbei zu schauen. Eine Doppelseite mit Bezugsquellen und weiterführenden Links rundet dieses schöne und informative Buch ab. Schon beim Durchblättern hat es mir in den Fingern gejuckt, und die neue Balkonsaison steht quasi in den Startlöchern. Ich habe schon einige Bücher über Balkon- und Kübelpflanzen gelesen, aber keines war bisher so vielfältig und praxisnah wie dieses.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.03.2021

Den Wald mit allen Sinnen erfahren

Projektreihe Kindergarten - Im Wald
0

In Wäldern herrscht eine ganz eigene Atmosphäre. Schon den Geruch nach Holz, Nadeln, Moos und Erde gibt es nirgendwo sonst in dieser Art. Die Geräusche sind gedämpfter, und das Gehen auf Waldboden ist ...

In Wäldern herrscht eine ganz eigene Atmosphäre. Schon den Geruch nach Holz, Nadeln, Moos und Erde gibt es nirgendwo sonst in dieser Art. Die Geräusche sind gedämpfter, und das Gehen auf Waldboden ist ein völlig anderes Gefühl als auf anderen Untergründen. Kinder lieben die im Wald herrschende Stimmung sehr. Nicht umsonst gibt es inzwischen überall Waldkindergärten, aber auch andere Kindertagesstätten veranstalten Waldwochen oder Tagesausflüge in die Wälder der Umgebung. Das Buch aus der Projektreihe Kindergarten bietet zahlreiche Ideen, was man mit Kindern im Wald alles machen kann. Es ist sehr übersichtlich gestaltet und enthält Kapitel und Anregungen zu den Themen Musik, Sprache, Bewegung, Kreativität und mehr. Alle gezeigten Ideen sind mit stimmungsvollen Illustrationen und wunderschönen Naturfotos ergänzt. Die Möglichkeiten, die sich bieten, sind schier unerschöpflich, und die im Buch gezeigten Ideen sprechen alle Sinne an. Da wird gelauscht, geschnuppert und gefühlt, die Kinder können basteln, malen und zuordnen. Ganz nebenbei wird spielerisch Wissen vermittelt, beispielsweise wie man eine Tanne von einer Kiefer unterscheiden kann oder wie wichtig die „unnütze“ Brennnessel beispielsweise für Schmetterlinge ist. Das Buch regt an, sich mit der Natur zu beschäftigen. Kleine Basteleien, Klang- und andere Geschichten sind im Anschluss sinnvoll, um sich an das Erlebte im Wald zu erinnern und neues Wissen zu vertiefen. Die verschiedenen Ideen regen zu Gesprächen an, und ein schöner Abschluss des Projekts „Wald“ wäre ein Waldfest mit den Eltern, bei dem eine spannende Waldrallye veranstaltet werden kann. Auch hierzu gibt es Empfehlungen. Am Ende des Buches findet man einige nützliche Kopiervorlagen. Alles in allem ist dies ein sinnvolles und gut durchdachtes Buch, das keine Wünsche offen lässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.03.2021

Hinter der freundlichen Fassade ist es dunkel

Unter Wasser Nacht
0

Zwei befreundete Familien leben zusammen auf einem Hof im malerischen Wendland. Den Grund, die Scheune, den Garten nutzen und bewirtschaften sie gemeinsam. Früher haben sie viel zusammen gemacht, bis ein ...

Zwei befreundete Familien leben zusammen auf einem Hof im malerischen Wendland. Den Grund, die Scheune, den Garten nutzen und bewirtschaften sie gemeinsam. Früher haben sie viel zusammen gemacht, bis ein tragisches Ereignis die Harmonie trübte, denn Sophie und Thies haben ihren Sohn verloren. Er ist auf mysteriöse Weise in der Elbe ertrunken. Seitdem ist nichts mehr wie vorher, denn die trauernden Eltern haben ständig die intakte Familie von Bodo und Inga mit ihren beiden Kindern vor Augen. Zudem haben sie mit Schuldgefühlen zu kämpfen, denn in die vorherrschende Trauer mischt sich auch ein wenig Erleichterung. Aaron war ein sehr schwieriges Kind, und Sophie muss sich eingestehen, dass sie sich oft ausgemalt hatte, wie es wäre, wenn es ihren Sohn nicht gäbe. Dieser Gedanke wurde auf schreckliche Weise zur Wirklichkeit. Seit Aarons Tod haben sich Sophie und Thies nicht nur vor ihren Nachbarn verschlossen, sondern sie sind sich auch gegenseitig fremd geworden. Als eines Tages die attraktive und ein wenig geheimnisvolle Mara auftaucht, wird sie schnell zum Mittelpunkt. In gewisser Weise gelingt es ihr, die befreundeten Familien wieder näher zueinander zu führen.Aber sie verfolgt ihr ureigenstes Ziel. Was sie antreibt, enthüllt sich dem Leser nach und nach. Auch von den anderen Charakteren kommen immer neue Details ans Licht, die das Bild, wie bei einem Puzzle, vervollständigen und immer mehr darauf hinweisen, was damals geschah. Die relativ kurzen Kapitel sind jeweils wechselnd aus der Sicht der verschiedenen Protagonisten dargestellt.

Der Schreibstil gefällt mir sehr gut, und die Beschreibungen der Autorin sind sehr plastisch. Man kann sich gut in die Idylle der Elbauen hinein versetzen. Das Geheimnis, das der malerische Ort am Elbufer birgt, macht neugierig. Je mehr ich über die beiden Familien und ihr Umfeld erfahren habe, umso deutlicher hat sich bei mir dann auch eine Ahnung eingeschlichen. Für mich war die Geschichte daher etwas vorhersehbar, was jedoch meine Freude an den Schilderungen nicht geschmälert hat. Etwas schade fand ich, dass Mara dann einen sehr großen Raum im Roman eingenommen hat und das eigentliche Problem damit etwas abgedrängt wurde. Zwar ist ihre eigene Geschichte nicht weniger interessant, aber irgendwie wirkte das ganze Gefüge der Handlung oft etwas konstruiert. So recht schlüssig war auch die Sache mit Aaron nicht für mich. Einerseits gibt die Autorin sehr klar und realistisch die Gefühle der Protagonisten wieder, aber vieles wird wiederum einfach so hingenommen und nebenbei abgehandelt. So konnte ich mit Aarons Persönlichkeit recht wenig anfangen, denn die blieb bis zuletzt eher abstrakt und eigenartig. Was hat den Jungen angetrieben? Was ist damals alles falsch gelaufen? Was ging in ihm vor? Schon seine Persönlichkeit wirft bei mir viele Fragen auf, die jedoch unbeantwortet bleiben, denn anscheinend haben auch seine Eltern ihn nicht verstanden. Zu den anderen Charakteren hat mir ebenfalls oft der Zugang gefehlt. Oft hatte ich beim Lesen ein großes „Warum???“ vor Augen.
Bis zuletzt bleibt vieles vage im Raum stehen. Man erfährt zwar einiges aus der Vergangenheit der beiden befreundeten Paare und ihrer Eltern. Da kommt Gorleben ins Spiel, und hier kann man einen Bogen zum Freistaat Christiania schlagen, wo Mara aufgewachsen ist. Aber letztendlich wirken viele Begebenheiten eher hintereinander gesetzt, ohne direkten Zusammenhang. Die Handlung wirkte auf mich dadurch überfrachtet, und ich hatte den Eindruck, die Autorin wollte einfach zu viel in den Roman hinein packen.
Eine weitere Sache, die mich gestört hat, waren die Logikfehler, die m. E. beim Lektorat hätten auffallen müssen. Da gibt es völlig unterschiedliche Zeitangaben für eine Begebenheit. War der besagte Tag nun Anfang oder doch Mitte April, und war es denn nun der erste warme Tag, an dem man draußen essen konnte oder war es doch eher zu kalt für Mitte April? Ein anderes Beispiel: Wie kann sich eine Frau, die nur mit einem Slip bekleidet ist, plötzlich Shirt und Hose ausziehen? Man könnte großzügig darüber hinweg sehen, da der Roman ja kurzweilig und auch fesselnd geschrieben ist. Aber ich muss gestehen, dass mich derartige Ungereimtheiten doch sehr stören, und da mir die Protagonisten bis zuletzt eher fremd blieben und ich mich nicht wirklich mit ihnen wohlgefühlt habe, konnten mich die sehr schönen und stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen auch nur bedingt versöhnen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere