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Veröffentlicht am 03.04.2026

Was sie verbindet

Das gute Leben
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Als Christinas Oma Anni stirbt, erbt sie ihr Haus in einer kleinen Ortschaft vor Nürnberg. Es quält sie dort zu sein, in diesem Haus, in dem so viele Erinnerungen warten, wiederentdeckt zu werden. Christina ...

Als Christinas Oma Anni stirbt, erbt sie ihr Haus in einer kleinen Ortschaft vor Nürnberg. Es quält sie dort zu sein, in diesem Haus, in dem so viele Erinnerungen warten, wiederentdeckt zu werden. Christina ist bei Anni aufgewachsen, nachdem ihre Mutter Helene ohne sie ausgewandert ist. Doch wie viel weiß sie eigentlich von ihrer engsten Bezugsperson? Christina beginnt Annis Leben zu rekapitulieren, sucht nach Spuren, die vielleicht noch aufzudecken sind, will herausfinden, weshalb die Quelle, bei der Anni Jahrzehnte gearbeitet hat, bis zu ihrem Tod ein bestimmendes Element in ihrem Leben war und warum sie einst aus Rumänien aufgebrochen ist, um ein gutes Leben in Deutschland zu finden.

Das an den Anfang gestellte Zitat von Aimee Mann, "I just wanted a place but I ended up gone." trifft den Vibe von "Das gute Leben" sehr treffend. Irgendwie sind die Protagonistinnen nie wirklich greifbar, trotzdem erfahren wir viel über familiäre Dynamiken, über (fehlende) Mutter-Tochter-Beziehungen und vor allem über das, was übrig bleibt am Ende eines Lebens - vorwiegend aus Leerstellen. In dem Buch schwingt viel Melancholie mit, die Frage, ob die Frauen in der Ferne tatsächlich ein gutes Leben gefunden haben, bleibt interpretierbar. Christina versucht das Leben ihrer Großmutter nachzuerzählen, ergründet, warum Rumänien für sie unlebbar war, weiß aber auch um die enormen Herausforderungen, die Anni als Fremde und noch dazu alleinerziehend durchmachen musste.

Das Reden war bei den Frauen nie so wirklich angesagt, was zu unausgesprochenen Verletzungen, die jahrzehntelang mit sich herum getragen wurden, führte und wenn sie redeten, standen Vorwürfe im Raum: "Die nächste Stille ist länger. Das Gift steht ihnen beiden bis zum Hals, noch ein, zwei Sätze, und sie fangen an, darin zu ersaufen." (S. 283) Über Christinas Mutter Helene erfahren wir nur wenig, genauso wie über Annis Mutter in Rumänien, geschweige denn von Männern, die zwar schicksalsweisend, aber im Alltag kaum eine Rolle spielten. Anni scheint grundsätzlich ein schwieriger Charakter gewesen zu sein, die zwar wusste was sie wollte, jedoch nicht wirklich Herzlichkeit zeigen konnte - vor allem nicht ihrer eigenen Tochter gegenüber. Trotzdem liebte sie ihre Enkelin, wenn man so will war Christina ihr Kind zur rechten Zeit.

Die Geschichte wird aus Christinas Perspektive in Ich-Form erzählt, doch immer wieder berichten Einschübe aus Annis Leben, zeitlich bunt gewürfelt, weshalb es Konzentration und Fokus braucht, um wirklich in allen Facetten mitzukommen. Die Sprache der Autorin Nadine Schneider ist fein und zart, hat aber durchaus Treibkraft ,von der man sich nicht allzu mitreißen lassen darf, um alles zu verstehen. Es gibt immer wieder zeitgeschichtliche Kontexte, die bezeichnend sind, allen voran der Aufstieg, das Florieren und der Niedergang von Quelle, dessen Leib uns Seele Anni schier verfallen war. Über die Beweggründe, weshalb Anni in den 1960ern Rumänien unbedingt den Rücken kehren wollte, außer dass es dreckig und unerträglich war, wissen wir hingegen kaum etwas. Das spielt aber auch nicht unbedingt eine Rolle, denn Anni wollte unbedingt in Deutschland glücklich werden. Trotzdem sie ihrem Job leidenschaftlich nachging und sogar nach anfänglich harten Jahren mit wenig Geld ein Haus geerbt hatte, schien ihr dieses Glück nie wirklich hold gewesen zu sein. Ob Anni wohl ihr Leben als gut bezeichnet hätte, bleibt offen. Zurückgelassen hat sie jedenfalls eine Enkelin, die ihr nach dem Tod noch einmal auf ihre Art ein Denkmal setzen möchte.

Mein Fazit: "Das gute Leben" ist ein intensiver, fein beschriebener Generationenroman, mit dem es lohnt, sich eingehender auseinanderzusetzen. Vor allem durch starke Erinnerungen, aber auch Leerstellen erfahren wir über diese Frauen, ihre Leben und was sie verbindet.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Hörbuch: angenehm erzählt, solide Geschichte

Minnesota
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Bob Oz ist ein typischer Verlierer: nach dem Tod seiner Tochter zerbrach seine Ehe und er griff zu der mutmaßlich einzigen Rettung: dem Alkohol. Bei seinen Kollegen ist er nicht sonderlich beliebt, trotzdem ...

Bob Oz ist ein typischer Verlierer: nach dem Tod seiner Tochter zerbrach seine Ehe und er griff zu der mutmaßlich einzigen Rettung: dem Alkohol. Bei seinen Kollegen ist er nicht sonderlich beliebt, trotzdem versucht er seinen Job als Ermittler irgendwie über die Bühne zu bekommen, auch wenn seine Motivation endend wollend ist. Trotzdem er degradiert wurde, kann er es nicht sein lassen und mischt sich in eine Mordermittlung ein, deren Ausgang auch er höchst unerwartet findet.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zwar nordische Kriminalromane und Thriller liebe, ich mich aber nie sonderlich mit Jo Nesbo anfreunden konnte - ohne genau zu wissen, weshalb mich seine Bücher nie so wirklich catchen konnten. Dass er sein Handwerk versteht, beweisen nicht nur seine Verkaufserfolge, sondern auch dieses Buch - wohl der Start einer Reihe, die ihren Mittelpunkt in einem beliebten Ziel norwegischer Auswanderer hat: Minnesota. Er verschafft den handelnden Figuren einen besonderen Schliff, sie sind nicht sonderlich sympathisch, trotzdem hat ob ihrer Schicksalsschläge Verständnis und sie wirklich allesamt recht authentisch und nachvollziehbar.

Es gibt unterschiedliche Perspektiven und die Erzählungen springen zwischen den Jahren 2016 und 2022. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und da habe ich mir sehr schwer getan mitzubekommen, in welchem Jahr wir uns nun befinden, das mag aber auch daran liegen, dass ich erst seit kurzem Hörbücher höre und noch nicht so wirklich konzentriert zuhören kann, denn eigentlich werden die Jahreszahlen angeführt. Das Hörbuch ist mit über 12 Stunden auch recht lang, aber der Sprecher - David Nathan - erzählt die Geschichte wirklich sehr einnehmen und es macht Spaß seiner angenehmen Stimme zuzuhören.

Trotzdem die Geschichte abwechslungsreich und durchaus spannend war, habe ich auch durch "Minnesota" meine Liebe für Nesbo nicht entdeckt. Das Buch wirkt auf mich klassisch konstruiert, ich hatte den Täter schon bei seinem ersten Auftritt in Verdacht. Die Hintergründe für seine Tat scheinen moralisch legitim zu sein, es schwingt viel Gesellschafts- und Politikkritik mit - durchaus zurecht. Vermutlich konnte mich aber das Setting in den USA nicht sonderlich einnehmen, auch wenn immer wieder Bezüge zu Norwegen geschaffen werden. Trotzdem kann ich mit dieser Waffenaffinität nichts anfangen und ich lese lieber Krimis und Thriller aus Skandinavien, wo nicht die ganze Zeit herumgeballert wird - aber das ist sicher auch Geschmackssache. Ich hatte auch schon die Leseprobe von "Minnesota" gelesen und was mir da schon negativ aufgestoßen ist, ist das Eingangszitat einer Textzeile von Rammstein. Ich weiß ja nicht, wieviel der Autor von abartigen Ausschweifungen des Leadsängers mitbekommen hat, aber diese Band zu zitieren, finde ich mehr als unangebracht.

Mein Fazit: Das Hörbuch von "Minnesota" ist durch die angenehme Stimme des Erzählers eingängig zu hören und die Geschichte weißt einen fundierten Spannungsbogen auf. Für meinen Geschmack war sie trotzdem recht vorhersehbar und zu US-amerikanisch. Es bietet aber trotzdem eine gute Unterhaltung und ist halt auch sehr geschmacksabhängig.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Ambivalentes Leseerlebnis

Real Americans
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Als Lily als Praktikantin den jungen Matthew kennenlernt, ist ihr schnell klar, dass die beiden Welten, aus der sie stammen, einfach zu weit auseinanderliegen - sie als chinesische Einwanderertochter lebt ...

Als Lily als Praktikantin den jungen Matthew kennenlernt, ist ihr schnell klar, dass die beiden Welten, aus der sie stammen, einfach zu weit auseinanderliegen - sie als chinesische Einwanderertochter lebt in mehr als bescheidenen Verhältnissen, während seine Familie im Geld schwimmt. Trotzdem bekommen sie ein Kind, doch ihre Wege trennen sich bald. Als Jahre später ihr Sohn Nick in Kontakt mit seinem Vater tritt, wird langsam klar, dass ihre beiden Familiengeschichten mehr verbindet, als sie alle ahnen konnten.

"Real Americans" ist wirklich außerordentlich eingänglich geschrieben, durch die mehr als 500 Seiten fliegt man nur so hinweg. Nichtsdestotrotz hinterlässt mich die Geschichte enttäuscht.

Grundsätzlich: der Roman ist in drei Episoden aufgebaut. Durch Teil 1 lernen wir Lily kennen, ihre frische Verliebtheit mit Matthew und die Schwierigkeiten, die sie mit so unterschiedlichen Herkunftsfamilien haben. Teil 2, rund 20 Jahre später, erzählt von ihrem Sohn Nick, seinem Erwachsenwerden und seiner Suche nach seinem Vater und sich selbst. Im dritten Teil werden wir nach China in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückgeworfen und lernen die Geschichte von Mai, Lilys Mutter, kennen, wie sie China verlies und in die USA kam.

Leider strotzt das Buch nur so vor Stereotypen und die Charaktere bleiben weitgehend oberflächlich und blass. Viele Entscheidungen, die die Protagonist*innen treffen, sind überhaupt nicht oder nur sehr schwer nachvollziehbar. Besonders wie Lily ihren Sohn Nick von der Welt fernhalten will, ist befremdlich und für mich nicht schlüssig erzählt. Matthews Charakter bleibt oberflächlich und uneinsehbar, aus seiner Figur hätte die Autorin viel mehr machen können. Seine reiche Familie verhält sich stereotyp herablassend. Auch wie sich die Charaktere im Laufe der Zeit entwickeln, finde ich nicht passend - manchmal erkennt man sie in späteren Jahren überhaupt nicht wieder, wobei die Figuren bis auf Mai ohnehin nicht viel Tiefe bekommen. Zwar werden die einzelnen Teile aus unterschiedlichen Blickwinkel erzählt und man könnte die unterschiedliche Wahrnehmung mit der unterschiedlichen Perspektive erklären, nur fand ich, dass man beispielsweise Lily aus Nicks Perspektive so überhaupt keine Ähnlichkeiten und anschließende Erkennungsmerkmale mit der Lily aus der Selbstperspektive hat. Ebenso erging es mir mit Mai.

Es werden auch viele gesellschaftlich relevante Themen angerissen und auf den mehr als 500 Seiten wäre ausreichend Platz gewesen, diese auch adäquat zu verhandeln. Rassismus, Klassismus, ethische Aspekte von Wissenschaft, insbesondere der Genmanipulationen, Schwierigkeiten von Eingewanderten, Identitätssuche, Zugehörigkeit, sozialer Aufstieg, Umweltzerstörung, und vieles mehr - als das findet seine Erwähnung, bleibt aber so an der Oberfläche, dass es fast schon wieder ärgerlich ist, dass es überhaupt thematisiert wurde.

Ein kleiner, positiver Ausreißer ist der dritte Teil um Mai - er wird in einer Rückblende im Gespräch zwischen Nick und Mai erzählt und ihre Geschichte bekommt eine unerwartete Tiefe. Die Verhältnisse, die damals in China herrschten, das Ausmerzen der Spatzen, die bittere Armut, die darauf folgt und generell das herrschende Machtsystem scheint gut recherchiert zu sein und ist einnehmend und schmerzhaft beschrieben. In den USA angekommen kippt bedauerlicherweise die Geschichte ins Absurde, es geht um unglaubwürdige Genmanipulation und die Autorin baut ein fantastisches Element ein, das so gar nicht in den Rest der Geschichte passt. Viele der Erklärungen, die wir am Ende geliefert bekommen, empfand ich als total unglaubwürdig. Das finde ich sehr schade, denn eigentlich hatte die Geschichte viel Potential. Warum um das Buch so ein Hype gemacht wird, kann ich nur bedingt nachvollziehen.

Mein Fazit: "Real Americans" ist ein Easy-To-Read-Roman, bei dem man sich keinen Tiefgang erwarten kann. Er ist äußerst eingänglich geschrieben, weist für meinen Geschmack aber zu wenig Schlüssigkeit und teils abstruse Erklärungen auf. Der dritte Teil im Roman ist überraschend stark und ich finde es schade, dass die Autorin nicht das ganze Buch mit so einem Tiefgang versehen hat.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Kein Krimi - aber ein großartiges Porträt dreier Menschen - und einigen Toten

Giftiger Grund
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Joran wird nach sieben Jahren, die er aufgrund einer Messerstecherei absitzen musste, aus der Haft entlassen, fest gewillt, einen neuen, nicht-kriminellen Weg einzuschlagen. Ganz so einfach, wie er sich ...

Joran wird nach sieben Jahren, die er aufgrund einer Messerstecherei absitzen musste, aus der Haft entlassen, fest gewillt, einen neuen, nicht-kriminellen Weg einzuschlagen. Ganz so einfach, wie er sich das vorgestellt hat, ist das aber nicht - sein Vater macht ihm das Leben schwer und auch sein ehemaliger Kumpel versucht ihn wieder auf die dunkle Seite zu ziehen. Und die Begegnung mit der Lost Places-Influencerin Charu und dem 10-jährigen Mädchen Edda stellt seine wieder erworbene Freiheit endgültig auf den Kopf.

Ehrlich: ein wenig wundern tut es mich schon, dass "Giftiger Grund" als Kriminalroman bezeichnet wird - sogar am Cover. Denn: es kommen darin keine Ermittlerinnen vor, die irgendwie eine Rolle spielen, geschweige denn ermitteln. Was es gibt sind Tote, über dessen Ableben wir lange nichts wissen. Und fein gezeichnete, intensive und sehr glaubhafte Figuren, die wirklich wie aus dem Leben genommen wirken.

Ich war von Knüwers erstem "Kriminalroman" - "Das Haus in dem Gudelia stirbt" sehr angetan und es ist bis heute eines meiner Lieblingsbücher. Der Autor hat einen ganz eigenen Schreibstil, die Figuren erzählen aus der Ich-Perspektive, die Sprache ist authentisch, oft mit Jugendslang oder Schimpfwörtern durchzogen - je nach vorkommenden Milieu. Leser
innen lernen die Innenperspektive der Charaktere sehr gut kennen, sie sind verletzlich, unsicher, überschätzen sich selbst, sind teilweise naiv - und deshalb so unglaublich realistisch. Vielleicht erschafft Knüwer hier ein eigenes Sub-Genre mit seiner psychogrammischen Porträtierung - ähnliches habe ich jedenfalls noch nicht gelesen. Was mir besonders gut gefällt, ist, dass die Figuren nicht stereotyp gezeichnet sind, besonders was Männer und Frauen betrifft. Klischees werden allenfalls was das jeweilige Milieu betrifft, eingebaut.

Das Hineinkommen in das Buch war zugegebenermaßen nicht ganz so einfach für mich, es hat mich anfänglich nicht sonderlich gepackt. Als sich dann aber bei Joran, Charu und Edda langsam ein gemeinsamer Weg entwickelt, war es um mich geschehen und wie bei Gudelia zuvor kann ich sagen: ich liebe dieses Buch!

Mein Fazit: Wer sich bei "Giftiger Grund" eine klassischen Krimi erwartet, wird bitter enttäuscht sein. Die Geschichte zeigt vielmehr, wie drei sehr unterschiedliche Personen aus einem dummen Zufall heraus zusammenfinden und mehrere Tote ihre Gemeinsamkeit sein wird. Dabei ist die Figurenzeichnung so gekonnt und authentisch, dass wir den Personen gerade begegnet sein könnten. Knüwer ist ein großartiger Schreiberling, der mit seinem speziellen Stil und schrägen Ideen Menschen, die damit etwas anfangen können, eine große leserische Begeisterung beschert. I love it!

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Luft anhalten

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Lale nimmt uns mit in ihre Kindheitsgeschichte, die sie auch im Erwachsenenalter noch quält. 1980er-Jahre, die Mutter heroinabhängig, der Vater ein Kleinganove, wächst sie bei einem Pflegevater und dessen ...

Lale nimmt uns mit in ihre Kindheitsgeschichte, die sie auch im Erwachsenenalter noch quält. 1980er-Jahre, die Mutter heroinabhängig, der Vater ein Kleinganove, wächst sie bei einem Pflegevater und dessen Kumpanen in einer Anarcho-Kommunen-WG auf. Was ihr als Kind zugemutet wird, ist unerträglich. Dass alle die Erlebnisse, das Hin- und Herschieben, die Unzuverlässigkeiten, die stets besoffenen und bekifften Männer, die früh beginnenden sexuellen Übergriffe nicht spurlos an ihr vorüber ziehen, verwundert wenig. Als junge Erwachsene versucht sie sich ihrer Haut zu entledigen.

Dieses Buch ist ehrlich gestanden schwer zu ertragen. Sprachlich ist es eindringlich, es gibt viele starke Stellen, die ins poetische reichen, besonders wenn es um den Missbrauch geht, arbeitet die Autorin mit Andeutungen, muss nicht auserzählen was geschieht - das finde ich hervorragend. Die Art der Verwahrlosung, aber vor allem was die Männer, die sich selbst zum linken Milieu zuordnen, dem kleinen Mädchen zumuten: das ständige besoffen-und-bekifft-Sein, das sich-selbst-überlassen-Sein, diese Wurschtigkeit gegenüber dem kleinen Kind und das Krasseste: die frühe Sexualisierung des kleinen Mädchens, da entsteht ein Kloss im Hals und im Bauch und man möchte diese ekelhaften Männer schütteln und sie am besten schnurstracks ins Gefängnis befördern.

Und wären Lale die Akutsituation erstaunlich tapfer übersteht, bricht erst, als sie sich von dieser Männer-WG lösen kann, das wahre Leid aus ihr heraus. Das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper ist eigentlich nicht vorhanden und auch mit Beziehungen tut sie sich schwer, klammert sich an jede und jeden, der ihr Aufmerksamkeit schenkt und versucht, diese Personen zu kopieren oder sich an sie dauerhaft zu binden. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und so verschwindet Lale und ihr Körper immer mehr, bis es zum Zusammenbruch kommt.

Wie die Autorin in Interviews angibt, hat der Roman autofiktionale Momente - man möchte sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so eine Tortur tatsächlich mitmachen mussten. Was Lale - und vermutlich auch die Autorin - rettet, ist das Schreiben, eine heilende Kraft, die uns dieses heftige, unverblümte und harte Buch beschert. Es ist eine Wucht, für die man viel Kraft braucht und des Öfteren das Kopfkino ausschalten sollte. Um einen positiven Aspekt hervorzuheben: die popkulturellen Bezüge - allen voran Musik, aber auch Filme, sind im Buch allgegenwärtig und sie helfen dem Mädchen - und auch den Lesenden - das ganze besser zu überstehen.

Bei der Sternebewertung bin ich mir unsicher: ich habe das Buch in einem Schwung gelesen, habe es - so absurd das bei dieser Thematik klingt - sehr gerne gelesen - und doch musste ich immer an "Siebenmeilenherzen" von Katharina Winkler denken, die den Missbrauch in kindlicher Märchenform erzählt, der Absturz als Erwachsene kommt mit der gleichen schwammigen, intensiven Realitätsverweigerung daher wie bei der Protagonistin Lale. Und doch: Winklers Buch hatte ich zuerst gelesen und das Leseerlebnis war noch einprägsamer. Nichtsdestotrotz ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein beeindruckendes Buch mit einer Intensität und Grausamkeit menschlicher Abgründe, die einem beim Lesen stetig die Luft anhalten lässt. Absolute Leseempfehlung für alle, die ein so hartes Thema lesend schaffen.

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