Bemerkenswertes Debüt!
Ein verlassenes HausDarum geht es:
Im Zentrum des Romans steht Sonja, eine Frau, deren Leben von stiller Erschöpfung und zunehmender Unsichtbarkeit geprägt ist. Während politische Debatten im Fernsehen von angeblich arbeitsscheuen ...
Darum geht es:
Im Zentrum des Romans steht Sonja, eine Frau, deren Leben von stiller Erschöpfung und zunehmender Unsichtbarkeit geprägt ist. Während politische Debatten im Fernsehen von angeblich arbeitsscheuen Menschen handeln, besteht ihr Alltag aus harter, schlecht bezahlter Arbeit und der ständigen Verantwortung für Familie und Haushalt. Ihr Mann arbeitet unter prekären Bedingungen auf dem Bau, sie selbst verdient ihr Geld im Verkauf. Trotz aller Anstrengung bleibt jedoch das Gefühl, im eigenen Leben nur noch zu funktionieren. Schritt für Schritt verliert Sonja den Kontakt zu sich selbst, bis schließlich auch ihr Arbeitsplatz wegbricht und die fragile Ordnung ihres Alltags ins Wanken gerät.
Aus dieser Krise heraus eröffnet sich ihr eine unerwartete Möglichkeit. Sie findet eine Tätigkeit, die sie von zu Hause aus ausüben kann. Unter der erfundenen Identität einer jungen Studentin beginnt sie auf einer Datingplattform mit fremden Männern zu chatten. Hinter diesem digitalen Maskenspiel entdeckt Sonja eine Seite von sich, die im realen Leben längst verschüttet schien. Sie erlebt Aufmerksamkeit und spürt langsam wieder Selbstvertrauen. Doch je intensiver sie in diese neue Rolle eintaucht, desto stärker entfernt sie sich von der Wirklichkeit ihres eigenen Lebens. Die Distanz zu ihrem Mann und ihren Kindern wächst, während die Verbindung zu einem der Nutzer immer persönlicher wird.
Mein Leseeindruck:
Der Schreibstil von Lisa Wölfl hat mir sehr gut gefallen. Die Autorin gibt der Ich Erzählerin Sonja eine starke und sehr glaubwürdige Stimme. Viele Sätze sind kurz und prägnant. Dadurch entsteht ein gutes Tempo und man möchte immer wissen, wie es weitergeht. Ich habe Sonja sehr gern durch die Geschichte begleitet. Nach und nach gerät ihr gewohntes Leben aus dem Gleichgewicht. Sie versucht, den Spagat zwischen schlecht bezahlter Erwerbsarbeit und ihrer Carearbeit zu schaffen. Gleichzeitig wächst in ihr der Wunsch nach Anerkennung und nach mehr Selbstbestimmung.
Der Roman erzählt von Pflichten und Entbehrungen, die Sonja immer weiter an den Rand ihrer eigenen Existenz drängen. Besonders eindrücklich fand ich, wie deutlich das Thema weibliche Unsichtbarkeit in der Geschichte wird. Trotz der ernsten Themen gibt es immer wieder humorvolle Momente, die die Handlung auflockern. Der Roman beginnt sehr stark und hat mich sofort in die Geschichte hineingezogen. Im Mittelteil hat die Spannung für meinen Geschmack etwas nachgelassen. Der Schluss ist dagegen sehr mutig gewählt. Mir persönlich hat dieses Ende gut gefallen.
Fazit:
4/5 ⭐️ Insgesamt ist es ein bemerkenswertes Debüt, das mit einem klaren Stil, einer starken Erzählerinnenstimme und einem wichtigen Thema überzeugt.