Jahreshighlight!
Die ErbinDarum geht es:
Köln 1957: Cosima Liefenstein stammt aus einer angesehenen Industriellenfamilie, doch statt sich in die traditionellen Rollen zu fügen, fährt sie ihren eigenen Kurs. Mit der Gründung einer ...
Darum geht es:
Köln 1957: Cosima Liefenstein stammt aus einer angesehenen Industriellenfamilie, doch statt sich in die traditionellen Rollen zu fügen, fährt sie ihren eigenen Kurs. Mit der Gründung einer Stiftung will sie benachteiligten Frauen und Müttern helfen. Ein mutiger Schritt in einer noch immer konservativen Gesellschaft. Als der Journalist Leo Marktgraf in ihr Leben tritt, gerät alles ins Wanken. Er recherchiert den mysteriösen Tod eines Anwalts, dessen Leiche am Rheinufer gefunden wurde, kurz nachdem er öffentlich schwere Vorwürfe gegen Cosimas Familie erhoben hat. Cosima beginnt, Fragen zu stellen, die lange niemand mehr laut auszusprechen wagte. Sie erkennt bald: Die Schatten der NS-Zeit reichen tiefer in ihre Familie, und in die junge Bundesrepublik, als sie je vermutet hätte. Je näher Cosima und Leo der Wahrheit kommen, desto gefährlicher wird ihre Suche. Denn einflussreiche Kreise setzen alles daran, dass die Vergangenheit im Verborgenen bleibt.
Mein Leseeindruck:
Der neue Roman von Claire Winter ist intensiv, spannend und dabei äußerst kompakt. Dabei ist keine Seite zu viel und kein Wort verschenkt. Besonders gefällt mir die Struktur der Geschichte. Die Autorin erzählt auf zwei Zeitebenen, einerseits in der Gegenwart des Jahres 1957 und andererseits in Rückblicken aus dem Leben von Cosimas Familie. Claire Winter lässt ihre Protagonisten zu Wort kommen. Das verleiht dem Ganzen eine Vielschichtigkeit, eine enorme Tiefe und eine emotionale Wucht. Die Rückblicke öffnen ein Fenster in die Zeit des Nationalsozialismus und haben ganz erschütternd gezeigt, wie sehr persönliche und politische Schuld miteinander verwoben sind. Die historische Recherche ist exzellent, ohne je belehrend zu wirken. Vielmehr entsteht eine Sogwirkung. Man will, muss einfach wissen, wie tief die Abgründe reichen, was unter der Oberfläche der Vergangenheit verborgen liegt. Die Aspekte der NS-Zeit sind meisterhaft in die Geschichte Cosimas eingebettet. Bewegend, glaubwürdig und von großer erzählerischer Relevanz.
Fazit:
Jahreshighlight! Chapeau, liebe Claire Winter! Ein eindrucksvoller, historisch fundierter Roman über das Weiterwirken der NS-Zeit, mutige Wahrheitssuche und verdrängte Schuld. Absolute Empfehlung!