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Veröffentlicht am 04.04.2025

Ein Teppich aus Geschichten

Frau im Mond
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“Frau im Mond”, geschrieben von Pierre Jarawan, ist die Erzählung von Lilit el Shami, einer Kanadierin libanesischer Abstammung, die den Leerstellen in ihrem Leben nachspürt. Dabei begibt sie sich auf ...

“Frau im Mond”, geschrieben von Pierre Jarawan, ist die Erzählung von Lilit el Shami, einer Kanadierin libanesischer Abstammung, die den Leerstellen in ihrem Leben nachspürt. Dabei begibt sie sich auf eine Reise durch die Generationen in die Vergangenheit und zurück in die Gegenwart. Sie entdeckt die politische Geschichte einer fremden Heimat und eines verleugneten Genozids, aber auch die Geschichten von Menschen, ihrem Leid, ihrem Überleben, ihren Kämpfen und ihrem Streben; Geschichten von grossen Träumen, Hoffnungen und der Reise zum Mond.

Pierre Jarawan erzählt mit “Frau im Mond” nicht nur eine Familiengeschichte oder die Geschichte eines Landes. Er kreiert ein komplexes Bild, eine Collage. Aus einzelnen Fetzen und Anekdoten schält sich beim Lesen erst allmählich ein roter Faden heraus. Zeitlinien wechseln sich ab, neue Fäden kommen hinzu, werden aufgedröselt, beiseite gelegt, später weiter verfolgt. Diese verschachtelte Erzählweise, kombiniert mit der unaufdringlich poetischen Sprache lädt zum Beobachten, Erkunden und Schwelgen ein - hat mitunter aber auch an den Grenzen meiner Geduld gekratzt. Immer wieder ergeben sich neue Perspektiven auf die Reise und die Umwege - nach zwei, drei Schritten zur Seite, vorwärts und wieder zurück. Und erst zum Schluss ist vollständig zu erkennen, wie Vergangenheit und Gegenwart, Individuen und Gesellschaft miteinander verwoben und verknüpft sind.

Pierre Jarawan versteht es, schier unzählige fein gesponnene Fäden aus Geschichten zu einem einzigen, dichten Teppich, einem meisterhaften Gesamtwerk zu verknüpfen. Als solches hat mich “Frau im Mond” nachhaltig beeindruckt. Meine Lesereise zu diesem Ziel ging aber auch mit gelegentlichem Frust und einem Hauch von “zu viel des Guten” einher.

Ich bedanke mich herzlichst bei Vorablesen und dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene!

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Familienangelegenheiten

Die Spurenfinder und das Drachenzepter
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Mit “Die Spurenfinder und das Drachenzepter” setzt Familie Kling - nun mit Verstärkung durch die jüngste Schwester Elisabeth - zum zweiten Streich an. Elos und die Zwillinge Ada und Naru folgen dem königlichen ...

Mit “Die Spurenfinder und das Drachenzepter” setzt Familie Kling - nun mit Verstärkung durch die jüngste Schwester Elisabeth - zum zweiten Streich an. Elos und die Zwillinge Ada und Naru folgen dem königlichen Ruf nach Iriandria, der Hauptstadt der Verlorenen Provinzen, um das legendäre Drachenzepter wieder zu beschaffen. Und wie der Titel vermuten lässt, wird das Spurenfinden in diesem Folgeband zum Familiengeschäft.

Während die Klings den munter heiteren Ton des ersten Buches wieder aufleben lassen, hatte ich doch den Eindruck, dass die Figuren und die Geschichte etwas gereift sind. So wird zwar weiter hübsch gekabbelt und gefoppt, einige Running Gags bleiben erhalten, aber die Muster der Witze sind etwas abwechslungs- und geistreicher. Als wären Ada und Naru tatsächlich um das Jahr älter geworden, das in diesem fiktiven Jahr vergangen ist.
Auch die Handlung hat einen etwas ernsteren Ton angenommen, die Atmosphäre wird düster, ein bisschen gruselig, es spritzt sogar etwas Blut. Dabei geht aber der Charme aus dem ersten Teil nicht verloren - auf verwinkelten Wegen findet das Trio und Konsorten kreativ versteckte Spuren und clevere Lösungen. Der Band ist wieder gut in sich geschlossen, aber die Einblicke in die Vergangenheit der drei Spurenfinder, als auch das grössere politische Gefüge im Königreich der Verlorenen Provinzen lässt Fragen für eine Fortsetzung offen.

Die Interpretation durch Marc-Uwe Kling war angenehm und unterhaltsam zu hören. Der Autor verpasst der Vielzahl an Figuren mit kleinen Nuancen zusätzlichen Charakter und den Witzen den typischen Kling Klang. Gefehlt haben mir allerdings die wunderbaren Illustrationen von Bernd Kissel. Und deswegen werde ich beim nächsten Mal wohl wieder zum Buch greifen.

Ich bedanke mich herzlichst beim Team von Vorablesen und Hörbuch Hamburg für das Rezensionsexemplar! Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Kommunikation und Beziehung

Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen
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“Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen”, ist der etwas sperrige Titel von Nicola Schmidts neuem Elternratgeber. Nach den artgerecht-Bestsellern, dem Elternkompass, weiteren ...

“Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen”, ist der etwas sperrige Titel von Nicola Schmidts neuem Elternratgeber. Nach den artgerecht-Bestsellern, dem Elternkompass, weiteren Erziehungs- und zwei Bilderbüchern widmet sich die Wissenschaftsjournalistin und Dozentin hiermit dem Thema Kommunikation in der Erziehung. “Liebe, Lügen, Tod und Grenzen - Wie wir bei schwierigen Themen die richtigen Worte finden” verspricht der Untertitel.

Und ja, die Autorin gibt tatsächlich sehr konkrete Vorschläge, wie Themen und Situationen besprochen werden können. Eine Auswahl der “richtigen” Worte ist beispielhaft bei jedem Kapitel dabei. Nicola Schmidt bietet aber mehr als das. Denn jedes Thema wird hier als Konzept präsentiert, das unser Nachwuchs vom Kleinkind bis zum Teenager in seinen verschiedenen Facetten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln erkundet und erlernt. Informativ aber nicht ausufernd präsentiert die Autorin Komponenten dieser Konzepte und setzt diese mit Entwicklungsschritten in verschiedenen Altern in Verbindung.
“Kinder sind kompetent, aber nicht erfahren.” An uns Eltern ist das eine Einladung, mit unseren Kindern gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen. Das Buch gibt Anregungen, wie die gemeinsame Suche nach Antworten gestaltet und gerahmt werden kann, damit ein Austausch auf Augenhöhe möglich wird und der Austausch fruchtbar statt frustreich wird. Der richtige Ort, der richtige Zeitpunkt, geeignete Anfänge und vor allem das richtige (und wirkliche) Zuhören.

Dieses Buch schafft es, zugleich ausführlich, konkret und übersichtlich zu sein. Es ist ein Leitfaden, wie Kinder und Eltern gemeinsam durch Kommunikation Beziehung und durch Beziehung Kommunikation erleben und gestalten können. Es ist eine Einladung, uns selbst, unsere Werte und Normen und unsere Muster zu reflektieren und neu zu erforschen. Und es enthält eine Aufforderung, so früh wie möglich damit anzufangen und diesen Habitus der Begegnung auf Augenhöhe zu kultivieren.

Ich bedanke mich herzlich beim Gräfe und Unzer (GU) Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Originell und authentisch

Nachtlügen
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“Nachtlügen” ist ein Urban-Fantasy-Roman von Lisanne Surborg. Das Solodebüt der Autorin ist - angenehme Abwechslung - ein Einzelband. Mit der Wahl der Nachtmahre ist Surborg hier ausserdem ein kleiner ...

“Nachtlügen” ist ein Urban-Fantasy-Roman von Lisanne Surborg. Das Solodebüt der Autorin ist - angenehme Abwechslung - ein Einzelband. Mit der Wahl der Nachtmahre ist Surborg hier ausserdem ein kleiner Coup gelungen. Sie sind unverbraucht und unbelastet genug, um Raum für Einzigartigkeit und Originalität bereitzustellen. Trotzdem ist ihr düsterer Ruf bekannt genug, um die einschlägige Leserschaft zu mobilisieren und Neugier zu wecken. Und die Autorin hat für ihr Werk von beidem cleveren und kreativen Gebrauch gemacht.

Mit der Protagonistin Isra tauchen die Leser:innen in die Welt der Albe ein, schleichen sich des nachts in fremde Wohnungen und stehlen die Träume der Schlafenden - um ihnen im Gegenzug einen Schauertraum zu hinterlassen. Der gefallene Shootingstar der Alb-High-Society ist eine authentische Figur, eine junge Frau, die von ihren Traumata tatsächlich traumatisiert ist. Isra bleibt ihrer Persönlichkeit konsequent treu, was spannende Beziehungen jenseits des üblichen Mainstreams erlaubt. Mir haben diese realistischen, differenzierten, manchmal auch opportunistischen Beziehungsgeflechte sehr gut gefallen. Auch weil die Nebencharaktere fernab von Klischees durchwegs originell und glaubwürdig gezeichnet sind und damit eine realistische Wechselseitigkeit erlauben, die auch umgesetzt wurde.
Auch thematisch schöpft Surborg das Potenzial ihrer Albe aus. Albträume bieten sich natürlich an, die Psychologie der Angst zu betrachten, und es finden sich viele spannende Gedankengänge dazu im Buch. Der Schatten der Nacht findet sich metaphorisch in den bürokratischen Strukturen der Albgesellschaft. Lügen und Geheimnisse lauern in jedem Winkel der Geschichte. Wer Freund, wer Feind ist; wer was verbirgt; wer vertrauenswürdig ist und wo das Monster sich verkrochen hat - diesen Fragen muss Isra sich stellen. Und ich fand es sowohl thematisch und inhaltlich spannend, als auch strukturell clever gemacht. Ganz besonders die Intermezzi zwischen den Kapiteln haben ihre Wirkung bei mir ihre Wirkung entfaltet. Diese Auszüge aus verschiedenen Schriftstücken und Medien der Albgesellschaft runden mit ihrem informativen Charakter nicht nur das Worldbuilding ab, sondern liefern - mitunter gut verborgen - auch immer Hinweise auf das Thema des nächsten Kapitels. Mein Rätseleifer wurde damit gut bedient und hat meinen Lesefluss stark angeregt.

“Nachtlügen” ist ein originelles, thematisch tiefgründiges Erstlingswerk, das durch authentische Figuren und Beziehungen überzeugt. Die Welt von Surborgs Nachtmahren ist komplex und schlüssig genug, um die Verstrickungen und Wendungen hervorzubringen und zu tragen, die diese Geschichte so spannend und unterhaltsam gemacht haben.

Herzlichen Dank an den Verlag Klett-Cotta für dieses Rezensionsexemplar! Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Ein Actionmovie in Buchform

Die Herde
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Ein schwedischer Biologe, der sich kompromisslos für den Schutz der Tiere einsetzt. Eine Ingenieurin, die als erste Frau einen Staudamm in China bauen darf. Eine Herde Elefanten, die ihren Naturpark verlässt. ...

Ein schwedischer Biologe, der sich kompromisslos für den Schutz der Tiere einsetzt. Eine Ingenieurin, die als erste Frau einen Staudamm in China bauen darf. Eine Herde Elefanten, die ihren Naturpark verlässt. Ein Regierungsbeamter und ein Grosswildjäger, die Blut wittern. Ein schwedischer Archäologe auf den Spuren eines jahrtausendealten Geheimnisses in Mexiko. Dazu eine wildgewordene Affenbande in Bangkok und penetrante Grackeln in Houston. - Das ist Thilo Winters Öko-Thriller “Die Herde”.

Kurze Kapitel, häufige Perspektivenwechsel, Cliffhanger bis die Arme schmerzen und immer ist die nächste Krise in Sichtweite- Winter versteht es, seine Leser:innen nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Diese Strukturelemente gepaart mit Winters bildhaften Erzählstil erweckte bei mir den Eindruck, einen Film zu lesen, das Buch quasi durch die Kamera zu verfolgen. Das hat die Spannung und die Herzfrequenz beim Lesen definitiv hoch gehalten. Diese Erzählweise hatte für mich allerdings den Nachteil, dass sie mich zur Zuschauerin machte. So habe ich Handlung und die Figuren eher aus der Distanz, aus einer Aussenperspektive beobachtet und hatte wenig Gelegenheit, in die Geschichte einzutauchen. Auch die vielen Perspektiven und Identifikationsfiguren waren etwas überwältigend - ich konnte mich einfach nicht überall emotional engagieren. Viele Figuren blieben für mich (zu) flach, Entwicklung nicht glaubhaft genug. Insbesondere der stereotype Überbösewicht war für mich uninteressant.
Interessant war hingegen die Handlung als Ganzes, inklusive des Themas. Während man sich am Anfang noch fragt, wie das alles zusammenhängt, verdichten sich im Verlauf die Parallelen. Noch interessanter wäre es gewesen, wenn ich als Leserin noch etwas mehr hätte miträtseln können, wenn es Hinweise auf die Lösung zu entdecken gegeben hätte. Wäre ich da etwas mehr involviert gewesen, wäre mir die abschliessende Erklärung vielleicht etwas weniger dünn vorgekommen. Thematisch legt Winter aber eine starke Konklusion und Message vor, die in einem informativen und anregenden Nachwort eine überzeugende Pointe finden.

Im Fazit würde ich “Die Herde” von Thilo Winter als gute Unterhaltung mit philosophisch solidem Unterbau bezeichnen. Stilistisch attraktiv präsentiert, spannend, kurzweilig. Action ja, der Thrill blieb aber aus - dafür war ich sowohl emotional als auch sachlich zu wenig involviert. Hängen bleibt weniger die Geschichte als die Message. Und in diesem Fall ist dieser erhobene Zeigefinger im Gedächtnis sogar wünschenswert.

Ich bedanke mich beim Verlag Lübbe für das Rezensionsexemplar und bei meinen Mitleser:innen bei Lesejury für den anregenden Austausch in der Leserunde! Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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