Emotional und aufwühlend
Wie ein Stern in mondloser NachtEnthält Spoiler!
Marie Sand hat mit "Wie ein Stern in mondloser Nacht" eine fesselnde Geschichte geschaffen, die beleuchtet, wie die erste Babyklappe Deutschlands ins Leben gerufen wurde und was die Protagonistin ...
Enthält Spoiler!
Marie Sand hat mit "Wie ein Stern in mondloser Nacht" eine fesselnde Geschichte geschaffen, die beleuchtet, wie die erste Babyklappe Deutschlands ins Leben gerufen wurde und was die Protagonistin Henni im Verlauf der Geschichte an emotionalen Höhen und Tiefen erlebt. Henni ist eine beeindruckende Figur, die trotz ihrer finanziellen Schwierigkeiten und der Schatten ihrer Vergangenheit stets an ihre Träume glaubt und erkennt, dass Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben ist. Ihre Entschlossenheit und Sympathie machen sie zu einer Figur, mit der man mitfiebert. Es ist kurz nach dem 2. Weltkrieg, Henni (sie muss da ca. 17 sein) lebt mit ihrer Mutter und dem kränklichen Bruder in einer Kellerwohnung, während Berlin fast komplett zerbombt und gerade erst wieder im Aufbau ist. Eines Tages geht sie statt ihrer Mutter (weil diese krank ist) in einem herrschaftlichen Haus putzen, um etwas Geld zu verdienen. Dort trifft sie auf Ed.
Ed mochte ich leider nicht. Sein Angebot, Henni beim Putzen zu helfen, ist zwar nett, doch wie er sie "kauft" mit Zigaretten und etwas Essen, gefällt mir nicht - obwohl ihm das Geld angeblich nicht viel bedeutet, nutzt er es schon ziemlich aus, um zu bekommen, was er will. Sein Verhalten im Verlauf der Handlung zeigt ein egoistisches und kompliziertes Naturell, das beim Lesen gemischte Gefühle hinterlässt. Henni und Ed kommen sich näher, er verbringt immer mehr Zeit bei ihr und ihrer Familie.
Die Einbeziehung der Perspektive von Liv im Jahr 2000 fügt der Geschichte eine unerwartete Dimension hinzu. Dieser zusätzliche Erzählstrang bietet noch einmal andere Einblicke in die Vergangenheit der Charaktere und trägt zur Tiefe der Handlung bei.
Was mich manchmal in Büchern "nervt" sind diese konstruierten Konflikte bzw. Missverständnisse, die in der Realität soo leicht geklärt werden könnten. Natürlich ist das für die Handlung des Buches notwendig - darum bin ich etwas zwiegespalten. Henni und Ed hätten nur miteinander sprechen müssen, um ein fatales Missverständnis zu verhindern. Doch seine Mutter intrigiert und bekommt am Ende ihren Willen, während vor allem Henni extrem darunter leidet.
Annelieses skrupellose Intrige erzeugt zwar Spannung, aber ihr Verhalten wirft moralische Fragen auf. Hätten Ed und Henni früher miteinander kommuniziert, hätte vieles vermieden werden können.
Ed geht schließlich erstmal ins Ausland und Henni lässt sich zur Hebamme ausbilden, schließlich arbeitet sie in einem Berliner Krankenhaus. Dort lernen wir auch Marta kennen. Marta finde ich total sympathisch! Ihre Geburtserfahrung unter Hennis Anleitung fand ich super beschrieben - schön zu sehen, wie stark zwei Frauen sind, ohne die Einmischung es vermeintlich besser wissender Männer. Total cool, wie sie in den 50ern eine alleinstehende, selbstbewusste Anwältin ist, und dann auch noch mit Kind, wirklich bewundernswert. Und toll, wie sie Henni hilft und ihr einen Raum in ihrem Haus zur Verfügung stellt, in dem Henni eine eigene "Geburtspraxis" einrichtet.
Ich hätte aber gerne noch mehr über die Frauen erfahren, die zu Henni in den Geburtsraum kommen. Ich kann mir die Organisation nicht ganz vorstellen. Einerseits ist sie in ganz Berlin unterwegs, um Hausbesuche bei sämtlichen Frauen zu machen, die sie kontaktieren. Andererseits ist sie angeblich permanent telefonisch erreichbar UND führt zu jeder Tages- und Nachtzeit Geburten durch, entweder im Raum oder bei den Frauen zuhause - wie macht sie das denn zeitlich? Gibt es da nie Überschneidungen? Plus die Zeit, die sie mit Ed verbringt, das kommt mir unnormal stressig vor. Wie sie all ihre Verpflichtungen zeitlich unter einen Hut bekommt, bleibt unklar. Einige Ungereimtheiten in der Geschichte könnten stören, aber sie beeinträchtigen die Gesamterzählung nicht wesentlich.
Eds Entwicklung als Charakter bleibt zwiespältig, und seine Handlungen werfen Fragen auf. Sein egoistisches Verhalten und seine Selbstsucht sind schwer zu übersehen. Seine Unfähigkeit (oder Unwillen?), die Situation mit Lucia zu klären, zeigt wieder seinen Egoismus. Er läuft arrogant durch die Welt und denkt, er kann sich einfach alles nehmen. Die Enthüllungen im Jahr 2000 bringen sein Verhalten in ein neues Licht, und lassen mit gemischten Gefühlen auf seine Figur blicken.
Ich weiß echt nicht, was Henni an Ed gefunden hat, er ist einfach sehr egoistisch und reißt dabei alle anderen mit ins Unglück. Lucia geht es wegen Eds Verhalten schlecht, für Henni ist er auch nicht richtig da, sondern nur so weit, wie etwas für ihn herausspringt.
Das Ende wurde für meinen Geschmack ziemlich schnell abgehandelt. Ich hätte mir noch mehr Informationen über den Ablauf gewünscht, was genau mit den Babys aus der Babyklappe passiert ist, wie der Adoptionsprozess war, ob welche von den Müttern zurückgeholt wurden?
Dafür, dass es in dem Buch um die erste Babyklappe gehen sollte, kam mir das Thema fast zu wenig vor, dafür war zu viel unnötige emotionale Verwirrung enthalten. Natürlich ist das kein historisches Werk, aber über die Hintergründe, wie es in der Realität ungefähr gewesen ist, hätte ich gerne mehr erfahren.
Insgesamt ist "Wie ein Stern in mondloser Nacht" von Marie Sand ein bewegendes Buch mit faszinierenden Charakteren und einer Geschichte, die emotionale Höhen und Tiefen durchläuft. Es regt zum Nachdenken über die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Bedeutung von Kommunikation und Vergebung an.