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Veröffentlicht am 17.03.2025

Aufarbeitung vergangener Zeiten

Wenn die Tage länger werden
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Lisa ist Ende dreißig und alleinerziehend, lebt in Freiburg, unterrichtet dort Musik an einem Gymnasium. Sie ist gefangen in ihrem Alltag, die zu erfüllenden Aufgaben sind erdrückend, lassen ihr keine ...

Lisa ist Ende dreißig und alleinerziehend, lebt in Freiburg, unterrichtet dort Musik an einem Gymnasium. Sie ist gefangen in ihrem Alltag, die zu erfüllenden Aufgaben sind erdrückend, lassen ihr keine freie Minute. Ihren sechsjährigen Sohn Paul liebt sie über alles auch wenn der Junge ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert. Janusz, der Kindesvater, hat es vorgezogen, sich hunderte von Kilometern entfernt eine Arbeitsstelle zu suchen, so dass die Last des Alltags allein auf den Schultern von Lisa liegt. In den Sommerferien macht Janusz mit seinem Sohn gemeinsam Urlaub. Mit gemischten Gefühlen steht Lisa dem gegenüber, fühlt sich als schlechte Mutter, weil sie sich über die gewonnene Zeit freut und den Versuch unternimmt, Fragen zu ihrer Ich-Wahrnehmung für sich zu klären. Das ist keine leichte Aufgabe, denn nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Geschehnisse aus der Vergangenheit belasten sie schwer. Dabei spielt die von ihrem Großvater geerbte Geige eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Geschichte.
Anne Stern widmet sich in ihrem Gegenwartsroman 'Wenn die Tage länger werden' sehr einfühlsam dem Thema alleinerziehender Mütter, welches in unserer modernen Gesellschaft noch immer eine nicht zu unterschätzende Tragweite besitzt, den schmalen Grad zwischen der Liebe zum Kind und den Freiraum zur Gestaltung eigener Bedürfnisse ausleuchtet, den Konflikt zwischen dem Wunsch nach eigener Verwirklichung und den vorherrschenden bürgerlichen Denkstrukturen aufzeigt. Sehr sensibel behandelt sie fast nebenbei die Aufarbeitung generationsübergreifender Schuld unverarbeiteter Geschehnisse aus der Vergangenheit, verursacht durch Verweigerung von Kommunikation im Resultat von schweigender Duldung.
Ein großartiger Roman, der herausfordernd ein Zeitzeugnis widerspiegelt und dem ich sein dankbares Lesepublikum wünsche.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.03.2025

Vererbte Einsamkeit

Die Anatomie der Einsamkeit
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Louise Pelt ist eine große Meisterin darin, die Lebensabschnitte ihrer Protagonisten durch die Einführung und den Ausbau verschiedener Handlungsstränge in einem faszinierenden, unerwarteten Finale geschickt ...

Louise Pelt ist eine große Meisterin darin, die Lebensabschnitte ihrer Protagonisten durch die Einführung und den Ausbau verschiedener Handlungsstränge in einem faszinierenden, unerwarteten Finale geschickt miteinander zu verbinden. Einfühlsam und authentisch thematisiert sie in ihrem Roman 'Die Anatomie der Einsamkeit', ob die stete Wahrnehmung des Alleinseins ein Gefühl ist, welches sich über Generationen hinweg vererbt und wie man diesem einengenden, beängstigenden Zustand entfliehen kann.
Während wir von Mathilde tief bewegende Gedichte lesen, die von grenzenloser Traurigkeit der Einsamkeit des Herzens berichten und viele Fragen zur Einordnung in die Fiktion aufwerfen, begegnen wir der ambitionierten, erfolgreichen New Yorker Rechtsanwältin Claire, die ihren ganz privaten Lebenstraum schwinden sieht, ins bodenlose stürzt und schließlich die Nachricht vom Tod ihrer verschwunden geglaubten Zwillingsschwester zum Anlass nimmt, sich eine Auszeit vom Alltag zu nehmen zur Aufarbeitung vergangener Zeiten. Sie ergreift die Flucht in eine ihr unbekannte Welt, setzt sich mit ihr unbekannten Menschen auseinander, die offensichtlich Antworten auf lang gestellte Fragen haben.
Schließlich und endlich lernen wir Olive kennen, die sich als gute Journalistin sieht und ihr Können in ihrer Wahlheimat London unter Beweis stellen möchte, raus aus dem öden Trott billigem Boulevard-Amüsement hin zu seriöser Berichterstattung interessanter und interessierender Geschichten. Das Erbstück ihrer Großmutter scheint ein erfolgversprechender Einstieg in das gewünschte Metier zu sein. Doch auch sie muss sich auf einer Reise der Nachforschungen mit den Dämonen ihrer Vergangenheit ernsthaft auseinandersetzen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben.
Die Autorin vermag es ihren Charakteren das pralle Leben einzuhauchen, welches beim Lesen durch Glaubwürdigkeit besticht und somit eine Sogwirkung erzeugt. Dieser Roman mit Tiefgang bietet reichhaltiges Potential für Diskussionen. Die vielfach eingestreuten philosophierenden Wahrheiten über das Leben haben mich begeistert. Mein Fazit zur im Buch gestellten Frage, ob die Einsamkeit im Herzen über Generationen hinweg weitervererbt werden kann, lautet: Ja, es ist möglich. Unterbewusst spiegeln wir Menschen die Last, die auf unserer Seele liegt, die manchmal erkannt und im Gespräch aufgearbeitet werden kann. Allzu oft jedoch bleiben wir mit offenen Fragen zu einem unerkannten Komplex hilflos zurück.
Dieser Roman möchte gelesen werden und bekommt von mir eine Empfehlung. Die Leinenstruktur des Schutzumschlages mit dem farbenfrohen Aquarell ist für sich gestellt schon ein bezaubernder Blickfang.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Die Herausforderungen der medialen Verantwortung

Der Einfluss der Fasane
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Antje Rávik Strubel stellt in ihrem Roman 'Der Einfluss der Fasane' die geradlinige, gestandene Journalistin Hella Karl in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie leitet bei einer Berliner Zeitung das Ressort ...

Antje Rávik Strubel stellt in ihrem Roman 'Der Einfluss der Fasane' die geradlinige, gestandene Journalistin Hella Karl in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie leitet bei einer Berliner Zeitung das Ressort Feuilleton. Als der Tod von Kai Hochwerth publik gemacht wird, ein bekannter Name in der Kulturwelt, gerät sie in den Verdacht durch ihren einst kritischen Artikel über ihn, schuldhaft beteiligt an diesem Selbstmord zu sein. Sie gerät in den Fokus einer öffentlichen und beruflichen Empörungswelle, die ihre Nerven arg strapaziert. Doch Hella ist es gewohnt zu kämpfen und gibt nicht so leicht auf.
Die Autorin vermag es, die dunklen Seiten der kommerziellen Verurteilung einer Person treffend zu thematisieren, den schnelllebigen Wandel allgemein gefasster Meinungen durch gezielte Einflussnahme darzustellen. Sie trifft den Nerv des medialen Zeitgeschehens und zeigt die Schwachstellen des Umgangs von verletzenden Wortschlachten und natürlich resultierend daraus die toxischen Auswirkungen auf die menschliche Psyche.
Eine Leseempfehlung, die ich sehr gern weitergebe

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Wege der Versöhnung

Der geheimnisvolle Garten und das Wunder der Versöhnung
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Ynga Wieland schreibt in ihrem Buch 'Der geheimnisvolle Garten und das Wunder der Versöhnung' über die Protagonistin Julia, die ihre Schwierigkeiten in der Kommunikation mit ihrer leiblichen Mutter sieht ...

Ynga Wieland schreibt in ihrem Buch 'Der geheimnisvolle Garten und das Wunder der Versöhnung' über die Protagonistin Julia, die ihre Schwierigkeiten in der Kommunikation mit ihrer leiblichen Mutter sieht und seit dem Tod ihrer Großmutter, die einst ihre Vertraute und Ratgeberin war, glaubt sie sich allein gelassen und ist bereit, in ein tiefes seelisches Loch zu fallen. Doch da trifft sie auf die Freundin der Großmutter. Charlotte ist eine Frau, die in sich ruht und durch Selbstdisziplin aber auch durch erklärende Worte Wege zur Versöhnung, in erster Linie jedoch durch Selbsterkenntnis, bereithält. Dabei spielt in einer ganz besonderen spirituellen Weise die Kraft der blühenden Natur eine bedeutende Rolle, die aus uralten Überlieferungen immer wieder aufs Neue im Glauben an die Wirkung Energiequellen findet und diese öffnet.
Unterhaltend und gleichzeitig erklärend, ohne belehrend zu sein, führt uns die Autorin den Spiegel des eigenen Ichs vor Augen und deutet Möglichkeiten an, die aus einer scheinbar unüberwindbaren Einbahnstraße zermürbender Gedanken und Gefühle herausführen kann.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Raue Bergwelt

Kaltblut
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Wolfgang Maria Bauer, bekannt aus der Theater- und Fernsehwelt, präsentiert in seinem Debütroman 'Kaltblut' die Gemeinschaft einer rauen Bergwelt, die in ihrer durch hohe schroffe Felswände ein eher abgeschiedenes ...

Wolfgang Maria Bauer, bekannt aus der Theater- und Fernsehwelt, präsentiert in seinem Debütroman 'Kaltblut' die Gemeinschaft einer rauen Bergwelt, die in ihrer durch hohe schroffe Felswände ein eher abgeschiedenes Leben führt. Man kennt und bewertet sich gern untereinander, drückt den Menschen seinen Stempel auf. Es gibt natürlich auch die dorfbekannte Klatschtante, Meinungsmacher, Rituale, Aberglaube. Ungewöhnliche oder nicht erklärbare Dinge werden in eine Außenseiterposition des alltäglichen Geschehens gedrängt. Das Leben selbst ist herausfordernd in der von extremen Wetterbedingungen bestimmten Landschaft.
Als bei einer nächtlichen Sprengung in einer Berghütte elf Menschen ums Leben kommen, wird zunächst der eigenwillige, aber durchaus sich für die Extreme menschlicher Charaktere zu begeisternde Sprengmeister Stubber verdächtigt. Doch der junge, sehr siegessicher wirkende Staatsanwalt verfolgt die falsche Spur, wie sich nach einer dramatischen Wendung des Geschehens herausstellt.
Der Autor spricht Themen wie abnormes krankheitsbedingtes Verhalten, gestörtes Sozialverhalten und Suizid an, die zum Teil sehr verstörend wirken, die jedoch die Ausweglosigkeit des Ausbrechens aus dem eingefahrenen Kreislauf des Lebens widerspiegeln sollen. Die sehr kurzen Kapitel springen im zeitlichen Verlauf der Handlungsschiene, verlangen ein konzentriertes Lesen und tasten sich Stück für Stück heran an die Darstellung des exzentrischen Gesamtbildes.

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