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Veröffentlicht am 02.11.2025

Lebensklug, einfühlsam, wundervoll erzählt

Sonnenaufgang Nr. 5
1

Der 19jährige Jonas Engelbaum hat gerade sein Germanistikstudium geschmissen, er versucht sich nun als Ghostwriter. Seine erste Kundin, die alternde Filmdiva Stella Dor, lebt in einem Strandpavillon an ...

Der 19jährige Jonas Engelbaum hat gerade sein Germanistikstudium geschmissen, er versucht sich nun als Ghostwriter. Seine erste Kundin, die alternde Filmdiva Stella Dor, lebt in einem Strandpavillon an der Küste. Ihre Autobiographie soll ihr schillerndes, ihr glückliches, ihr erfülltes Leben widerspiegeln.

Ihre Gedanken hat sie im Laufe der Jahre auf vielen Zetteln festgehalten und diese dann in Bücher ihres Regales gesteckt, die sie nun wieder hervorholt, um sie gemeinsam mit Jonas auszuwerten. Darüberhinaus beginnt er, eigene Recherchen anzustellen, was Stella so gar nicht gefällt. Mehr noch, sie bricht die Arbeit ab.

Noch bevor sich die beiden Hauptakteure kennenlernen, trifft Jonas auf Bentje, die jeden Tag auf ihren Mann wartet. Später dann begegnen wir Paul und Guter Junge, seinem Hund und Geraldo, der immer wieder Sonnenaufgänge malt und Gustav, den ganz besonders - obwohl Stella ein Geheimnis um ihn macht und auch warum sie über ihn nicht sprechen kann, erfahren wir dann doch noch. Da ist auch Nessa, die Jonas sehr gerne sieht und sein Vater, mit dem er endlich reden kann. Denn auch Jonas holt seine nicht unproblematische Vergangenheit ein.

Zuweilen spielen uns die Erinnerungen einen Streich, wir verklären oder verdrängen so manch Erlebnis, auch um uns selbst zu schützen. Auch Stella und Jonas sind nicht frei davon, die Erkenntnis jedoch ist schmerzhaft. Emotionen kochen hoch, so manch Gespräch endet abrupt. Stella fällt gerne in die Rolle der glamourösen Diva zurück, ihre schillernde Persönlichkeit verdeckt nur zu gerne die verletzliche Stella.

Oliver Siebeck liest das über 7 Stunden und 21 Minuten dauernde Hörbuch. Er ist für diesen so einfühlsam erzählten Roman der perfekte Sprecher, gibt den so unterschiedlichen Charakteren ihre ganz besondere Note. Sie sind glücklich, sie sind wütend, sie sind unendlich traurig und dazwischen fühlen sie in so vielen unterschiedlichen Nuancen - so, wie das Leben nun mal ist.

Diese wunderbare Geschichte ist auserzählt, sie lässt mich nachdenklich zurück. Carsten Henns „Sonnenaufgang Nr. 5“ - ein (Hör)Buch voller Wärme, voller weiser Gedanken, das ich sehr gerne empfehle.

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Veröffentlicht am 31.10.2025

Düster, rasant, spannend

Dunkler Sog
1

Mara Billinsky, genannt Die Krähe, wird ein neuer Kollege zugeteilt. Tobias Cronberg. Er ist ziemlich gesprächig, was Mara gleich mal im Keim mit ihrer schroffen Art erstickt. Für Animositäten bleibt nicht ...

Mara Billinsky, genannt Die Krähe, wird ein neuer Kollege zugeteilt. Tobias Cronberg. Er ist ziemlich gesprächig, was Mara gleich mal im Keim mit ihrer schroffen Art erstickt. Für Animositäten bleibt nicht viel Zeit, denn sie haben es mit einem Todesfall zu tun. Ein ehemaliger Arzt, der im Wohnstift für Senioren qualvoll erstickt ist, ist allem Anschein nach keines natürlichen Todes gestorben. Alles deutet auf ein schwer nachweisbares Gift hin. Maras feine Antennen sind ausgefahren.

Leo Born erzählt in sieben Episoden Geschichten voller hässlicher Abgründe, die lange zurückreichen, die auch in die ehemalige DDR führen. Bei dem einen Toten bleibt es nicht, es folgen noch etliche, die immer mit dem medizinischen Bereich zu tun hatten. Hängen sie alle zusammen? Haben wir es mit ein und demselben Täter zu tun? Und hautnah erleben wir eine Racheaktion, die grausamer nicht sein könnte. Auch hier stellt sich die Frage, ob diese barbarische Tat den mit Gift Getöteten zugeordnet werden kann.

Mara Billinsky ist so brillant wie unerbittlich. Das bekommt auch Cronberg zu spüren, den sie am liebsten ganz weit weg wüsste und doch ist er ihr zugeteilt, was ihn letztendlich ins Verderben führen könnte. Immer wieder ist es Jan Rosen, ihr ehemaliger Partner, dem sie von ihren Ermittlungen erzählt. Er weiß sie im Gegensatz zu vielen anderen durchaus so zu nehmen, wie sie nun mal ist. Sie ist schon ein ganz spezieller Charakter. Sie pfeift auf das Urteil ihrer Kollegen, ist sperrig und widerspenstig, eigenbrötlerisch und rechthaberisch, sie ist schlichtweg teamunfähig. Und doch hat sie auch eine coole, trockene Art. Sie kontert zielgenau, ihre Sprüche lassen mich so manches Mal schmunzeln. Sie verbeißt sich regelrecht in ihre Aufgabe, nimmt dabei auf nichts und niemanden Rücksicht, sich selber eingeschlossen. Sie ist unerbittlich, sie gibt nie auf. Hindernisse sind für sie da, um sie zu umschiffen. Meist mag ich sie nicht besonders gut leiden, ihre Erfolgsquote spricht jedoch ihre ganz eigene Sprache.

Düster und brutal geht es zur Sache, die Ermittlungen führen von Frankfurt in ein kleines Dorf im Schwarzwald, die Schattenwälder hier sind unheimlich und schwer zugänglich, man wird regelrecht von der Schwärze verschluckt. Es gilt, die einzelnen Spuren zu verfolgen. Nichts ist vorhersehbar und doch ist es dann, als sich alles klärt, gut nachvollziehbar. Der rasante Schluss hat es dann nochmal in sich, bis dahin bleibt es spannend. Ein Thriller, nichts für Zartbesaitete, der in sich abgeschlossen ist, für Billinsky ist „Dunkler Sog“ der mittlerweile zehnte Fall, ich werde auch ihren nächsten Fall verfolgen.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Island im Drogensumpf

Gift
1

Nordic Noir vom Feinsten – so habe ich von SCHMERZ, dem ersten Fall für Dora und Rado, geschwärmt. Und nun ist es GIFT, das ich gerade zur Seite gelegt habe. Auch dieser zweite Fall für die beiden Ermittler ...

Nordic Noir vom Feinsten – so habe ich von SCHMERZ, dem ersten Fall für Dora und Rado, geschwärmt. Und nun ist es GIFT, das ich gerade zur Seite gelegt habe. Auch dieser zweite Fall für die beiden Ermittler bei der Kriminalpolizei Reykjavik hat es in sich.

Dora wurde bei einem früheren Einsatz angeschossen, seitdem funktioniert ihr Gehirn anders als zuvor. Sie spürt intensiver, ein stechender Schmerz in ihrem Kopf, hinter dem Glasauge, verschwindet nie ganz. Sie kämpft mit Bewusstseinsstörungen, hat surreale Wachträume… um von den Schmerzmitteln loszukommen, holt sie sich Hilfe. Seit zwei Monaten ist sie wieder im Dienst, hat aber keine besonders stressigen Fälle. Was sich bald ändern wird.

Rado ist zur Rauschgiftabteilung gewechselt, er leitet sein Team, das großteils selbständig arbeitet, was für ihn gut passt, da er sich das Sorgerecht für seinen Sohn Jurek mit seiner Ex-Frau teilt.

Joel, ein junger Sanitäter, findet in einer Raumkapsel, die als Kulisse auf dem Filmgelände steht, ein wenig Privatsphäre. Ein Fehler, wie sich bald darauf herausstellt, denn er ist eingeschlossen. Seine Leiche wird entdeckt, furchtbar zugerichtet. An anderer Stelle ist es ein umgekippter LKW am Straßenrand, der eine lange, rote Spur hinter sich hergezogen hat. Aus Kanistern, teilweise explodiert, fließt ebenfalls diese rote Flüssigkeit, der Fahrer liegt tot daneben. Dora ist an der Unfallstelle, sie sieht eine Motorradstreife, beide Polizisten scheinen eineiige Zwillinge zu sein. Später dann ist sich Dora nicht mehr sicher, sie wirklich gesehen zu haben.

Elliði, Dora und Rados ehemaliger Chef, hat eine persönliche Verbindung zu einem dieser Fälle. Er ist zu nah dran, also schließen sich Dora und Rado zusammen. Es gibt weitere Todesfälle, ihre Ermittlungen führen sie tief hinein in den Drogenhandel, in den Drogensumpf, in den Missbrauch von Betäubungsmitteln. Bei den Opfern wurde ein Stoff gefunden, der selbst in kleinen Dosen tödlich ist.

Jón Atli Jónasson hat ein etwas anderes Ermittlerduo erschaffen. Sie sind vielschichtige, sehr individuelle Persönlichkeiten, sie haben es mit hochkriminellen Machenschaften zu tun, bei denen nicht lange gefackelt wird. Die Story um ein tödliches, sich weit verbreitendes Gift ist mitreißend erzählt, die immer mal wieder durchschimmernden privaten Momente passen sich perfekt dem Geschehen an.

GIFT steht dem Vorgängerband in nichts nach, es ist hart, rau und düster, es ist brutal und voller Gewalt. Jón Atli Jónassons Reihe um das Ermittlerduo Dora und Rado hat Suchtpotenzial - spannend und düster bis zum Ende. Und nun hoffe ich sehr, dass die Reihe weitergeht, ich wäre sofort wieder dabei.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Mr. Saitos magisches Wanderkino

Mr. Saitos reisendes Kino
1

Diese Lebens-, diese Liebesgeschichte in sieben Wellen beginnt im Jahre 1910 mit einem Schuhkarton. Es ist Fabiolas Geburt. Sie wächst heran bei den Nonnen und entdeckt bald ihre Leidenschaft für den Tango. ...

Diese Lebens-, diese Liebesgeschichte in sieben Wellen beginnt im Jahre 1910 mit einem Schuhkarton. Es ist Fabiolas Geburt. Sie wächst heran bei den Nonnen und entdeckt bald ihre Leidenschaft für den Tango. Litas Zeugung dann findet – wie sollte es bei Fabiola anders sein - auf einer Tanzfläche statt. Fabiola ist noch blutjung, als ihre kleine Carmelita das Licht der Welt erblickt, es ist das Jahr 1927. Sie ist Schuhverkäuferin mit Leib und Seele, bei den Nonnen jedoch will sie nicht bleiben und so treibt die zweite Welle sie und ihre Lita auf eine kleine Insel. Auf Upper Puffin gibt es nicht viel, Fabiola will bald wieder weg und doch bleiben sie Jahr für Jahr, bis eines Tages Mr. Saito mit seinem blauen Koffer ankommt, von den Insulanern schon sehnsüchtig erwartet. Lita staunt, als sie zum ersten Mal bewegte Bilder sieht. Sie erschrickt über eine wütende Bisonherde, die auf sie zurast, rennt vor herannahenden Lokomotiven davon und ist ratlos, wo sich in dem weißen Stück Leinen, das an der Wand hängt, all diese Dinge verstecken.

„Mr. Saitos reisendes Kino“ bietet so viel mehr als „nur“ bewegte Bilder, Filme und Wochenschauen, in den so einiges an Zeitgeschichtlichem mit einfließt, in denen etwa der kleine wütende Mann zu sehen ist, der in Polen einmarschiert ist oder auch König Edward, der wegen der amerikanischen Champagnerdame abgedankt hat.

Lita und Fabiola bewohnen im Betlehem ein Zimmer und vor allem für Lita ist Upper Puffin nicht abgelegen, sie will unbedingt hier bleiben. Hier hat sie ihre gehörlose Freundin Oona gefunden, der Tierarzt versorgt die gesamten Inselbewohner ganz selbstverständlich mit und auch wenn Fabiola das Reisefieber packt, so muss sie auf ihr an allen möglichen Krankheiten leidenden Kind, was ihr der Tierarzt mit allem gebührenden Ernst bestätigt, Rücksicht nehmen. Lita kennt ihren Vater nicht und so erträumt sie sich ihn, den großen Bugatti. Ihr Sammelalbum ist voller fantasievollen „Erinnerungen“.

Annete Bjergfeldts Inspiration zu diesem so wunderbaren Roman war tatsächlich ein Schuhkarton, in dem einst die Urgroßmutter eines Freundes, als Frühchen geboren, ihre ersten Tage neben dem warmen Herd überlebt hat.

Eine wunderbare Reise ist zu Ende, Carlo Gardels Tango Valencio hallt noch lange nach und Mr. Saito hat mit seinem reisenden Kino ihrer aller Leben für immer verändert. Es ist ein warmherziger Roman über den Zusammenhalt und die erste Liebe, über Trennungen und sich neu verlieben, über lebenslange Freundschaften und über noch so vieles mehr. Es sind intensive Momente und auch solche, die verletzend sind, es ist komisch und lustig mit liebenswerten Menschen, die Geschichte macht nachdenklich und bleibt wie die Tattoos, die Maggie, die mit ihrer Familie das Betlehem betreibt, eines Tages auch Lita sticht.

„Mr. Saitos reisendes Kino“ ist ein wunderbarer, ein so lesenswerter Roman, eine kluge Geschichte auf Mr. Saitos Spuren, die ich nicht missen möchte.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Und Action...

Kälter
1

Als Provinzpolizistin auf Amrum lerne ich Lucy Morgenroth kennen. Sie scheint eine ruhige Kugel zu schieben, was sich aber spätestens dann ins Gegenteil verkehrt, als einer von der Insel von einem Schiff ...

Als Provinzpolizistin auf Amrum lerne ich Lucy Morgenroth kennen. Sie scheint eine ruhige Kugel zu schieben, was sich aber spätestens dann ins Gegenteil verkehrt, als einer von der Insel von einem Schiff verschwindet und zeitgleich fünf Fremde auftauchen, die sich als sehr gefährlich herausstellen. Sie suchen hier jemanden…

…und Lucy ist in ihrem Element. Sie ist Personenschützerin beim BKA, es ist die Zeit des Mauerfalls. Andreas Pflüger führt seine Leser mitten hinein in die Welt der internationalen Geheimdienste. Lucy gehört zum Kommando des Wirtschaftsministers. Bald ist sie Kommandoführerin, ein Kommando besteht aus je 20 Sherpas, immer sechs davon sind am Mann, wenn es sich um die Bewachungsstufe eins handelt. Sie sind die Besten und wenn es denn sein muss, sind sie Killermaschinen.

Der ganz eigene Schreibstil mutet zunächst befremdlich an, wird dann aber zunehmend gut, sofern man ganz in der Story bleibt. Der Autor bietet actionreiche Szenen, garniert mit dazu passenden Textschnipseln bekannter Songs, er lockert diese mit durchaus witzigen Wortspielen auf.

Ihr Weg führt sie nach Tel Aviv, dort wird „Lucy in the sky“ mit fünf von ihr ausgewählten Sherpas aufs Härteste gedrillt. Der spektakuläre Agententhriller führt nach Berlin, nach Moskau und Wien, nach Israel und Südfrankreich, immer dabei sind die Geheimdienste und deren Agenten. Hört sich ziemlich spektakulär an, was es letztendlich auch ist. Wer ihnen im Weg steht, für den kommt es knüppelhart. „Kälter“ ist unbarmherzig, nichts für schwache Nerven. „Was meinen Sie. Sind sie kälter als ich?“ Es gilt, ihren ärgsten Feind Babel auszuschalten.

Wenn möglich, hat Pflüger sich an Fakten gehalten, lässt er in seinen letzten Bemerkungen zum Buch wissen. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument vor dem Hintergrund der weltgeschichtlichen Wirklichkeiten - die Zeit der RAF, dem Berliner Mauerfall, dem immer wieder aufflammenden Nahostkonflikt. Im Sommer 2023 bereiste er Israel, nur Monate vor dem Terrorangriff der Hamas.

Wie gesagt – das Buch verlangt konzentriertes Lesen. Dann aber wird man direkt hineingesaugt in eine Welt, die kälter nicht sein könnte. Mir war es dann doch ein Zuviel der Ballerei, der ernste Hintergrund überwiegt dann aber doch in dieser aktionsgeladenen Story.

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