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Veröffentlicht am 26.05.2021

Kurzweiliges Lesevergnügen

Zwischen uns ein ganzes Leben
1

In Montreal (1982) sitzt Jacobina am Krankenbett ihres Vaters. Vor 21 Jahren ist sie fortgegangen, er hatte ihr nie verziehen. Gesprächig war er nie, sie hatten kein inniges Verhältnis, ihrer Mutter war ...

In Montreal (1982) sitzt Jacobina am Krankenbett ihres Vaters. Vor 21 Jahren ist sie fortgegangen, er hatte ihr nie verziehen. Gesprächig war er nie, sie hatten kein inniges Verhältnis, ihrer Mutter war sie immer näher gestanden. „Du musst Judith finden, versprich es mir!“ Jacobina weiß nichts von Judith, ihrer Halbschwester - und plötzlich empfindet sie Zuneigung zu ihrem zeitlebens doch so unnahbaren Vater. Verspricht ihm, nach ihr zu suchen. Er erzählt von Paris und Claire Goldemberg: „Ich habe sie geliebt.“ Er musste zurück nach Polen, der Zweite Weltkrieg kam ihnen dazwischen.

Wir sind in Paris, schreiben das Jahr 1940. Die Jüdin Judith lernt den wohlhabenden Christian kennen und lieben, jedoch wird es für sie immer gefährlicher, sie muss untertauchen.

In Washington D. C. arbeitet Beatrice 2006 bei der Weltbank. Die gebürtige Französin unterstützt ihre in Frankreich lebende Mutter, ihr Job erlaubt ihr ein unabhängiges Leben. Nebenher engagiert sie sich ehrenamtlich und lernt so Jacobina kennen. Die beiden Frauen freunden sich an und bald hilft Beatrice ihr, das lange zurückliegende Versprechen, Judith zu finden, doch noch einzulösen.

Drei Frauen begleite ich abwechselnd im Gestern und Heute. Ihre Leben könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist zum einen Judith, die all die Qualen des Nazi-Regimes als Jüdin erleiden musste. Der geschichtliche Hintergrund ist nachvollziehbar und gut geschildert. Die Autorin nimmt ihre Leser an die Hand, gewährt Einblick ins sehr entbehrungsreiche Leben der auch in Frankreich verfolgten Juden. Mit Christian, ihrem Verloben, bekommt man eine Vorstellung, dass die wohlhabende Schicht durchaus andere Möglichkeiten hatte, diese dunkle Zeit einigermaßen glimpflich zu überstehen.

Mit Beatrice und Jacobina, die sich auf die Suche nach Judith machen, verbinden sich diese drei so unterschiedlichen Frauen. Im Holocaust-Center findet Beatrice nicht nur die Spur in die Vergangenheit, sie lernt auch Gregoire kennen, der sie tatkräftig unterstützt. Er ist ehrenamtlich für eine Hilfsorganisation tätig, wird danach wieder auf sein Weingut in Frankreich zurückkehren.

Ein sehr eingängiger Schreibstil, der mich schnell alles um mich herum vergessen ließ, mich sofort gefangen nahm. „Zwischen uns ein ganzes Leben“ hat mich in seinen Bann gezogen und mich nicht mehr los gelassen. Ein vor einem halben Jahrhundert gegebenes Versprechen lenkt das Leben der Protagonisten in ganz andere Bahnen, als ursprünglich geplant. Ich habe mit ihnen gehofft, gebangt und mich gefreut, bin ihren Spuren gerne gefolgt. Es war alles dabei – Familie, Liebe, Leid und Freud, spannend und authentisch geschildert.

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Veröffentlicht am 25.05.2021

Jugendkrimi, nicht ganz durchdacht

Himmel oder Hölle?
3

Vier Mädels verbringen ein paar Tage in Gerlos in Österreich beim Skifahren. Die sehr unsichere Danielle kann es kaum fassen, dass Dante, ein Supertyp, sich ausgerechnet für sie interessiert. Kaum daheim ...

Vier Mädels verbringen ein paar Tage in Gerlos in Österreich beim Skifahren. Die sehr unsichere Danielle kann es kaum fassen, dass Dante, ein Supertyp, sich ausgerechnet für sie interessiert. Kaum daheim in Amsterdam treffen die beiden unvermutet aufeinander. War es Zufall? Oder Absicht?

Tag 0 beginnt um 21:48 Uhr und gleich hier wird klar, in welch beklemmendem Zustand diese noch geheimnisvolle Person sich befindet. Wo sie ist, was das Ganze soll, wohin das alles führt – der Leser kann nur Vermutungen anstellen.

Mit Tag -16 dann beginnt der Skiurlaub, jedes Kapitel erzählt von einem Tag weniger bis schlussendlich der Tag 0 anbricht. Diese Idee ist gut umgesetzt, wir nähern uns dem Countdown, der – so kann man vermuten – Schreckliches verbirgt. Zwischen dem Herunterzählen blicken wir immer mal wieder auf diesen ominösen Tag 0.

Ein Jugendbuch mit Triggerwarnung zum Schluss. Leicht lesbar und durchaus so geschrieben, dass man sich diese vier 17jährigen Schülerinnen gut vorstellen kann. Sie wollen Spaß, wollen flirten, erobern und erobert werden. Danielle, die nicht ganz den superdünnen Models gleicht, wird von ihren „Freundinnen“ gemobbt und findet sich selbst nicht zurecht in diesem oberflächlichen Schlankheitswahn. Genau hier setzt meine Kritik ein, denn ich finde es unverantwortlich, ein Buch vorzulegen, in dem es der Protagonistin mit Normalmaßen ständig eingeredet wird, sie sei zu dick.

Dante, mit seinen 21 Jahren schon weitaus reifer, sieht in Danielle etwas, das nicht so ganz greifbar ist. Sollte er sie wirklich begehren? In ihr die Frau sehen, die er unbedingt will? Einige Informationen aus seinem Leben tröpfeln so nach und nach herein, aber ein Gesamtbild kann man sich von ihm nicht machen, er und sein (mögliches) Motiv sind nicht zu durchschauen. Nicht genug dessen, kommt ein Ex-Freund ins Spiel, dessen Absichten ebenso dunkel wie mysteriös scheinen.

Ein Jugendkrimi mit Unterhaltungspotenzial, der sein Geheimnis erst ganz zum Schluss preisgibt. Überraschend, unvermutet, ganz gut gemacht. Es wird so manches Thema angerissen, so einiges bleibt an der Oberfläche. Bald jedoch meint man, das Opfer des Tages 0, zu kennen. Und der Täter - hier könnte es jeder sein und kaum ist man sich sicher, den Unbekannten erkannt zu haben, bleiben wieder letzte Zweifel. Erst dem Ende zu wird aufgelöst und hier ist es ganz anders, als man denkt.

Mein Fazit: Ein Krimi, der zu wenig die Probleme junger Mädchen berücksichtigt und Unsicherheiten Vorschub leistet. Gut und schnell, auch unterhaltend zu lesen, aber eine große Zielgruppe wird hier verunsichert. Daher nur zwei der ansonsten drei Sterne.

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Veröffentlicht am 25.05.2021

So ein Sommer ist ein großes Geschenk

Der große Sommer
1

Die Sommerferien stehen an und die Familie macht sich bereit, in den wohlverdienten Urlaub nach Italien zu starten. Frieder, von der Note 6 auf die 5 gerutscht, wird zur Nachprüfung zugelassen und somit ...

Die Sommerferien stehen an und die Familie macht sich bereit, in den wohlverdienten Urlaub nach Italien zu starten. Frieder, von der Note 6 auf die 5 gerutscht, wird zur Nachprüfung zugelassen und somit heißt es für ihn anstatt Ferien sechs Wochen bei Großvater eingesperrt Latein und Mathe büffeln. Das sind ja schöne Aussichten! Zumindest seine große Schwester Alma bleibt hier, sie wohnt im Schwesternheim und absolviert ein Praktikum in einem Pflegeheim. Mit seinem besten Freund Johann verbringt er seine verbliebene freie Zeit bevorzugt im Schwimmbad und dort begegnet er ihr – Beate. Von nun an schwirrt sie in seinem Kopf, zieht ihn magisch an. So beginnt sein großer Sommer.

Von jetzt an wohnt Frieder bei seiner Nana und Großvater, der einen zunächst sehr unnahbar vorkommt. Wie sich herausstellt, ist er ein lebenskluger und weitsichtiger Mann, der alle auf Abstand hält, keinen so richtig an sich herankommen lässt.
"Großvater hatte mich sozusagen aktiv angefordert." Es sind Sätze wie dieser, die mich begeistern. Noch mehr solch großartiger Aussagen lese ich zwischendurch, lasse sie mir regelrecht auf der Zunge zergehen.

Die erste zarte Liebe, das sich Umgarnen, sich annähern. Nicht recht wissen, wie man es anstellen soll. Man will den anderen beeindrucken, ihm gefallen. "Ich hätte zehn Minuten nicken können, so einverstanden war ich". Leicht, wie hingeworfen diese Worte. Hier stimmt Frieder seiner Angebeteten stumm zu.

Es geht um Freundschaft, das Miteinander. Die Jugend ist die Zeit des Aufbruchs. Dem Leben eine Richtung geben, sich ausprobieren und auch mal scheitern. Nicht aufgeben, neue Wege suchen und auch Hilfe annehmen können. Der mitunter steinige Weg ins Erwachsenenleben muss gegangen werden und nur wer nicht aufgibt, wird ankommen.

Frieder erzählt dem Leser von diesem einen Sommer, in dem er so viel Neues erlebt. Hier konnte er sich von der Kindheit verabschieden, sich einem nächsten Lebensabschnitt nähern. Momente voller Leben und Liebe, Vertrauen und Freundschaft wechseln sich ab mit ausgelassenen, sehr fröhlichen Augenblicken.

„Der große Sommer ist tatsächlich ein sehr autobiografischer Roman. Verwoben mit viel Erdichtetem.“ So lässt uns der Autor wissen und so kann es auch nur sein. Welcher junge, noch sehr unerfahrene Mensch will sich nicht erproben, seine Grenzen zuweilen ausloten? Sich aus der Geborgenheit der Familie hinein ins Erwachsenenleben tasten heißt auch, Rückschläge wegzustecken. Aber auch auf Unbekanntes zugehen, die erste Liebe erspüren, sich ihr zu öffnen. Ganz einfach – sich die Welt erobern mit all ihren Facetten.

Dass Frieder im Nachhinein diesen Sommer, der so gar nicht begann, wie er ihn sich vorgestellt hat, als groß empfindet, macht deutlich, dass vieles anders kommt, ja besser wird, als man zunächst meint. Ein ganz besonderes Buch, eine wundervolle Geschichte, die einen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Sie zu lesen, macht nachdenklich, aber auch sehr glücklich.

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Veröffentlicht am 21.05.2021

Identitätssuche

Viktor
1

Mit „Viktor“ schrieb Judith Fanto ein wundervolles Familienepos, das in den Niederlanden als bestes Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde.

Geertje ist auf der Suche nach ihrer wahren Identität. In eine ...

Mit „Viktor“ schrieb Judith Fanto ein wundervolles Familienepos, das in den Niederlanden als bestes Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde.

Geertje ist auf der Suche nach ihrer wahren Identität. In eine jüdische Familie hineingeboren, einem „Stamm der nichtjüdischen Juden“, spürt sie ihren Wurzeln nach, will als einzige in der Familie das Judentum ergründen und kommt Stück für Stück ihrem Ziel näher, wenn auch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Rückschläge sind vorprogrammiert, aufgeben ist für sie keine Option.

In Wien begegnen wir Viktor, im Buch als Bruder Leichtfuß tituliert (so herrlich altmodisch). Er ist ein kluger Kopf, ein Meister im Geschäftemachen, dem die Herzen der Frauen nur so zufliegen. Als kleiner Junge gabelt er Bubi auf, der wochentags in einem Heim mehr schlecht als recht lebt. Er nimmt ihn einfach mit nach Hause, wo er liebevoll empfangen wird und schon bald dazugehört. Viktor hat ein gutes Herz, ist ein Tausendsassa, ein liebenswertes Schlitzohr, er zieht sein Ding durch, bleibt aber dennoch geradlinig, auch wenn es ihm zuweilen schadet. Sein Äußeres lässt nicht auf einen Juden schließen, was lange für ihn von Vorteil ist. Die Familie Rosenbaum lebt in Wien, ist dort etabliert. Ihr doch recht komfortabler Alltag ändert sich, als die Nationalsozialisten auch hier unerbittlich vordringen.

Das Kennenlernen fiel mir bei Viktor leicht, mit ihm ging ich sofort gerne durch Wien, er hatte das gewisse Etwas. Nahm das Leben nicht allzu ernst, aber man konnte sich durchaus auf ihn verlassen. War ich zunächst eher von Viktor und der Wiener Verwandtschaft angetan, tastete ich mich später an Geertje heran. Zu ihr musste ich erst einen Zugang finden. Die weit zurückliegende Vergangenheit schien sehr vielschichtiger, ungleich interessanter geschildert.

Diese beiden Epochen – das Heute und das Gestern – bewegen sich aufeinander zu. Judith im niederländischen Nimwegen, wir schreiben das Jahr 1994, geht zurück, erforscht die Vergangenheit, gräbt immer tiefer in ihrer Familiengeschichte, während Viktor 1914 in Wien nach vorne strebt. Von seinen unbeschwerten Jahren als junger Mann bis hin in die dunklen Zeiten des Nationalsozialismus, der auch in Wien angekommen ist, begleite ich ihn.

Judith Fanto erzählt die Geschichte ihrer Familie sehr bildhaft, mich haben sie alle berührt in ihrer Einzigartigkeit. Voller Wärme schildert sie deren Leben, hier spürte ich den ernsten Hintergrund während der immer gefährlicher werdenden Nazi-Jahre, ihre Beklemmung und Betroffenheit ob der sich ganz schnell wandelnden Gesellschaft.

Mit „Viktor“ bin ich gerne nach Wien Anfang des letzten Jahrhunderts gereist, die Autorin hat mir diesen Teil ihrer Geschichte mit ihrem feinfühligen Erzählstil sehr nahe gebracht. Geertje dagegen blieb mir etwas fremder. Auch mit ihr erlebte ich viele kurzweilige Lesestunden, ihre Geschichte konnte mich aber nicht so fesseln wie die von Viktor, dem Charmeur und Herzensbrecher. Das Gerüst bildet das Judentum während der NS-Herrschaft und das damit verbundene Leid, all der Tragik und Aussichtslosigkeit, die Flucht und das Leben danach. So nähern sich Vergangenheit und Gegenwart immer mehr einander an und ganz zum Schluss erfährt man dann doch, wie und ob Viktor und Geertje verbunden sind. Man wird staunen.

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Veröffentlicht am 15.05.2021

Echte Kriminalfälle, spannend erzählt

True Crime International / FINNLAND TRUE CRIME I Wahre Verbrechen – Echte Kriminalfälle
1

Im mittlerweile sechsten Band seiner True Crime-Serie hat Adrian Langenscheid Verbrechen aus Finnland zusammengetragen.

Ganz unterschiedliche Gräueltaten werden hier geschildert wie gleich im ersten ...

Im mittlerweile sechsten Band seiner True Crime-Serie hat Adrian Langenscheid Verbrechen aus Finnland zusammengetragen.

Ganz unterschiedliche Gräueltaten werden hier geschildert wie gleich im ersten Fall, in dem es um ein unschuldiges Kind und sein nahes Umfeld geht. Hier war ich so entsetzt, konnte nicht nachvollziehen, wie man zu so einer Tat fähig ist. Hinterhältig, verlogen und letztendlich eiskalt wird mit dem Leben eines Kindes gespielt. Die Frage nach dem WARUM liegt vordergründig schon auf der Hand, aber der Gedanke um das Tun und die Ausführung dessen hat doch nochmal eine ganz andere Schwere.

Es geht u. a. um unschuldige Kinder, der Alkohol spielt wie so oft eine nicht geringe Rolle, kann und darf aber nie als Entschuldigung herhalten. Familienzwistigkeiten werden genauso geschildert wie der Streit um Grund und Besitz. Geldprobleme in jeglicher Form machen einerseits erfinderisch, können aber verhängnisvoll enden. So manches Mal hatte ich den Eindruck, dass die sehr dunklen Gestalten nicht immer die hellsten Köpfe sind, ja geisteskrank daherkommen. Das meiste ist schwer auszuhalten, nicht nur, wenn es um Kindesmisshandlung geht. Auch Mord in einer extrem grausamen Form mit Leichenfledderei (alles Weitere werde ich hier nicht ausführen) oder die doch sehr laxe Rechtssprechung lassen mich fassungslos innehalten.

Jeder einzelne Fall hat seine ganz eigene Tragik, was jedoch keine noch so abstoßende Tat rechtfertigt. Zum Verständnis wird die Vorgeschichte, das Umfeld und wenn nötig das krude Gedankengut des oder der Täter beleuchtet. Allesamt wahr, auch wenn man ob dieser verwirrten Geister deren Mordlust, Triebhaftigkeit oder Geldgier ihre Abartigkeiten so gar nicht nachvollziehen kann. Lediglich der vorletzte Fall passt für mich nicht unbedingt hier herein, auch wenn er gut erzählt ist und ein Thema aufgreift (Rechtsradikalismus), über das wir leider heutzutage immer öfter hören müssen.

Diese vierzehn Gräueltaten sind leider wirklich passiert, dieses Mal in Finnland. True Crime nacherzählen, lesbar aufbereiten – das kann Adrian Langenscheid. Inzwischen sind seine Bücher für mich ein absolutes MUSS.

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