Satire über den Zustand unserer Gesellschaft
Das Leben ist eins der HärtestenRenate Gabor ist traurig. Ihr Malteser Mischling Mandarine-Schatzi ist mit dem Kopf in einer Punikaflasche steckengeblieben und erstickt. Sie hatte das Tier noch wiederbeleben wollen, aber ihre Hilfe kam ...
Renate Gabor ist traurig. Ihr Malteser Mischling Mandarine-Schatzi ist mit dem Kopf in einer Punikaflasche steckengeblieben und erstickt. Sie hatte das Tier noch wiederbeleben wollen, aber ihre Hilfe kam zu spät. Sie war nur kurz mit der Zumbatruppe unterwegs gewesen, mit so was hätte sie nie gerechnet. Jetzt hat sie eine Traueranzeige im Detmolder Kurier geschaltet. Einerseits wünschte sie, ihr Sohn Thorsten sei hier, andererseits ist der schwul, eigensinnig und passt in keine Handtasche. Sie hatte Mandarine-Schatzi in Ungarn gefunden. Dort hatte sie sich zu einem Spottpreis das Kinn absaugen lassen. Der Hund lebte auf einer Tötungsstation und lugte durch den Zaun. Renate war auf der Stelle schockverliebt.
Silke, eigentlich Renates Freundin, zurzeit gehen sie sich etwas aus dem Weg, arbeitet in der Bahnhofsmission. Ihr Vorgesetzter ist der Herr Marquard, ehemals Coach für große Unternehmen, der sich langweilte und eine neue Herausforderung suchte. Jetzt will er diesen Ort der Nächstenliebe in eine seelenlose Relaxzone für den gehobenen Mittelstand verwandeln. Die Obdachlosen dürfen sich nicht mehr allzu wohl fühlen, ist seine Ansage. Silke isst neuerdings weniger, weil ihr Mann Roland meinte, ihr Hintern hätte seit ihrer Hochzeit einen gewaltigen Hagelschaden erlitten.
Willy-Martin arbeitet in einem Taubenschlag für Zuchttiere. Wenn er nach Hause kommt, spielt er gerne online Kniffel, um sich zu zerstreuen. Seine neuste Mitspielerin ist Kerstin alias „Knochenbrecherin“. Sie haben sich mittlerweile auch schon geschrieben und planen ein Kennenlernen. Willy-Martin hofft, dass er kein allzu abschreckendes Bild von sich gibt. Bisher hatte er kein Glück mit Frauen.
Fazit: Giulia Becker hat in ihrem Debüt eine bissigböse Satire über den Zustand unserer Gesellschaft erzählt. Sie rupft einige Federn und so parodiert sie den Kaufrausch via Homeshopping als Kompensation für Traurigkeit. Das Onlinedating gegen die Einsamkeit und zeigt, wie man sich in seinem virtuellen Gegenüber täuschen kann. Alte weiße Männer mit großen Egos und wenig Mitgefühl, die auf Erfolg getrimmt sind und ihren mangelnden Selbstwert unterdrücken müssen. Postmenopausale selbstoptimierungsfanatische Frauen, die Scammern auf den Leim gehen. Die Autorin bringt die liebenswerten Charaktere mit den egoistischen in eine Geschichte und lässt sie aufeinander los. Das ist herrlich skurril und lustig erzählt. Und es wird klar, warum sie im Autorenteam von Jan Böhmermann sitzt, dessen ätzenden Humor ich selten schätze (ich habe es aber auch schnell aufgegeben) Am Ende waren mir manche Eigenheiten (Niesattacken) ein bisschen zu viel, aber grundsätzlich habe ich mich humorvoll und ideenreich unterhalten gefühlt.