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Veröffentlicht am 10.03.2025

Die Idee hat mir gefallen, die Umsetzung nicht

Die Summe unserer Teile
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Nur noch ein Tag bis Semesterende und Lucy ist aufgedreht. Phil will ihr in den nächsten Tagen die Berliner Seenlandschaften zeigen. Weg von den Spielen, die sie programmieren wollen. Sie hüpft die Stufen ...

Nur noch ein Tag bis Semesterende und Lucy ist aufgedreht. Phil will ihr in den nächsten Tagen die Berliner Seenlandschaften zeigen. Weg von den Spielen, die sie programmieren wollen. Sie hüpft die Stufen des Berliner Altbauflurs hinauf in die Wohnung, die sie sich mit Oliver teilt. Als sie die Tür ihres Zimmers öffnet, vergeht ihre gute Laune sofort. Ihr Schreibtisch und der Stuhl wurden zur Seite geschoben, um einem Konzertflügel Platz zu machen. Sie kennt den Steinway, der mehr als den halben Raum für sich beansprucht genau. Sie hatte lange darauf spielen müssen, zur Freude ihrer Mutter. Obwohl sie sicher ist, dass ihre Mutter ihr das Kindheitsmonster geschickt hat, wundert sie sich, dass auf dem Lieferschein der Mädchenname ihrer Großmutter steht.

Erst vor drei Jahren ist Lucy von München an die TU Berlin gegangen, um Mathematik zu studieren. Den Kontakt zu ihrer erdrückenden Mutter und den zu allem schweigenden Vater hat sie abgebrochen. Jetzt haben sie wohl doch herausgefunden, wo sie steckt. Lucy weiß nicht viel über ihre Großmutter, eigentlich nur, dass sie mehrfach abgehauen ist. Zuerst vor dem schreienden Vater und der erdrückenden Mutter nach Sopot, in die Danziger Bucht, zu ihrer Tante, aber die hat sie sofort in den Zug zurück gesetzt. Dann ist sie 1942 vor den Nazis geflüchtet. Jemand half ihr über die Grenze nach Ungarn, von dort in die Türkei und dann in den Libanon, wo sie Physik studierte.

Fazit: Paola Lopez hat in ihrem Debüt eine Familiengeschichte geschaffen, die drei Generationen zeigt. Kapitelweise erzählt sie aus dem Leben der jungen Lucy, ihrer Mutter Daria und deren Mutter Lyudmila. Alle drei Frauen haben sich für ein Studium entschieden, das sie ehrgeizig zu Ende bringen. Die Autorin hat einen Generationskonflikt geschaffen, wie es ihn häufig gibt. Lyudmila hat traumatische Erfahrungen gemacht, musste ihr Land verlassen und sich in einer fremden Kultur alleine durchbeißen. Sie fordert von anderen ebensoviel wie von sich selbst, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ihre Tochter Daria hadert mit ihrer Mutter, weil sie sich ungewünscht fühlt. Sie erinnert ihre Mutter hart und selbstbezogen. Die Jüngste im Bunde, Lucy, fühlt sich von ihrer Mutter unterdrückt und emotional erpresst. Es wirkt, als habe jede Generation den roten Herkunftsfaden an die Nächste weitergegeben und nur die Lebenden können das Dilemma auflösen. Ich muss gestehen, dass ich kaum in die Geschichte hineingefunden habe. Alle drei Frauencharaktere sind dominant, selbstbezogen, überheblich und selbstüberschätzend. Diese emotionale Kühle zieht sich durch den gesamten Roman. Wenn Gefühle gezeigt werden könnten, werden sie von Pathos überdeckt. Die Autorin hat viele Beschreibungen chemischer Experimente, mathematischer Gleichungen und ebensolche Metaphern genutzt, die mich aus dem Lesefluss gehauen haben. Ich habe mehr gedacht als gefühlt und häufig den Kopf geschüttelt. Die Idee der Geschichte hat mir gefallen, aber die Umsetzung gar nicht.

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Veröffentlicht am 06.03.2025

Verlusterfahrungen auf eindrückliche Weise verarbeitet

dreimeterdreißig
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Er saß reglos im Bett, mit einem Blick, den sie nie bei ihm gesehen hatte, den sie ihm nicht zugetraut hatte. Mit dem Oberkörper an das Kopfende gelehnt, die Arme schlaff neben sich. Sie schließt die Schlafzimmertür ...

Er saß reglos im Bett, mit einem Blick, den sie nie bei ihm gesehen hatte, den sie ihm nicht zugetraut hatte. Mit dem Oberkörper an das Kopfende gelehnt, die Arme schlaff neben sich. Sie schließt die Schlafzimmertür hinter sich, läuft über die knarzenden Dielen im Flur bis in die Küche. Ihre Arme stützen ihren nach vorne gebeugten Oberkörper über der Spüle. Seine Tasse vom Frühstück fällt hinunter, der schwarze Inhalt verteilt sich auf dem Küchenboden. Ihre Gedanken krallen sich daran fest, wie ungewöhnlich das ist, denn Balázs zelebrierte Ordnung. Er war so ordnungsliebend, dass er es nicht ertragen konnte, dass ein Raum den Anschein erweckte, bewohnt zu sein. Wie oft Klaras Chaos ihn zur Weißglut gebracht hatte.

Er war Bühnentechniker. Sie hatten sich nach einer Feier auf dem Trottoir vor der Haustür getroffen. Sie lief fast in ihn hinein und sie kamen ins Gespräch. Nein, sie redete, während er einsilbig antwortete. Sie gingen ein Stück des Weges zusammen und als sie sich trennten, gab Klara ihm ihre Telefonnummer. Er war froh drüber, wusste, dass er sie nie gefragt hätte, denn er war zu schüchtern.

Balázs kam aus Ungarn. In den 1990ern breitete sich der Populismus aus, um den Kommunismus abzulösen. Russland marschierte in Ungarn ein, zerschlug die Revolution und hungerte das Land aus. Seit 2010 ist Victor Orban an der Macht. Als die Grenzen fielen, fing Balázs in einem Gasthof in Österreich an, in dem schon seine Großmutter gearbeitet hatte. Das spaltete ihn von seiner Familie, die im eigenen Land bleiben wollte und als Balázs nach Wien zog, verlor sich der Kontakt fast ganz.

Klara hat anfangs Schwierigkeiten, sich auf Balázs einzulassen. Es liegt nicht an ihm, weil er ein grundanständiger Kerl ist. Sie hat bisher immer die Flucht ergriffen, wenn Beziehungen zu eng wurden. Sie fürchtet sich vor der Verschmelzung und dem Gefühlschaos, vor der Abhängigkeit der Tagesform eines anderen. Ihre Therapeutin attestierte ihr innere Härte. Klara attestierte der Therapeutin eine lebhafte Fantasie.

Fazit: Jaqueline Scheiber verarbeitet in ihrem Debüt eigene Verlusterfahrungen auf sehr eindringliche Weise. Ihre Protagonistin lernt einen fleißigen, gütigen Mann kennen, dessen Heimatland Ungarn ist. Sie führt mich in die Anfänge ihrer Beziehung und zeigt mir zwei Menschen, die sehr zusammenzupassen scheinen. Beide haben in der Vergangenheit eindrückliche Erfahrungen gemacht, die aus ihm einen unsicheren Mann machen, der sich fürchtet, gesellschaftlichen Konventionen nicht zu genügen und aus ihr eine selbstbewusste Frau, die vor tiefen Bindungen zurückschreckt und Intimität vermeidet. Beide schaffen es, sich miteinander zu arrangieren und Vertrauen zu finden, doch dann passiert das Unvorstellbare. Klara verliert den Mann, dem sie sich zu zeigen traute, in dem Moment größter Abhängigkeit. Die Autorin zeichnet ihre Geschichte von dem Augenblick, als Klara neben ihm erwacht rückblickend, führt mich durch beider Leben und zeigt, was sie ausmacht, wie sehr sie zusammenwachsen. Die Aufarbeitung der politischen Situation in Ungarn und die Mentalität der Menschen dort fand ich spannend. Ich weiß nicht genau, was mich daran gehindert hat, mich emotional auf die Erzählung einzulassen. Sicher mein Unverständnis über Klaras anfängliche augenscheinliche Unfähigkeit zu handeln und stattdessen das Bad zu putzen. Zum Ende leuchten jedoch blitzlichtartig Episoden auf, wie Balázs Leben endete und ihre Wiederbelebungsversuche. Für mich eine Handlung, die mich irritiert und meinen Lesegenuss gestört hat. Seis drum, ich habe viele ganz wunderbare Besprechungen von anderen Rezensent*innen gelesen und damit kann ich leben. Meine Empfehlung für dieses Debüt.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich gerne gefolgt bin

Woran ich lieber nicht denke
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Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. ...

Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. Dann ließ sie Wasser in seinen Mund laufen, in einem feinen Rinnsal. Er hielt nicht lange aus, dann fesselte sie seine Hände und er bat sie aufzuhören. Danach war sie dran, aber sie zappelte und wand sich aus den Fesseln. Sie wollten wissen, wie die Leute in Guantanamo empfanden, wenn sie gefoltert wurden.

Die Mutter machte sich Sorgen um sie, weil sie keine Schönheit war. Um den Sohn musste sie sich nicht sorgen, der konnte alles und sie wusste: Aus dem wird einmal was. Er war zwanzig Minuten vor ihr geboren, als wäre das eine Erklärung für alles.

Nach einem Workshop bei Oshos Anhängern war ihr Bruder erleuchtet. Danach wusste er, dass das Leben keine Linie, sondern ein Kreis war. Sterben und wieder von vorne anfangen. Es gab nur zwei Aspekte des Lebens, die völlige Hingabe oder die akzeptierte Selbsttötung, um der Enge des Egos zu entkommen.

Mit achtzehn zogen sie aus, jeder in eine eigene Wohnung, nur dreihundert Meter voneinander entfernt. Sie studierte Englisch und jobbte in einem Secondhandshop. Er studierte Englisch und jobbte in einer Schwulenbar. Dann gefiel es ihm dort so gut, dass er sich exmatrikulierte und fest anstellen ließ.

Er wurde mit neun gemobbt. Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man, dass seine Augen langsam an Glanz verloren. Sie erinnert sich, wie er ganz allein auf dem Schulhof in der Ecke stand und sie ihn ignorierte. Sie spürte seine Bedürftigkeit und das passte nicht dazu, dass er ihr zuhause in allem überlegen war. Seine Sorgen, Ängste und Albträume begannen schon, als er zwölf war.

Fazit: Die Niederländerin Jente Posthuma hat eine fein abgestimmte Erzählung ähnlich eines Memoirs geschaffen. Darin zeigt sie ihre fiktive Protagonistin in ihrem Alltag, während sie sie immer wieder zurückblicken lässt. Sie versucht den Tod des geliebten Bruders zu verstehen. Ohne Bewertung blickt sie auf die vielen Ereignisse, die möglicherweise dazu führten, dass ihr Bruder depressiv geworden ist. Die Mutter, die Nähe schwer zulassen und keine schenken konnte. Der Vater, der die Familie frühzeitig verließ. Wie der Bruder glorifiziert wurde und ein Quell der mütterlichen Freude war. Der frühe Hang zur Melancholie beider Geschwister. Die Geschichte plätschert leise vor sich hin und erzeugt auch mit humorvollen, komischen Anekdoten eine einnehmende Stimmung. Die Tragik ist spürbar und die Verarbeitung des Verlustes tief und lang anhaltend. Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich sehr gerne gefolgt bin.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen

Von hier aus weiter
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Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. ...

Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. Vor fünf Jahren hatte die resolute Ida Polanski Rolfs Arztpraxis übernommen und wurde ihm eine Vertraute.

Rolfs und Marlenes Plan gab vor, gemeinsam zu gehen, doch dann war Marlene mit starken Kopfschmerzen neben ihrem leblosen Mann erwacht. Er hinterließ ihr das große Haus, eine gehörige Portion Wut und einen ganzen Schrank voller Sedativa.

Es dauerte nie länger als zwanzig Minuten, bis die Wirkung einsetzte, dieses wattige Rauschen, das ihre Gedanken auseinandertrieb und alles, was zuvor streng und unbarmherzig war, in breiweiche Belanglosigkeit verwandelte. S. 20

Die Beisetzung ist für Marlene eine Tortur, die sie schnell hinter sich bringen will. Rolfs drei Söhne aus erster Ehe und deren sechzehn Enkel haben sich um die angemessene Verabschiedung gekümmert. Die Kinder, von denen sie namentlich drei benennen kann, was die schwarzen Kostümchen, die sie wie Krähen erscheinen lassen, erschweren. Marlene hatte sich nie etwas aus Familienfeiern gemacht.

Wieder zu Hause angekommen empfängt Marlene den Klempner, den sie wegen ihrer Duscharmatur gerufen hatte und der entpuppt sich als einer ihrer ehemaligen Grundschüler, aber nicht nur das.

Fazit: Susann Pásztor hat eine skurrile Geschichte erzählt. Die Protagonistin lebte ihr Leben eher vor sich hin, als dass sie es gefeiert hätte. Deshalb fiel ihr der Gedanke, zusammen mit ihrem Mann aus dem Leben zu scheiden, gar nicht schwer. Sie hat keine eigenen Kinder und zu denen ihres Mannes keinen Bezug. Sie ist wütend, als sie erfährt, dass ihr absichtlich kein Freitod vergönnt war und hadert weiterhin mit ihrem Dasein. Im Laufe der Geschichte drängen sich verschiedene Menschen in ihre Existenz, die sie zum Weiterleben motivieren wollen. Die Autorin erzählt humorvoll und umschifft die harten Fakten einer Frau, die schon während ihrer Ehe einsam war und sich fremdbestimmt fühlte. Die Gefahr, dass die Geschichte ins Oberflächliche, Belanglose rutscht, ist vorhanden und hat mich Mitte des Buches eingenommen. Ich habe mich aber durch die Situationskomik amüsant unterhalten gefühlt. Tja, und müssen schwierige Lebensumstände auch immer schwerwiegend verhandelt werden? Ich denke nein. Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Brisant

Unter Grund
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Franka steht mit der Klasse am Eingang zum Oberlandesgericht. Hans Koser, genannt HK hat als Betreuungslehrer ein Auge auf die junge Referendarin. Franka stellt den Schülerinnen ihre Mitbewohnerin Hannah ...

Franka steht mit der Klasse am Eingang zum Oberlandesgericht. Hans Koser, genannt HK hat als Betreuungslehrer ein Auge auf die junge Referendarin. Franka stellt den Schülerinnen ihre Mitbewohnerin Hannah vor. Sie berichtet als Prozessjournalistin regelmäßig über den NSU-Prozess. Verhandelt wird seit 2013 nun das vierte Verhandlungsjahr. Als Jaroš die Angeklagte Zschäpe eine Nazischlampe nennt, driftet Franka weg. Hannah weiß nichts von Janna und Patrick vor fünf Jahren, nichts darüber was Franka und die beiden getan haben. Sie traut sich nicht darüber zu reden und gedenkt stattdessen auszuziehen.

Franka fährt in ihr Heimatdorf. Sie muss die Ereignisse ergründen, die im Sommer 2006, während der Fußballweltmeisterschaft ihren Anfang fanden. Damals zerbrach die Freundschaft zu Leo unwiederbringlich. Franka war elf, als Leo in ihre Klasse kam. Sie hatte gerade ihren geliebten Vater an den Krebs verloren. Sie zeigte Leo alles über ihre Traditionen der Fischzucht und die Weiher der Umgebung. Leo konnte sich für den glibberigen Teichschlamm und die glitschigen Fische nicht begeistern, aber er mochte ihre Familie. Ihre Großmutter, die alle im Dorf Fuchsin nannten, deren Zwillingsschwester Magda, die immer etwas zu Essen auf dem Herd hatte, und Frankas Tante June, die gerade aus Amerika heimgekehrt war. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander, Leo begleitete sie zum Abschlussball, obwohl da schon klar war, dass sie die letzte Klasse nicht geschafft hatte. An dem Abend berührten sich ihre Lippen.

Wenig später verabredeten sie sich zu einem Treffen der NPD. Franka interessierte sich nicht dafür, sie ging Leo zuliebe hin, weil er wissen wollte, was diese Leute umtrieb, aber Leo kam nicht und Franka lernte Patrick kennen und dann Janna.

Fazit: Annegret Liepold ist ein brisantes und hochaktuelles Debüt gelungen. Sie schickt ihre Protagonistin in die Hände einiger rechtsradikaler Jugendlicher, die in rauem Ton miteinander reden. Dennoch findet die verunsicherte Franka Anerkennung und das Ventil, ihre Wut über den Verlust des Vaters zu kanalisieren. Wirklich gut zeigt die Autorin die dörfischen Vorurteile und die Angst vor Überfremdung, denen mit gesundem Menschenverstand nicht beizukommen ist. Nahezu jeder dieser jungen Leute kann von jemandem innerhalb seiner Familie berichten, der sich als Obersturmführer oder anders bei dem Völkermord nützlich gemacht hat. Interessant und gut aufgearbeitet hat die Autorin ebenfalls die Neigung, den Holocaust zu verleugnen, so als habe es keine Enteignungen, Deportationen und unzählige Morde gegeben. Die Autorin wühlt tief im antisemitischen Dreck und deckt die Mechanismen auf, denen bestimmte Menschen in der Bevölkerung auf den Leim gehen, allen voran junge Menschen, die ganz andere Interessen haben als Geschichtsunterricht und sich mehr auf ihre Unsicherheiten konzentrieren. Der Roman macht nachdenklich. Wie können wir diese Kohortenbildung verhindern. Ich meine nur durch entsprechend ausgebildetes Lehrpersonal, das regelmäßig klasseninterne Diskussionen anleitet und ohne Bewertung zulässt, dass genau über solche Themen geredet wird. Wie war das damals? Was bedeutet Intoleranz? Nehmen mir geflüchtete Menschen wirklich den Arbeitsplatz weg? Muss ich als Frau wirklich Angst haben vor muslimischen Männern? Die Geschichte ist stringent, spannend und wichtig. Ich hoffe sie wird verfilmt. Unbedingt lesen!

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