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Veröffentlicht am 22.09.2025

Einsamkeit in ihrer erbarmungslosesten Form

Die Sprache meines Bruders | Deutscher Buchpreis 2025 Longlist
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Parker stellt die Kaffeetasse ab. Kasimir spült Geschirr und beobachtet seinen Bruder aus den Augenwinkeln, ob der noch was essen will. Kasimir ist der Wächter der Speisen. Parker schnappt seine Autoschlüssel ...

Parker stellt die Kaffeetasse ab. Kasimir spült Geschirr und beobachtet seinen Bruder aus den Augenwinkeln, ob der noch was essen will. Kasimir ist der Wächter der Speisen. Parker schnappt seine Autoschlüssel und ist mit drei großen Schritten bei der Haustür. Hat Parker ein Lied gepfiffen? Das kann, das darf nicht sein in diesem Haus, in dem die Depression wohnt. Kasimir läuft Parker hinterher, sieht ihn ins Auto einsteigen, die Anlage aufdrehen, davonbrausen. So viel Gleichgültigkeit.

Parker ist dünn geworden, isst kaum noch. Kasimir zieht ihn damit auf. Jetzt hat er das Haus früher als sonst verlassen und Kasimir muss mit der Statistik über Parker pausieren.

Kasimir sollte eigentlich wieder ins Bett gehen, viel zu früh war er aufgestanden um zu sehen, was sein Bruder treibt. Nun, nachdem Luzia Parker verlassen hat, ist Veränderung vielleicht möglich. Die letzte Chance mit dreißig. Ein kleines Appartement Downtown für sie beide, in der Nähe der Chauffeurzentrale, dort wo Parker arbeitet. Vielleicht findet Kasi auch einen Job. Das Kino ist gleich um die Ecke, das kann er schaffen. Er wird hier am Küchentisch auf Parker warten. Nach der Arbeit redet der maulfaule Bruder noch weniger, Kasi wird ihn mit Argumenten bombardieren. Kasi zieht durchs Haus, setzt sich in Luzias Zimmer, im ehemaligen Mutterschlafzimmer, auf das Bett. Er steht auf, stromert durch Parkers Zimmer und verzieht den Mund vor lauter Geschmacklosigkeit.

Als der nächste Tag anbricht, wird Kasi unruhig, weil Parker immer noch abkömmlich ist. Er kann doch unmöglich drei Schichten hintereinander fahren und der Kühlschrank gibt auch nichts mehr her. Kurz durchzuckt Kasi eine schwelende Vision. Er wird doch nicht in die Heimat zurückgegangen sein?

Fazit: Gesa Olkusz ist eine erbarmungslose Geschichte gelungen. Sie führt mich in die Gedanken der vier am Leben verzweifelten Persönlichkeiten. Bis zum Schluss bleibt sie ihrem Ziel treu die tiefe, schmerzende Einsamkeit aller zu zeigen. Da ist Kasimir ein quirliger, zutiefst verunsicherter Mann und seine Soziophobie. Ich sehe Neid, Missgunst, Abscheu, Abhängigkeit und Unzufriedenheit. Kasimir kontrolliert seinen Bruder wie ein ängstlicher Hund. Parker ist der wortkarge, der trotz seines Jobs kaum über die Runden kommt und sich symbiotisch mit seinem Bruder verbunden und für ihn verantwortlich fühlt. Leider verwehrt er Kasimir dadurch jede Entwicklungsmöglichkeit. Luzia, die sich Veränderung wünscht und Parker, der sich nach Sicherheit sehnt, nicht motivieren kann. Und dann ist da noch der absonderliche Fahrgast Parkers, der ihn um einen Spezialgefallen bittet. Die Autorin reißt alle drei aus dem mütterlichen Haus und wirft jeden in eine eigene Handlung. Die Geschichte ist ruhig erzählt und konzentriert sich auf die Charaktere. Das Ende, das ich nicht kommen sah, hat mir Gänsehaut verursacht. Das ist eine ganz besondere, unglaublich gut gemachte Geschichte, die nicht grundlos auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 stand.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Ein feines Stück literarischer Popkultur

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Der Kanal von Maja und Merle heißt FOAMO. Sie filmen sich dabei, wenn sie am Samstag in den Wald gehen und Sachen in die Luft jagen. Sie tragen Sneaker, dunkle Tücher vor dem Mund, haben lange braune Haare ...

Der Kanal von Maja und Merle heißt FOAMO. Sie filmen sich dabei, wenn sie am Samstag in den Wald gehen und Sachen in die Luft jagen. Sie tragen Sneaker, dunkle Tücher vor dem Mund, haben lange braune Haare und verpixeln ihre Augen. Sie graben ein Loch, werfen Sachen rein, füllen auf, zünden an und rennen weg. Bumm. Era verfolgt den Stream der Mädchen regelmäßig. Sie selbst führt analog Buch, klebt jeden ausgestorbenen Vogel hinein, von dem sie hört, daneben kleine Infos auf Notizzetteln. Heute ist die Turteltaube dran (Streptopelia turtur)

Era lebt mit ihrer Mutter in einer Hütte direkt am Waldrand. Ihre Mutter will, dass sie ein wenig vor die Tür geht. Nicht nur weil sie in Ruhe an ihrem Archiv arbeiten will, auch weil Era die meiste Zeit in ihrem Zimmer verbringt. Es ist Samstag. Era hört einen leisen Knall, folgt dem Geräusch eine ganze Weile und dann sieht sie die beiden. Sie sieht Maja in Real Life, unverpixelt und das gefällt ihr. Tatsächlich kennt sie Maja aus der Ferne. Sie auf der einen Seite des Schulhofs, Maja auf der anderen. Zwischen ihnen hundert Quadratmeter heißer Asphalt. An Sommertagen müssen sie sich von großen Asphaltflächen fernhalten, so die Vorgabe, aber wann ist eigentlich kein Sommer?

Die Mamas von Maja und Merle sind Momfluenzerinnen. Sie hatten als Jugendliche angefangen, Videochallenges zu produzieren und lebten bald von Markenkooperationen. Später kauften sie eine Villa und dokumentierten ihre Schwangerschaften und das Aufwachsen der Mädchen. Maja ist seit ein paar Jahren nicht mehr dabei. Majas Mamas bedienen viele geschlechterspezifische Stereotype. Deswegen schlägt ihnen reichlich Hass im Netz entgegen, aber auch per Post.

Fazit: Fiona Sironic ist ein feines Stück popkultureller Literatur gelungen. Ihre Protagonistin ist unfreiwillige Einzelgängerin. Sie lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter in den Auswirkungen einer Umwelt, die sich heute ankündigt. Tiersterben, Waldbrände, Überschwemmungen, Pandemien und Geldentwertung. Sie trifft auf die Momfluenzerinnentöchter und verliebt sich in Maja, die mit ihrer Schwester gegen ihre Mütter und die Datenspeicher rebelliert. Majas Desillusionierung und Machtlosigkeit schwappt um in Wut und sie radikalisiert sich, während Era ihr hilflos dabei zusieht. Die Geschichte ist aus der Sicht Eras erzählt. Ich mag das apokalyptische Setting, die Wut Majas wegen des digitalen Missbrauchs. Das ist schon ziemlich abgefahren, liest sich aber flüssig weg. Das Genre kann ich schlecht einordnen. Irgendwas zwischen Coming-of-Age, Dystopie und zeitgenössischer Romantik. Von mir eine klare Leseempfehlung für diese Story, die es gestern auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025 geschafft hat.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Depression eine Erklärung

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Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte er sich letztes Jahr geschworen. Das tiefe Loch, in das er gefallen war, ließ ihn erst Monate später wieder frei. Helena sagte ihm am Klobichsee in der Märkischen ...

Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte er sich letztes Jahr geschworen. Das tiefe Loch, in das er gefallen war, ließ ihn erst Monate später wieder frei. Helena sagte ihm am Klobichsee in der Märkischen Schweiz, dass er bei seinen Eltern gerne eingeladen wäre. Für Helenas Familie ist Weihnachten das Highlight des Jahres. Baumschmuck, Kirche, Festessen. Helena und ihre Schwester klappern schon im Vorfeld alle Weihnachtsmärkte des Landes ab. Und ganz egal, wie vehement sie jedes Jahr aufs Neue versucht, ihn zu überzeugen, wie groß, auch seine Freude sein würde im heimischen Schoß ihrer Familie zu kuscheln, lehnt er jedes Mal entschieden ab.

Jetzt kommt er am 14.12. in Las Palmas an. Er wird seine Bildungslücke mit den Sopranos auf Gran Canaria füllen. Elf Tage lang, acht Stunden pro Tag, sechs Staffeln. Bevor es los geht, wird er zuerst einmal ein kleines Dinner zu sich nehmen. Das orange Bändchen, das der freundliche, gut aussehende Rezeptionist ihm gegeben hat, befähigt ihn in seinem High End Resort so ungefähr jede Türe zu öffnen und sich den Fünf-Sterne-Luxus um die Ohren hauen zu lassen. Auf dem Weg zum Restaurant studiert er die Architektur der Einschüchterung. Weißer Beton, Glas, kurvige Wege, gesäumt von Palmen.

Der vegetarische Burger ist lecker, die Kellnerin zwinkert ihm lächelnd zu. Hinter ihm sitzt ein älteres Pärchen an einem Tisch auf Barhockern, von denen aus sie eine gute Sicht auf alle Gäste haben. Sie hält sich an einer halb vollen Flasche Weißwein fest, er scheint seinen roten zu bevorzugen. Jetzt wird er sich die Beine vertreten. Der 1,5 Kilometer Weg zum Meer ist gesäumt von gesichtslosen Hotels, Shopping Malls, Supermärkten und kleinen Souveniergeschäften mit Tittentassen und Pimmelbierkrügen. Wenig Grün, viel Beton, Verkehrskreisel. Dann die Dünen, Naturschutzgebiet und Touristenmagnet. Laut Reisepodcast und Google Rezension erwartbar viele alte Nudisten und Schwule auf der Suche nach Abenteuer. So, fürs erste alles gesehen. Jetzt aber schnell zurück zur ersten Staffel The Sopranos.

Fazit: Thorsten Nagelschmidt, Autor und Texter, Sänger und Gitarrist der Band Muff Potter, hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine eigene Depression zu analysieren. Vordergrund ist ein beliebtes Urlaubsdomizil, dessen Urlauber er beobachtet und mit feinem Sarkasmus kommentiert. Dazu zählt die Unart, Liegen mit Handtüchern als Eigentum zu kennzeichnen, Sauforgien und Klassenunterschiede. Im Grunde ist ihm hiermit eine unterhaltsame gesellschaftliche Fallstudie gelungen. Im Hintergrund dreht sich Nagelschmidt um sich selbst, lässt mich an seiner Vergangenheit teilhaben, zieht familiäre Rückschlüsse und zeichnet das Bild eines überforderten Jungen, der früh Verantwortung tragen musste. Und so neigt er dazu, über seine Grenzen zu gehen, weil er einen hohen Leistungsstandard an sich stellt. Seine schlimmsten Erfahrungen spielten sich schon in der Kindheit zur Weihnachtszeit ab. Seine Erzählung ist gespickt mit Daten eigener Recherche zum heiligen Fest, aber auch mit seinen Ansichten zu heteronormativen Familien und Erwartungsdruck.

Kaum ein Konzept wird in patriarchal geprägten Gesellschaften so idealisiert wie das der Kleinfamilie. S. 156

Mir hat die Herangehensweise des Autors sehr gefallen. Er spricht ganz klar und deutlich über seinen Zusammenbruch und die möglichen Gründe. Wie die Dunkelheit sich anschlich, als er noch zu abgelenkt war, es zu merken. Seine Hilflosigkeit und Verzweiflung, das Gefühl, nie mehr aus diesem Loch herauszukommen. Und dann ist da auf der anderen Seite dieser zynische Typ mit den kritischen Gedanken zu den einfach strukturierten Menschen, die ein System am Laufen halten, das sich nicht bewährt hat. Ich mag ihn, seinen Stil und seine Offenheit. Volle Leseempfehlung für alle, die sich für das Thema Depression interessieren.

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Veröffentlicht am 16.09.2025

Das hat mich nicht gepackt

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1967

Die schwangere Ruth verlässt Ost-Berlin und geht in ein kleines Dorf bei Mecklenburg, zum Bruder ihres Vaters. Ruth war schon einem erfolgreichen, heiratswilligen Mann versprochen gewesen. Bei einem ...

1967

Die schwangere Ruth verlässt Ost-Berlin und geht in ein kleines Dorf bei Mecklenburg, zum Bruder ihres Vaters. Ruth war schon einem erfolgreichen, heiratswilligen Mann versprochen gewesen. Bei einem Familienfoto anlässlich ihrer Verlobung lernt sie den Fotografen Tom kennen und verliebte sich Hals über Kopf. In einer verhängnisvollen Nacht wird ihre Tochter Jule gezeugt. Kurz darauf verschwindet Tom.

Frieda Lehmann wohnt in ihrem kleinen Haus direkt an der Straße. Sie erwacht in einer stürmischen Nacht, geblendet von einem Blitz, der ihr Schlafzimmer taghell erleuchtet, gefolgt von einem lauten Knall. Sie fährt hoch, lässt die Beine aus dem Bett baumeln und schlüpft in ihre Schaffellpuschen. Nur wenige Meter trennen sie vom alten Kleiderschrank. Sie öffnet die Tür und verschwindet darin, das hat ihr schon im Krieg geholfen.

Heinrich Schönberg machen Trockenheit und Regen im Wechsel nichts aus, den Bauern nahe der Elbe bereitet das Klima Sorge. An diesem Morgen wacht Heinrich mit dröhnenden Kopfschmerzen auf, Rauch zieht ihm in die Nase, irgendwo im Dorf musste es gebrannt haben. Er steigt die Treppe hinab und findet eine leere Küche vor. Normalerweise deckt Hannah sonntags den Frühstückstisch, kocht zwei Eier und legt ihm die Wochenpost hin. Jetzt muss er es scheinbar selber machen.

Hannah ist schon früh aus dem Haus gegangen. Sie hat den Feuerwehrleuten zwei Thermoskannen Kaffee gebracht, das ist das Mindeste das sie tun konnte. Als sie zurückkommt, hat Heinrich bei Frieda zwei Eier besorgt. Sie wird sie sechs Minuten kochen. Eigentlich mag sie fünf Minuten Eier lieber, aber das ist eine ungerade Zahl und die bereitet ihrem Mann Kopfschmerzen.

Fazit: Laura Maaß hat in ihrem Debüt die Tücken der Liebe verhandelt. 1967 geht die schwangere Ruth in die Verbannung zu ihrem Onkel und das ist das Beste, was ihr passieren konnte. Er und seine verwitwete Freundin Frieda kümmern sich liebevoll um die in Ungnade gefallene. Hannah ist ebenfalls schwanger und wird einen Sohn gebären, während Ruth eine Tochter bekommt. Die Kinder werden beste Freunde und später ein Paar mit entgegengesetzten Vorstellungen. Ich mag an der Stelle nicht lange lamentieren. Die Geschichte hat mich nicht gepackt. Ich mochte den Erzählstil gar nicht, fand ihn eher unbeholfen. Die Charaktere sind alle schrecklich nett. Es gab viele Wiederholungen und die Autorin hat keinen Spannungsbogen aufbauen können, weil sie die kommenden Ereignisse vorweggenommen hat. Und so ist die konfliktscheue Geschichte ohne Mehrwert vor sich hin geplätschert. Das war gar nicht meins.

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Wenn sich jeder selbst der Nächste ist ...

Und Federn überall
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Roshi

Sie ist gerade aus dem Zug gestiegen und steht im Nirgendwo an einem Bahnsteig. Sprühregen bedeckt ihr Gesicht. Für Köln-Ehrenfeld ist sie richtig gekleidet, aber nicht für Lasseren im Emsland. ...

Roshi

Sie ist gerade aus dem Zug gestiegen und steht im Nirgendwo an einem Bahnsteig. Sprühregen bedeckt ihr Gesicht. Für Köln-Ehrenfeld ist sie richtig gekleidet, aber nicht für Lasseren im Emsland. Laut Handy ist es eine Stunde zwölf bis zu ihrer Pension. Sie läuft über die Fußgängerbrücke zur Bushaltestelle, den Rollkoffer hinter sich herziehend. Der 16 Uhr 5 Bus ist gerade weg. Sie will keine Stunde warten. Also läuft sie die Landstraße entlang. Der Wollmantel hat sich mit Wasser vollgesogen und hängt ihr schwer auf den Schultern. Ein Auto nach dem anderen überholt sie. Sie hofft, dass sie sich nicht erkältet, denn mit schwerem Kopf kann sie Nassim nicht helfen.

Sonia

Wie jede Nacht träumt sie von Hühnern. Als sie mit trockener Kehle in Rückenlage aufwacht, ist es noch stockdunkel. Sie hört Polizeisirenen, quietschende Autoreifen und Schüsse und weiß, dass Leonie am PC sitzt, obwohl sie ihr das an Schultagen verboten hat. Sie versuchte zu atmen, wie die Ärztin es ihr geraten hat, aber die Brust blockiert sie. Sie versucht sich auf das kommende Bewerbungsgespräch zu konzentrieren, will vom Möllringschen Fließband in die Lohnbuchhaltung wechseln. Es ist fast unmöglich für Sonia in Lasseren überhaupt Arbeit zu finden. Sie hat zwei abgebrochene Berufsausbildungen, zwei Kinder, einen Ex-Mann, auf den sie sich nicht verlassen kann. Drei Monate wollte sie maximal in der Geflügelfabrik am Band stehen, aber dann boten sie ihr in dem firmeneigenen Kindergarten einen Platz für Luca an. Nach der Trennung von Christian blieb ihr gar keine andere Wahl. Christians Oma Ruth schickt ihr jeden Monat dreihundert Euro für die Kinder. Sie würde die Kinder gerne öfter zu Ruth bringen, auch über Nacht. Dann könnte sie sich einmal wieder richtig volllaufen lassen, im Morgengrauen nach Hause wanken, sich etwas aus dem Kühlschrank in den Mund stopfen und angezogen aufs Bett fallen, aber Ruth vergisst die Namen von Leonie und Luca und spricht nur noch von Polen.

Fazit: Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi hat sich mit den gesellschaftlichen Fallstricken auseinandergesetzt. Sie verhandelt die mangelnde Empathie für die Mitmenschen, deren Leben nicht in geordneten Bahnen verläuft. Da ist der fast blinde Nassim, der gerade den beschwerlichen Weg aus seiner Heimat Afghanistan hierher genommen hat. Er möchte die deutschen Einwanderungsbehörden mit seinen Gedichten davon überzeugen, dass er einen gesellschaftlichen Wert hat. Dabei soll ihm die deutsch-iranische Autorin Roshi helfen. Die Polin Justyna ist zwanzig Jahre älter als Nassim und fühlt sich körperlich von dem feinfühligen Mann angezogen. Sonia arbeitet Vollzeit am Fließband und ist mit Alltag und pubertierender Tochter heillos überfordert. Die junge Ingenieurin Anna soll die Geflügelfleischproduktion optimieren und trifft auf alte weiße Männer in den Führungsetagen. Einer davon, Peter Merkhausen, der einen Faible für polnische Frauen hat. Die Autorin hat ein herrlich alltägliches Montagsszenario geschaffen und alle ahnungslosen Beteiligten miteinander verbunden. Sie zeigt anhand diverser Vorfälle die großen und kleineren Probleme ihrer Darsteller, die statt Mitgefühl zu erzeugen von ihren Mitmenschen gemobbt werden. Die gesellschaftliche Verrohung, jeder ist sich selbst der Nächste, ist gut eingefangen. Ganz nebenbei hat sie ein wichtiges Stück polnischer Geschichte im Emsland aufgearbeitet. Trotz der verschiedenen Themen ist die Autorin ihren Figuren und deren Weg treu geblieben. Und das hat mir gut gefallen.

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