Einsamkeit in ihrer erbarmungslosesten Form
Die Sprache meines Bruders | Deutscher Buchpreis 2025 LonglistParker stellt die Kaffeetasse ab. Kasimir spült Geschirr und beobachtet seinen Bruder aus den Augenwinkeln, ob der noch was essen will. Kasimir ist der Wächter der Speisen. Parker schnappt seine Autoschlüssel ...
Parker stellt die Kaffeetasse ab. Kasimir spült Geschirr und beobachtet seinen Bruder aus den Augenwinkeln, ob der noch was essen will. Kasimir ist der Wächter der Speisen. Parker schnappt seine Autoschlüssel und ist mit drei großen Schritten bei der Haustür. Hat Parker ein Lied gepfiffen? Das kann, das darf nicht sein in diesem Haus, in dem die Depression wohnt. Kasimir läuft Parker hinterher, sieht ihn ins Auto einsteigen, die Anlage aufdrehen, davonbrausen. So viel Gleichgültigkeit.
Parker ist dünn geworden, isst kaum noch. Kasimir zieht ihn damit auf. Jetzt hat er das Haus früher als sonst verlassen und Kasimir muss mit der Statistik über Parker pausieren.
Kasimir sollte eigentlich wieder ins Bett gehen, viel zu früh war er aufgestanden um zu sehen, was sein Bruder treibt. Nun, nachdem Luzia Parker verlassen hat, ist Veränderung vielleicht möglich. Die letzte Chance mit dreißig. Ein kleines Appartement Downtown für sie beide, in der Nähe der Chauffeurzentrale, dort wo Parker arbeitet. Vielleicht findet Kasi auch einen Job. Das Kino ist gleich um die Ecke, das kann er schaffen. Er wird hier am Küchentisch auf Parker warten. Nach der Arbeit redet der maulfaule Bruder noch weniger, Kasi wird ihn mit Argumenten bombardieren. Kasi zieht durchs Haus, setzt sich in Luzias Zimmer, im ehemaligen Mutterschlafzimmer, auf das Bett. Er steht auf, stromert durch Parkers Zimmer und verzieht den Mund vor lauter Geschmacklosigkeit.
Als der nächste Tag anbricht, wird Kasi unruhig, weil Parker immer noch abkömmlich ist. Er kann doch unmöglich drei Schichten hintereinander fahren und der Kühlschrank gibt auch nichts mehr her. Kurz durchzuckt Kasi eine schwelende Vision. Er wird doch nicht in die Heimat zurückgegangen sein?
Fazit: Gesa Olkusz ist eine erbarmungslose Geschichte gelungen. Sie führt mich in die Gedanken der vier am Leben verzweifelten Persönlichkeiten. Bis zum Schluss bleibt sie ihrem Ziel treu die tiefe, schmerzende Einsamkeit aller zu zeigen. Da ist Kasimir ein quirliger, zutiefst verunsicherter Mann und seine Soziophobie. Ich sehe Neid, Missgunst, Abscheu, Abhängigkeit und Unzufriedenheit. Kasimir kontrolliert seinen Bruder wie ein ängstlicher Hund. Parker ist der wortkarge, der trotz seines Jobs kaum über die Runden kommt und sich symbiotisch mit seinem Bruder verbunden und für ihn verantwortlich fühlt. Leider verwehrt er Kasimir dadurch jede Entwicklungsmöglichkeit. Luzia, die sich Veränderung wünscht und Parker, der sich nach Sicherheit sehnt, nicht motivieren kann. Und dann ist da noch der absonderliche Fahrgast Parkers, der ihn um einen Spezialgefallen bittet. Die Autorin reißt alle drei aus dem mütterlichen Haus und wirft jeden in eine eigene Handlung. Die Geschichte ist ruhig erzählt und konzentriert sich auf die Charaktere. Das Ende, das ich nicht kommen sah, hat mir Gänsehaut verursacht. Das ist eine ganz besondere, unglaublich gut gemachte Geschichte, die nicht grundlos auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 stand.