Fesselnde, kluge und bissige Geschichte
Die UnbußfertigenDie Moderatorin lächelt süffisant ins Publikum. Sie wird zehn Menschen auf die Bühne rufen, die es im Social-Media-Ranking weit gebracht haben. Als ersten ruft sie den Publikums-Lieblings-Fuckboy Justin ...
Die Moderatorin lächelt süffisant ins Publikum. Sie wird zehn Menschen auf die Bühne rufen, die es im Social-Media-Ranking weit gebracht haben. Als ersten ruft sie den Publikums-Lieblings-Fuckboy Justin auf. Er schlendert lässig auf die Bühne, ist Ende zwanzig, eine hübsch anzusehende Matthias Schweighöfer Version im beigen Leinenanzug. Das Publikum grölt, die Frauen kreischen. Dann kommt Max, ein freundlich aussehender Typ Mitte vierzig, unaufdringliche Ausstrahlung, farbloses Outfit, fliegt optisch weit unterm Radar. Verhaltenes Klatschen. Es folgt Girl Dad Klaus. Der Siebzigjährige springt sportlich auf die Bühne, volles weißes Haar, Jeans, weißes Hemd, Typ Best-Ager-Model. Tosender Applaus. Dann kommt Basti, der aussieht wie jeder andere Dude mit Mitte Zwanzig. Marco, cooler Typ im pinken Pullover mit blauer Hose und lila Gürtel, er kann das tragen. Yannik ziert sich ein bisschen, der verträumte, schlaksige Teenager mit seiner pickligen Schüchternheit. Hoppla immer schön ein Bein vors andere. Sergej, weißes Shirt, graue Jogginghose, ausgeprägte Muckis, durchdringende Augen, kantige Züge. Testosteron lässt grüßen. Und dann kommt die Followerstarke Natasch, lächelt breit in die Kamera, Deutschlands schönstes Hinterteil. Das Publikum tobt. Jutta klimpert winkend mit unzähligen Kettchen und Bändchen. Ihr stark geschminktes Gesicht versprüht Stolz. Zuguterletzt kommt Anny, Deutschlands Instamutti Nummer eins.
Ihnen allen gemein ist, dass sie einer Einladung des Sendes Haimlik TV gefolgt sind. Sie werden drei Tage zusammen in einem Haus, ohne Kontakt zur Außenwelt, verbringen. Für Sergej ist es die Möglichkeit, seine Ex-Bitch zu vergessen. Yannik der Love-Scammer, hat zuletzt mehrere Frauen gleichzeitig gedatet und gönnt sich eine Verschnaufpause. Anny freut sich auf die Möglichkeit, mal keinen frustrierten Teenager vor die Kamera zu nötigen, um das neueste Müsli zu präsentieren. Yannik rekrutiert jugendliche Mitglieder für die neue deutsche rechtsextreme Partei und hofft auf ein wenig brauchbares Werbematerial. Jutta, astrologische Lebenshelferin freut sich wie Bolle. Endlich passiert mal was. Klausi ist der große 0nline Kritiker, da kann der sich so richtig auskotzen. Jetzt hat er mal frei, gut so. Max stalkt online Frauen und braucht sich gerade keine Gedanken zu machen, wie er sie ängstigt. Basti entflieht seiner Dauererregung, wenn er jungen Mädchen beim Gymnastikturnen zusieht. Und Natasch und Marco online Fitness Coaches wollen die Zeit für Brainstorming nutzen, wie sie Natasch weiterhin präsentieren.
Fazit: Elina Penner (www.hauptstadtmutti.de) hat zehn fiktive Gestalten erschaffen, in einen Showtopf geworfen und eine absolut fesselnde, kluge und bissige Geschichte daraus geformt, die die Gesellschaft spiegelt. Drei reichweitenstarke Frauen, die sich selbst erfolgreich vermarkten, treffen auf sieben Männer, die dazu neigen, ihre Meinung ungefragt und laut in die Welt zu rotzen. Alle Beteiligten ziehen einen Nutzen daraus, anderen zu schaden und niemand ist zu ausreichend großen Selbstzweifeln fähig, dass er/sie sich der Verantwortung bewusst würde. In dieser Geschichte ist die hübsche Blonde mit dem Wahnsinns Body einmal nicht die dumme, naive Beute, sondern die intelligente Heldin mit der großen Klappe und der ungefilterten Ehrlichkeit. Die Männer tun das, was sie oft machen, Macht ausüben. Warum? Weil sie es können. Was mir richtig gut gefallen hat, alles, aber auch die spielerische Analyse, die die wahren Intensionen aufdeckt, warum es sich so geil anfühlen muss, seine Wut hinauszuagieren. Hier wird mit internalisierten Bildern über Frauen aufgeräumt, im Dialog infrage gestellt und den Denkern der Kopf zurechtgerückt. Das macht die Story so lebendig. Die Charaktere sind großartig ausgearbeitet, die Sprache ist rotzig, frech und auf den Punkt. Hab ich schon gesagt, dass ich das Buch überobergeil finde? Wer das nicht liest, hat den Zeitgeist verpasst! Danke Elina Penner.