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Veröffentlicht am 04.09.2025

Intensive Liebesgeschichte

Getrennte Räume
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Leo sitzt im Flugzeug und sieht sein Gesicht im Fenster gespiegelt. Er ist noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Die meisten seiner Studienkollegen sind verheiratet, haben ein Eigenheim, Kinder. Er ...

Leo sitzt im Flugzeug und sieht sein Gesicht im Fenster gespiegelt. Er ist noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Die meisten seiner Studienkollegen sind verheiratet, haben ein Eigenheim, Kinder. Er ist anders, er kann sich seine Zeit frei einteilen, muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Leo ist allein und er ist einsam. Er sieht Thomas vor sich, wie er in der Ankunftshalle steht und seine Armbanduhr mit der Anzeigentafel abgleicht. Seinen schlaksigen Körper, wie er leicht nach vorne gebeugt in eine Schaufensterauslage blickt. Den groben Wollpulli, die dunkle Hose, die schweren bordeauxfarbenen Schuhe, seinen Dreitagebart, darüber die dunklen, warmen Augen. Doch seine Stimme hört er nicht. Thomas, der immer da war, wenn er zurückkam, wird diesmal nicht auf ihn warten. Er ist vor zwei Jahren gestorben.

Leo hat Thomas auf einer Party zum ersten Mal gesehen. Er war der Einladung zusammen mit dem Jazzmusiker Michael gefolgt. Zu vorangeschrittener Stunde saß er schwer in einem Sessel, im Gespräch mit einer Journalistin, als Thomas die Party verließ. Er wäre ihm gern gefolgt.

Leos Wohnung ist hell erleuchtet und voller Menschen. Seit einer halben Stunde steht er mit Michael in der Küche und sorgt für Nachschub an frischen Gläsern und Tellern. Thomas steht über eine Kiste Bordeaux gebeugt und öffnet sie. Leo beobachtet Thomas aufmerksam, während er das Glas poliert. Michael hatte Thomas mitgeschleppt, Leo zuliebe. Leo will nach dem dreijährigen Desaster mit Hermann nichts überstürzen, möchte es langsam angehen lassen, herausfinden, ob Thomas der richtige Mensch an seiner Seite sein kann.

Fazit: Pier Vittorios Roman „Zwischen den Räumen“, erschien 1989 in der italienischen Originalausgabe und wurde jetzt 2025 zum zweiten Mal in Deutschland herausgegeben. Der Autor starb 1991 mit nur 36 Jahren an Aids. Die Geschichte ist eine der intensivsten Liebesgeschichten, die ich bisher gelesen habe. Sein Protagonist ist ein anerkannter und wohlhabender italienischer Autor. Er lernt den jungen deutschen Musiker kennen und lieben. Während der junge Mann Leo regelrecht verfällt, bleibt der auf Distanz. Leo kämpft mit seiner eigenen Identität und seinem Schwulsein in einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen noch keine Anerkennung finden. Kurz vor Thomas Tod lässt Leo ihn im Schoß seiner Familie zurück und flüchtet regelrecht. Doch egal, wo er sich aufhält, die Erinnerungen an Thomas holen ihn ein und werden intensiver. Der Verlust und die Einsamkeit überschwemmen ihn regelrecht. Ihm wird bewusst, wie sehr Thomas darunter gelitten hat, dass Leo sich ihm wieder und wieder entzogen hat. Wie sehr er auf sich und seine eigene Gefühlswelt konzentriert war. Die Geschichte fließt ruhig daher. Ich bekomme einen tiefen Einblick in männliche Gefühlswelten und fühle mich nach der Lektüre bereichert.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Die Folgen des Verlassenwerdens

Mit deinen Augen
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Sie liebt Narben, Dehnungsstreifen, Körpermale aller Art. Seit sie von Zuhause ausgezogen ist, hat sie den festen Vorsatz, ihre Miete selbst zu zahlen. Sie will unabhängig sein von ihren wohlhabenden Eltern. ...

Sie liebt Narben, Dehnungsstreifen, Körpermale aller Art. Seit sie von Zuhause ausgezogen ist, hat sie den festen Vorsatz, ihre Miete selbst zu zahlen. Sie will unabhängig sein von ihren wohlhabenden Eltern. Sie kauft jede Woche für zehn Euro, vorwiegend No-Name-Produkte und für den Nachhauseweg noch Junkfood, um es direkt aus der Hand zu essen. Die neuen Gewohnheiten zeichneten sich schnell auf ihren Hüften ab. Ihre Mutter wollte sie bei einem Ernährungsberater sehen, aber sie ging nicht hin, nahm ab und hat jetzt ordentliche Dehnungsstreifen auf den Schenkeln.

Der Typ von Ebay, der vor ihr kniet, Joe, eigentlich Iwan, aber sie findet, dass Joe viel besser zu seinem Gesicht passt, ist übersät mit Brandnarben, auf die sie jetzt starrt, wie auf einen Fetisch. Wahrscheinlich hat er mal eine Frau aus einem brennenden Haus gerettet. Er ist eine archaische Erscheinung, groß, breitschultrig, kantiges Gesicht. Sicher könnte er sie auch retten und wenn sie einmal einen Bodyguard braucht, dann erinnert sie sich an Joe.

Joe hat jetzt ihr Bett abgebaut, den Mahagonischreibtisch, den Jugendstilschrank und den ergonomischen Schreibtisch, den ihre Mutter ihr aufgedrängt hat, vor die Haustüre gebracht. Er kommt ein letztes Mal herauf, greift ihre Taschen, Schuhe, Kleider, den Beauty-Case, dann ist er weg. Gaia ist jetzt frei, Veronica hat sie gerade verlassen. Jetzt weiß sie nicht mehr, wer sie ist, deshalb wird sie werden wie Veronica. Sie rasiert sich die Kopfhaut, um Platz für eine Perücke zu schaffen. Das Gesicht behandelt sie mit Foundation, Puder, Conciler, Foundation, immer im Wechsel, bis sie Veronikas Elfenbeinteint imitiert hat. Es folgen dichte, lange Wimpern, die sie über ihre klebt, eine Perücke, grüne Kontaktlinsen und roter Nagellack. Was sie jetzt noch schnell besorgen muss, ist das Periodentässchen. Sie ekelt sich davor, aber wenn sie schon Veronika sein will, dann richtig.

Fazit: Maddalena Fingerle ist eine durch und durch unterhaltsame Geschichte gelungen. Ihre Protagonistin stammt aus einer reichen Familie, die oberflächlicher nicht sein könnte. Ihr Vater steht mit seiner Präsenz über der Mutter, ihr Bruder steht mit seiner Bildung über der Mutter und alle stehen über der Haushaltshilfe Filomena. Gaia ist lesbisch und verlassen worden. Ihren Eltern erzählt sie nichts Persönliches. Es reicht, dass sie sie schon nicht respektieren, wie sie sie sehen und den Bruder vorziehen. Durch den Verlust hat die neurotische, schwermütige, unsichere Gaia sich verloren. Sie versucht sich (die Ungeliebte) durch Veronika (die Unbeschwerte) zu ersetzen. Im Laufe der Geschichte jedoch gewinnt sie an Sicherheit und wird unabhängiger von der Wertschätzung durch andere. Die Autorin zeigt mir Gaia durch ihre Gedanken, die sich oft im Kreis drehen, aber auch viele selbsterfüllende Prophezeiungen mit einer guten Prise Selbstironie. Ich mag auch sehr die Wut, die in Gaia brodelt, wenn sie übergangen wird, das macht sie lebendiger, als sie sich fühlt. Eine richtig gut gemachte Geschichte über eine charakterstarke, junge, verwirrte Frau, die zentrisch um sich selbst kreist. Sehr unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 02.09.2025

Sinnlich und berührend

Das schöne Lächeln von Riambel
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„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die die Arbeiterinnen ...

„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die die Arbeiterinnen missbrauchten.“ S. 13

Sie leben in einer Cité auf einem langsam verrottenden Müllberg in hastig zusammengezimmerten Baracken. Ihr Ti Lakaz unterscheidet sich kaum von den anderen. Ein kleiner Zaun, ein rostiges Tor und gleich dahinter ihr Wohnzimmer, das aber ebenso Esszimmer, Küche und Gästezimmer ist. In den dicken Jutesäcken der stillgelegten Zuckerfabrik lagern sie ihre Lebensmittel, das hilft ein bisschen gegen die Kakerlaken und anderes Ungeziefer. Ihre Außentoilette ist ein Loch im Boden und das Bad ist eine winzige Kabine aus grob verputzten Ziegelsteinen. Auch hier ein Loch im Boden. Mit dem Eimer können sie sich mit dem Wasser aus dem Hahn übergießen, wenn es nicht gerade abgestellt ist. Noemi badet aber sowieso am liebsten im Meer in der Lagune. Das, was ihre Baracke von den anderen unterscheidet, ist das schmale Stück Lavendelseife, der Holzschrank mit fehlender Tür, das Teekesselchen ohne Griff und die ausgefransten Leinenlaken. Dinge, die ihre Mutter von ihrer Herrin geschenkt bekommen oder in ihre Kitteltasche gesteckt hat. Sie ist sehr vorsichtig, denn sie will ihre Arbeit in dem großzügigen Herrenhaus nicht verlieren, wo schon ihre Mutter gearbeitet hat.

Auf der einen Seite der Küstenstraße, die zum Meer ausgerichtet ist, wohnt altes, stinkendes Geld neben Neureichen. Sie alle sind weiß und bezeichnen sich als Frankomauritier. Ihre Eltern und Großeltern haben als Zuckerplantagenbesitzer, Sklavenhändler und Fabrikbesitzer ihr Volk ausgebeutet, vergewaltigt, missbraucht und sind reich geworden. Auf der anderen Seite wohnen sie, die schwarzen Kreolen.

Noemi ist fünfzehn und steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Sie träumt davon, doch einmal aus diesem Loch rauszukommen. Und sie vermisst ihre Schwester brennend. In ihrer Klasse gibt es nur zwei Lehrer, die sich wirklich bemühen, die anderen scheinen nur ihre Zeit bis zur Pensionierung abzusitzen. Misie Ravi ist ein schlaksiger Mann, der jede ihrer Fragen ernsthaft durchdenkt, bevor er antwortet. Und Mrs. Maggie kam vor dreißig Jahren hierher und hat unsere Sprache gelernt. Sie sagt, dass History die Geschichte des weißen Mannes ist, eben „His Story“ und dass wir mehr Herstory bräuchten.

Fazit: Priya Hein erklärt in einem Vorwort ihre Intention zum Schreiben dieser Geschichte. Die Mauritierin lebte schon Jahrzehnte in Deutschland, als George Floyd von amerikanischen Polizisten ermordet wurde. Sie wollte im Zuge der Black lives Matter-Bewegung zur Diskussion anregen. Allerdings schlug ihr nur Härte entgegen. Mit der Geschichte ihres Landes und den Generationen von Frauen vor ihr, will sie an das Mitgefühl ihrer Mitmenschen appellieren und das ist ihr gut gelungen. Sie lässt Noemi als Ich-Erzählerin ihre Geschichte, die ihrer Schwester und Mutter erzählen. Ich weiß nicht, in welcher Zeit sie lebt, aber das ist auch unerheblich. Sie spricht von den verbliebenen ehemaligen Kolonialherren, die das heutige Urlaubsparadies in Ostafrika systematisch ausgeblutet haben. Die Grausamkeiten gegen Frauen und Kinder, die Erniedrigungen sind nicht zu verstehen. Wie herablassend, besitzergreifend und übergriffig Weiße handeln. Die Autorin reißt die Grausamkeiten nur an, appelliert an die Fantasie der Leserinnen und doch verschlägt es mir an einer Stelle den Atem und setzt mir einen fetten Kloß in den Hals. Insgesamt ist das Buch ein Ausflug in die kreolische Kultur. Noemi beschreibt, wie bestimmte Speisen zubereitet werden und ich erfahre alles über die Gewürze, nichts geht ohne Zwiebeln, Knoblauch und Chili. Sie hilft ihrer Mutter bei der Arbeit im Haus der De Grandbourgs und macht ihre Beobachtungen. Die Autorin hat Gedichte einfließen lassen voller Melancholie. Die Geschichte ist besonders, höchst sinnlich, berührend und augenöffnend. Auch hier kann ich wieder nur feststellen: Lesen bildet und bereichert.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Spannende Aufarbeitung

Seerauchen
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Idiot ist das erste Wort, das Josef spricht, da ist er sieben. Es folgt Depp, Trottel und Nichtsnutz und bezieht sich auf einen Tierkadaver, über den er sich so freut, dass er seine Kontrollmechanismen ...

Idiot ist das erste Wort, das Josef spricht, da ist er sieben. Es folgt Depp, Trottel und Nichtsnutz und bezieht sich auf einen Tierkadaver, über den er sich so freut, dass er seine Kontrollmechanismen kurz fallen lässt.

Als er zu Martha in die Küche kommt, hört er nichts als das Rühren der Kelle im Topf und ihren Atem. Es riecht nach Äpfeln und Zimt und er setzt sich an den gedeckten Tisch. Als er nun ganz für sich, das Sprechen probiert hatte, wollte er es noch einmal spüren und sagt Schwachkopf. Die Kelle fliegt durch die Küche, das Kompott trifft seine Hose, die nackten Füße. Er wischt sich über die Haut, Apfeleingekochtes an den Fingern, spreizt sie: „Das muss weg.“ Martha stürzte zu ihm, kommt ihm zu nah, sieht ihm tief in die Augen. Du sprichst, sagt sie, während ihr Gesicht verschwimmt.

Josef will jetzt allein zur Schule gehen, Martha lässt ihn schweren Herzens gehen. Er zählt seine Schritte bis zu Josephas Haus. Dort verharrt er am Gartenzaun und sieht sich die reichhaltigen Blüten an. Weiter gehts du Idiot, schimpft er sich. Zählen, vorbei am Kramladen vom Kahn, Xavers Traktor. Da kommt schon der Schulhof in Sicht, aber der ist leer. Er ist zu spät, dreht ab, rennt zum Leible Hof, nach Hause. Martha ist wütend, Blau kommt aus ihrem Mund und Josef kriecht unter den Küchentisch.

Während der Prozession kommt Josef dem Gestell vom heiligen Johannes zu nah, Martha will nach ihm greifen, aber da ist es schon passiert. Der Heilige kommt ins Rutschen, fliegt Richtung See und droht unterzugehen. Der Doktor erbarmt sich mit kräftigen Schwimmzügen und der Xaver mit kräftigen Schultern. Dann steht der Heilige wieder in der Sakristei. Während ein Platzregen die Gemeinde auseinandertreibt, flüstern sie Martha Verwünschungen zu.

Fazit: Sabine Eschbach ist mit ihrem Debüt eine feine Aufarbeitung deutscher Geschichte gelungen. Sie schickt ihren sonderlichen Protagonisten, der heute wohl am ehesten dem autistischen Formenkreis zugeordnet würde, in eine Zeit, in der Anderssein als bedrohlich empfunden wurde. Josef hat große Probleme mit jeder Veränderung. Und dem Land stehen große Veränderungen bevor. Zuerst wird sein über alles geliebter Lehrer von einem einarmigen in Uniform ersetzt. Das Geschäft vom alten Kahn und seiner Rosl wird überfallen. Der Doktor praktiziert nicht mehr. Ein Junge und ein Mädchen aus seiner Klasse kommen nicht mehr zur Schule. Diese Geschichte ist so gut gemacht, weil sie nicht nur die Anfänge der Machtergreifung zeigt und den moralischen Zeigefinger hebt und sagt, ihr habt alle mitgemacht. Sondern sie zeigt Menschen, die gerade so überleben können und sich nach Lösungen sehnen. Die mangels Bildung per se ablehnten, was anders war als sie. Die Autorin zeigt im Weiteren, wie die Machtergreifung Hitlers sich in Josefs Dorf bemerkbar macht. Das gelingt ihr durch einen ruhigen Erzählstil, dem ich liebend gerne gefolgt bin. Die Geschichte ist spannend, bewegend und unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Faszinierende, rasante Straßenliteratur

Top Girls
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In der Badewanne liegt ein Typ, nicht schön anzusehen. Dana hatte ihn entdeckt, als sie Bier nachladen wollte. Sie macht sich keine Sorgen. Wenn man so viele Besoffene gesehen hat und sich selbst immer ...

In der Badewanne liegt ein Typ, nicht schön anzusehen. Dana hatte ihn entdeckt, als sie Bier nachladen wollte. Sie macht sich keine Sorgen. Wenn man so viele Besoffene gesehen hat und sich selbst immer wieder unter ihnen wähnt, dann denkt man nur noch selten darüber nach. Liv hört Danas Erstaunen mit einem Ohr zu, das andere hat sie wegen ihrer Gedanken verschlossen. Sie hat Nore gesucht, obwohl sie weiß, dass er nicht mehr kommen wird. Er hat es versprochen wie so vieles, das er nicht einhält. Im Flur vermischt sich die Musik mit den Menschen zu etwas Unerträglichem. Liv hat Schlagseite und Doppelbilder. Sie weiß, dass sie morgen mit stinkendem, aufgedunsenem Körper aufwachen wird, die Zunge am Gaumen festgeklebt und dass sie wieder nichts verpasst haben wird.

Am nächsten Morgen ist Liv noch nicht ganz bei sich, als Thom ins Zimmer rauscht und auf sie einquatscht. Dana ist in der Nacht abgehauen, sie müssen sie abholen. Liv steht auf und betrachtet kurz das Chaos in ihrer WG. Auf dem Sofa, auf dem Teppich, in Nores Bett, überall liegen Leute. Der Teppichboden ist ein stinkender Floor aus Bier, Scherben, Chips, Erbrochenem und Kippen. Sie will, dass die Leute verschwinden, will alles Saugen und Schrubben. Thom drängt. Sie geht nur mit, wenn er später die Alkoholleichen rausschmeißt. „Na klar.“ Unten in der Halbgasse wabert unfreundlicher Nebel, die Top Girls haben Schichtwechsel, knallige Farben, kurze rote Röcke, hohe Overknee Stiefel. Die Freier flanieren mit Autos.

Also los, Burggasse, Theater, Museum, Burggarten, Straßenbahnhaltestelle. Raus in die urbanen Randbezirke. Liv nickt kurz ein, dann sind sie da. Betonwald, grau, unübersichtlich, Thom weiß den Weg. Fünfte Etage, eine Frau namens Sascha am Bügelbrett. Ein sehr kleines Kind in einer Wanne mit wenig Wasser vor ihr. „Hinten links letzte Tür.“ Dana liegt in einem Bett, Thom schüttelt sie, Liv will sie ohrfeigen. Dana stöhnt, sie ziehen sie unter den Axeln nach oben, wanken ins Badezimmer, Dana, wie ein nasser Putzlumpen zwischen ihnen. Kaltes Wasser in der Dusche, rein in die Klamotten, runter auf die Straße. Taxi, sagt Liv. Sie wühlen in Danas Handtasche, finden ein paar Scheine. „Wenn sie mir ins Auto kotzt …“, „,… bezahlen wir die Reinigung, wir kennen das Prozedere!“

Fazit: Ana Drezga hat ein Romandebüt hingelegt, das mich mitgerissen hat. Ihre Hauptdarstellerin lebt in eine WG in Wien. Ihr Job am Theater als Tänzerin, den sie zufällig bekommen hat, ist schlecht bezahlt und der Choreograf verlangt ihr alles ab. Mit ihrer Mitbewohnerin und besten Freundin säuft sie auf ausufernden Partys ihren Alltagsfrust weg und landet in einer Spirale aus Suff, Ausnüchterung und Tanz. Mangels Alternativen hält sie an dieser Situation fest. Die frustrierende Beziehung zu Nore, in der er mehr Distanz hält, als Nähe zuzulassen, drückt sie ebenso nieder. Die Autorin hat mich mitgenommen auf einen harten Trip durch das urbane Wien der 2020er. Die Theaterszene besteht aus schlecht bezahlten Dienstleister*innen, alle sind austauschbar und erfahren keinerlei Wertschätzung. Eine No Future Stimmung wie in der Punkszene der 80er-Jahre macht sich breit. Beziehungen bleiben unpersönlich, Intimität ist gefährlich. Die Geschichte ist rasant und temporeich, sie bedient sich einer Sprache, die mitreißt. Trotz aller Destruktion sehr unterhaltsam.

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