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Veröffentlicht am 27.10.2025

Fixierung des Unbekannten

Die Holländerinnen
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Die gefeierte Lyrikerin tritt ans Rednerpult. Sie habe diesen Vortrag gut vorbereitet und eingeplant, wie immer auch, fragmentarisch über ihr Schreiben zu berichten. Doch in der letzten Zeit seien ihr ...

Die gefeierte Lyrikerin tritt ans Rednerpult. Sie habe diesen Vortrag gut vorbereitet und eingeplant, wie immer auch, fragmentarisch über ihr Schreiben zu berichten. Doch in der letzten Zeit seien ihr zunehmend die Worte verloren gegangen, ob der Bilder, die sich ihr aufgedrängt hätten. Bilder von Frauen mit Aschekreuzen auf der Stirn oder vier Reiterinnen mit verhüllten Gesichtern. In Anbetracht der Entwicklung des Weltgeschehens, des Sterbens und der katastrophalen Verhältnisse verweigere sich der Text ihrem künstlerischen Einfluss.

Vor drei Jahren seien ihr erste Zeichen ihrer schriftstellerischen Bankrotterklärung erschienen, als ein Theatermacher sie kontaktierte. Ihm schwebe etwas ganz Außerordentliches vor, die Rekonstruktion eines Falls. Es sei von größter Wichtigkeit, dass Wirklichkeit und Fiktion sich symbiotisch verbinden, dass also die Darstellerinnen die mutmaßlichen Schrecken, wie sie die beiden Frauen erlebt hatten, am eigenen Leibe erführen. Er habe ihr gesamtes Mythen-Projekt „Die Bestrafung der Mägde“ über die Jahre verfolgt und hätte sie gerne als Schriftführerin dabei. Da sie gerade an einem Projekt schrieb, das sie glaubte, an die Wand gefahren zu haben, willigte sie ein und erhielt alsbald die Reiseunterlagen per E-Mail. Der Flug war unspektakulär. Die Taxifahrt mit einem Exil-Nicaraguaner, der über rote Ampeln fuhr, interessant. Das Hotel lag bei ihrer Ankunft schon im Dunkeln. Der Portier, der lange auf sich warten ließ, öffnete ein Rolltor, das er sofort wieder schloss, nachdem sie eingetreten war. Die Überlandfahrt tags darauf führte durch ein hohes Gebirge, das die Einheimischen „Hügel des Todes“ nannten.

Die Rednerin hält kurz inne, räuspert sich, blickt ins Publikum und atmet tief ein und aus. Von Anfang an habe sie ein Unbehagen befallen, eine Art Gefahr, das sie meteorologischen Störungen oder dem Ungewohnten ihrer Reise nicht habe zuordnen können.

Fazit: Dorothee Elmiger, die mittlerweile mit ihrer Geschichte den Deutschen Buchpreis 2025 abgeräumt hat, hat in ihrer Fiktion das Unbekannte fixiert. Die Protagonistin wird nach Mittelamerika zitiert, wo tatsächlich 2014 zwei junge Frauen aus den Niederlanden verschwanden. Ein Theatermacher will den Fall rekonstruieren und nachstellen. Sie soll alles schriftlich festhalten und zum Schluss vertexten, aber das gelingt ihr nicht. Die Autorin bedient sich aller Stilmittel um eine Atmosphäre des Unwohlseins zu erschaffen. Es ist oft dunkel, wenn es hell wird, regnet es. Als die Beteiligten miteinander ins Gespräch kommen, hat fast jede/r eine gruselige Anekdote zu erzählen und noch dazu wissen alle, dass sie einen Fall nachspielen werden, bei dem zu erwarten ist, dass den jungen Frauen irgendetwas Schreckliches passiert ist. Irgendetwas, denn genau weiß man es nicht. Und das macht die Geschichte, die konsequent in indirekter Rede ähnlich einer Berichterstattung erzählt wird, zu einer Herausforderung. Mir hat sich nicht erschlossen, was die Autorin mir sagen will, so wie viele Erzählungen auf eine Quintessenz hinauslaufen, macht die Autorin genau das nicht. Für mich haben sich auffallend Szenen wiederholt, in denen sich die Mitwirkenden, trotz miesem Bauchgefühl, vom Theatermacher überreden lassen. Vor allem aber hat diese gut gezeigte Beklemmung alle befallen und eine Eigendynamik entwickelt. Am Ende bleibt viel Raum für Spekulationen und ich muss gestehen, dass die Erzählart mir einiges abverlangt hat. Ich liebe diesen Stil bei Zeitungsartikeln oder Gerichtsverhandlungen, wo eine gewisse Objektivität die Unschuldsvermutung aufrechterhalten soll, aber in einer Erzählung hat es mich gefordert. Nichts destotrotz wird es für dieses literarische Buch sicher Lesebegeisterung geben.

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Veröffentlicht am 27.10.2025

Temporeich und viele Themen

Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht
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Melanie kann nicht schlafen. Sie denkt an ihre Adele, die mit Vincent nach Neuseeland gegangen ist. Sie liegt auf dem Rücken, die Arme locker seitlich. Die Donau zieht an ihrem inneren Auge vorbei, dort ...

Melanie kann nicht schlafen. Sie denkt an ihre Adele, die mit Vincent nach Neuseeland gegangen ist. Sie liegt auf dem Rücken, die Arme locker seitlich. Die Donau zieht an ihrem inneren Auge vorbei, dort wo sie immer mit dem Rad entlang fährt. Die Wachau mit Weinbergen, die aussehen wie Reisfelder in Hanglage. Es war ein Familienentscheid zwischen Melanie, Vincent, Adele und Sally, Vincents neuer Partnerin. Melanie hat nachgegeben. Woher hätte sie auch wissen sollen, dass diese Pandemie den Planeten lahmlegen wird.

Bei Ines und Sam kann sie sich ausquatschen. Ines ist mit Herbert verheiratet. Sie haben ein Haus, zwei liebe Mädchen, geordnete finanzielle Verhältnisse und eine stabile Ehe. Melanie würde Ines hassen, wenn sie sie nicht so lieb hätte. Dass sie Ines so lieb hat, hat mit Sam fast soviel zu tun wie mit Ines.

Sie hatte die beiden auf einem Power-Lunch, getarnt als Gartenparty, kennengelernt auf der Vincent eingeladen war. Vincents Freunde verstanden sich als Weltbürger, die unter sich bleiben wollten. Und so schlenderte Melanie ziellos durch die Gäste, bis sie an Sam hängen blieb. Sie amüsierten sich köstlich miteinander und als sie laut lachten, stieß Ines dazu, um zu erfahren, was so komisch wäre. Ab da trafen sie sich öfter zu dritt.

Melanie arbeitet in dem Hotel, das den gleichen Namen trägt wie ihre Tochter. Die Zimmer sind schick eingerichtet und tragen alle einen Namen berühmter Frauen. Den Job hat sie durch Ines ergattert.

Fazit: Mieze Medusa, Rapperin, Spoken World Performerin und Autorin aus Wien hat ihren vierten Roman veröffentlicht. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich eine unterhaltsame Geschichte über eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die, Pretty Woman like, einen Mann mit viel Geld trifft, ihr Studium hintanstellt und schwanger wird. Der Kindsvater verlässt sie nach wenigen Jahren für eine andere. Das Kind lebt bei ihm in Neuseeland und bricht der Mutter das Herz. Fortan muss sie ihr Leben selbst stemmen. In den Nebenrollen: zwei beste Freundinnen, ein Cousin, gleichzeitig Weltenbummler und Surfboy, eine Mutter auf dem Jakobsweg. Nebenschauplätze: eine arbeitsintensive Almhütte nebst Baumbestand und eine Drag Parade in Schottland. Nebenereignisse: Corona, Inflation, Hitzewellen, Klassismus und Umweltkipppunkt. Das war mir und meinem autistischen Gehirn, das nicht multitaskingfähig ist, thematisch zu viel. Die Stimme der Autorin ist temporeich und quecksilbrig. Vielleicht zeigt die Geschichte aber auch einfach, wie es um das Leben der meisten Menschen mittleren Alters bestellt ist, schnell und oberflächlich und ich bin einfach da rausgewachsen. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass dieses Buch für viele Leser*innen einen echten Unterhaltungswert hat und deswegen empfehle ich es hier gerne.

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Veröffentlicht am 23.10.2025

So bewegend

Working Class Girl
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Im Krankenhaus gab der Arzt Tony zu verstehen, dass er, wenn er jetzt gleich aufhörte, diesen Kampf noch für sich entscheiden könne. Tony selbst glaubte, er müsse einfach nur ein bisschen weniger rauchen. ...

Im Krankenhaus gab der Arzt Tony zu verstehen, dass er, wenn er jetzt gleich aufhörte, diesen Kampf noch für sich entscheiden könne. Tony selbst glaubte, er müsse einfach nur ein bisschen weniger rauchen. Ein Jahr später war er tot. Katrionas Vater war süchtig nach allem. Zigaretten, Alkohol. Heroin und Frauen.

Was in seinen ersten fünf Lebensjahren passiert war, wissen sie nicht. Er wurde von einem kinderlosen Paar adoptiert. Jim und Mary O´Sullivan. Jim war Buchhalter und Mary Hausfrau. Sie hatten ein schönes, friedliches Zuhause und Tony alles, was er brauchte, einschließlich einer guten Schulbildung. Als Jugendlicher rebellierte er und nahm gelegentlich leichte Drogen. Er wurde Tennis-Champion und man bot ihm einen Platz am Trinity College an. Er aber lehnte ab, ging nach England, verkaufte kleine Bilder an Haustüren und lernte Katrionas Mum kennen. Nur wenige Jahre später lebten sie mit fünf Kindern in unvorstellbarem Elend und zogen sich alles rein, was sie kriegen konnten.

Katriona war sechs, als sie ihren Vater leblos in seinem vollgekotzten und vollgepissten Bett liegen sah. Die Jeans war bis zu den Knöcheln runtergezogen, in seinem Fußgelenk eine Kanüle. Sie rief nach ihrer Mum Tilly, aber die war nicht da. Stattdessen kam Jimmy, ein Fixerfreund der Familie, die Treppe hoch gerannt, sah, was Katriona sah und rief die Sanitäter. Die waren nach ihrer Ankunft wenig motiviert, blickten herablassend auf die Szene und ließen sich Zeit beim Verladen Tonys. Da hatte sie schon gespürt, dass sie Abschaum waren.

Fazit: Katriona O´Sullivan hat ihre besondere Lebensgeschichte erzählt. Sie wuchs mit vier weiteren Geschwistern bei ihren drogenabhängigen Eltern in England auf. Sie hat die passenden Worte gefunden, um den Leidensdruck der Eltern und das Elend der verwahrlosten Kinder zu zeigen. Im Elternhaus gingen zahlreiche weitere Süchtige ein und aus. Sie lungerten benebelt auf den Sofas rum. Die Kinder hatten keine Rückzugsmöglichkeiten. Die Verwahrlosung betraf nicht nur die Kinder, sondern das ganze Haus. Handtücher waren feucht und schmutzig, Seife nicht vorhanden, von Unterwäsche ganz zu schweigen. Der Kühlschrank war meistens leer. Überall leere Flaschen und Zigarettenkippen. Die Schilderungen der Autorin beziehen sich aber nicht nur auf die Dramen, sondern auch auf den familiären Zusammenhalt. Die seltene Hilfe, die ihr von außen durch eine Lehrerin und später einen Sozialarbeiter zugutekam. Die bittere Wahrheit ist allerdings auch, dass Nachbarn und Jugendamt wegsahen. Katriona entwickelte sich zu einer klugen und charakterstarken jungen Frau, aber der familiäre Hintergrund hing an ihr wie eine Klette. Das würdelose Aufwachsen, das schulische Mobbing torpedierten ihren Selbstwert so lange und nachhaltig, dass sie sich in entscheidenden Momenten immer wieder selbst sabotierte. Erst durch hartnäckige fremde Hilfe und kleine Erfolge schaffte sie eine verlässliche Eigenständigkeit. Die Geschichte ist wirklich hart, krass und grausam und kaum nachvollziehbar. Und doch muss ich sagen, dass die Autorin mir ihre ganze Tragödie nahebringen konnte. Ich war wütend, erschrocken, angewidert, habe gehofft und geweint. Ich habe mich auf das eingelassen, was Katriona zu sagen hat und musste ihr weiter folgen, weil ich sehen wollte, dass sie es trotzalledem schafft.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Eine besondere Erzählart

Ich bin nicht da
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Es gibt keine Babyfotos von ihr. Die Eltern behaupten, dass eine ganze Filmrolle verloren gegangen sei. Auf die Idee, einen neuen Film zu kaufen, kamen sie nicht, sie waren zu beschäftigt, von ihrem Bruder ...

Es gibt keine Babyfotos von ihr. Die Eltern behaupten, dass eine ganze Filmrolle verloren gegangen sei. Auf die Idee, einen neuen Film zu kaufen, kamen sie nicht, sie waren zu beschäftigt, von ihrem Bruder jedoch gibt es unzählige Bilder. Eine mögliche Erklärung für ihr nicht Vorhandensein der ersten Lebensmonate im Familienalbum ist, adoptiert worden zu sein. Was ihr erzählt wird, ist wie sie mit zwei Monaten schrie und ständig Durchfall hatte. Laktoseintoleranz attestierte die Ärztin. Von da an mussten die Eltern Spezialmilch aus der Schweiz importieren.

Auch die Großmutter war nicht so belastbar. Ihr ist öfter dunkel geworden und dann fand sie sich auf dem Küchenboden wieder. Sie hat sicher viel mitgemacht durch den Krieg, aber ob das ihren Standardspruch „Wir sind nun mal zum Leiden geboren“ rechtfertigte, weiß sie nicht.

Der Vater ergoss sich regelmäßig in beifallheischendem Stolz über den Sohn wegen dessen Arbeitseifer und untermauerte seine Glaubwürdigkeit damit, dass Manolo oder XY das genauso sehe. Er beschönigte dessen Versetzungsgefahr und bagatellisierte die schlechten Noten damit, dass Lehrer auch einfach Idioten seien.

Die Mutter war immer da, schmiss mit großer Ernsthaftigkeit den Haushalt und schleppte sie alle regelmäßig zu Senyor Felix, den sie nur „den Mann von da oben“ nannten. Der hörte ihnen zu, fing die Schwingungen aus ihren aufgeschriebenen Namen auf und sprach in Metaphern. Wenn das Leben einmal tagelang aus den Fugen geriet, mussten sie Zigarettenpapierblättchen, auf die der Senyor Kreuze gemalt hatte, in Wasser einweichen. Danach tunkten sie Ohrenstäbchen hinein und strichen sich damit gegenseitig über den Körper und dann ging es meist schnell wieder bergauf.

Fazit: Anna Ballbona, mehrfach ausgezeichnete katalanische Journalistin und Autorin, nähert sich auf unterhaltsam komische Art einer Familie. Die Protagonistin fühlt sich überall fremd und sucht nach Gründen, die sie in ihrer Kindheit oder ihrer späteren Jugend vermutet. Sie resümiert die Enge des Dorfes, ihren starken Nachahmungsdrang zu Uni-Zeiten. Sie wollte so sein wie die, die beliebt waren. Die Autorin analysiert die Familie, schält das Unprätentiöse heraus. Zuerst hadert die Hauptdarstellerin mit dieser Einfachheit doch im Laufe der Erzählung bewundert und schätzt sie ihren familiären Hintergrund. Sie bekommt, allen Unkenrufen zum Trotz, selbst eine Tochter und hinterfragt, welche Eigenarten sie an sie weitergeben will. Die Geschichte ist durchzogen von klugen Sichtweisen.

Vielleicht hören wir einfach nie auf Kinder zu sein, verletzte Kinder. Und der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass die Wunden bei einigen offener liegen als bei anderen. S. 227

Am Ende schließt sich der Kreis, der mit einer Kiste voller Erinnerungen begann und lässt mich erstaunt zurück. Eine besondere Erzählart, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Geschichte über Selbstfindung

Drei Tage im Schnee
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Hannah lag weinend im Bad, grundlos. Ihr Leben sei großartig, schicke Altbauwohnung, guter Job, tolle Freunde, das sagte ihr jeder. Der Kritiker in ihrem Kopf jedoch trommelte ständig auf sie ein, rief ...

Hannah lag weinend im Bad, grundlos. Ihr Leben sei großartig, schicke Altbauwohnung, guter Job, tolle Freunde, das sagte ihr jeder. Der Kritiker in ihrem Kopf jedoch trommelte ständig auf sie ein, rief sie jeden Morgen um 04:37 Uhr aus dem Schlaf, um sie mit ihren Dummheiten und Unfähigkeiten zu konfrontieren, dabei gab sie sich die allergrößte Mühe. Jeder Tag war minutiös verplant. Sie gab sich zwischen Meetings, Videokonferenzen und Seminaren die Türklinke in die Hand. Danach zwang sie sich zu Einkauf und Sport und versuchte noch Verabredungen unterzubringen. Am späten Abend verdrängte sie die Schmutzwäsche, aß etwas Schnelles und beschallte sich mit Serien, um runterzukommen. Sie brauchte eine Auszeit und mietete für drei Tage eine Holzhütte.

Sie steht am Fenster und schaut in die schneebedeckten Bäume, die Kaffeetasse in der Hand dampft. Sie versucht das Gefühl der Pflichtlosigkeit zu erfühlen. Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, die Wohnung zu putzen und die Post abzuheften. Der Schneeregen verwandelt sich in dicke Flocken. Was, wenn sie eingeschneit wird oder sich verletzt und keiner findet sie hier. Wie war sie bloß auf die blöde Idee gekommen, diese Einöde zu wählen? Ein roter Schneeanzug reißt sie aus ihren Gedanken, darin steckt ein kleines Mädchen, das vielleicht acht oder neun ist. Sie stapft entschlossenen Schrittes den Weg an ihrem Fenster vorbei, bleibt stehen und sieht sich um. Sie legt sich rücklings in den Schnee und schiebt die Arme auf und ab. Hannah zieht ihr Jacke an und tritt vor die Haustür: „Was machst du da?“ Das Mädchen setzt sich auf, beobachtet Hannah, lächelt: „Einen Schneeengel. Willst du auch?“ Hannah verneint, stellt sich vor und erfährt, dass das Kind Sophie heißt.

Fazit: Ina Bhatter hat in ihrem Debüt das Leben einer Frau Mitte dreißig beleuchtet. Die Protagonistin verliert sich im Alltag. Das Bedürfnis, allen gerecht zu werden, lässt sie ausbrennen. Kurz vor der tiefen Depression zieht sie die Reißleine und fährt drei Tage in eine einsame Holzhütte. Dort trifft sie auf ein Mädchen, das sie an ihre eigene Kindheit erinnert. Die beiden freunden sich an und die Interaktionen mit Sophie bringen Hannah dazu, sich selbst zu hinterfragen. Wie ist sie in diesen Alltagsstrudel geraten? Warum fühlt sie sich mit sich selbst unwohl? Wir geht sie künftig mit gesellschaftlichen Erwartungen um? Die Stimmfarbe der Autorin ist ruhig und präzise. Sie zeigt mir die Anforderungen, die an eine Frau Mitte dreißig gestellt werden. Eigene Vorstellungen und Erkenntnisse aus Erziehung und Freundeskreis stellen sich bei näherer Betrachtung vielleicht als falsch heraus, aber die Alltagszeit ist so knapp, dass alles wichtiger scheint als Innenschau. Die Debütantin hat eine fein austarierte Geschichte über Selbstfindung und Selbstfürsorge geschrieben, die sich auch ganz wunderbar als Weihnachtsgeschenk eignet, gerade weil es vielen Frauen so geht.

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