So verwirrend wie spannend
Noch fünf TageAmanda träumte zu Kindergartenzeiten von Spinnen, die über ihre Augäpfel kletterten. Wenn sie verschwitzt erwachte, waren die Spinnen immer noch da, sonst niemand. Anfangs hatte sie versucht, sich zu Mutter ...
Amanda träumte zu Kindergartenzeiten von Spinnen, die über ihre Augäpfel kletterten. Wenn sie verschwitzt erwachte, waren die Spinnen immer noch da, sonst niemand. Anfangs hatte sie versucht, sich zu Mutter ins Bett zu schleichen, wurde aber stets fortgeschickt. Die Träume veränderten sich und halten nunmehr fünfzig Jahre an. Sie weiß, dass einzig der Tod sie davon befreien wird. Seit Mutter dieser Art des Ablebens die Hand gereicht hat, weiß sie, dass es an der Zeit ist, es ihr gleichzutun. Nur noch fünf Tage.
Amandas Mutter, die sie Joséphine nennt, hat sich in der Garage ins Auto gesetzt und den Motor gestartet, der Großvater hat sie gefunden.
Amanda ist gedanklich in dem hellen Haus des Großvaters in Fribourg, dort, wo sie als Kind viel Zeit verbracht hat. Joséphine hatte ihr verboten, den Großvater lieb zu haben. Trotzdem kroch sie jeden Morgen auf seinen Schoß und ließ ihn seine Hand zwischen ihre Schulterblätter legen, zwischen ihre Flügelchen, wie er sagte. In diesen Momenten war alles gut. Die Großmutter hatte Amanda nie kennengelernt, sie hatte sich kurz vor Amandas Geburt eine Schlucht hinuntergestürzt und den Großvater alleine gelassen.
Amanda trinkt seit ihrem vierzehnten Lebenjahr, inzwischen sind Benzodiazepine dazugekommen. Ihr Mann ist selbstständig und verbringt viel Zeit mit Geschäftsreisen. Ihr Sohn Benjamin fährt in wenigen Tagen auf seine Abiabschlussfahrt, dieses Zeitfenster gedenkt Amanda zu nutzen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.
Fazit: Andrea Fischer Schulthess hat eine Geschichte entwickelt, die zunächst einmal um eine depressive, suizidale Frau kreist. Der Hang zur Selbsttötung scheint durch die Familiengeschichte selbsterklärend. Dann präsentiert die Autorin mir den Großvater und ich beginne zu glauben, dass seine Persönlichkeit durch Pädophilie geprägt ist. Die Protagonistin ist unter einer lieblosen Mutter aufgewachsen und fand beim Großvater Entfaltung. In ihrer eigenen Ehe versucht sie den größten Teil des Tages zu verschlafen. Ihr Leben ist geprägt von Heimlichkeiten, Schuldgefühlen und tiefer Lebensunlust. Ganz unvorhersehbar wendet sich das Blatt, denn ihr Sohn gibt ihrem Leben einen neuen Sinn und sie fühlt sich nicht länger überflüssig und als Belastung der Familie. Dann tauchen Familiengeheimnisse auf, deren Entdeckung sie sich stellen will. Das ist eine ziemlich schräge Story. Ich mag, wie die Autorin mich verwirrt hat, mich im Trüben fischen ließ, bis sie die Bombe hat platzen lassen. Der Schreibstil ist unkompliziert und flüssig lesbar. Das Genre ist mir nicht so klar und bewegt sich irgendwo zwischen Krimi, psychologischer Fiktion und Familienfiktion. Das hat mir gut gefallen.