Fixierung des Unbekannten
Die HolländerinnenDie gefeierte Lyrikerin tritt ans Rednerpult. Sie habe diesen Vortrag gut vorbereitet und eingeplant, wie immer auch, fragmentarisch über ihr Schreiben zu berichten. Doch in der letzten Zeit seien ihr ...
Die gefeierte Lyrikerin tritt ans Rednerpult. Sie habe diesen Vortrag gut vorbereitet und eingeplant, wie immer auch, fragmentarisch über ihr Schreiben zu berichten. Doch in der letzten Zeit seien ihr zunehmend die Worte verloren gegangen, ob der Bilder, die sich ihr aufgedrängt hätten. Bilder von Frauen mit Aschekreuzen auf der Stirn oder vier Reiterinnen mit verhüllten Gesichtern. In Anbetracht der Entwicklung des Weltgeschehens, des Sterbens und der katastrophalen Verhältnisse verweigere sich der Text ihrem künstlerischen Einfluss.
Vor drei Jahren seien ihr erste Zeichen ihrer schriftstellerischen Bankrotterklärung erschienen, als ein Theatermacher sie kontaktierte. Ihm schwebe etwas ganz Außerordentliches vor, die Rekonstruktion eines Falls. Es sei von größter Wichtigkeit, dass Wirklichkeit und Fiktion sich symbiotisch verbinden, dass also die Darstellerinnen die mutmaßlichen Schrecken, wie sie die beiden Frauen erlebt hatten, am eigenen Leibe erführen. Er habe ihr gesamtes Mythen-Projekt „Die Bestrafung der Mägde“ über die Jahre verfolgt und hätte sie gerne als Schriftführerin dabei. Da sie gerade an einem Projekt schrieb, das sie glaubte, an die Wand gefahren zu haben, willigte sie ein und erhielt alsbald die Reiseunterlagen per E-Mail. Der Flug war unspektakulär. Die Taxifahrt mit einem Exil-Nicaraguaner, der über rote Ampeln fuhr, interessant. Das Hotel lag bei ihrer Ankunft schon im Dunkeln. Der Portier, der lange auf sich warten ließ, öffnete ein Rolltor, das er sofort wieder schloss, nachdem sie eingetreten war. Die Überlandfahrt tags darauf führte durch ein hohes Gebirge, das die Einheimischen „Hügel des Todes“ nannten.
Die Rednerin hält kurz inne, räuspert sich, blickt ins Publikum und atmet tief ein und aus. Von Anfang an habe sie ein Unbehagen befallen, eine Art Gefahr, das sie meteorologischen Störungen oder dem Ungewohnten ihrer Reise nicht habe zuordnen können.
Fazit: Dorothee Elmiger, die mittlerweile mit ihrer Geschichte den Deutschen Buchpreis 2025 abgeräumt hat, hat in ihrer Fiktion das Unbekannte fixiert. Die Protagonistin wird nach Mittelamerika zitiert, wo tatsächlich 2014 zwei junge Frauen aus den Niederlanden verschwanden. Ein Theatermacher will den Fall rekonstruieren und nachstellen. Sie soll alles schriftlich festhalten und zum Schluss vertexten, aber das gelingt ihr nicht. Die Autorin bedient sich aller Stilmittel um eine Atmosphäre des Unwohlseins zu erschaffen. Es ist oft dunkel, wenn es hell wird, regnet es. Als die Beteiligten miteinander ins Gespräch kommen, hat fast jede/r eine gruselige Anekdote zu erzählen und noch dazu wissen alle, dass sie einen Fall nachspielen werden, bei dem zu erwarten ist, dass den jungen Frauen irgendetwas Schreckliches passiert ist. Irgendetwas, denn genau weiß man es nicht. Und das macht die Geschichte, die konsequent in indirekter Rede ähnlich einer Berichterstattung erzählt wird, zu einer Herausforderung. Mir hat sich nicht erschlossen, was die Autorin mir sagen will, so wie viele Erzählungen auf eine Quintessenz hinauslaufen, macht die Autorin genau das nicht. Für mich haben sich auffallend Szenen wiederholt, in denen sich die Mitwirkenden, trotz miesem Bauchgefühl, vom Theatermacher überreden lassen. Vor allem aber hat diese gut gezeigte Beklemmung alle befallen und eine Eigendynamik entwickelt. Am Ende bleibt viel Raum für Spekulationen und ich muss gestehen, dass die Erzählart mir einiges abverlangt hat. Ich liebe diesen Stil bei Zeitungsartikeln oder Gerichtsverhandlungen, wo eine gewisse Objektivität die Unschuldsvermutung aufrechterhalten soll, aber in einer Erzählung hat es mich gefordert. Nichts destotrotz wird es für dieses literarische Buch sicher Lesebegeisterung geben.